„Es braucht extrem gute IT- und Software-Systeme“

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Seit 2004 sind die Rechte der Flugpassagiere in der EUFluggastrechteverordnung geregelt. Und auch das Bürgerliche Gesetzbuch schützt Passagiere bei weiteren relevanten Flugrechtsvergehen. Diese Gesetze machte sich Igor Maas zunutze, um ein Legal Tech-Unternehmen zu gründen. Die Fragen stellte Christoph Berger.

Zur Person

Igor Maas, Foto: MYFLYRIGHT GmbH
Igor Maas, Foto: MYFLYRIGHT GmbH
Igor Maas studierte in den USA Betriebswirtschaftslehre und absolvierte dann einen MBAStudiengang in Grenoble, Frankreich. Danach arbeitete er sieben Jahre lang für kleine, schweizerische Unternehmensberaterboutiquen, später für eine Unternehmensberatung in München. 2016 gründete er mit seinem Cousin und heutigen Partner, Djavad Ali, MyFlyright.
Igor, wie kam es zu der Gründung von MyFlyright? Wir waren damals schon länger auf der Suche nach einer Idee für eine Unternehmensgründung. Da ich als Unternehmensberater viel unterwegs war, es auf den Reisen immer wieder zu Flugverspätung kam, fragte mein heutiger Partner eines Tages, ob ich meine Fluggastrechte kenne. Damals wusste ich nichts davon. Aber ich schaute mir die Sache genauer an und stellte fest, dass es vielen Menschen wie mir ging und, dass dahinter ein riesiger Markt stecken könnte. So war die Idee geboren. Es gab zwar schon einige Anbieter mit ähnlichem Angebot, doch der Markt war noch längst nicht abgeschöpft. Grundlage eurer Idee ist eine Rechtsberatung. Wie kam es dann dazu, ein Legal Tech-Unternehmen zu gründen? Da wir beide keine Juristen sind, machten wir uns auf die Suche nach Lösungsansätzen. In Gesprächen mit Anwälten stellten wir aber fest, dass die Mandanten bei derartigen Fällen nicht die beliebtesten Kunden sind: Zwar gibt es einen Streitwert, der allerdings auch einem Aufwand gegenübergestellt werden muss. Für viele Anwälte lohnt es sich nach einem solchen Vergleich nicht, in diesem Bereich tätig zu werden. Gleichzeitig stellten wir bei unseren Anwaltsbesuchen fest, dass es in den Kanzleien noch zahlreiche ineffiziente Vorgänge gibt. So kam uns die Idee, eine Logik hinter den Prozessen zu suchen und diese festzuhalten. Und eine, die sich digitalisieren lässt. Dann galt es, die Theorie in ein IT-Produkt umzuwandeln. Das war die Geburtsstunde unserer Website. Die letzten Jahre scheinen zu zeigen, dass euer Produkt ankommt. Ja, wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir mit dem Produkt Kunden abfangen können. Die Hauptherausforderungen bestanden somit in der Technik sowie in den hinter jedem Fall stehenden Prozessen. Die Anschreiben müssen aufgesetzt und die Erfolgschancen eines jeden Fall ausgewertet werden; es braucht ein automatisiertes Monitoring, um Mahnschreiben automatisch zu verschicken; Anwälte müssen über Schnittstellen angegliedert werden, damit sie die Fälle automatisiert in ihre Systeme übertragen bekommen und entsprechende Klagen stellen können. So ist mit der Zeit aus einem Softwareprodukt eine Maschine geworden, in die sämtliche Stakeholder eingebunden sind. Jede Aktion wird dabei im Grunde von der Maschine vorgegeben, alle Beteiligten haben dann wiederum ihre eigenen Systeme, um ihre Aufgaben schneller abarbeiten zu können. Es gibt demnach noch Aufgaben für den Menschen, die nicht von der Maschine übernommen werden? Jein. Es gibt sicherlich noch Schritte, in die der Mensch integriert ist, aber vieles läuft auch vollkommen automatisiert. Zum Beispiel: Ob sich aus einer Verspätung oder einem Flugausfall ein Anspruch ergibt, entscheidet in 95 Prozent der Fälle die Maschine. Ein Vorteil von künstlicher Intelligenz ist, dass sie selbst dazulernt. Trifft das auch auf eure Maschine zu? Das kann man so sagen, ja. Ein Beispiel: der Vergleich von Fällen, die reinkommen, mit denen, die wir erfolgreich abschließen. Anhand der dabei gewonnenen Daten kann das System seine Prognosen hinsichtlich eines erfolgreichen Ausgangs für uns immer besser vorhersagen. Erfasst werden dabei beispielsweise Wetterdaten, Angaben zum Flugzeugtypen und der Flughafen. Neue Fälle werden dann mit den bereits existierenden Daten sowie dem Ausgang alter Fälle abgeglichen. Ein anderes Beispiel – man wird es kaum glauben: Wir hatten schon Fälle, in denen wir an drei verschiedenen Standorten der Airline klagen konnten. Prinzipiell dachten wir, dass es egal ist, wo wir klagen. Doch wir hatten auch schon Fälle, in denen sich Gerichte zum selben Fall nicht einig waren. Unser System sucht sich daher vor allem die Gerichte, sofern eine Auswahl besteht, die uns wohlgesinnt zu sein scheinen. Natürlich ist dies alles dynamisch zu betrachten. Unser System basiert letztlich auf Statistiken, anhand derer es entscheidet. Wie viele Fälle landen überhaupt vor Gericht, geht es nicht oftmals vor allem um einen Schriftwechsel mit der jeweiligen Fluggesellschaft? Du wirst es nicht glauben, aber etwa 40 Prozent der Fälle landen vor Gericht. Und der Umstand ist nicht optimal für uns: Wir gehen mit den Kosten in Vorleistung, Kunden müssen lange auf Entschädigung warten. Im Mai 2019 habt ihr euren Service auf Gepäck und Zusatzkosten ausgeweitet. Laufen diese Fälle mit einem ähnlichen Algorithmus? Hierbei befinden wir uns noch in der Lernphase, prinzipiell laufen die Fälle aber nach einem ähnlichen Muster. Wir haben gewisse Hypothesen getroffen, nach denen wir arbeiten, und sammeln nun unsere Erfahrungswerte. Die Herausforderung mit diesen neuen Angeboten ist allerdings, dass sie nicht auf eine EU-Verordnung zurückzuführen sind, sondern auf anderen Gesetzesgrundlagen basieren und es mit diesen vor die Gerichte geht. Das macht zum einen das Prozessieren vor Gericht schwieriger, zum anderen die hinter den Vorgängen stehenden Prozesse komplexer. All das muss von unserem System koordiniert werden. Als Gründer hast du Einblick in die Legal Tech-Szene: Wie ist deine Einschätzung, wie sehr wird die Rechtsbranche noch von der Digitalisierung durchgerüttelt werden? Seit unserer Gründung ist es spannend zu sehen, wie das Thema Legal Tech an Fahrt zugenommen hat. Gerade auch in der Politik und bei den Lobbyisten hat es an Bedeutung gewonnen. Allerdings ist die Frage zu stellen, wie viele dieser Start-ups tatsächlich erfolgreich sind. Nach meiner Einschätzung hält sich die Anzahl in Grenzen. Man muss erstens ausreichend Kunden für seine Idee finden, zweitens braucht es extrem gute IT- und Software-Systeme, um die Prozesse effizient durchzuarbeiten – das kostet extrem viel Geld und Know-how, und drittens braucht es eine solide Finanzierung. Das Problem von Gründern ist ja, dass sie extrem viel vorfinanzieren müssen. Mit Geld wird man in dieser Phase nicht wirklich überhäuft und muss lean arbeiten. Die Unternehmen, die diesen Spagat hinbekommen und tatsächlich den Durchbruch schaffen, kann ich aus meiner Sicht an einer Hand abzählen. Aber es werden mehr und die Digitalisierung wird weiter an Bedeutung gewinnen. Das ist spannend zu beobachten.

Flexzeit wird gewünscht – und geboten

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Flexible Arbeitszeitmodelle und die Möglichkeit des Home Offices sind Wünsche der Generation Y, auf die die Unternehmen – auch die der Rechtsbranche – reagiert haben. Die Generation Z wiederum, glaubt man den Definitionen, wünscht sich die klare Trennung zwischen Berufs- und Privatleben. Die Kanzleien bieten auch dafür Lösungen. Von Christoph Berger

Zeit mit den eigenen Kindern verbringen zu wollen, ist für die Kanzlei Latham & Watkins kein Ausdruck fehlender Karriereorientierung. „Das halten wir für überholt. Wir sind vielmehr davon überzeugt, dass unsere Mitarbeiter bessere Leistungen erbringen und ambitioniertere Karriereziele entwickeln, wenn sie gleichzeitig den Bedürfnissen ihrer Familien angemessen nachgehen können“, sagt Harald Selzner, Managing Partner in der Kanzlei. Neben schon länger eingeführten Teilzeitmodellen bietet man Associates und Counsels daher für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf seit Juli dieses Jahres, zusätzlich zu der gesetzlichen Regelung, weltweit Anspruch auf 14 Wochen Familienzeit bei voller Bezahlung. Die Möglichkeit, die Arbeitszeiten flexibel den eigenen Bedürfnissen anzupassen, ist in Kanzleien keine Seltenheit mehr – trotz der oftmals zeitkritischen Projekte von den Mandanten. Fast alle Rechtsunternehmen betonen auf ihren Karriereseiten im Internet, dass sie sich mit harter Arbeit und Leidenschaft den Herausforderungen stellen. Doch gleichzeitig wurde erkannt, wie bei Latham & Watkins, wie wichtig das innere Gleichgewicht ihrer Anwälte ist, um die gewünschte Leistung zu erbringen. Je nachdem, welche Ziele verfolgt werden und in welchen Lebenssituationen die Anwälte stecken, bietet die Kanzlei Hengeler Müller ihren Angestellten eine Vielzahl von flexiblen Arbeitszeitmodellen an, wobei auch zwischen Teil- und Vollzeit flexibel gewechselt werden kann. Die Entwicklung des Karrierewegs und des Gehalts werde entsprechend angepasst, heißt es vonseiten der Kanzlei. Und: Das Angebot richtet sich an alle, unabhängig von Karrierestufe und Tätigkeitsbereich – Partner eingeschlossen. Gemeinsam finde man eine Lösung für die jeweiligen individuellen Lebensumstände, heißt es bei der in Köln ansässigen Rechtsanwaltsgesellschaft Luther. Neben flexiblen Arbeitszeitmodellen wird Mitarbeitern auf Wunsch auch ein Familienservice beratend zur Seite gestellt – kostenfrei. Dieser hilft bei Vermittlung von Personal zur Betreuung von älteren oder pflegebedürftigen Angehörigen oder für die Betreuung des Nachwuchses. Flexible Angebote gibt es also ausreichend. Wie und in welchem Umfang diese in Anspruch genommen werden, liegt bei jedem einzelnen – es darf entsprechend der eigenen Ziele und Bedürfnisse gewählt werden, sodass sich Privat- und Berufsleben gut miteinander verbinden lassen, auch wenn sie voneinander getrennt aufgefasst werden.

Schrift-Sätze

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SEHE ICH RECHT?

Cover Sehe ich Recht

Philipp Heinisch war 20 Jahre Anwalt in Berlin. Seit 1992 ist er freier Künstler und Karikaturist. In seinem karikaturistischen Bildband „Sehe ich Recht?“ beschäftigt er sich mit grundsätzlichen und elementaren Fragen im Zusammenleben – immerhin bewegt die Frage Juristinnen und Juristen ebenso wie Nicht-Juristen mehr oder weniger jeden Tag. Heinischs Werke sind Bild-Reflexionen über Recht und Gerechtigkeit, Juristen und Justiz. Ob mit Feder, Kohle oder Acryl – alles ist ihm recht. Philipp Heinisch: Sehe ich Recht? Schaltzeit Verlag 2018, 29,90 Euro.

ERRICHTUNG EINER „STIFTUNG FORUM RECHT“

Der Bundestag hat am 22. März 2019 einen Gesetzentwurf zur Errichtung einer „Stiftung Forum Recht“ angenommen. Aufgrund des Gesetzes wird eine selbstständige, bundesunmittelbare Stiftung mit Sitz in Karlsruhe geschaffen, die der Bevölkerung den Wert und die Bedeutung des Rechtsstaats verdeutlichen soll. Stiftungszweck soll sein, in einem auf Bürgerbeteiligung angelegten Kommunikations-, Informations- und Dokumentationsforum aktuelle Fragen von Recht und Rechtsstaat in Deutschland als Grundvoraussetzung einer funktionsfähigen und lebendigen Demokratie aufzugreifen und diese für alle gesellschaftlichen Gruppen in Ausstellungen und Aktivitäten vor Ort und im virtuellen Raum erfahrbar werden zu lassen. Weitere Infos unter: www.forum-recht-karlsruhe.de

JETZT ALS TASCHENBUCH: FORDERUNG

Cover ForderungSie wollten die Welt verändern, als sie ihr Jurastudium aufnahmen. Doch jetzt stehen Zola, Todd und Mark kurz vor dem Examen und müssen sich eingestehen, dass sie einem Betrug aufgesessen sind. Die private Hochschule, an der sie studieren, bietet eine derart mittelmäßige Ausbildung, dass die drei das Examen nicht schaffen werden. Doch ohne Abschluss wird es schwierig sein, einen gut bezahlten Job zu finden. Und ohne Job werden sie die Schulden, die sich für die Zahlung der horrenden Studiengebühren angehäuft haben, nicht begleichen können. Aber vielleicht gibt es einen Ausweg. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, nicht nur dem Schuldenberg zu entkommen, sondern auch die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Ein geniales Katz- und Mausspiel nimmt seinen Lauf – von keinem geringeren als John Grisham entworfen. John Grisham: Forderung. Heyne 2019, 10,99 Euro.

MITTELALTERLICHE LOCHGEFÄNGNISSE DER STADT NÜRNBERG

Die Lochgefängnisse in den Kellergewölben des Nürnberger Rathauses dienten seit dem 14. Jahrhundert zur Untersuchung und Verwahrung von Häftlingen bis zur Urteilsvollstreckung. Zwölf kleine Zellen und eine Folterkammer vermitteln ein bedrückendes Bild damaliger Gerichtsbarkeit. Auf Führungen kann man in diese Welt hinabsteigen, seit September 2018 führt ein Medienguide durch die mittelalterlichen Räume und berichtet anschaulich von früheren Zeiten. Weitere Informationen unter: http://museen.nuernberg.de/lochgefaengnisse

DAS RECHTSLEXIKON

Cover Das Rechtslexikon „Kompetenz im handlichen Format.“ Nichts Geringeres verspricht das Rechtslexikon zu sein. Erklärt werden darin wichtige Begriffe, Normen und Grundsätze, vor allem des deutschen und europäischen Rechts, knapp, zuverlässig, verständlich und auf dem aktuellen Stand. Grundlegende Fragen und Zusammenhänge werden in besonderen Überblicksartikeln erläutert. Querverweise machen auf verwandte Themen im Lexikon aufmerksam. Lennart Alexy, Andreas Fisahn, Susanne Hähnchen, Tobias Mushoff, Uwe Trepte: Das Rechtslexikon. Dietz 2019, 22 Euro.

FRAU RECHTSANWÄLTIN SINGT

Romy Graske ist Rechtsanwältin und Mitbegründerin von Graske Rechtsanwälte. Doch nicht nur das. Denn unter dem Namen „Frau Rechtsanwältin singt“ singt sie auch „über Fragen des Rechts und das Leben dahinter“, wie es auf ihrer Website heißt. Das tägliche Anwaltsleben bringe viele schöne, traurige und manchmal auch kuriose Geschichten hervor. Dies lasse einen schon einmal über das Leben im Ganzen sinnieren. Graske macht dies hin und wieder in Liedern. Zu hören sind diese beispielsweise auf Spotify unter: https://spoti.fi/2MjpyIX

KATERGERICHT

Cover Katergericht Zwei Todesfälle in zwei Tagen. Suizid oder Mord? Die Toten, ein verurteilter Mörder und sein Anwalt, hatten schon von Berufs wegen nicht nur Freunde. Bei den Ermittlungen kommt Kommissar Flott immer wieder sein Kater in die Quere. Die neugierige Spürnase hat ihre ganz eigenen Methoden und Motive, Nachforschungen anzustellen. Heike Wolpert: Katergericht. Gmeiner 2019, 12 Euro.    

LEITFADEN DER RECHTSGESCHICHTE

Cover Leitfaden der Rechtsgeschichte Der von Sibylle Hofer, Ordinaria für Rechtsgeschichte und Privatrecht am Institut für Rechtsgeschichte der Universität Bern, erstellte Leitfaden stellt zentrale Rechtstexte aus der Zeit vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts vor, wobei in geographischer Hinsicht ein Schwerpunkt auf dem Gebiet der heutigen Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz liegt. Diese Quellen bilden gleichzeitig die Basis für eine Gliederung der Rechtsgeschichte in Epochen. Für die einzelnen Epochen werden sodann Grundzüge der Rechtsordnung aufgezeigt. Dies geschieht an Hand von drei Aspekten: Die Möglichkeit von Privatpersonen, Verträge oder Eigentumsverfügungen vornehmen zu können; das Gerichtswesen sowie die Verfolgung von Straftaten. Bei der Ausgestaltung dieser Themenbereiche kommt die Ausbildung staatlicher Strukturen bzw. das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern zum Ausdruck. Sibylle Hofer: Leitfaden der Rechtsgeschichte. Utb 2019, 29,99 Euro.

WIE REICH DARF MAN SEIN?

Cover Wie reich darf man sein? Christian Neuhäuser ist Professor für Praktische Philosophie an der TU Dortmund; er beschäftigt sich vor allem mit Theorien der Würde und Verantwortlichkeit sowie der Philosophie der Ökonomie und der internationalen Beziehungen. Sein aktuelles Buch trägt den Titel: Wie reich darf man sein? Untertitel: Über Gier, Neid und Gerechtigkeit [Was bedeutet das alles?]. Der Band erhellt das Phänomen „Reichtum“ und gibt präzise Antworten auf die Fragen: Was ist Reichtum und wer gilt überhaupt als reich (oder superreich)? Ist Reichtum immer ungerecht? Spielen bei Kritik am Reichtum stets Gier und Neid eine Rolle? Und wie könnte ein gerechterer Umgang mit Reichtum aussehen? Christian Neuhäuser: Wie reich darf man sein? Reclam 2019, 6 Euro.

Das letzte Wort hat Susanne Nickel: Mixed-Leadership

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Susanne Nickel hat selbst Karriere gemacht. Erst im Angestelltenverhältnis, in verschiedenen Management- Positionen und später als eigene Unternehmerin. Und sie plädiert für die Quote. Warum und was ihr eigentliches Thema neben der Gleichberechtigung ist, erklärt sie im Interview. Die Fragen stellte Christoph Berger

Zur Person

Susanne Nickel, Foto: Jurga Graf
Susanne Nickel, Foto: Jurga Graf
Susanne Nickel ist Expertin für Change Management und innovative Leadership und war als Principal bei Kienbaum im Bereich Management Development tätig. Sie ist zudem Executive Coach, Rechtsanwältin und Management-Beraterin. Und sie zählt zu den Top-100-Speakern in Deutschland. Bekannt ist Nickel außerdem aus dem Fernsehen. Zu ihren Beratungsschwerpunkten zählen Change 4.0 und New Leadership auf dem Weg zu mehr Agilität. www.susannenickel.com
Frau Nickel, die Rechtsbranche ist, man muss vielleicht ein „noch“ hinzufügen, von Männern dominiert. Sie sind selbst Rechtsanwältin, was sind Ihre Erfahrungen bezüglich des Geschlechterverhältnisses? Bis zum Studienabschluss ist das Verhältnis von Frauen und Männern noch ziemlich ausgeglichen. Wenn es dann allerdings in Richtung Kanzleipartnerschaft oder zu höheren Führungspositionen geht, dann wird der Frauenanteil immer kleiner. Woran liegt das? Zum einen liegt es oft am Selbstzweifel der Frauen selbst. Damit stehen sie sich selbst im Weg. Frauen assoziieren mit dem Wort „Macht“ im Gegensatz zu Männern als erstes etwas Negatives. Frage ich in Seminaren hingegen: ‚Wollt ihr Macht, um zu gestalten?‘, dann erhalte ich ein ‚Ja‘ als Antwort. Zum anderen gibt es natürlich diese Old-Boys-Netzwerke, die sich gut halten. Es wird noch sehr lange dauern, bis diese überwunden sind. Und schließlich sind da weiterhin die sich hartnäckig haltenden Stereotype. Daher bin ich – mittlerweile – auch für die Quote. Haben Sie einen Vorschlag, wie sich dieser Selbstzweifel überwinden lässt? Jeder Mensch muss sich selbst hinterfragen, was er eigentlich wirklich möchte. Viele werden Anwälte oder Partner, um eine Familientradition fortzusetzen. Das ist kein eigenes Ziel. Wenn ich aber mein Ziel mit einem Augenleuchten gefunden habe, dann braucht es eine Strategie: Wo will ich in fünf Jahren stehen, welche Wege gibt es dorthin? Die Zweifel werden weniger, wenn ich im Flow bin und mein Selbstvertrauen aufbaue, dazu gibt es Übungen in meinem neuen Buch. Und es braucht natürlich Helfer. Das bedeutet: Wer in ein neues Unternehmen kommt, sollte aufmerksam beobachten und zuhören. Und dann filtern, wer einem auf dem Weg behilflich sein kein. Suchen Sie sich zum Beispiel eine Mentorin oder einen Mentor. Ohne Unterstützer wird das Erreichen des Ziels sehr schwierig. Und es geht darum, mit seinem Vorgesetzten eine gute Arbeitsebene zu finden. Unter Umständen verändert sich Ihr Ziel sogar auf dem Weg, wichtig ist aber vor allem das Loslaufen. Der Karriereweg kann aber auch durch private Ereignisse beeinflusst werden, zum Beispiel die Geburt eines Kindes. Kommt der berufliche Aufstieg damit zum Stillstand? Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, sich den richtigen Partner zu suchen. Und wenn ein Ziel weiterhin darin besteht, Karriere zu machen, dann lässt sich das organisieren. Das ist nicht einfach, aber möglich. Wichtig ist, mit sich im Einklang zu stehen. Ihre Einschätzung: Reagieren Kanzleien auf das Bedürfnis, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen? Ich darf das als Rechtsanwältin sagen: Aber ich finde Kanzleien oft als sehr beratungsresistent und der Old Economy verhaftet inklusive Weisung und Kontrolle. Allerdings wird es auch für sie schwierig, 50 Prozent der Absolventen und deren Bedürfnisse außer Acht zu lassen, sodass sie reagieren müssen. Schließlich steht bei Ihnen aber das Mixed-Leadership-Prinzip im Fokus? Ja, wir brauchen die Qualitäten aller Geschlechter. Klar braucht es die Ratio im Anwaltsberuf. Um aber Mandanten abzuholen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und innovativ zu arbeiten, braucht es kreative und empathische Eigenschaften. Somit müssen in den Geschäftsführungsebenen alle Fähigkeiten vertreten sein. Ebenso Männer und Frauen.
SuCover Gestatten Chefinsanne Nickel: Gestatten: Chefin. Haufe 2019, 9,95 Euro.

SGP Schneider Geiwitz & Partner

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Branche
Wirtschaftskanzlei

Produkte/Dienstleistungen
Mit den Sparten Wirtschaftsprüfung, Steuer- und Rechtsberatung, Corporate Finance, Immobilienverwaltung, Restrukturierung sowie Insolvenzverwaltung decken wir ein umfassendes Leistungsangebot für Unternehmen ab.

Anzahl der Standorte
23

Anzahl der MitarbeiterInnen
320 Mitarbeiter

Bedarf an HochschulabsolventInnen
Ca. 10

Gesuchte Fachrichtungen
Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften

Angebote für StudentInnen
Wir bieten vielfältige Einstiegsmöglichkeiten: Als Praktikant, Werkstudent oder Referendar haben Sie bereits frühzeitig die Möglichkeit mit uns in Kontakt zu treten und uns kennenzulernen.

Ansprechpartner
Bettina Algrim

Anschrift
Bahnhofstraße 41
89231 Neu-Ulm

Fon
0731/97018-324

E-Mail
bettina.algrim@schneidergeiwitz.de

Internet
www.schneidergeiwitz.de/karriere

KAEFER Deutschland Pro Services GmbH

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Branche
Bauindustrie

Produkte/Dienstleistungen
KAEFER Deutschland bietet technische Services aus einer Hand – in den Bereichen Isolierung, Zugangstechnik, Brandschutz und Innenausbau sowie Gebäudetechnik, Rückbau und Schiffsausbau. Über 1.900 Experten an rund 35 Standorten minimieren Ausfallzeiten, verlängern die Lebensdauer von Anlagen und sichern die Vermögenswerte ihrer Kunden. KAEFER Deutschland ist Teil der KAEFER-Gruppe mit weltweit über 33.000 Mitarbeitenden und 2,4 Mrd. Euro Jahresumsatz.

Anzahl der Standorte
35 Standorte

Anzahl der MitarbeiterInnen
Rund 1.900 in Deutschland, über 33.000 weltweit

Bedarf an HochschulabsolventInnen
30 pro Jahr

Gesuchte Fachrichtungen
Bauingenieurswesen, Architektur, Innenausbau, Wirtschaftswissenschaften, Betriebswirtschaft

Einsatzmöglichkeiten
Bauleitung, Projektleitung, LEAN Construction, BIM, Kalkulation, Arbeitsvorbereitung, Controlling, Technischer/Kaufmännischer Innendienst

Einstiegsprogramme
Praktikum, Ausbildung, Direkteinstieg

Mögliche Einstiegstermine
Ganzjährig nach Absprache

Auswahlverfahren
Teams-Interview und persönliches Gespräch

Einstiegsgehalt
Orientierung am Tarif des Bauhauptgewerbes

Auslandstätigkeit
Möglich, abhängig vom Unternehmensbereich

Angebote für StudentInnen
Praktika, Werkstudententätigkeiten, Abschlussarbeiten (Bachelor-/Master-Thesis)

Ansprechpartnerin
Annika Höpfner

Anschrift
Getreidestraße 3
28217 Bremen

Fon
0421 61090

E-Mail
karriere@kaefer.com

Internet
kaefer-deutschland.com
kaefer-deutschland.com/karriere/

KRIEGER + SCHRAMM Unternehmensgruppe ausgezeichnet

In der Kategorie kleine Unternehmen war die KRIEGER + SCHRAMM Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Dingelstädt/Eichsfeld herausragend und erhält den Ludwig-Erhard-Preis in Silber. Der Gründer und heutige geschäftsführende Gesellschafter Matthias Krieger hat als ehemaliger Leistungssportler die Mentalität und Zielorientierung aus dem Sport konsequent auf das Unternehmen übertragen – mit Erfolg. Durch die ausgeprägte Mitunternehmer-Kultur schafft es KRIEGER + SCHRAMM die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Ursprünglich bewegte sich das Unternehmen in einem Umfeld mit scharfem, preisgetriebenem Wettbewerb. Heute ist es ein klar positionierter Bauträger im Geschosswohnungsbau mit Hauptsitz in Dingelstädt/Thüringen sowie Niederlassungen in Frankfurt/Main, Kassel, München und Berlin, der die gesamte Wertschöpfungskette von der Grundstücksakquise, über die Planung, Bauausführung und Vertrieb bis weit über die Gewährleistungsphase hinaus abbildet. Zu den Hauptkunden zählen dabei vor allem private Selbstnutzer sowie Kapitalanleger. „Die klare strategische Ausrichtung hilft uns allen, unsere Vision nicht aus den Augen zu verlieren. Wir fokussieren uns ganz klar auf unsere Schlüsselziele, binden all unsere Mitunternehmer ein und arbeiten hart, aber mit Freude für die Erreichung. Das macht KRIEGER + SCHRAMM so besonders – ich bin stolz auf mein Team und freue mich auf die Zukunft.“, macht Matthias Krieger deutlich. Schlanke Prozesse in allen Bereichen sind der Anspruch und das Ziel. Vor allem bei den Bauprojekten ist die Lean-Construction-Methode unternehmensweit implementiert. Durch die strukturierte Taktplanung und Steuerung, die schlanke Projektabwicklung, die Visualisierung sowie die Regelkommunikation auf der Baustelle ist das Unternehmen in der Lage gemeinsam mit seinen Baupartnern und allen Beteiligten eine effiziente Ausführung zu gewährleisten. Und auch die innovative BIM Methodik (Building Information Modelling) wird maßgeblich vorangetrieben. „Es ist die Zukunft – wir haben bereits die Weichen gestellt und sind zuversichtlich dauerhaft eine führende Rolle in unserer Branche einzunehmen.“, ist sich Matthias Krieger sicher. Diese Innovation ist für alle Bereiche entlang des Wertschöpfungsprozesses relevant. KRIEGER + SCHRAMM hat in diesem Bereich umfangreiches Know-how aufgebaut und wird künftig weiter ausbauen, um sich weiterhin zukunftssicher aufzustellen.

Über den Preis

Der Ludwig-Erhard-Preis wird seit 1997 jährlich verliehen und würdigt ganzheitliche Managementleistungen deutscher Unternehmen und Institutionen – er ist der bedeutendste Qualitätspreis in Deutschland. Er würdigt ganzheitliche Managementleistungen deutscher Unternehmen und Institutionen.

karriereführer digital 2019.2020 – Auf dem Weg zur Mensch-Maschine-Intelligenz

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Auf dem Weg zur Mensch-Maschine-Intelligenz

Mittendrin in der digitalen Ära: Die Masse an Daten überfordert die Unternehmen, die Menschen verlangen hinsichtlich der künstlichen Intelligenz Ethik und Moral. Und es werden Fragen aufgeworfen: Was stellen wir mit künstlicher Intelligenz an? Und wie arbeiten wir mit ihr zusammen? Ein Blick auf die digitale Welt von heute, die sich jetzt dem stellen muss, was morgen kommt.

Auf dem Weg zur Mensch-Maschine-Intelligenz

Mittendrin in der digitalen Ära: Die Masse an Daten überfordert die Unternehmen, die Menschen verlangen hinsichtlich der künstlichen Intelligenz Ethik und Moral. Und es werden Fragen aufgeworfen: Was stellen wir mit künstlicher Intelligenz an? Und wie arbeiten wir mit ihr zusammen? Ein Blick auf die digitale Welt von heute, die sich jetzt dem stellen muss, was morgen kommt. Von André Boße

Dark Data – das klingt nach Informationen aus einer gefährlichen Schattenwelt, nach Unheil und Verbrechen. Doch haben diese dunklen Daten nichts mit dem Darknet zu tun: Als Dark Data bezeichnet man Daten, die Unternehmen helfen könnten, ihr Geschäft zu optimieren. Doch entweder wissen die Unternehmen nichts von deren Existenz, oder sie sind schlicht nicht in der Lage, diese Daten zu bergen, zu sichten, zu verarbeiten. Daher bleiben diese relevanten Informationen im Düsteren verborgen: Dark Data – eine verpasste Chance.

Dark Data: ungenutztes Potenzial

Der Daten-Dienstleister Splunk, ansässig im Silicon Valley bei San Francisco, hat Ende April die Ergebnisse einer Studie zum Thema Dark Data veröffentlicht. Die Autoren der Studie befragten dafür weltweit 1300 Verantwortliche in Unternehmen und kommen zu dem Schluss, dass den Führungskräften sehr wohl bewusst ist, dass die Nutzung aller vorhandenen Daten wertschöpfend ist. „Allerdings handelt es sich bei mehr als der Hälfte (55 Prozent) der gesamten Daten eines Unternehmens um Dark Data, von deren Existenz die Unternehmen entweder gar nichts wissen oder bei denen sie sich im Unklaren darüber sind, wie sie sie finden, aufbereiten, analysieren oder nutzen können.“
Die Unternehmen wissen, wie wichtig Daten sind. Sie wissen aber auch, dass sie längst nicht alle für ihre Organisation wichtigen Daten nutzen können.
76 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass sich im Wettbewerb „das Unternehmen mit der höchsten Datennutzung durchsetzen wird“. Sprich: Daten entscheiden über den geschäftlichen Erfolg. Andererseits gaben 60 Prozent der Befragten an, dass mehr als die Hälfte der Unternehmensdaten Dark Data sind, laut einem Drittel der Befragten sind sogar mehr als 75 Prozent der Unternehmensdaten Dark Data. Das Ergebnis ist bemerkenswert, weil es zeigt: Die Unternehmen wissen, wie wichtig Daten sind. Sie wissen aber auch, dass sie längst nicht alle für ihre Organisation wichtigen Daten nutzen können. Warum diese Schere? Auch hier gibt die Studie Auskunft: Nach den Gründen gefragt, weshalb so viele Daten im Dunkeln bleiben, nannten die meisten Befragten die schiere Masse der Daten, gefolgt von den Aspekten, dass in den Unternehmen das Know-how und die Ressourcen fehlen, um die Daten zu verarbeiten.

Daten-Experten helfen Unternehmen

Tim Tully ist Chief Digital Officer (CTO) bei Splunk und bringt Verständnis für diese Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis auf: „Es ist schwer, mit Daten zu arbeiten, weil das Volumen mit alarmierender Geschwindigkeit anwächst und das Strukturieren und Organisieren sich daher schwierig gestaltet. Daher fühlen sich Unternehmen in dieser chaotischen Landschaft leicht hilflos.“ Aus dem Ergebnis der Studie ergebe sich seiner Meinung nach eine große Chance für Data-Talente: „Motivierte Führungskräfte und Fachleute können die Ergebnisse ihres Arbeitgebers durch die Aneignung neuer Kompetenzen auf ein neues Niveau heben“, sagt Tully.
Keine Führungskraft älteren Semesters darf erwarten, dass junge Menschen das nötige Data-Know-how von sich aus mitbringen, nur weil sie einer anderen Generation angehören.
Interessant ist dabei eine weitere Zahl aus der Studie: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie sie sich für zu alt halte, um selbst neue Datenkompetenz zu erwerben. Gefragt ist folglich also die junge Generation: Von ihr erhoffen sich die Unternehmen, dass sie genügend Kompetenz mitbringt, um die Daten vom Dunkeln ins Helle zu bringen – um sie also nutzbar zu machen, damit die Unternehmen im Wettbewerb bestehen. Da dieses Know-how im Bereich Daten hochspeziell ist, sollten junge Talente darauf pochen, sich das Wissen mit Hilfe von Fort- und Weiterbildungen, aber auch durch die Teilnahme an Workshops oder Konferenzen anzueignen: Keine Führungskraft älteren Semesters darf erwarten, dass junge Menschen das nötige Data-Know-how von sich aus mitbringen, nur weil sie einer anderen Generation angehören.

Yogeshwar für „reflektierten Fortschritt“

Doch das Geschäft mit Daten besitzt nicht nur eine ökonomische Dimension: Wer an Big Data und die Nutzung der Informationen denkt, darf die Verantwortung nicht außen vorlassen. Je mehr offensichtlich wird, wie viele Geschäftsmodelle sich aus Mengen an Daten ableiten lassen, desto lauter werden Stimmen, die fordern, auch aus ethischer Sicht über diese Neugestaltung der Geschäftswelt nachzudenken. Eine dieser kriti-schen Stimmen ist Deutschlands bekanntester Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, von Hause aus ohne Zweifel ein Verfechter des Fortschritts und glühender Bewunderer von neuen Techniken, die helfen können, das Leben auf der Erde zu verbessern und die Welt mit Blick auf den Klimawandel vor weiteren Schäden zu schützen.

Trendstudie: Vier Thesen, wie KI die Welt verändert

Die Trendstudie des Zukunftsinstituts zur künstlichen Intelligenz nennt vier Thesen für einen von der KI angetriebenen Wandel. Erstens habe Europa die Chance, sich durch eine vernünftige KI-Ethik global von der Konkurrenz in den USA und China nachhaltig abzusetzen. Zweitens stehe KI für eine neue Business-Intelligenz, die verborgene Muster sichtbar macht und eine hyperpersonalisierte Kundenansprache ermöglicht. Drittens werde das Teamplay aus Mensch und Maschine die Unternehmenskulturen prägen und neu definieren. Viertens biete KI das Potenzial, eine bessere Gesellschaft zu gestalten, wobei die Unternehmen und ihre Mitarbeiter die Chance haben, selbst als nachhaltige Player aufzutreten. www.zukunftsinstitut.de
Bei einer Gastvorlesung im Rahmen der SWR Mediendozentur an der Uni Tübingen Mitte Mai 2019 warnte er aber auch davor, eine ungebremste Weiterentwicklung der Themen Big Data und Künstliche Intelligenz sei in der Lage, die solidarische „Wir-Gesellschaft“ in Frage zu stellen: Schon heute, dozierte Yogeshwar, sei es erkennbar, dass Smartphones regelmäßig Daten über ihre Nutzer sammeln. Keiner wisse, wofür sie das genau tun. Aber natürlich habe man eine Ahnung. Was aber, wenn Internetkonzerne wie Google oder Amazon als „Großdatenbesitzer“ nun auf die Idee kommen, in das Geschäft mit dem Verkauf von Krankenversicherungspolicen einzusteigen? Daten über den Lebenswandel ihrer Kunden und Nutzer besitzen sie schließlich genug – mit der Folge, dass sie für die Fitten günstige Tarife anbieten könnten. Aber was wird dann aus den Hilfebedürftigen und chronisch Kranken, die vom solidarischen Prinzip gestützt werden? Für Yogeshwar gefährden solche Szenarien die Demokratie, und immer dann, wenn eine solche Gefährdung erkennbar sei, müsse der Staat einschreiten und Regeln setzen. Einen „reflektierten Fortschritt“ nennt der Wissenschaftsjournalist sein Konzept: Neue Technik ja – aber nie blauäugig und ohne Blick auf mögliche Gefahren für die Gesellschaft.

Kommt der „Homo digitalis“?

Was die Gefahr betrifft, steht besonders ein digitales Thema im Fokus: die Künstliche Intelligenz. Die Zahl der Romane, die sich mit von einer KI verursachten Horrorszenarien beschäftigen, steigt und steigt, der Sachbuchmarkt zieht nach, häufig sind die Cover schwarz und die Botschaften beunruhigend. Toby Walsh, KI-Forscher an der Uni Sydney, hat sogar das Jahr errechnet, in dem es soweit sein werde, dass die künstliche Intelligenz uns Menschen ebenbürtig sein wird: 2062 werde es soweit sein, prognostiziert er. Dann beginne das Zeitalter, in dem wir als „verstehende Menschen“ (Homo sapiens) Schritt für Schritt den Raum freigeben, wie es vor uns schon die Neandertaler getan haben. „Unseren Platz wird der Homo digitalis einnehmen – die Weiterentwicklung der Familie Homo zu einer digitalen Form“, schreibt Walsh in seinem Buch. „Was wir tun und wie wir es tun, wird zunehmend und in einigen Fällen ausschließlich digital werden. Das menschliche Denken wird durch digitales Denken ersetzt werden. Und die menschliche Aktivität in der realen Welt wird durch digitale Aktivität in künstlichen und virtuellen Welten ersetzt werden. Das ist unsere künstlich intelligente Zukunft.“
Angebracht ist es, weder in einer Utopie noch einer Dystopie zu denken, sondern hier und jetzt den Wandel zu gestalten. Denn das ist und bleibt ein Fakt: Wir Menschen sind es, die diese Prozesse steuern.
Wie aber sieht die Gegenwart aus? Antworten gibt eine neue Trendstudie des Zukunftsinstituts, die sich unter dem Titel „Künstliche Intelligenz“ damit beschäftigt, wie sich diese Zukunftstechnologie schon heute produktiv nutzen lässt. Basis der Überlegungen der Autoren ist dabei die Annahme, die Künstliche Intelligenz sei derzeit der stärkste Treiber des Wandels: „Kognitive Maschinen schaffen eine neue Realität, in der wir zunehmend von Technologie beobachtet werden und mit ihr interagieren.“ Wobei die Ausmaße dieser Veränderung sowohl übersteigerte Erwartungen als auch Ängste nährten – was dazu führe, dass der Blick nicht klar auf die Themen gerichtet sei, die heute eigentlich auf der Agenda stehen müssten. Damit warnen die Autoren vom Zukunftsinstitut davor, sich heute zu sehr mit dem zu beschäftigen, was am Endpunkt der Transformation stehen könnte. Angebracht ist es, weder in einer Utopie noch einer Dystopie zu denken, sondern hier und jetzt den Wandel zu gestalten. Denn das ist und bleibt ein Fakt: Wir Menschen sind es, die diese Prozesse steuern.

Keine Buzzwords mehr, sondern schauen: Was geht?

Wie Unternehmen genau dies gelingt, erklärt die Trendstudie anhand einer kritisch-konstruktiven Perspektive, die dem von Ranga Yogeshwar geforderten „reflektierten Fortschritt“ ähnelt: Der Schlüssel liege in einem neuen, aufgeklärten Bewusstsein sowie einer zukunftsmutigen Haltung für die praktische Anwendung. „Entscheidend ist eine doppelte Optik: auf der einen Seite ein weiter, ganzheitlich-systemischer Blick auf das Big Picture des digitalen Wandels, dem KI einen völlig neuen Schub verleiht. Auf der anderen Seite eine mikroskopische Nahsicht auf die konkreten Potenziale, praktischen Anwendungsmöglichkeiten und unternehmenskulturellen Konsequenzen, die der Einsatz von KI mit sich bringt.“ Erst so entstehe in Unternehmen ein realistisches Verständnis dafür, was KI tatsächlich ist und kann – und welche KI-basierten Geschäftsmodelle tatsächlich sinnvoll sind. Kurz gesagt: KI muss endlich konkret werden. Denn: „Auf Unternehmensebene bedeutet ein konstruktiver Einsatz von KI vor allem: Abschied vom ‚Buzzword Talk’ und Hinwendung zu der Frage, was KI in organisationalen Kontexten konkret leisten kann – von automatisierten Prozessen und erhöhter Effizienz bis zu verbesserten Prognosen und hyperpersonalisierten Produkten und Services.“ Unternehmen müssten sich nur zwei Fragen stellen: Welche Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz gibt es? Und was macht bei uns wo Sinn? Denn zwar sei KI kein Werkzeug im herkömmlichen Sinn, aber doch weiterhin ein „Tool“, also ein Mittel zum Zweck – und damit die mögliche Lösung für ein konkretes Problem.

Mensch-Maschine-Umwelt entsteht

Verliert ein Unternehmen zu viel Zeit bei bestimmten Prozessen, die automatisierbar sind? Hier kann die KI die Lösung sein. Liegt ein neues Geschäftsfeld auf der Hand, weil die Nachfrage zu erkennen ist – fehlt es aber noch an einer Idee, das nötige Wissen dafür zu generieren? Auch hier kann die KI helfen. Hat sich ein Unternehmen für das „Tool“ KI entscheiden, muss es sich direkt einer Folgefrage stellen: Wie sollen die Mitarbeiter mit der intelligenten Maschine zusammenarbeiten? „In den Fokus rückt dabei das Thema Human Computation“, heißt es in der Trendstudie des Zukunftsinstituts. Es stelle sich die Frage, wie ein kooperatives Miteinander von Mensch und Maschine aussieht. „KI wird die menschliche Intelligenz nicht ersetzen. Aber sie kann sie komplementär und kreativ erweitern, etwa im Rahmen nichtautonomer Systeme, in denen Maschinen unterstützen, aber der Mensch final entscheidet.“ Diese Neugestaltung von Arbeit hin zu diesen „Mensch-plus-Maschine- Umwelten“ ermögliche und erfordere auch ein „Upgrade der menschlichen Intelligenz und Empathie“, wie die Studienautoren schreiben.

Die Zukunft der Arbeit? Das bin ich!

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bietet auf ihrer Homepage eine Micro-Site, die sich mit der Zukunft der Arbeit im Zeitalter der digitalen Transformation beschäftigt. Grafiken geben einen Einblick in Branchen und Berufsfelder, die besonders von der Automatisierung betroffen sind. Unter dem Motto „I am the Future of Work“ erzählen junge Talente aus Europa, was sie sich vom Wandel erhoffen und was sie befürchten. Zudem stehen auf der Micro-Site Studien zur Verfügung, in denen die Zukunft der Arbeit in der digitalen Ära beleuchtet wird. www.oecd.org/berlin/themen/zukunft-der-arbeit
Wenn man so will, gibt es neben der emotionalen Intelligenz – die schon heute ein bedeutsamer Soft Skill ist – die Notwendigkeit einer Mensch-Maschine-Intelligenz: Die Mitarbeiter müssen in der Lage sei, Verständnis für die Intelligenz der neuen KI-Kollegen zu erlangen sowie zu jeder Zeit erkennen können: Was kann diese Intelligenz leisten – und was nicht? Und wie kann die Maschine mir zuarbeiten, damit ich auf Basis ihrer intelligenten Arbeit noch kreativer sein kann, weil bislang blockierende Arbeitsschritte wegfallen?

Mehr denn je: Aufs Verstehen kommt es an

Toby Walsh sieht die Ära des „Homo digitalis“ kommen, aber vielleicht ist es gar nicht so sinnvoll, das Digitale so direkt an den Menschen anzudocken. Vielleicht ist es klüger, gerade jetzt Homo sapiens zu bleiben, also ein „verstehender Mensch“, der sich reflektiert und mit ethischem Background die Chancen nutzt, die eine künstliche Intelligenz uns bietet. Dazu gehört es für Unternehmen auch, Grenzen anzuerkennen für das, was erlaubt ist und was nicht. KI und Big Data sind für die Wirtschaft kein Freifahrtschein, um sich in Zukunft alles zu erlauben, nur weil es möglich ist. Gesucht werden daher auch in den Unternehmen Talente, die Chancen und Risiken erkennen. Die verstehen, dass die digitale Transformation ab jetzt nicht mehr ohne Ethik auskommt. Und die erkennen, dass alle digitalen Tools auch weiterhin einen Aus-Schalter besitzen.

Buchtipp

Ian McEwan, „Maschinen wie ich“ Wer genug von den Sachbüchern zum Thema Künstliche Intelligenz hat und auch der Thriller-Apokalypse von Frank Schätzings KI-Buch „Die Tyrannei des Schmetterlings“ wenig abgewinnen kann, sollte Ian McEwan eine Chance geben: Der britische Erfolgsautor hat mit „Maschinen wie ich“ einen Roman geschrieben, der zeigt, wie sich unsere Welt der Beziehungen verändern wird, wenn eine dritte Instanz in unser Leben kommt. Die heißt in diesem Buch Adam, ist ein Android – und bringt das frischverliebte Pärchen Miranda und Charlie in ethisch-moralische Konfliktsituationen, die auf uns zukommen werden. Ian McEwan: „Maschinen wie ich“. Diogenes 2019, 25 Euro (Amazon-Werbelink)

Dr. Nico Rose im Interview

Der „Sinnput-Geber“ Dr. Nico Rose gilt in Deutschland als führender Experte für Positive Psychologie in Organisationen. Seine These: Wenn es Unternehmen nicht gut geht, kommt häufig die psychologische Komponente zu kurz: Führung gelingt nicht, es herrschen Misstrauen und Angst. Das ist besonders dann ein Problem, wenn Organisationen vor der Herausforderung stehen, sich neu zu gestalten. Im Interview erzählt Nico Rose, wie die digitale Transformation mit Hilfe Positiver Psychologie gewinnen kann – und warum dabei der Sinn eine große Rolle spielt. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Dr. Nico Rose ist Diplom-Psychologe und promovierte an der EBS Business School in BWL. Zusätzlich hat er ein Master-Studium in angewandter Positiver Psychologie an der University of Pennsylvania abgeschlossen, wo er bei Martin Seligman lernte, Mitbegründer der Positiven Psychologie. Von 2011 bis 2018 arbeitete er im Stab des Personalvorstands der Bertelsmann-Gruppe, zuletzt als Vice President für das Employer Branding. Er spricht weltweit auf Firmenevents und Kongressen, für Unternehmen ist er im Bereich Team- und Organisationsentwicklung als Coach tätig. Seit April 2019 ist er Hochschullehrer für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management (ISM) in Dortmund. Er lebt mit seiner Familie in Hamm und ist leidenschaftlicher Fan von Heavy Metal-Musik.
Herr Dr. Rose, der Begriff der Transformation ist in aller Munde. Wie unterscheidet er sich eigentlich von Begriffen wie Reform oder Wandel? Transformation klingt vermutlich ein bisschen cooler als die anderen Begriffe. Reform wird als Begriff vor allem im Politikbetrieb verwendet, da haben viele Menschen negative Assoziationen. Und Wandel? Klingt ein wenig altbacken. Grundsätzlich werden aber wohl ähnliche Phänomene beschrieben. Transformation impliziert vielleicht etwas mehr Konstanz – sprich: Wandel nicht im Sinne eines abgegrenzten Prozesses, sondern als kontinuierliche Aufgabe. Mit Blick auf die digitale Transformation wird behauptet, diese Transformation sei unumgänglich, wer sie nicht mitmache, verliere den Anschluss. Das klingt alles sehr negativ, wäre es nicht besser, eine positive Sprache für diese Veränderungen zu finden? Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen sich gerne auf attraktive Ziele hinzubewegen. Die sogenannte digitale Transformation ist aber kein Ziel, sondern ein Prozess, ein Mittel zum Zweck. Wenn Unternehmenslenker merken, dass die Menschen bei der Transformation nicht mitziehen, dann liegt das meist daran, dass sie ständig über die „Reise“ sprechen, den Menschen aber nicht genug erläutern, was denn an der „Destination“ so attraktiv sein soll. Im Übrigen weiß man heute sehr gut, dass Schreckensszenarien nur bedingt als Motivation taugen. In den 70er und -80er-Jahren wurde noch die Ansicht vertreten, dass man als Change Manager eine „Burning Platform“ kreieren müsse, angelehnt an eine brennende Ölplattform, bei der die Menschen keine andere Wahl haben als zu springen – oder eben zu verbrennen. Heute weiß man es, zumindest in der Forschung, besser. Metaphorisch gesprochen: Die meisten Menschen verbrennen lieber, wenn sie keine wirklich attraktive Alternative wahrnehmen.
Die sogenannte digitale Transformation ist aber kein Ziel, sondern ein Prozess, ein Mittel zum Zweck.
Was genau bewirkt die digitale Transformation eigentlich in den Unternehmen? Wenn ich auf diese Frage eine allgemeingültige und einfache Antwort hätte, wäre ich reich. Das muss jede Organisation für sich selbst herausfinden. Die meisten Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass viele Prozesse im Marketing heute nicht mehr analog, sondern digital verlaufen. Am Ende des Tages kann die Digitalisierung jedoch Einfluss auf jeden Unternehmensprozess haben, vom Sourcing über Produktion und Logistik bis hin zu Marketing, Vertrieb und CRM. Genauso kann Digitalisierung die administrativen Prozesse eines Unternehmens betreffen, also zum Beispiel HR und Controlling. Es ist klar, dass bei knappen Ressourcen nicht alle Prozesse gleich schnell und gleich gut transformiert werden können. Aber darin liegt für mich gerade die Kunst guter Unternehmensführung: Prioritäten setzen, um die wichtigsten Dinge zuerst und mit voller Energie zu gestalten. Ganz konkret, wer leitet die digitale Transformation in den Unternehmen im Idealfall an? Auch hier gibt es keine allgemeingültige Antwort. In meiner Welt ist es die Aufgabe der Geschäftsleitung, den Mitarbeitern zu vermitteln, was der Sinn der Transformation ist. Platt gesagt: Warum sollte es die Kunden und die Welt an sich überhaupt kümmern, ob unser Unternehmen in zehn oder zwanzig Jahren noch existiert? „Damit unsere Aktionäre Geld verdienen!“ ist zwar eine relevante Antwort – aber auch eine, die den meisten Menschen unterhalb der Geschäftsführung herzlich egal sein dürfte. Darüber hinaus glaube ich aus persönlicher Erfahrung eher an dezentrale Entscheidungsprozesse. Das spricht tendenziell gegen den berühmt-berüchtigten Chief Digital Officer. Wandel funktioniert meines Erachtens am besten, wenn es gemeinsame übergreifende Ziele gibt – und gleichzeitig lokal entschieden wird, wie der beste Weg aussieht, um diese Ziele zu erreichen.
Für mich liegt gerade die Kunst guter Unternehmensführung darin: Prioritäten setzen, um die wichtigsten Dinge zuerst und mit voller Energie zu gestalten.
Sie sind ein Experte für Positive Psychologie in Organisationen. Was versteht man darunter? Um zu verstehen, womit sich die Positive Psychologie als wissenschaftliche Disziplin beschäftigt, hilft das Akronym PERMA: Hinter dem P verbirgt sich die Frage nach der Entstehung und dem Nutzen von positiven Emotionen wie Freude, Dankbarkeit oder Zufriedenheit. Das E steht für Engagement, also die Frage, unter welchen Umständen Menschen motiviert und leistungsbereit sind, auch über den Effekt extrinsischer Belohnung hinaus. Das R steht für Relationships, es geht also um den Aspekt, unter welchen Bedingungen Beziehungen gelingen, sei es im privaten oder im beruflichen Kontext. Das M steht für Meaning, hier werden die Bedingungen von Sinnerleben erforscht, im Leben allgemein, aber wiederum auch zum Beispiel im Bereich der Arbeit. Das A schließlich steht für Achievement, also die Frage, was Menschen dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen – es geht aber beispielweise auch um die Frage, was überhaupt gute, stimmige Ziele sind. Wie hilft Positive Psychologie bei Transformationen? Sie liefert ganz verschiedene Ansätze und Denkweisen, mit denen man Transformationsprozesse flüssiger und menschlicher gestalten kann. Das P daran erinnern, dass Angst kein guter „Treibstoff“ ist – zumindest, wenn es darum geht, Neuland zu explorieren. Unter dem E könnte man die Selbstbestimmungstheorie der Motivation zu Rate ziehen. Dann würde klar, dass von oben verordneter Wandel so gut wie immer zum Scheitern verurteilt ist. Menschen möchten sich als Autor ihrer eigenen Geschichte wahrnehmen, das geht nur über Partizipation. Für den Buchstaben R könnte man sich zum Beispiel den Aspekt der relationalen Energie anschauen, hier geht es um die Frage, wie Motivation durch menschlichen Kontakt gestärkt oder auch vermindert werden kann. Im Zeichen des M könnte man darauf blicken, welche Handlungen und Haltungen von Führungskräften dafür sorgen, dass Mitarbeiter ihre Arbeit – inklusive der Transformation – als sinnvoll empfinden. Kleiner Tipp: Digitales Wasser predigen und Wein trinken, hilft nicht weiter, kommt aber in der Praxis allzu oft vor. Unter dem A schließlich könnte man berücksichtigen, wie man Menschen dazu verhilft, gute Entscheidungen zu treffen und Transformationsprozessen positiv zu begegnen. Wie werden denn die Unternehmen am Ende der digitalen Transformation aussehen? Am Ende der digitalen Transformation stehen wir mit großer Wahrscheinlichkeit vor einer anderen neuen Art der Transformation, die uns heute noch nicht bewusst ist. Aber ich bin Optimist. Wenn es uns als Gesellschaft gelingt, die Stärken von Robotern und künstlicher Intelligenz klug einzusetzen, dann können wir damit viele Personen von „unmenschlicher“ Arbeit befreien – also Aufgaben, die eigentlich zu gefährlich, zu gleichförmig oder zu unterkomplex sind, als dass sie sinnvoll von Menschen ausgefüllt werden sollten. Wenn Einsen und Nullen uns solche Jobs abnehmen, dann bleiben für die Menschen jene Aufgaben, die wahre Kreativität erfordern und nicht bloß Imitation; echtes Verstehen benötigen und nicht bloß das Erkennen von Mustern; authentisches Mitgefühl verlangen, nicht bloß Beziehungsmanagement. In so einer Welt möchte ich gerne arbeiten.

„Arbeit besser machen“

In seinem neuen Buch erläutert Nico Rose Theorie und Anwendung der Positiven Psychologie in Organisationen. Im Kern geht es dabei um die Frage, wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter und Kollegen unterstützen können, die Arbeit im Unternehmen positiv zu erleben und zu bewerten. Rose beschreibt dabei nicht nur den Rahmen der Positiven Psychologie, sondern bietet auch zahlreiche Werkzeuge und berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als Führungskraft in einem großen Unternehmen. Nico Rose: Arbeit besser machen. 2019, Haufe Verlag, 39,95 Euro.(Amazon-Werbelink)

Digitaler Bau

Der Bau boomt. Und er verändert sich. Treiber für diese Veränderungen sind vor allem digitale Technologien. Von Christoph Berger

Das Bauwesen ist an sich schon eine Meisterin der Transformation. Die Bauindustrie baut, gestaltet und verändert damit Städte und Landschaften – ja, unsere gesamte Umgebung wird von ihr beeinflusst und ist einem ständigen Wandel unterworfen. Doch nun transformiert sich die Baubranche selbst. Es ist klar, dass sich Branchen weiterentwickeln, doch durch die Digitalisierung hat der Transformationsprozess nochmals einen ganz neuen Schub erhalten. Wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen auch, halten auch im Bauwesen digitale Technologien Einzug, die einerseits Prozesse verändern und zu Effizienzsteigerungen führen, andererseits aber auch Auswirkungen auf die Unternehmenskulturen und das Miteinander haben. Wirft man beispielsweise einen Blick in das Programm des diesjährigen Tags der Bauindustrie, wird schnell klar, wohin die Reise für das Bauwesen geht: Mit „[R]Evolution Bau 2030“ ist die Veranstaltung betitelt. Auf der Agenda stehen beispielsweise die Talk-Runden „Bauen 2030 – Prozesse und Kultur“ und „Digitalisierung im Bau – Maschine und Mensch“. Auch der Präsentation von Start-ups wird Raum geboten.

UniversalTypes – Bauprodukte und -materialien per Mausklick

buildingSMART International (bSI) und ProMaterial starten eine Initiative zur Weiterentwicklung der neuen Sprache „UniversalTypes“. UniversalTypes unterstützen den Verkauf von Bauprodukten und -materialien in Echtzeit und erleichtern so Online-Vertriebsprozesse zwischen Herstellern, Händlern und Käufern. http://bsdd.buildingsmart.org
Einer der Hauptreiber der Digitalisierung ist dabei die Methode Building Information Modeling, kurz BIM. Dabei geht es um die Erstellung eines digitalen Zwillings des jeweiligen Bauwerks in gleich mehreren Dimensionen. Neben dem 3-D-Modell können in der digitalisierten Version auch der Faktoren Zeit, Kosten sowie Lebenszyklusaspekte erfasst werden. Somit werden sämtliche Prozesse eines Bauvorhabens über Planung, Bau und Betrieb virtuell abgebildet, was bei den immer komplexer werdenden Bauvorhaben zu Transparenz, Zeit- und Kostensicherheit führt. Angetrieben und unterstützt wird die Entwicklung vom Bund, Ende 2015 hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) den „Stufenplan Digitales Planen und Bauen“ veröffentlicht, wonach bis Ende 2020 alle neu zu planenden Projekte im Zuständigkeitsbereich des BMVI nach einem konkret definierten Leistungsniveau mit der BIM-Methode geplant und gebaut werden sollen. Unternehmen, die sich um solche Aufträge bewerben, können also überhaupt nicht anders, als BIM anzuwenden. Wobei sich BIM, wie inzwischen erkannt, nicht nur für Großprojekte eignet. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass sich die Erstellung eines digitalen Zwillings auch für kleinere Projekte eignet. BIM ist aber längst nicht die einzige digitale Entwicklung, die in der Baubranche von sich reden macht. So erhielt beispielsweise die Technische Universität München für ein zusammen mit Partnern entwickeltes Fahrerleitsystem 4.0 den bauma Innovationspreis 2019 in der Kategorie Forschung/Wissenschaft. Mit diesem System werden Baumaschinenführer mit Holografien bei ihren Baustellentätigkeiten unterstützt. Virtuelle 3-D-Modelle und Daten aus verschiedenen Quellen überlagern dabei reale Objekte und die Umgebung. Die Bediener der Baumaschinen erhalten alle relevanten Informationen in ihrem Sichtfeld. Das ermöglicht mehr Übersicht und erleichtert Umsetzungen von Veränderungen im Bauprozess. Überhaupt kommt der Baustellenorganisation im Digitalisierungszeitalter eine ganz entscheidende Rolle zu.

BIM-Einsatz bei der HafenCity

In Hamburgs HafenCity entsteht mit der Entwicklung des südlichen Überseequartiers ein Bauprojekt mit gigantischen Ausmaßen. Für die reibungslose Umsetzung sind die Unibail-Rodamco-Westfield und Arcadis verantwortlich. Bei solch einem komplexen Bauvorhaben ist klar: BIM kommt zum Einsatz. www.arcadis.com/de/germany
Ein weiteres Beispiel: Das Bauunternehmen Wolff und Müller gab im März 2019 bekannt, eine digitale Lösung zu nutzen, um die gesamte Prozesskette des Transportbetons zu überwachen und zu dokumentieren. Die Lösung vernetzt alle Prozesse beginnend mit der Disposition und Herstellung des Transportbetons über den Transport zur Baustelle und die Übergabe bis zum Einbau in das Bauteil. So können alle Arbeitsschritte am Computer oder mobil per Tablet geplant, gesteuert und dokumentiert werden. Sämtliche Daten würden zentral verwaltet, alle Beteiligten seien auf dem gleichen Stand, was zu einer optimalen Betonqualität führe – entsprechend den jeweiligen Normen und Besonderheiten des Bauwerks, wie es vonseiten des Stuttgarter Unternehmens heißt. Bauwerksplanung und Bau, da bleibt schließlich noch der Betrieb. Hier zeigt das Lünendonk-Whitepaper „Digitalisierung: Fokus künstliche Intelligenz im Facility Management“ einige konkrete Anwendungen auf. Im Kern geht es darum, mithilfe der Sensorik Daten aus Gebäuden zu ziehen – etwa über die Präsenz von Menschen in Räumen, die Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Kohlendioxid, diese Daten miteinander zu vernetzen und eine künstliche Intelligenz daraus Erkenntnisse ziehen und Entscheidungen treffen zu lassen. Mithilfe der Sensoren sei außerdem eine vorausschauende Wartung der Gebäudetechnik möglich, schreiben die Studienautoren. Trotz des zunehmenden und konkreten Einsatzes digitaler Technologien in der Bau- und Immobilienbranche, befinden sich viele Projekte noch in der Test- und Pilotphase. Und dass längst noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, zeigt ein Blick auf den vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ausgerufenen Wettbewerb „Künstliche Intelligenz als Treiber für volkswirtschaftlich relevante Ökosysteme“. Um eine Förderung haben sich dabei auch drei Konsortien aus der Bauwirtschaft beworben: „KI meets BIM – Künstliche Intelligenz im Bauwesen“, „Planning Cloud“ sowie „SDaC – Smart Design and Construction“. Bei erstgenanntem geht es zum Beispiel um die Fragestellung, wie künstliche Intelligenz helfen kann, Bauwerke schneller und günstiger fertigzustellen. Erforscht werden soll dabei unter anderem, wie Muster, Regeln und Optimierungen aus vorhandenen Projekten in der Entwurfsphase verwendet werden können, um Architekturentwürfe automatisch zu erstellen. Oder in der Ablaufplanung: Wie kann künstliche Intelligenz helfen, eine möglichst effiziente und somit kurze und günstige Bauausführung auf der Baustelle zu planen? Ebenso werden mögliche KI-Einsatzszenarien für die Steuerung der Abläufe auf der Baustelle und die Nutzungsphase von fertigen Gebäuden untersucht. In anderen Projekten wird der Einsatz von Robotern auf Baustellen oder 3-D-Drucktechnologien untersucht. Es tut sich also sehr viel, in sämtlichen Sparten: Der Bau wird digital.

BIM bei DEGES

Die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (DEGES) präsentiert auf ihrer Website ihre BIM-Pilotprojekte: https://bit.ly/2XCh7KY

Der Einsatz von Baurobotern

In Kooperation mit Fastbrick Robotics Limited arbeitet die Wienerberger Gruppe an einer innovativen Lösung zur Zukunft des Bauens. Fastbrick Robotics Limited hat sich auf die Entwicklung von Baurobotern für Ziegelmauerwerk spezialisiert.„Dazu entwickeln und erproben wir derzeit Ziegel, die speziell für den Bauroboter Hadrian X von Fastbrick optimiert sind“, sagt Jürgen Habenbacher, Sprecher der Geschäftsführung der Wienerberger Deutschland GmbH.