Blickpunkt Stimme

Interview mit Gabriele Fuchs

Foto: Fotolia/Sergey Nivens
Foto: Fotolia/Sergey Nivens

Die Schauspielerin und Stimmtrainerin Gabriele Fuchs coacht Manager und Führungskräfte, damit diese ihr Potenzial, das in ihrer Stimme hörbar ist, besser abrufen können. Ein Gespräch über Kiekser und Karla Kolumna, das Singen unter der Dusche und den Fehler, Atem zu holen. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Gabriele Fuchs, geboren 1961 in Hamburg, ist ausgebildete Einzelhandelskauffrau und Schauspielerin. Seit 2000 arbeitet sie als selbstständige Stimmtrainerin. Die 52-Jährige berät unter anderem Manager und Führungskräfte vieler großer deutscher Unternehmen darin, überzeugendere Präsentationen zu halten und ihre Stimme wirkungsvoller einzusetzen.
www.fuchs-coaching.de

Frau Fuchs, welche Rolle spielt die Stimme denn im Berufsleben?
Wenn wir das Leben als eine Art Abenteuerurlaub auf diesem kuriosen Planeten begreifen, dann möchten wir uns auch im beruflichen Teil des Abenteuers beweisen und ausprobieren, möchten unsere Persönlichkeit erfahren, mit allen ihren wunderbaren Facetten. Das Wort Persönlichkeit stammt aus dem Lateinischen, kommt von per sonare, hindurchtönen. Das ist ein deutlicher Hinweis, dass Persönlichkeit und Stimme Hand in Hand gehen. Unsere Persönlichkeit drückt sich durch unsere Stimme aus. Unsere Stimme ist unsere klingende Visitenkarte. Sie lässt erkennen, wie es uns augenblicklich geht, wie unsere seelische Verfassung ist.

Können Sie ein Beispiel aus dem Alltag einer jungen Führungskraft in einem Unternehmen geben?
Angenommen, ein junger Teamleiter soll einen Vortrag über die Ergebnisse seiner Arbeit halten. Wenn er nun sehr schnell spricht, dann ist das nicht unbedingt ein Hinweis auf Gelassenheit und Selbstvertrauen. Wenn man in einem Meeting überzeugen möchte, wirkt es souveräner, wenn man etwas Tempo herausnimmt. Wenn wir zu schnell sprechen, zu viele Informationen in zu kurzer Zeit abfeuern, dann mag uns unser Gegenüber noch einen Moment folgen, aber nach wenigen Minuten kann es passieren, dass wir ihn verlieren.

Weil wir den Zuhörer überfordern?
Ja. Und weil es verwirrt. Vor kurzem hatte ich eine Dame in meinem Stimmtraining, die sagte (spricht sehr schnell): „Ja, aber Frau Fuchs, in meinem Job, in den Meetings muss ich immer so schnell sprechen, weil ich immer unterbrochen werde, ich muss aber doch meine Inhalte loswerden.“ Für sie und für uns alle im Raum wurde in dem Moment deutlich, dass man ihr bei dem hohen Sprechtempo, gekoppelt mit einer leicht erhöhten Sprechstimme, nicht lange zuhören mag. Die erste Möglichkeit zur Unterbrechung wird sicherlich genutzt.

Erinnert mich an Karla Kolumna, die rasende Reporterin aus den Benjamin- Blümchen-Geschichten.
Genau. Schönes Beispiel. Wenn dann in solchen Karla-Kolumna-Situationen bei uns Frauen noch Kiekser reinrutschen, die in den Ohren und im Rückenmark wehtun, haben wir unsere Gesprächspartner mit aller Macht auf Distanz getrieben. Statt über unsere Inhalte denken sie darüber nach, wie sie uns da vorne leiser stellen können. Übrigens, Männer kieksen zwar seltener, aber einem Mann, der aus Angst davor, unterbrochen zu werden, schnell viele Informationen in wenigen Sekunden unterbringen möchte, hört man genauso ungern zu.

Dennoch: Haben Männer beim Thema Stimme einen Vorteil gegenüber Frauen?
Eine sonore und tiefe Stimme wird tatsächlich als souveräner und angenehmer empfunden. Zumindest im geschäftlichen Umfeld. Entscheidend ist aber, dass ich komplett hinter meinen Inhalten stehe mit meiner ganzen Persönlichkeit.

Woran kann eine junge Führungskraft erkennen, dass sie auf ihre Stimme achten sollte?
Viele Teilnehmer sagen mir, dass sie nach einem Meeting eine raue Stimme haben oder während eines Vortrags Luft schnappen müssen, weil sie außer Atem geraten. Dabei geht es ja eigentlich darum, die Zuhörer in Atem zu halten. Es gibt zur Stimme und zur Atemtechnik allerhand gute Fachliteratur. Wichtig ist, dass man ausprobiert, mit der eigenen Stimme zu spielen, sie zu erforschen und Spaß an ihr zu haben. Das heißt, ruhig mal tönen. Unter der Dusche oder im Auto singen, pfeifen. Die Präsentation für das nächste Meeting mehrmals vorher laut zu Hause halten. Und generell am Tag immer mal wieder laut mit sich selber reden, denn der Profi spricht mit sich laut!

Wie bekomme ich denn beim Sprechen meine eigene Atemlosigkeit in den Griff?
Es ist schon mal sehr hilfreich zu wissen, dass wir nicht Luft holen müssen. Mit Luft versorgt sich der Körper automatisch. Wenn wir dennoch vor einem Vortrag erst einmal tief Luft holen (atmet tief ein): „Meine Damen und Herren“, sind wir quasi überlüftet. Wir haben über das Maß Luft geholt. Die Folge ist, dass wir ein Gefühl der Enge empfinden. Und um dieses loszuwerden, holen wir tief Luft – und schon stecken wir im Teufelskreis.

Gibt es eine Übung, um die natürliche Atmung zu trainieren?
Sie haben zu Hause das Radio an und es gefällt ihnen nicht, was Sie hören. Dann stellen Sie sich vor das Gerät und tönen laut und deutlich „psssssscht“! Halten sie sich den Zeigefinger vor die Lippen in der typischen Geste und weiter, immer wieder: „psssssscht“ – ruhig eine halbe Minute lang. Denken Sie dabei daran, das „t“ am Ende nicht zu verschlucken. Die Luft entweicht, das Zwerchfell schwingt nach unten – und Sie werden wieder mit genau der Menge Luft gefüllt, die Sie vorher verbraucht haben. Das bringt das Zwerchfell wieder ins Schwingen und gibt Ihrer Stimme Kraft.

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