„Werthaltigkeit ist die neue Nachhaltigkeit“

Foto: AdobeStock /TSUNG-LIN WU
Foto: AdobeStock /TSUNG-LIN WU

Als Wissenschaftler, Publizist und Berater für Wirtschaft und Politik zählt Professor Dr. Horst Opaschowski zu den führenden Zukunftsforschern des Landes. Im Interview analysiert er, in welche Richtung sich die deutsche Gesellschaft und die Wirtschaft entwickeln und welchen Einfluss der Klimawandel sowie das Karrieredenken der jungen Generation auf das Management und die Consultingbranche ausüben. Die Fragen stellte André Boße

Zur Person

Horst Opaschowski Foto: Privat
Horst Opaschowski Foto: Privat

Horst Opaschowski, Jahrgang 1941, promovierte 1968 an der Uni Köln. Von 1975 bis 2006 lehrte er als Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Von 2007 bis 2010 leitete er die Stiftung für Zukunftsfragen. 2014 gründete er mit der Bildungsforscherin Irina Pilawa, seiner Tochter, das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung (O.I.Z) in Hamburg. Opaschowski hat sich international einen Namen als „Futurist“ (XINHUA/ China) und „Mr. Zukunft“ (dpa) gemacht. Sein erstes Geld verdiente er als Jugendlicher mit dem Aufstellen von Kegeln auf der Kegelbahn – und gab es für Cola und Kino aus. Sollte er eine Biografie schreiben, würde sie den Titel „Leben im Gleichgewicht“ tragen.

Herr Opaschowski, wenn Sie die deutsche Gesellschaft 2020 griffig in einer Überschrift zusammenfassen sollten, welche würden Sie wählen?
„Zusammenhalten durch Zusammenrücken“ – so müsste die Überschrift des Jahres 2020 lauten. Es war der Versuch, ein Auseinanderdriften in Stadt und Land, Arm und Reich, Jung und Alt zu verhindern. Die Coronakrise hat dies inzwischen bestätigt, auch wenn es sich jetzt mehr um ein Zusammenrücken „auf Distanz“ handelt. Schon Anfang 2020 stieß die digitale Coolness- Kultur zusehends an ihre Grenzen. Immer öfter stellten sich die Menschen die Frage: Auf wen ist noch Verlass? Die versprochenen Freiheiten nach der Jahrtausendwende, stets flexibel und disponibel sein zu können und sich nicht mehr festlegen zu müssen, stellten 2020 die Sinnfrage des Lebens neu: Gebraucht und gefordert werden und wissen, wofür man lebt – das ist es, was die Menschen seither bewegt. Für Egoismus ist kein Platz mehr. Eher wird das Ich im neuen Wir-Gefühl wiederentdeckt und der Solitär wird zum Solidär.

Ein bestimmendes Thema der kommenden Jahre, im Zeitalter nach Corona, wird es sein, Wirtschaft und Klimaschutz zusammenzudenken. Worauf wird es dabei ankommen?
Nach dem alten Mosaischen Gesetz muss ein Acker alle sieben, acht Jahre brachliegen, um sich zu erholen. Auch für die Wirtschaft der kommenden Jahre gilt: Die fetten Jahre sind erst einmal vorbei. Das Schlaraffenland ist abgebrannt. Auftragseinbrüche von Schlüsselindustrien wie der Automobilindustrie, der Chemiebranche und dem Maschinenbau deuten auf die beginnende Rezession hin. Besonders betroffen sind Gastronomie, Hotellerie und Tourismus und natürlich der gesamte Einzelhandel. In dieser Situation müssen Wirtschaft und Klimaschutz eine Vernunftehe eingehen. Die „Menschheitsfrage Klimawandel“ bleibt auf der politischen Tagesordnung. Und bei den Menschen ist ein grundlegender Einstellungs wandel feststellbar: Die Bevölkerung interessiert und begeistert sich wieder mehr mit Herz und weniger mit Vernunft für Umweltfragen. Weil umweltfreundliches Verhalten zur Herzenssache wird, wird die Politik auch weitgehend auf Verbote verzichten können. Aus der Sichtweise wird eine Lebensweise, die rational und emotional bei den Menschen in den Lebensgewohnheiten verankert ist. Der Wachstumswahn stößt bei den Menschen zunehmend an psychologische Grenzen. Die neue Lebenszielfrage lautet: Wie viel Geld und Güter braucht der Mensch? Die Deutschen wollen besser leben und nicht immer nur mehr haben.

Werden wir erleben, dass sich die Rolle von Unternehmen ändert, dass neben dem wirtschaftlichen Erfolg auch ökologische Erfolge zum Gradmesser werden?
Vertrauen wird die wichtigste Währung in Wirtschaft und Unternehmen sein. Denken Sie an ADAC und VW, BMW, DB oder DFB: In den vergangenen Jahren gab es hier massive Vertrauensverluste auf breiter Ebene. Vertrauen kann man jedoch nicht einfach kaufen. Zusammen mit Verantwortung und Verlässlichkeit werden diese „3V“ neue Wertebotschaften – und nicht nur Werbebot schaften – für erfolgreiche Unter – nehmen der Zukunft sein. Vielleicht heißt es schon bald: Werthaltigkeit ist die neue Nachhaltigkeit. Und Sinnmärkte wandeln sich zu Zukunftsmärkten, denn: Ohne soziale und ökologische Unternehmensethik kann es keine nachhaltigen Wirtschaftserfolge in Zukunft geben. Ohne Umwelt- und Gemeinwohl-Orientierung geht bald gar nichts mehr.

Wie werden sich in dieser Hinsicht die Karrieren von jungen Menschen ändern?
Die Babyboomer der 1960er-Jahre werden als letzte klassische Karrieregeneration um 2030 in Rente gehen. Die Leistungselite der nächsten Generation wird zunehmend sanfte Karrieremodelle favorisieren, bei der die Balance von Privat- und Berufsleben im Mittelpunkt steht. Auch die Ansprüche an die Qualität der Arbeit verändern sich grundlegend. Junge Mitarbeiter definieren ihre Karriere neu: Sie wollen selbst Unternehmer am Arbeitsplatz sein und nicht mehr nur irgendwo „rangestellt“ werden. Jeder will sein eigener Unternehmer sein – am Arbeitsplatz genauso wie im privaten Bereich. Starre Hierarchien sind für sie von gestern. Auch „Techlash“, also feindselige Haltungen gegenüber technologischen Neuerungen, können sie sich nicht länger erlauben. Schaffensfreude – und nicht nur bezahlte Arbeitsfreude – umschreibt das Leistungsoptimum der Karrieristen von morgen, die in ihrem Leben weder überfordert noch unterfordert werden wollen. Sie definieren ihren Lebenssinn neu: Leben ist die Lust zu schaffen! Dazu gehört auch das zeitweilige Home Office, das Arbeiten von zu Hause aus, was aber Arbeitsgruppen, Teams und Face-to-Face-Kontakte nicht ersetzen kann. Auch in Zukunft will die kommende Karrieregeneration kommunikativ und kreativ im Kollektiv arbeiten. Der Spaß an der Arbeit soll mit Sinn und Sozialem verbunden sein.

Die Politik hat bisher noch keine überzeugenden Antworten auf den Zukunftshunger der nächsten Generation gefunden.

Deutschland bezeichnet sich gerne als pragmatisch und nüchtern. Reicht das noch aus, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern?
Sie haben Recht, die Politik hat bisher noch keine überzeugenden Antworten auf den Zukunftshunger der nächsten Generation gefunden. Was Deutschland über das Krisenmanagement hinaus braucht, ist eine nationale „Task Force“ als Frühwarnsystem für Zukunftsrisiken. Genauso wichtig ist aber auch eine Fortschrittsidee für Zukunftschancen, eine werthaltige Vision, die Hoffnung macht und Ängste nimmt. Denken Sie an John F. Kennedys „Moonshot-Rede“ von 1961, innerhalb des nächsten Jahrzehnts zum Mond fliegen zu wollen. 1969 landete tatsächlich der erste Mensch auf dem Mond. Mein Buch „Wissen, was wird“ endet nicht zufällig mit den Worten: „Wo ist Deutschlands Moonshot?“ Die junge Generation fordert zu Recht politische Antworten auf die Fragen: Was ändert sich? Wie geht es weiter? Wie werden wir in Zukunft arbeiten und leben?

Wir sprachen oben von Ihren Prognosen, die Sie vor 16 Jahren getroffen haben Blicken wir abschließend 16 Jahre nach vorne, was sind Ihre Prognosen für Deutschland 2036?
2036 wird es Smartphones auf Rädern, Robotertaxis, Flugzeuge mit Biosprit und Wasserstoffzüge geben. Neben der massenhaften Mobilität in unterschiedlichen Formen werden insbesondere Biochemie, Nanobiologie und das gesamte Gesundheitswesen die Megamärkte der Zukunft sein. Die Coronakrise hinterlässt ihre Spuren: Gesundheit wird wichtiger als Geld und bekommt beinahe die Bedeutung einer Zukunftsreligion. Ohne Gesundheit geht gar nichts mehr, auch nicht in der Arbeitswelt. Selbst Sony, Google und Microsoft werden in diese neuen Märkte mit einsteigen und mitverdienen wollen. Wird das Gesundheitswesen wichtiger als die Automobilindustrie? Und reden wir dann mehr von der Charité als von VW? Nicht alle technologischen Innovationen werden sich flächendeckend durchsetzen. Auch Bitcoins und geldähnliche Angebote können das Bargeld nicht so schnell verdrängen. Datendiebstahl und Cyberattacken werden uns weiterhin in Atem halten. Aber gleichzeitig gewinnt das Internet als demokratisches Machtinstrument an Bedeutung. Weil auch Zeitwohlstand als Lebensqualität entdeckt wird, setzt sich digitale Diät als neue Lebenskunst durch: Sei öfter offline!

Das neue Buch: „Wissen, was wird“

Als einen „Tiefflug über die deutsche Seele“ bezeichnet Horst Opaschowski sein aktuelles Buch „Wissen, was wird – eine kleine Geschichte der Zukunft Deutschlands“ (Patmos, 2019). In vielen weiteren Büchern hat der Zukunftsforscher einen Blick in die Zukunft gewagt und lag mit seinen Prognosen richtig. Sein Buch „Deutschland 2030 – Wie wir in Zukunft leben“ zählt zu den Standardwerken der Zukunftsforschung. Bereits in den 80er-Jahren schrieb Opaschowski ein Buch über das Leben im (damals noch fernen) Jahr 2000. Als das Jahr erreicht war, erhielt er einen Anruf vom Leiter einer Berufsakademie in Baden- Württemberg mit den Worten: „Ich hoffe sehr, Sie behalten Recht. Denn wir bilden inzwischen mehrere Generationen mit Blick auf ihre Thesen aus.“