Der demografische Wandel und die Einbindung von KI-Modellen verlangen von den Kanzleien, bei der Organisation der Arbeit neu zu denken. Es entstehen die Job-Profile Legal Connector und Legal Engineer: Brückenbauer zwischen Technologie und Anwaltschaft, ausgestattet mit juristischer Expertise, KI-Know-how und einigen Fähigkeiten mehr. Ein Essay von André Boße
Wenn die Welt komplexer wird – und wer würde dies bestreiten –, dann zieht das Recht nach und legt ebenfalls an Komplexität zu. Was logisch ist, denn es hat ja die Aufgabe, Komplexität zu regulieren. Die neue Studie „Legal Market Economics“, erstellt vom Bucerius Legal Innovation Hub, hat die wachsende Komplexität quantifiziert.
Die dreistufige Zunahme der Rechtskomplexität
Demnach sei im Zeitraum zwischen 2010 und 2024 die Anzahl deutscher Gesetze und Rechtsverordnungen um 7,4 Prozent gestiegen, die Anzahl der Einzelnormen um 22,6 Prozent. Die Analyse des Volumen von Gesetzes- und Verordnungstexten zeige sogar einen Anstieg um 31,1 Prozent. „Die Komplexitätszunahme ist damit dreistufig“, schreiben die Studien-Autor:innen, „nicht nur steigt die Anzahl an Gesetzen und Verordnungen, sondern die Rechtstexte enthalten überproportional mehr Normen und nochmals überproportional mehr Textumfang, was die Komplexität neben qualitativen Aspekten – wie dem Einfluss des europäischen Rechts und Gesetzesregelungstechniken – weiter erhöht.“
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Kanzlei-Organisation der Zukunft
Die Autor:innen der Studie „Legal Market Economics“ visualisieren die Organisation einer Kanzlei der nahen Zukunft in Form einer spitz nach oben zulaufenden Pyramide. Oben an der Spitze stehen Anwälte, die Partner sind. Darunter die Seniors, auch sie in der Mehrheit Anwälte. Darunter wiederum Juniors, mit ebenfalls Anwälten, in der Mehrzahl aber Legal Connectors und Legal Tech-Spezialist:innen. Die Prognose ist, dass das Dreieck in Zukunft breiter wird, also der Anteil an Legal Connectors und Legal Tech-Verantwortlichen steigt. Die Organisations-Pyramide der Kanzleien wird also breiter.
Um mit dieser steigenden Komplexität umzugehen, benötigt der Rechtsmarkt Innovationen. Es gibt sie, in Gestalt von Legal-Tech-Anwendungen: KI-Tools helfen in Kanzleien dabei, die Menge an Verordnungen und Texten zu verarbeiten. Gut angewendet, ist die KI ein Werkzeug, um in komplexen Feldern effizient zu arbeiten. Es ist jedoch ein Trugschluss, zu glauben, die KI-Modelle machten sich selbstständig an die Arbeit. Auch im Recht kommt es darauf an, eine neue Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu entwickeln, hier konkret zwischen Anwalt und Legal-Tech-Anwendung.
Junge bringen KI-Erfahrung mit
Es ist zwar nicht gesagt, dass jeder junge Mensch eine hohe Digital- und KI-Affinität besitzt, während ältere Personen sich mit der Anwendung per se schwertun. Es lassen sich in jeder Kanzlei und jeder Rechtsabteilung Beispiele finden, bei denen es genau andersherum ist. Dennoch: Dass die junge Generation der Digital Natives bei der Arbeit mit digitalen Techniken einen Vorteil hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Wer bereits mit digitalen Techniken und KI-Methoden aufwächst, mit ihnen schon in der Schule und an der Universität gearbeitet hat, der tut sich in der Regel leichter, sie auch im beruflichen Umfeld anzuwenden.
Überalterung der Anwaltschaft
Insofern stellt eine weitere Entwicklung den deutschen Rechtsmarkt vor eine Herausforderung. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass sich der Altersdurchschnitt in den Kanzleien verändert: Die Anwaltschaft wird immer älter. Das war bis ins Jahr 2002 übrigens noch anders, wie es in der Studie des Bucerius Legal Innovation Hub heißt: Bis dahin war das Durchschnittsalter der Anwaltschaft rückläufig gewesen und hat 2002 mit 43,9 Jahren einen historischen Tiefstand erreicht. Dann folgte die Wende: Seitdem steigt der Altersdurchschnitt beständig an, stellt die Studie fest. „Im Jahr 2024 wurde mit einem Durchschnittsalter von 52,1 Jahren ein historischer Höchstwert erreicht.“
Kanzlei-Belegschaften werden älter
Laut Studie gehe die Tendenz dahin, dass der Altersdurchschnitt nicht nur weiterwachse, sondern die Kanzleien sogar Probleme bekommen, die personellen Lücken zu füllen, die entstehen, wenn die ältere Generation in den Ruhestand geht:
„Geht man von einem durchschnittlichen Ruhestandsalter von 65 Jahren aus, werden rund 47 Prozent – und damit nahezu die Hälfte – der derzeitigen Anwaltschaft dieses Alter innerhalb der nächsten 15 Jahre erreichen“, heißt es in der Untersuchung. Bis 2029 betrifft dies bereits etwa 17,5 Prozent der Kanzlei-Belegschaft. Weiter schreiben die Studien-Autor:innen: „Ob diese zu erwartenden verstärkten Altersabgänge durch entsprechende Zugänge zur Anwaltschaft kompensiert werden können, erscheint fraglich. Angesichts stagnierender beziehungsweise rückläufiger Zahlen der Studienanfänger:innen weist die Entwicklung vielmehr in die entgegengesetzte Richtung.“
Eigentlich eine gute Nachricht für den Nachwuchs, denn er wird ja dann mehr denn je gefragt sein, oder? Die Antwort lautet: Ja, aber…
Die KI wird die für Aufgaben wie juristische Recherche, Dokumentenerstellung und Vertragsprüfung benötigte Zeit erheblich verkürzen.
Die Kanzleien wissen natürlich um das Problem und steuern proaktiv gegen. Zum Beispiel, indem sie KI-Modelle als Effizienz-Booster einsetzen, um somit die notwendige Arbeitslast pro Mandat zu senken. Der Benchmarkt-Bericht 2026 des Informationsdienstleisters Wolters Kluwer besagt, dass 58,6 Prozent der befragten Kanzleien die „Automatisierung administrativer Aufgaben als Schlüsselstrategie priorisieren, um Zeit für wertvolle, mandantenorientierte Arbeit freizusetzen“. Entsprechend investieren die Kanzleien in die Digitalisierung, laut Benchmark-Studie ist die Technologie die
„Kernstrategie für Kostenmanagement und Modernisierung“. 60,7 Prozent geben an, Automatisierung zur Kostenkontrolle zu nutzen. 90,5 Prozent der Befragten erwarten steigende Ausgaben für Legal Tech in den nächsten drei Jahren, 46,5 Prozent haben kürzlich neue juristische Technologien als zentrale Wachstumsstrategie eingeführt, 41,4 Prozent haben die Optimierung interner Prozesse priorisiert, um die Produktivität zu steigern.
Brückenbauer an der Schnittstelle: Die Rolle der Legal Engineers
Investiert wird also in die Technik, weniger ins Personal. „Die KI wird die für Aufgaben wie juristische Recherche, Dokumentenerstellung und Vertragsprüfung benötigte Zeit erheblich verkürzen und es Anwält:innen ermöglichen, sich stärker auf strategisches Denken und die Interaktion mit ihren Mandant:innen zu konzentrieren“, wird Ruud Helmes, Director Product Management Kleos, Wolters Kluwer Legal Software, im Benchmark-Report zitiert.
Was folgt daraus mit Blick auf die junge Generation? Wird ihr Fehlen in einer KI-optimierten Kanzlei-Landschaft überhaupt auffallen? Besteht die Kanzlei der Zukunft aus einer älteren und erfahrenen Anwaltschaft und KI-Modellen, die fleißig und zunehmend autonom die Hilfsarbeit leisten?
Ohne Personal-Investitionen droht ein Gap
Wohl kaum. Die Rechtsmarktexperten vom Bucerius Legal Innovation Hub identifizieren schon jetzt einen „Leistungsgap“ auf dem Rechtsmarkt: Immer weniger Anwält:innen müssen mit immer mehr Gesetzen und Verordnungen fertig werden. Die Komplexität steigt, die Zahl der Anwartschaften stagniert, geht perspektivisch sogar zurück. Technologische Innovationen sind ein Weg, um diesen Leistungsgap zu überbrücken. Sie sind aber nur ein Teil der Lösung. Der andere ist laut Bucerius-Studie eine neue Arbeitsteilung in Kanzleien. Und hier kommen wieder die Menschen ins Spiel, die im Rechtssystem neue Job-Profile übernehmen werden.
Wo ein Graben entsteht, wird jemand gebraucht, der eine Brücke baut. In den Kanzleien entwickelt sich die neuen Job-Profile der Legal Engineers und Legal Connectors.
Wo ein Graben entsteht, wird jemand gebraucht, der eine Brücke baut. In den Kanzleien entwickelt sich die neuen Job-Profile der Legal Engineers und Legal Connectors. Diese Personen haben den Auftrag, Expertise zusammenzuführen. Legal Engineers oder Legal Connectors sind also auf einer Schnittstelle tätig, wobei es ihre Aufgabe ist, dass aus dieser Schnittstelle eben kein Gap wird.
Neue Karrierewege neben der Anwaltschaft
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Kampf um Mandanten
Dass der Rechtsmarkt ein Peoples Business ist und bleiben wird, zeigt ein Ergebnis des Benchmark Reports 2026 von Wolters Kluwer. Ein zentrales Ergebnis der europaweiten Untersuchung ist, dass 70 Prozent der Befragten Kanzleien das Gewinnen und Binden von Mandaten als ihr Hauptanliegen benennen. Entscheidend, damit dies gelingt, seien Vertrauensaufbau, transparente Kommunikation sowie konstante Servicequalität. Besonders deutsche Kanzleien legten dabei den Schwerpunkt neben Marketing-Maßnahmen wie Loyalitätsprogrammen auf „personalisierte Kommunikation“.
Noch sind die Rollen von Legal Engineers oder Legal Connectors nicht klar definiert, es handelt sich um informelle Profile. In ihrer Studienarbeit „Die verborgenen Strukturen: Wie wachsende Komplexität das Rechtssystem prägt“ für die Legal-Tech-Initiative recode.law beschreiben Lena Sigel, Nico Volkmer und Valentin Schmidt Legal Engineers als „Experten, die an der Schnittstelle zwischen Recht und Technologie“ tätig sind: „Sie besitzen sowohl juristisches als auch technisches Wissen und entwickeln Lösungen, um juristische Prozesse zu automatisieren und effizienter zu gestalten. Dabei kommen Algorithmen, KI-basierte Programme und spezielle Software zum Einsatz. „Diese technischen Hilfsmittel erleichtern es, komplexe juristische Aufgaben zu bewältigen, und ermöglichen eine schnellere und genauere Bearbeitung rechtlicher Angelegenheiten.“ Ihr Benefit für die Kanzleien: „Legal Engineers helfen dabei, den Überblick zu bewahren und rechtliche Risiken zu minimieren. Mit ihrer Arbeit tragen sie dazu bei, das Rechtssystem zukunftsfähig zu machen und die Qualität der rechtlichen Dienstleistungen zu verbessern.“
Die Branchenexpert:innen vom Bucerius Legal Innovation Hub geben auch den Legal Connectors eine interdisziplinäre Schnittstellenrolle zwischen Technologie und juristischen Fachwissen. Aber auch soziale Kompetenzen und betriebswirtschaftliches Wissen gehören hier mit zum Profil. Die Connector-Rolle wird hier also weiter gefasst. Was die Befragung von Kanzleien im Rahmen der Studie „Legal Market Economics“ zeigt: Es gibt in vielen Kanzleien bereits Mitarbeitende, die mehr oder weniger dieses Profil erfüllen oder zumindest mit erfüllen. „Legal Connectors entstehen bislang jedoch meist zufällig – aus individuellem Interesse, Zusatzqualifikationen oder ‚Learning by Doing‘, nicht aus einer systematisch verankerten Ausbildungsstrategie.“ Dies müsse sich ändern, fordern die Studien-Autor:innen. „Wenn Legal Connectors strukturell zum modernen Rechtsmarkt gehören, dürfen sie nicht als Nebenprodukt juristischer Spezialisierung entstehen, sondern müssen als eigenständiger Entwicklungs- und Karrierepfad curricular mitgedacht werden.“
Das könnte bedeuten, dass sich Studierende im Studium „gegen das klassische Staatsexamen und für eine interdisziplinäre Profilbildung entscheiden“. Schlimm ist das nicht, denn wenn sich der Rechtsmarkt pluralisiert, muss die Ausbildung das auch tun. Und die Weiterbildung in den Kanzleien ebenfalls.