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StartIngenieureVon New Work zu My Work? Arbeiten, wie es gefällt

Von New Work zu My Work? Arbeiten, wie es gefällt

New Work krempelt die Arbeitswelt um, aktuell im Gespräch ist vor allem die Vier-Tage-Woche. Doch wie soll das gehen, wenn es doch sowieso zu wenige Ingenieur*innen gibt? Und wenn Talent und Know-how der Fachkräfte gebraucht werden, um politische und gesellschaftliche Projekte zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu realisieren? Die Lösung könnte sein, als Fachkraft unternehmerisch zu denken: Ingenieur*innen entdecken Intrapreneurship und gestalten ihre Arbeit eigenverantwortlich und selbstbewusst. Aus New Work entwickeln sich Gründe, warum die Arbeit wichtig ist: „My Work“ – da spielt die Zahl der Arbeitstage pro Woche nur noch eine untergeordnete Rolle. Ein Essay von André Boße

Vier gewinnt – das ist zumindest das Ergebnis eines internationalen Pilotprojekts der Initiative „4 Day Week Global“, dessen Ergebnisse im Juli 2023 vorgestellt wurden. Über einen Zeitraum von zwölf Monaten stellten ausgesuchte Unternehmen von einer Fünf- auf die Vier-Tage-Woche um, ohne Lohnkürzung. Eines der Resultate laut Studie: Den Arbeitenden sei es durch höhere Effizienz gelungen, die gleiche Menge von Aufgaben von bislang fünf auf vier Tage zu verteilen. Es wurde also nicht weniger geschafft. Die Teilnehmenden berichteten zudem davon, dass es besser gelungen sei, die bezahlte Arbeit mit ihrem Sozialleben zu verbinden. Das ist wenig überraschend, denn dieser Aspekt ist ja das Hauptargument für eine Vier-Tage-Woche.

Frauen gewinnen – durch Klimaschutz-Technik

Foto: AdobeStock/Deniss/spiral media
Foto: AdobeStock/Deniss/spiral media

Laut Ingenieurmonitor des VDI ist es für Unternehmen doppelt lohnenswert, bei technischen Entwicklungen auf den Klimaschutz zu achten. Zum einen sorgen die Innovationen dafür, dass die eigenen Klimaziele oder diejenigen der Kunden erreicht werden. Zum zweiten zeigen Studien, dass Unternehmen mit Schwerpunkten im Klimaschutz für weibliche Fachkräfte attraktiv sind: „Gerade beim Klimaschutz zeigt sich, dass junge Frauen für dieses Ziel und Thema besonders sensibilisiert sind“, heißt es im

aktuellen Ingenieurmonitor.

Interessant ist der Blick auf den Studienbereich „Business Outcome“, also die Frage, wie die Unternehmen, die an der Studie teilgenommen haben, den Versuch abschließend bewerten. Das Resultat laut Studie: Der Umsatz der beteiligten Unternehmen habe sich um 15 Prozent erhöht. 89 Prozent der Unternehmen gaben an, definitiv weiterhin auf das Modell der Vier-Tage-Woche zu setzen, elf Prozent neigen immerhin dazu – das ist eine Pro-Quote von 100 Prozent.

Island testet Vier-Tage-Woche

Nun sind 100 Prozent immer verdächtig. Zumal sich die Frage stellt, wie repräsentativ eine Studie sein kann, wenn Unternehmen gezielt für die Teilnahme ausgesucht werden. Allerdings ist die oben zitierte Studie der Initiative „4 Day Week Global“ längst nicht die einzige, die zuletzt ein eindeutiges positives Fazit zog, wenn es darum geht, die Vier-Tage-Woche zu bewerten. Bereits seit 2015 experimentiert Island mit diesem Modell, mehr als ein Prozent der arbeitenden Bevölkerung aus diesem Staat hat mittlerweile an der Untersuchung teilgenommen.

2021 zog die Non-Profit-Organisation „Alda – Association for Democracy and Sustainability“, die die Studie durchgeführt hat, eine positive Bilanz: „Die Versuche waren erfolgreich: Die teilnehmenden Arbeitnehmer nahmen weniger Stunden in Anspruch und fühlten sich wohler.“ Die Vier-Tage-Woche habe zu einer besseren Work-Life-Balance und einer besseren Kooperation am Arbeitsplatz geführt – „und das alles unter Beibehaltung der bestehenden Leistungs- und Produktivitätsstandards“. Und so steht das Experiment kurz davor, die isländische Arbeitswelt ganz neu zu organisieren: Die Studie stellt fest, dass – Stand Juni 2021 – „86 Prozent der isländischen Erwerbstätigen entweder zu kürzeren Arbeitszeiten übergegangen sind oder das Recht haben, ihre Arbeitszeit zu verkürzen“.

Die Vier-Tage-Woche ist eine „konsequente Fortsetzung der Arbeitszeitgeschichte.

Taugt das Modell auch für Deutschland? Und taugt es explizit für technische Berufe? Interessant ist, dass die IG Metall im Juni 2023 mit der Forderung an die Öffentlichkeit ging, kürzere Arbeitszeiten durchzusetzen. Die Vier-Tage-Woche – wohlgemerkt bei gleichem Gehalt wie zuvor – sei eine „konsequente Fortsetzung der Arbeitszeitgeschichte“, sprich: Sie ist die Zukunft. Fünf Arbeitstage in der Woche dagegen seien historisch bereits überholt.

Utopie und Träumerei?

Michael Hüther blickt sehr skeptisch auf die Ansichten der Gewerkschaft IG Metall. Der Ökonom ist Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). In einem auf der Homepage des Instituts veröffentlichen Meinungsbeitrag nennt er das Modell eine „Vier-Tage-Träumerei“ und eine der „langlebigsten und beliebtesten Utopien unserer Zeit“. Schließlich drohe das deutsche Wirtschaftssystem angesichts des Arbeitskräftemangels schon jetzt an seine Grenzen zu stoßen. Seine Gegenposition: „Um den demografischen Wandel abzufedern, müssen wir mehr arbeiten, nicht weniger.“

 

Parkinsonsches Gesetz

Foto: AdobeStock/komkun
Foto: AdobeStock/komkun

Angenommen, eine junge Nachwuchskraft aus dem Ingenieurbereich würde für eine Wochenaufgabe, die ihr eine Führungskraft vorgibt, eigentlich nur vier Tage benötigen, ihre Arbeitswoche hat jedoch fünf Tage. Der britische Soziologe Cyril Northcote Parkinson sagt nun, der in Organisationen tätige Mensch sei so gestrickt, dass er bald für diese Arbeit tatsächlich fünf statt vier Tage benötigen werde. Man spricht vom Parkinsonschen Gesetz. Danach weisen hierarchisch aufgebaute Verwaltungen oder Unternehmen „die Tendenz zur Selbstaufblähung auf, dadurch wächst die Gefahr der Unwirtschaftlichkeit und des Leerlaufs“, definiert es die Bundeszentrale für politische Bildung. Heißt: Die Arbeit, die erledigt werden muss, dehnt sich automatisch so weit aus, wie das Pensum es zulässt. Was bedeutet, dass es laut Parkinson problemlos möglich sein könnte, in vier Tagen zu schaffen, was bislang für fünf Tage anberaumt war.

 

Weniger Arbeitszeit bei gleichem Lohn? „Damit das funktioniert, müssten in Deutschland flächendeckend Produktivitätsreserven schlummern, die Arbeitgebern gezielt vorenthalten werden“, heißt es im Meinungsbeitrag des IW-Direktors. „Konkret: Die Arbeitsproduktivität müsste sich ohne Probleme um 25 Prozent steigern lassen. Wer solche Reserven in seinen Arbeitsprozessen versteckt hält, sollte diese lieber in einer Fünf-Tage-Woche heben, das würde mehr Wohlstand bedeuten und zugleich den Fachkräftemangel bekämpfen.“

Aber dass die Studie „4 Day Week Global“ gezeigt habe, dass der Umsatz der teilnehmenden Unternehmen um 15 Prozent steigt? Gehe am Kernaspekt vorbei, schreibt Michael Hüther: „Die Produktivität wurde gar nicht gemessen, sondern lediglich der Umsatz – und auch diese Angabe machte nur jedes zweite Unternehmen. Der Umsatz wiederum ist in diesem Zusammenhang keine aussagekräftige Größe, schließlich lässt sich dieser auch konstant halten, indem externe Leistungen zugekauft werden.“ Und auch an der Auswahl der Unternehmen übt er Kritik: „Die überwiegende Mehrheit der 61 Unternehmen waren Dienstleister mit Bürotätigkeit, lediglich drei Industrieunternehmen waren dabei. Entsprechend wenig aussagekräftig sind die Ergebnisse.“

Mehr oder weniger arbeiten?

Schließlich hält Michael Hüther der „Utopie“, wie er sie nennt, Fakten entgegen: Schon jetzt fehlten Unternehmen Hunderttausende qualifizierte Fachkräfte, Tendenz steigend. „Bis 2030 rechnen wir sogar damit, dass drei Millionen Menschen weniger arbeiten als heute, darunter viele Babyboomer.

Bis 2030 rechnen wir damit, dass drei Millionen Menschen weniger arbeiten als heute, darunter viele Babyboomer.

Damit fehlen uns 4,2 Milliarden Arbeitsstunden.“ Sein Vorschlag: Ein bis zwei Stunden mehr Arbeit pro Woche, das wäre „keine nennenswerte Umstellung“, würde das System „aber zumindest ein wenig entlasten“. Statt nach Island schaut der IW-Direktor dabei nach Schweden und in die Schweiz: „Die einen arbeiten eine Stunde mehr als wir, die anderen sogar zwei Stunden. Beide Nationen haben eine tendenziell sogar etwas höhere Lebenserwartung als Deutschland und sind darüber hinaus auch nicht unglücklicher.“

Was also nun: Island oder Schweden und die Schweiz? Vier oder fünf Tage pro Woche arbeiten? Es gibt in dieser Debatte offensichtlich zwei Lager. Wobei man nicht vergessen darf, wer augenblicklich den Hebel in der Hand hält – denn das sind nicht Politik oder Unternehmen, sondern die qualifizierten Fachkräfte selbst. Denn sie sind begehrte Mangelware. Und das trifft auf Ingenieur*innen im besonderen Maße zu.

Ingenieur*innen sind Mangelware

Der Ingenieurmonitor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) analysiert quartalsweise den Arbeitsmarkt für Ingenieur*innen in Deutschland. Im ersten Bericht für das Jahr 2023, veröffentlicht im Sommer dieses Jahres, heißt es: „Insgesamt gab es im ersten Quartal 2023 mit rund 175.600 offenen Stellen einen neuen Rekordwert eines Quartals seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2011.“ Das sei ein Zuwachs um 16 Prozent im Vorjahresvergleich. Wobei sich je nach Fachrichtung große Unterschiede ergeben würden, heißt es im

VDI-Ingenieurmonitor. So habe die Anzahl der offenen Stellen im Jahresvergleich in den Ingenieurberufen Technische Forschung und Produktionssteuerung um 36,6 Prozent, in den Ingenieurberufen Energie- und Elektrotechnik um 36,4 Prozent und in den Ingenieurberufen Maschinen- und Fahrzeugtechnik um 35 Prozent zugenommen. „Insbesondere bei der Energie- und Elektrotechnik dürfte die zunehmende Geschwindigkeit der Energiewende eine zentrale Bedeutung haben“, so der Report.

Vier-Tage-Woche wird zum Wechselgrund für viele Fachkräfte.

Und dieses Tempo in der Energiewende wird weiter zunehmen. Erstens, weil nur so Deutschland seine im Grundgesetz verankerten Klimaziele erreichen kann. Zweitens, weil ein rascher Erfolg der Energiewende dafür sorgt, dass die Energiepreise in der Bundesrepublik zumindest mittelfristig wieder sinken – was wiederum die Voraussetzung dafür ist, dass Deutschland ein attraktiver Standort für die Industrie bleibt. Der VDI rechnet daher damit, dass in den kommenden Jahren der Bedarf an Beschäftigten in Ingenieurberufen deutlich zunehmen wird. Sorge mache dem VDI, dass die Anzahl der Studienanfänger*innen in den Ingenieurwissenschaften in den vergangenen Jahren stark rückläufig sei. Positiv dagegen bewertet er, „dass bereits in den letzten Jahren eine Zunahme beim Beschäftigungsanteil von Frauen in den Ingenieurberufen zu beobachten ist“.

Angebote zur Vier-Tage-Woche begehrt

Jede Ingenieurin und jeder Ingenieur werden also gebraucht. Das ist eine gute Nachricht für die junge Generation. Hinzu kommt, dass dieser Umstand dem Nachwuchs eine gewisse Macht bei der Gestaltung des Arbeitsverhältnisses gibt. Und dieser Macht ist er sich bewusst – gerade beim Thema Vier-Tage-Woche. Das zumindest legt das Ergebnis des Jobwechsel-Kompass nahe, den die Personalmarketingagentur Königsteiner zusammen mit dem Online-Portal stellenanzeigen.de vorlegt: „Die Vier-Tage-Woche wird zum Wechselgrund für viele Fachkräfte“, heißt es im Kompass des zweiten Quartals 2023, der im Juni veröffentlicht wurde.

42 Prozent der Befragten, die offen für einen Wechsel seien, suchten gezielt nach Arbeitgebern, die eine Vier-Tage-Woche anbieten. Wobei nur 35 Prozent derjenigen, die an einer Vier-Tage-Woche interessiert sind, akzeptierten, in diesem Fall auch nur für vier Tage bezahlt zu werden. Heißt im Umkehrschluss: 65 Prozent gehen davon aus, für vier Arbeitstage so entlohnt zu werden wie zuvor für fünf. „Derartige Ansprüche an die Arbeitswelt durch wechselwillige Arbeitnehmer sind allerdings nur deshalb möglich, weil wir mehr freie Stellen als Kandidaten haben“, wird Königsteiner-Geschäftsführer Nils Wagener im Jobkompass zitiert.

Diese Fachkräftelücke könnte gerade im Ingenieurbereich durch das Arbeitszeitmodell der Vier-Tage-Woche noch einmal verschärft werden: Die Unternehmen benötigten mehr Mitarbeiter für die gleiche Menge an Arbeit – nur, woher nehmen? Ein Teufelskreis! Und potenziell der Einstieg in problematische Arbeitsverhältnisse, so Nils Wagener: „Eine mögliche Folge sind steigende unternehmerische Kosten, die das Wachstum hemmen, die Preise für die Konsumenten erhöhen und den Spielraum für sonstige Mitarbeiter-Benefits einengen“, wird er zitiert.

Dreifacher Purpose

Ingenieurtalente stehen damit vor einem Dilemma. Ihre Arbeitskraft wird benötigt. In den Unternehmen, aber auch im Einsatz für Politik und Gesellschaft. Schließlich ist Technik einer der bedeutsamsten Schlüssel im Kampf gegen die Klimakrise und in der Gestaltung einer nachhaltigen Welt. Andererseits: Wenn die Vier-Tage-Woche potenziell so produktiv ist wie das Montags-bis-Freitags-Modell – warum dann am alten festhalten?

Was hilft, ist Flexibilität. Die Ingenieur*innen der Zukunft sind mehr denn je Gestalter*innen der Zukunft. Es hilft, in dieser Rolle nicht mehr wie Angestellte zu denken, sondern das eigene Intrapreneurship zu entdecken. Gesucht sind Unternehmer*innen innerhalb der Unternehmen. Und Unternehmen, die dieses Denken gezielt fördern. Gelingt dies, besitzt New Work plötzlich einen dreifachen Purpose: Es geht erstens darum, sich selbst weiterzuentwickeln und wohlzufühlen, zweitens, mit dafür zu sorgen, dass das Unternehmen erfolgreich wirtschaftet, und drittens, daran teilzuhaben, die politischen und gesellschaftlichen Probleme zu lösen.

Warum arbeiten?

Das sind drei gute Gründe, seine Talente so zu bündeln und einzusetzen, dass sie ihre volle Wirkung entfalten können. Ob das dann in Form einer Vier-Tage-Woche ist? Möglich. Sinnvoll wäre ein flexibles Modell, das sich dem Bedarf anpasst, wenn das Unternehmen in Schieflage kommen sollte oder Politik und Gesellschaft die Arbeitskraft einer Ingenieurfachkraft benötigen, um die Energie- oder Verkehrswende weiter zu forcieren. So wird aus New Work das Prinzip „My Work“: Warum sollte ich arbeiten? Weil es hilft! Weil ich damit einen Unterschied mache. Und wenn ich merke, dass ich gerade sehr konkret helfe, dann steigert diese Erkenntnis mein Wohlbefinden vielleicht genauso nachhaltig wie ein freier Tag mehr pro Woche.

 Vier-Tage-Woche: Projekt auch in Deutschland

Foto: AdobeStock/photostory
Foto: AdobeStock/photostory

Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) Ende August schrieb, startet nun auch in Deutschland ein Pilotprojekt für die Vier-Tage-Woche. Verantwortlich für die Organisation sei die Agentur Intraprenör, heißt es in dem Bericht. An dem Versuch teilnehmen sollen 50 Unternehmen, das Projekt wird ein halbes Jahr laufen, anvisiert ist die Zeit von Februar bis August 2024. „Das Ziel ist eine Reduktion der Arbeitsstunden bei gleichbleibendem Gehalt“, wird Jan Bühren von der Beratungsfirma Intraprenör zitiert, Basis dafür sei das „100-80-100-Prinzip“: 100 Prozent Gehalt, 80 Prozent Arbeitszeit und 100 Prozent Leistung. Wie sich das im Alltag gestalten lässt, dafür könnten die teilnehmenden Unternehmen individuelle Lösungen finden, heißt es im Bericht des RND.

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