StartDigitalAb ins Analoge?

Ab ins Analoge?

Die Gen Z hat früh ihre Erfahrungen mit Digitalisierung und KI gesammelt. Sie bleibt dem Digitalen treu, entdeckt aber auch das Analoge zurück. Dafür hat sie gute Gründe: Echte Begegnungen und Dinge, die man anfassen kann, stellen Vertrauen und Souveränität her, die in digitalen Räumen oft nicht gegeben sind. Hinzu kommen die täglichen Nachrichten, dass die KI immer mehr Jobs übernimmt. Die Gen Z reagiert darauf. Sie findet einen eigenen Weg, analoge und digitale Welten zu verbinden – und entwickelt dabei verstärkt empathische und menschliche Fähigkeiten. Weil sie weiß: Diese werden weiterhin gebraucht. Ein Essay von André Boße

Neue Buzzwords machen die Runde. Das ist nicht ungewöhnlich, dafür sind sie da. Der Spin jedoch überrascht. Der Mediendienst Heise schreibt in einem Beitrag Anfang Mai nicht nur von einer „Digital Fatigue“, also einer digitalen Müdigkeit, der Beitrag erkennt auch erste Anzeichen einer „Offline-Sucht“. Richtig gelesen, Offline – nicht Online. „Viele fühlen sich in der zunehmend digitalen Welt reizüberflutet und flüchten sich in analoge Hobbys“, heißt es.

Systemtheoretischer Blick auf Digitalisierung und KI

Cover DigitalisierungEs ist die Gesellschaft, die einen Strich durch die Digitalisierung macht. Aber was bedeutet dieser Strich? Man kann ihn sehen, aber nicht lesen. Was passiert, wenn digitale Daten in eine analoge Wirklichkeit zurückgespielt werden? Dirk Baecker erprobt in seinem neuen Buch eine Theorie digitaler Medien aus sozialwissenschaftlicher Sicht. Lernende Daten und prädiktive Modelle stehen im Zentrum seines tiefschürfenden Versuchs, unsere Kommunikation mit Rechnern zu beschreiben. Seine originelle Bestandsaufnahme der Digitalisierung führt uns mitten hinein in eine Verständigung der Gesellschaft über sich selbst – und mit einer neuen, »fremden Intelligenz«, die wir noch kaum begriffen haben.

Dirk Baecker: Digitalisierung. Suhrkamp 2026. 20 Euro.

Verwiesen wird dabei auf eine Studie des Mobilfunkanbieters Vodafone. Für diese wurden 4000 junge Menschen aus der Generation Z und Alpha im Alter zwischen 11 und 17 Jahren aus acht europäischen Ländern zu ihrer Haltung zu Smartphones und Social Media befragt, darunter 500 Jugendliche aus Deutschland. Das Ergebnis, laut Pressemitteilung: „Ausgerechnet die Gen Z, die mit TikTok, Instagram und Co. groß geworden ist und damit die aktuellen Debatten entfacht hat, spricht sich für weniger Social Media aus.“ So seien sich fast alle befragten jungen Menschen der Risiken exzessiver Smartphone-Nutzung bewusst. „Sie möchten ihre Bildschirmzeit aktiv reduzieren, indem sie gezielt nach mehr Offline-Aktivitäten suchen.“

Angst vorm „Brainrot“

Und genau das tun sie – wenn auch unter eigenen Bedingungen. Offline-Aktivitäten über Social Media online zu posten? Ist nur dann ein Widerspruch, wenn man die Sozialen Medien weiterhin als einen Gegenpol zum analogen Leben begreift. Das ist bei der Gen Z aber nicht der Fall. Für sie hat Social Media die Funktion, die bei den Boomern das Wählscheibentelefon im Hausflur hatte: Kommunikationsmedium Nummer eins. Was sich zu ändern scheint, ist der Umgang mit Social Media: Mehr und mehr wird der Generation Z klar, dass einem sowohl „Doomscrolling“, also das tiefe Einbuddeln in dunkle Rabbit Holes mit schlechten Nachrichten, als auch das Phänomen des „Dauer-Swipings“, bei dem man stundenlang von einem Video zum nächsten wischt, nicht guttut. „Brainrot“ – noch so ein Buzzword: Gehirnverfall.

Stofftasche rettet Work-Life-Balance

Ein Problem dieses Nutzerverhaltens ist, dass man die Kontrolle abgibt, sich durch die Social-Media-Welt treiben lässt. Genau das wollen immer mehr junge User nicht mehr. Sie wollen die Kontrolle zurück. Sie wollen die Souveränität zurück. Dabei ist das Analoge eine große Hilfe. Ein Buch oder eine Schallplatte, CD oder auch einen iPod mit heruntergeladenen MP3s besitzt man. Im Gegensatz zu den Songs, die man von einem Anbieter streamt, der seine Server, wenn es ganz blöd läuft, morgen ausschalten könnte. Ein weiteres Beispiel, im Frühjahr 2026 wurde über einen neuen Trend berichtet: „Analog Bags“. „Es ist nur eine Tasche, nichts Besonderes, ein ganz normaler Stoffbeutel, ein bisschen zu groß vielleicht“, beschreibt die Welt den Trend. „Darin ein Buch, ein Notizheft, ein Sudokuheft, ein paar Stifte, Strickzeug, ein Rubik’s Cube, ein Tagebuch, vielleicht eine Kamera, ein iPod oder sonst irgendein Gerät, das nicht weiß, wer man ist.“

Diese Tasche sei natürlich alles andere als neu – und dennoch revolutionär. „Gerade, weil sie nichts verspricht. Kein Mehr, Besser, Schneller, keine Effizienz, keine Selbstüberwachung. Sie ist einfach nur eine Einladung, in sie hineinzugreifen und etwas Anderes zu tun als im Digitalen zu verschwinden.“ Bei TikTok und Instagram existieren längst große Communities, bei denen vor allem junge Frauen ihre „Analog Bags“ vorführen – und, so schreibt es die Welt – „sich nicht einkriegen können vor Begeisterung darüber, dass ihnen ein Tragebeutel die Seele gerettet und eine gesunde Work-Life-Balance zurückgegeben hat.“

KI? Gen Z senkt den Daumen

Ein Stoffbeutel rettet die Work-Life-Balance – darauf wäre vor ein paar Jahren noch niemand gekommen. Da galten die Tools der Digitalisierung als Produktivitäts-Maschinen, die dafür Sorge tragen werden, dass die Menschen in den Unternehmen immer effizienter, individueller und mobiler arbeiten, mit der Künstlichen Intelligenz als dem großen Heilsversprechen, dass uns genau die Arbeit abnimmt, die uns am meisten Zeit kostet und die wir als besonders naiv empfinden.

Souveränität durch Transparenz und Standards

Foto: AdobeStock/Logo Solution
Foto: AdobeStock/Logo Solution

Wie sich Souveränität im Umgang mit KI konkret herstellen lässt, zeigt ein neues Projekt von Schwarz Digits, der Digital-Sparte des Handelskonzerns Schwarz-Gruppe: Auf der Hannover-Messe im April stellte das Team den Standard ES³ vor, ein Modell, das den Entscheidern aus Unternehmen Wissen über ihren Souveränitätsgrad geben soll. „Ziel der Initiative ist es, die Komplexität und digitale Souveränität von IT-Infrastrukturen objektiv bewerten und vergleichen zu können“, heißt es in der Pressemitteilung zum Launch. „Wir überführen den Bedarf an digitaler Souveränität in messbare Standards für Unternehmen aus Industrie, Mittelstand und regulierten Branchen“, wird Rolf Schumann, Co-CEO von Schwarz Digits, zitiert.

Nicht falsch verstehen, KI-Modelle sind in dieser Hinsicht hilfreich. Nervige Arbeit einfach wegzaubern werden sie aber nicht. Und auch die unangenehme Eigenart des Herbeihalluzinierens von Antworten will einfach nicht verschwinden: Selbst der führende KI-Konzern OpenAI stellte Ende 2025 fest, dass man den KI-Modellen das Erfinden von Tatsachen wohl kaum wegtrainieren könne. Was an ihrer beinahe menschlichen Eigenart liege, lieber irgendeine und womöglich falsche Antwort zu geben als gar keine.

Wer wüsste das alles besser als die Generation Z? Sie hat oft schon deutlich früher mit KI-Modellen gearbeitet, als ältere Mitarbeiter in Unternehmen dies getan haben. Dabei hat die Generation Z ein kompliziertes Verhältnis zur KI, das zeigt eine Umfrage des Analyse- und Beratungsunternehmens Gallup. „Selbst die engagiertesten Nutzer künstlicher Intelligenz stehen ihr weniger positiv gegenüber als noch vor einem Jahr“, hat eine Befragung von mehr als 1500 jungen Menschen in den USA gezeigt, wie Gallup in einer Pressemitteilung schreibt. Die junge Generation sei demnach nicht überzeugt, dass KI die Kreativität oder das kritische Denken fördere. Die Mehrheit glaube sogar, die Nutzung der KI sei mit Nachteilen verbunden: „Berufstätige der Generation Z teilen diese Bedenken in Bezug auf den Arbeitsplatz, da immer mehr der Meinung sind, dass die Risiken der KI ihre Vorteile überwiegen, und das Vertrauen in KI-unterstützte Arbeit geringer ist als in ausschließlich menschliche Leistungen.“ Ausdrücklich mitgemeint sind hier diejenigen, die in den Unternehmen längst intensiv KI-Tools nutzen. „Selbst tägliche Nutzer von KI, die diesen Technologien im Allgemeinen positiver gegenüberstehen, sind im Laufe des letzten Jahres weniger optimistisch geworden“, heißt es in der Studie.

Gen Z stellt die Vertrauensfrage

Besonders interessant: Im beruflichen Kontext stellt die Generation Z mit Blick auf die KI die Vertrauensfrage. Was Gallup herausgefunden hat: „Arbeitnehmer der Generation Z haben mehr Vertrauen in Arbeiten, die ohne KI erledigt wurden (69 %), als in KI-gestützte Arbeiten (28 %). Kaum ein Arbeitnehmer gibt an, mehr Vertrauen in Arbeiten zu haben, die ausschließlich von KI erstellt wurden (3 %).“ Der Anteil der Befragten, die bei der KI in erster Linie Gefühle wie Ärger oder sogar Wut erfahren, stieg im Vergleich zur Vorjahrsumfrage von 2025 um neun Prozentpunkte von 22 % auf 31 %. „Der Anteil der Angehörigen der Generation Z, die der Aussage, dass sie sich für KI begeistern, ’voll und ganz zustimmen’ oder ’zustimmen’ ist um 14 Prozentpunkte auf 22 % gesunken, während die Zuversicht um neun Prozentpunkte auf 18 % zurückgegangen ist“, heißt es weiter. Das sind desaströse Vertrauenswerte. Wäre die Künstliche Intelligenz Kanzlerin oder Präsidentin, es gäbe Rücktrittsforderungen.

Nun ist es nicht so, dass die Generation Z die Uhr zurückdrehen will. Wie erwähnt: Die Digitalisierung und auch die KI-Tools sind längst Teil ihres Lebens, egal ob privat oder im Beruf. Eines doch wird verlangt: Es muss die Vorstellung verschwinden, Digitalisierung und KI würden alle Probleme beiseitelegen, die sich im Beruf ergeben. Denn die Lösung liegt auch hier weiterhin und verstärkt im Analogen. Zum Beispiel in echten Begegnungen.

Jonathan Levav, Professor für Marketing an der Stanford Graduate School of Business, sagt, wenn es um kreatives und innovatives Denken gehe, seien Videokonferenzen in keiner Weise Ersatz für die persönliche Kommunikation. „Wir müssen die Menschen zurück ins Büro holen, wenn wir bessere Ideen entwickeln wollen“, fordert er im Podcast „If/Then: Business, Leadership, Society“. Es gehe ihm dabei nicht darum, Meetings via Zoom oder Teams als gut oder schlecht zu bezeichnen. Sie sind längst Teil einer Business-Realität, dabei sehr nützlich. Aber: Wenn es um kreativen Output geht, könnten sie die persönlichen Begegnungen und Meetings nicht ersetzen.

Ein Beleg dafür ist für Levav die Höflichkeitslücke, die sich ergibt, wenn nach einem Zoom- oder Teams-Statement alle anderen Teilnehmenden noch kurz warten, ob vielleicht noch etwas nachkommt. „Das hat nichts mit dem Rhythmus und der Dynamik eines echten Gesprächs zu tun. Es fühlt sich nicht wie ein echtes Gespräch an; es fühlt sich so an, als würden die Leute eine vorbereitete Erklärung abgeben, dann gibt es eine Pause, und dann folgt eine weitere vorbereitete Erklärung.“ Hinzu komme, dass man sich nie sicher sein könne, ob alle Teilnehmer des digitalen Meetings voll bei der Sache sind, oder ob sie nebenbei auf anderen Kanälen kommunizieren.

Über Eichen und Zypressen

Das analoge Meeting bietet dagegen die Erfahrung, gemeinsam in einem Raum zu sitzen. „Wenn ich in einem solchen Meeting für einen Moment woanders hinschaue, bin ich trotzdem weiterhin Teil des Gesprächs in diesem Raum“, sagt Levav im Podcast. „Alle wissen, dass ich immer noch hier bin, weil unsere gemeinsame Umgebung dieser ganze Raum ist.“ Das ändere sich, wenn der Raum durch ein Display ersetzt wird. Es könne zwar funktionieren, dass man in einem digitalen Meeting den Raum so verengt, dass die gesamte Aufmerksamkeit dem Bildschirm gehört. Das sei aber, als würde man in diesem Meeting „gedankliche Scheuklappen tragen“, wie Levav sagt.

Forschungsergebnisse zeigen laut Levav, dass die „körperliche Erfahrung von Menschen ihren kognitiven Stil beeinflusst.“ Überspitzt gesagt: Wer in die Enge blickt, kann sein Denken zwar verengen, also fokussieren. „Es geht bei kreativen Meetings ja aber häufig darum, den Blick zu weiten“, sagt der Stanford-Professor, „ich möchte Ideen entwickeln.“ Und dann findet er einen Vergleich aus der sehr analogen Welt der Pflanzen und Bäume: „Was ich will, ist eine große, riesige Eiche voller Ideen. Bei digitalen Meetings erlebe ich jedoch körperliche Erfahrung, die mich einengt. Statt einer Eiche entsteht eine Zypresse.“

Die Digitalisierung nimmt dank der Generation Z eine interessante Wendung

Stoffbeutel und echte Begegnungen, Begriffe wie Vertrauen und Souveränität – die Digitalisierung nimmt dank der Generation Z eine interessante Wendung. Wichtig ist, dass man die junge Generation bei diesem Thema eben nicht als die Unerfahrenen wahrnimmt. Die Menschen der Gen Z sind die Early Adopter. Sie haben häufig bereits einen großen Erfahrungsschatz gesammelt, schon an der Schule und an der Uni, im privaten Leben, schließlich in den ersten Jahren im Job. Die Gen Z besteht also aus Experten. Und wenn die sagen, dass das Analoge in bestimmten Situationen unschlagbare Vorteile hat – dann sollte man das besser glauben. Auch auf den Managementebenen der Unternehmen.

Cover Magnifica humanitasPapst warnt vor den Gefahren von Künstlicher Intelligenz

In der ersten Enzyklika seiner Amtszeit, die vielen als eine Art Regierungserklärung für sein Pontifikat gilt und Christen weltweit einen moralischen Kompass geben soll, warnt Papst Leo XIV. vor einer Konzentration der Technologie in den Händen Weniger und vor einem neuen Kolonialismus durch die Tech-Konzerne und fordert eine breitere gesellschaftliche Kontrolle von KI. „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden“, schreibt der Theologe, der auch Mathematik studiert hat, in der Enzyklika „Magnifica humanitas. Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“, die am Pfingstmontag im Vatikan vorgestellt wurde. Der Umgang mit Künstlicher Intelligenz sei eine entscheidende Frage für die Zukunft der Menschheit. Das Lehrschreiben auf Deutsch erscheint Ende Juni im Verlag Herder.

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