„Der Beruf der Anwältin ist ein freier Beruf“

Mechtild Düsing, Foto: Franz Josef
Mechtild Düsing, Foto: Franz Josef

Die Anwaltsbranche wird noch immer von Männern dominiert. Warum dies so ist und was es als Frau und Anwältin braucht, beruflich erfolgreich zu sein, darüber sprach der karriereführer mit Mechtild Düsing, der Preisträgerin des Maria- Otto-Preises des Deutschen Anwaltvereins 2019. Die Fragen stellte Christoph Berger

Zur Person

Mechtild Düsing studierte in Münster und München Rechtswissenschaften. 1973 erhielt sie ihre Zulassung als Rechtsanwältin. Noch im selben Jahr gründete sie ihre eigene Kanzlei. 1983 wurde sie zur Notarin ernannt. Aus diesem Amt schied sie 2014 aufgrund der gesetzlichen Altersgrenze aus. Düsing ist Fachanwältin für Verwaltungsrecht, Erbrecht und Agrarrecht. Von 2005 bis 2009 sowie von 2011 bis 2019 war sie Mitglied des Vorstands des Deutschen Anwaltsvereins Berlin. 2017 war sie Preisträgerin des von Frauen u(U)nternehmen e.V. vergebenen Unternehmerinnenpreises Nord Westfalen, 2019 Preisträgerin des Maria-Otto-Preises des Deutschen Anwaltvereins. Mechthild Düsing ist zum dritten Mal verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie ist Partnerin in der Kanzlei Meisterernst, Düsing, Manstetten in Münster.

www.meisterernst.de

Frau Düsing, Sie erhielten 1973 die Zulassung zur Rechtsanwältin. Wie stellte sich die Situation damals für junge Anwältinnen in Kanzleien dar?
Das war schwierig. Teilweise wurde damals gesagt: ‚Von Frauen in unserem Geschäft halten wir nichts.‘ Ich habe mir dann gesagt ‚Was soll‘s?‘, ich wollte mich sowieso selbstständig machen. Ich bin dann nur für drei Monate zu einem Anwalt gegangen, der ganz plötzlich Unterstützung brauchte, aber auch von vornherein gesagt hat: ‚Das ist aber nur vorübergehend.‘ Nach drei Monaten habe ich dort dann aufgehört und meine eigene Kanzlei gegründet.

War die Gründung der eigenen Kanzlei auch ein Weg, damit Sie Ihre Vorstellungen verwirklichen konnten?
Auf jeden Fall. Ich wollte eine politisch linke Anwältin sein, bin eine 1968erin. Mein Ziel war es, mich auf Verwaltungsrecht zu spezialisieren, weil ich vor allem den Bürger gegen den Staat vertreten wollte. Das konnte man bei vielen Anwälten überhaupt nicht machen. Daher der Wunsch zur Selbstständigkeit. Also kaufte ich mir das neueste Schreibmaschinenmodell, ein Schild für die Kanzleitür sowie einige Formulare. Dann habe ich begonnen.

Was sind seit damals, 47 Jahre ist das her, die Haupterrungenschaften der Frauen?
Damals gab es im Grunde keine Frauen. Beim Oberlandesgericht Hamm waren sechs Prozent Anwältinnen, und die meisten von denen waren zu Hause, die sind überhaupt nicht bei Gericht erschienen. Meist war ich alleine unter Männern. Diese Situation hat sich ziemlich verändert. Dort sind jetzt 30 Prozent Anwältinnen, von denen sehr viele bei Gericht sichtbar sind.

Inzwischen überflügeln die Frauen ja sogar die Männer bei den Studienabschlüssen und Zulassungen, trotzdem gilt die Branche noch als von Männern dominiert. Sehen Sie das auch so?
Ja, an sich schon. Viele Frauen sind zwar zur Anwaltschaft zugelassen, treten dann aber doch nicht so in Erscheinung. Viele arbeiten bestimmt nicht Vollzeit oder arbeiten als Syndikusanwältinnen in Unternehmen. Zeitweilig tauchen bestimmt auch einige in die Familie ab.

Die meisten Anwälte arbeiten ja in kleinen und mittleren Kanzleien. Dort spiel die sogenannte „gläserne Decke“ eigentlich keine Rolle.

Wo sehen Sie die gläserne Decke für Anwältinnen, an der meist Schluss mit der Karriere ist?
Im Anwaltsberuf gibt es die ja nicht. Anwältin ist Anwältin. Natürlich gibt es in den Großkanzleien in den Chefetagen kaum Frauen. Das ist dort wie überall: Frauen in den Chefetagen sind die Minderheit. Aber die meisten Anwälte arbeiten ja in kleinen und mittleren Kanzleien. Dort spiel die sogenannte „gläserne Decke“ eigentlich keine Rolle, Frauen sind dort stark im Kommen.

Was bräuchte es, dass sich das Verhältnis weiter angleicht?
Oftmals haben die Frauen Bedenken, dass sich Familie und Beruf nicht so gut vereinbaren lassen, wenn man Anwältin ist. Deswegen wollen viele in Unternehmen oder bei der Staatsanwaltschaft unterkommen. Oder bei anderen Behörden. Der Beruf Anwältin scheint in deren Augen zu wenig Familie zuzulassen.

Ist das nicht so?
Dem Anwaltsberuf geht immer der Ruf voraus, dass man zehn Stunden täglich arbeiten müsse. Viele Männer haben es auch so gemacht. Aber das muss absolut nicht sein. Und ich selber habe es auch nicht so gemacht. Ich habe mich selbstständig gemacht, drei Kinder großgezogen – teilweise alleinerziehend, da habe ich acht Stunden pro Tag gearbeitet. Und dies auch nur von montags bis freitags. Das ging alles. Natürlich habe ich Personal bezahlt. Das ist das Schöne am Anwaltsberuf: Man kann so viel verdienen, dass man auch Personal für Küche und Haushalt bezahlen kann. Das sollte einem auch bewusst werden: Als Anwältin kann man mehr verdienen als bei Gericht oder der Staatsanwaltschaft.

Sie setzen sich aber nicht nur für die Gleichberechtigung in der Rechtsbranche ein, sondern sehen das Thema als einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs. So haben Sie maßgeblich am Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen mitgewirkt.
Ich bin Feministin und habe mich von Anfang an für die Frauen eingesetzt. Aber mein Hauptanliegen war zu Beginn tatsächlich, die Freiheitsrechte des Bürgers gegenüber dem Staat zu vertreten. Das habe ich auch gemacht – überwiegend den Staat verklagt.

Diese Angst der Frauen, der Beruf des Anwalts ließe sich mit Familie nicht vereinbaren, stimmt nicht.

Sehen Sie das Recht demnach auch als ein Instrument, um zu mehr Gleichberechtigung zu kommen?
Auf jeden Fall, das habe ich auch in vielen Punkten versucht. Bei Hochschulstart habe ich zum Beispiel versucht und teilweise dafür gesorgt, dass Kindererziehungszeiten als Härtefall anerkannt werden, dass Arbeit mit Kindern mehr anerkannt wird.

Was ist Ihr Tipp für Juristinnen, die an der Schwelle Studium-Beruf stehen?
Ich kann nur sagen: Der Anwaltsberuf ist der interessanteste Beruf, den es gibt. Man kann sich die Fälle aussuchen, man kann selbst entscheiden, was man macht. In anderen Berufen bekommt man Arbeit vorgelegt und muss diese dann ausführen. Ich habe nie etwas gemacht, was ich nicht machen wollte. Man kann gut verdienen, dass man sich im Haushalt Entlastung einkaufen kann. Und man sollte keine Angst haben, dass dies nicht geht. Als ich anfing, gab es weder Ganztagskindergärten noch Ganztagsschulen. Heute ist alles einfacher. Und wenn man noch einen Mann hat, der mitarbeitet, dann wird es noch einfacher. Diese Angst der Frauen, der Beruf des Anwalts ließe sich mit Familie nicht vereinbaren, stimmt nicht. Der Beruf der Anwältin ist ein freier Beruf. Außerdem sollte man sich, wenn man in einer Kanzlei arbeitet, nicht mit den ‚billigen‘ Fällen abspeisen lassen, sondern auch die interessanten und finanziell lukrativen für sich einfordern.

Und was wünschen Sie sich von den Männern?
Ich denke, dass sich die Männer in Familie und Haushalt mehr engagieren. Auch deshalb wird für Frauen vieles einfacher.

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