„In der Biologie liegt die Hoffnung“

Foto: Valentina Bosio-Raynard
Foto: Valentina Bosio-Raynard

Interview mit Dr. Andreas Weber

Dr. Andreas Weber, Biologe, Philosoph und Publizist, glaubt daran, dass Naturwissenschaften die Welt verbessern können. Die Voraussetzung: die Disziplinen nicht rein technisch und objektiv deuten, sondern immer das Leben und die großen Zusammenhänge im Blick behalten. Die Fragen stellte André Boße.

Herr Dr. Weber, heute hat fast jedes Unternehmen ein Nachhaltigkeitskonzept oder einen Green-Business-Plan. Nehmen Sie das ernst – oder sind das nur schöne Worte?
Ich nehme das sehr ernst. Nicht unbedingt wegen der schönen Formulierungen, sondern weil in den großen Unternehmen auch auf Führungspositionen hochintelligente Menschen sitzen, die entdeckt haben, dass wir uns eine andere Auffassung von der Wirklichkeit erarbeiten müssen. Hinzu kommt, dass es immer mehr kleine und alternative Unternehmen gibt, die anders wirtschaften und damit Erfolg haben.

Was bedeutet „anders“?
Ihnen geht es um gutes Wirtschaften, das die Gemeinschaft bereichert. Ich glaube an die Kraft starker Individuen, die in innovativen Start-ups, aber auch innerhalb eines Konzerns am Wandel mitarbeiten.

Paradox: Immer mehr sehen, dass sich etwas ändern muss. Doch gehandelt wird nur sehr zögerlich.
Diese Diskrepanz ist riesengroß. Wer als Einsteiger erkennt, dass der sozioökonomische Wandel nötig ist, kann in Konzernen tatsächlich daran verzweifeln, wie langsam diese Erkenntnis in unternehmerisches Handeln umgesetzt wird. Daher empfehle ich Einsteigern, zunächst einmal für sich selber herauszufinden, wer sie sind und sein möchten. Hat man darauf eine Antwort gefunden, geht es darum, eben genau so zu sein.

Woran erkenne ich denn, wer ich bin und was ich will?
Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Wer jung ist und in einem Unternehmen einsteigt, erkennt vielleicht lange gar nicht, dass er etwas tut, das gar nicht seinem Bedürfnis entspricht. Aber irgendwann fliegt das auf. Und dann kommt es zu Burnout und Mobbing, Aggressionen und sogar Depressionen. Ich empfehle daher, sich früh einen guten Coach zu suchen. Jemanden, der gut zuhören kann – und mit dem man sich zusammen auf die Suche nach sich selbst macht.

Wenn ich nun als Naturwissenschaftler feststelle, dass ich mit daran arbeiten möchte, eine bessere Welt zu gestalten …
… dann muss ich in die Wirtschaft, denn sie ist die Schlüsselstelle für die großen Veränderungen. Gandhi hat gesagt: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Glauben Sie als Biologe, dass Erkenntnisse dieser Disziplin in der Lage sind, für einen sauberen und nachhaltigen Fortschritt zu sorgen?
In der Biologie liegt eine große Hoffnung, aber nur dann, wenn wir beginnen, sie richtig zu verstehen. Das heißt, dass wir biologische Vorgänge nicht zuerst als Beispiele technischer Effizienz verstehen, sondern als Manifestation von Lebensgeschichten. Biotechnik ist Technologie als Lebensleistung von fühlenden Subjekten und kann daher nicht ohne die Dimensionen von Sinn, Gemeinschaft und Gegenseitigkeit gedacht werden. Wenn wir uns nur technisch an der Biologie orientieren, werden wir Irrtümer begehen und schon begangene multiplizieren – wie etwa in der grünen Gentechnik, die die schlimmsten Herbizidresistenzen bei Unkäutern hervorgebracht hat, die es je gab.

Junge Naturwissenschaftler stehen vor dem Spagat, die eigenen Werte und die eigene Verantwortung für das Tun mit den Forderungen der Unternehmen nach Effizienz und schnellen Lösungen zu vereinbaren. Wie kann das gelingen – gerade, wenn man als Naturwissenschaftler den Anspruch hat, die Welt zu verbessern?
Das kann nur gelingen, wenn jeder der Stimme seiner eigenen Integrität gehorcht. Die Effizienz-Orientierung ist eine Sirenenstimme, die dazu aufruft, den Blick für die eigene und fremde Lebendigkeit zu verlieren. Die große Hoffnung liegt darin zu erkennen, dass weder Physik noch Biologie objektive Wissenschaften sind, sondern den Beobachter zu einem untrennbaren Teil des Geschehens machen.

Warum ist es für naturwissenschaftliche Talente wichtig, sich komplett anderen Dingen zu öffnen, zum Beispiel der Kunst und Kultur?
Es ist vor allem wichtig, dass sich die Naturwissenschaften den in ihnen bereits enthaltenen Dimensionen öffnen. Nehmen Sie die Quantenmechanik. Aus ihr geht klar hervor, dass jedes Ereignis im Universum mit allen anderen verbunden ist. Das ist seit 100 Jahren Standard – und doch verhalten sich alle so, als gelte noch das Newton’sche Universum, das zwischen Gesetzen und Dingen trennt, zwischen Beobachtern und Objekten. Die Biologie zeigt, dass jeder Lebensvorgang auch ein Ausdrucksgeschehen ist. In diesem Sinne ist die Kunst nichts dem Leben Fremdes, sondern die menschliche Variante einer grundsätzlichen Tatsache.

Bücher von Andreas Weber


Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit.
Berlin Verlag 2008. ISBN 978-3827007926. 9,95 Euro.


Minima Animalia. Ein Stundenbuch der Natur.
Think oya 2012. ISBN 978-3927369689. 22,80 Euro.

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