Elisa Hoven ist Juristin aus Leidenschaft. Als Professorin forscht und vermittelt sie Strafrecht, am Sächsischen Verfassungsgerichtshof ist sie als Richterin tätig. Zudem schreibt sie Bestseller: fiktive Geschichten aus den Grenzgebieten des Rechts sowie ein Sachbuch über die Bedrohung der Wahrheit in Zeiten von KI und Populismus. Im Gespräch definiert sie, warum es auf die junge Generation ankommt, wenn es darum geht, das Recht an den digitalen Wandel anzupassen. Die Fragen stellte André Boße
Zur Person
Prof. Dr. Elisa Hoven (geboren 1982), Professorin für deutsches und ausländisches Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschafts- und Medienstrafrecht, studierte Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin, der Universität Nijmegen und in Cambridge und war Gastwissenschaftlerin in Berkeley, Cambridge, Phnom Penh, Harvard, Basel, Los Angeles und Sydney. Ihr Referendariat absolvierte sie in Berlin und am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Für ihre Habilitationsschrift zur Auslandsbestechung erhielt sie den Habilitationspreis der Universität Erlangen-Nürnberg, für ihre Promotion im Völkerstrafrecht den Dissertationspreis der FU Berlin. Seit Juni 2020 ist sie Richterin am Verfassungsgerichtshof des Freistaates Sachsen.
Frau Hoven, Sie haben für eine Geschichte ein perfektes Verbrechen entwickelt. Was sind die (mehr oder weniger) geheimen Zutaten eines solchen?
In Kriminalromanen gibt es viele Wege, ein – annähernd – perfektes Verbrechen zu entwerfen. Ein scheinbar fehlendes Motiv, keine erkennbare Verbindung zwischen Täter und Opfer oder eine plausible alternative Erklärung für das Geschehen. In meinem Roman nutze ich natürlich vor allem die Möglichkeiten des Rechts. Denn manchmal muss sich der Täter nur geschickt einlassen, um einer Strafbarkeit zu entgehen…
Wie betrachten Sie als Juristin und Richterin den Begriff der Wahrheit? Ist sie ein beruflicher Sehnsuchtsort? Oder die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens?
Beides! Für die Justiz ist Wahrheit ein wichtiges Ziel. Das Urteil ist eine Annäherung an die Wirklichkeit, der Versuch, ein verlässliches Bild des Geschehenen zu zeichnen. Auf der Grundlage von Spuren und Zeugenaussagen eine Entscheidung zu treffen, verlangt von Richterinnen und Richtern Überzeugungskraft, aber auch Demut: Man muss urteilen – und zugleich wissen, dass man sich irren kann. Auch eine demokratische Gesellschaft braucht ein Mindestmaß an gemeinsam anerkannter Wirklichkeit. Über Bewertungen, politische Ziele und moralische Fragen dürfen und sollen wir streiten. Wenn aber Tatsachen nur noch als beliebige Perspektiven gelten, verliert dieser Streit seine Grundlage. Wahrheit ist daher vielleicht tatsächlich ein Sehnsuchtsort: Wir dürfen nicht aufhören, ernsthaft nach ihr zu suchen.
Wahrheit ist … ein Sehnsuchtsort: Wir dürfen nicht aufhören, ernsthaft nach ihr zu suchen.
Ihr Buch „Das Ende der Wahrheit?“ liest sich wie eine Warnung, hinter dem Titel steht aber noch ein Fragezeichen. Welche jüngsten Ereignisse stimmen Sie pessimistisch, welche optimistisch?
Die zunehmende Professionalisierung politischer Desinformation. Die jüngsten Berichte über gezielte russische Kampagnen im Vorfeld deutscher Landtagswahlen zeigen, wie systematisch falsche Meldungen erzeugt und vermeintlich seriösen Medien zugeschrieben werden können. Durch Künstliche Intelligenz wird es dabei immer leichter, überzeugende Texte, Bilder und Videos zu manipulieren. Die Gefahr besteht dann nicht nur darin, dass Menschen Falsches glauben, sondern auch darin, dass sie das Vertrauen in verlässliche Informationen insgesamt verlieren. Zuversichtlich stimmt mich, dass Politik und Gesellschaft zunehmend reagieren. Die europäischen Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte sind zum Beispiel ein wichtiger Schritt. Oder die geplante Strafbarkeit für sexualbezogene Deepfakes. Auch Medien, Wissenschaft und Zivilgesellschaft adressieren die Probleme von Fake News und Deepfakes immer öfter.
Welche Rolle muss das Recht spielen, wenn es darum geht, die Wahrheit zu schützen?
Die Aufgabe des Rechts besteht vor allem darin, die Bedingungen zu schützen, unter denen sich Wahrheit bilden kann: freie Medien, unabhängige Wissenschaft, transparente staatliche Verfahren und ein offener gesellschaftlicher Diskurs. Zugleich muss es dort Grenzen setzen, wo bewusst verbreitete Falschinformationen konkrete Schäden verursachen oder demokratische Prozesse manipulieren. Dazu gehören klare Verantwortlichkeiten für Plattformen und Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte. Und in eng umgrenzten Fällen auch strafrechtliche Verbote. Leicht darf man es sich dabei aber trotz aller Risiken von Desinformationen nicht machen, da wir sonst schnell Gefahr laufen, Meinungsfreiheit einzuschränken.
Welche Rolle spielt für Sie konkret die junge Generation der Juristinnen und Juristen, die mit Themen wie Digitalisierung und KI aufgewachsen sind?
Die junge Generation wird wesentlich darüber mitentscheiden, wie unsere Rechtsordnung auf den digitalen Wandel reagiert. Sie bringt ein besseres Verständnis dafür mit, wie Plattformen, Algorithmen und künstliche Intelligenz Kommunikation verändern. Diese technische Vertrautheit muss sie mit den Grundprinzipien des Rechts verbinden. Gefragt sind daher Juristinnen und Juristen, die neue Risiken früh erkennen und technisch wie rechtlich sinnvolle Lösungen entwickeln. Dabei ist es von Nutzen, dass die meisten jungen Menschen technischen Entwicklungen erst einmal aufgeschlossen gegenüberstehen. Sie müssen aber kritisch bleiben und durch umsichtige rechtliche Regelungen beides ermöglichen: notwendige Innovation und gesellschaftliche Verantwortlichkeit.
Goethe, Kafka, von Schirach… die Erblinie von schriftstellerisch sehr erfolgreichen Juristen ist lang und bedeutsam. Sie sind Teil davon. Was macht eine Juristin/einen Juristen potenziell zu einer guten Geschichtenerzählerin?
Juristinnen und Juristen sind darin geschult, eine unübersichtliche Wirklichkeit zu ordnen: Konflikte zu erkennen, Perspektiven zu wechseln und aus vielen Einzelheiten ein größeres Bild zu zeichnen. Gerade Strafrechtsfälle enthalten oft bereits den Kern einer spannenden Geschichte – Grenzverletzungen, Tragödien und interessante Motive. Die Fähigkeit, rechtliche Aspekte sprachlich gut darstellen zu können, ist übrigens auch im Berufsalltag wichtig. Als Juristinnen und Juristen müssen wir einen Sachverhalt verständlich und schlüssig erklären – das ist zunehmend auch gegenüber der Öffentlichkeit wichtig, um Akzeptanz für das Recht zu sichern.
Als Richterin darf ich meine persönlichen Vorstellungen vom richtigen Leben nicht zum Maßstab einer Entscheidung machen.
Ihr Krimi „Feine Risse“ handelt von den Momenten, wenn die Moral in kaum gekanntem Maß auf die Probe gestellt wird. Wie moralisch betrachten Sie Ihren Beruf als Juristin und Richterin, gerade auch Ihre Tätigkeit am Verfassungsgerichtshof?
Gerade Strafgesetze sind immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Werteentscheidungen – und damit von Moral. Bei deren Anwendung dürfen moralische Überzeugungen allerdings keine Rolle spielen: Als Richterin darf ich meine persönlichen Vorstellungen vom richtigen Leben nicht zum Maßstab einer Entscheidung machen.
Am Verfassungsgerichtshof wird das besonders deutlich. Seine Aufgabe besteht nicht darin, eine bestimmte Moral durchzusetzen, sondern die Voraussetzungen dafür zu sichern, dass unterschiedliche Überzeugungen in einer freiheitlichen Gesellschaft nebeneinander bestehen können. Das verlangt nach Unabhängigkeit, Zurückhaltung und der Bereitschaft, auch die eigene Position immer wieder infrage zu stellen. Hier besorgt es mich, dass wichtige rechtliche Prinzipien manchmal zu leichtfertig beiseite geschoben werden, wenn es um das moralisch „richtige“ Ziel geht. Gerade hier müssen Juristinnen und Juristen sehr vorsichtig sein und ihre Maßstäbe hochhalten.
Sie sind nun wirklich das Parade beispiel einer Leib-und-Magen-Juristin, die diesen Beruf mit enorm viel Leben füllt. Was waren in Ihrer Karriere wichtige Schritte und Entscheidungen, damit das gelingt?
Mir war schon früh klar, dass ich gerne in die Wissenschaft gehen möchte. Ich habe dann recht konsequent darauf hingearbeitet, mir eine Stelle an einem Lehrstuhl gesucht, zusätzliche Seminare besucht und Aufsätze geschrieben. Sehr wichtig waren für mich dann meine Forschungsaufenthalte im Ausland. Sie haben mir ganz neue Perspektiven auf das deutsche Recht ermöglicht und mir gezeigt, wie wenig wirklich „alternativlos“ ist und wie wunderbar man über Recht und Gesetze streiten kann. Als Wissenschaftlerin war es mir dann wichtig, rechtspolitische Debatten mitzugestalten und mich auch in den Medien zu äußern – obwohl das manchmal anstrengend sein kann. Das literarische Schreiben empfinde ich jetzt als eine spannende neue Herausforderung, als eine Möglichkeit, die Geschichten hinter den juristischen Fällen zu sehen. Und das ist ja das Schöne an der juristischen Ausbildung: Sie gibt so viele interessante Möglichkeiten und so viele Chancen, neue Wege einzuschlagen.
Zu den Büchern
Neben ihrer Tätigkeit als Jura-Professorin und Richterin ist Elisa Hoven auch als Autorin und Schriftstellerin tätig. Sie schreibt regelmäßig juristische Gastbeiträge für die ZEIT, die Welt oder die FAZ. Als Schriftstellerin konfrontiert sie ihre Heldin, die Strafverteidigerin Eva Herbergen, in den Büchern „Dunkle Momente“ (2025) und „Feine Risse“ (2026) mit Fällen an der Grenze zwischen Recht und Gerechtigkeit, Moral und Verbrechen. In ihrem Sachbuch „Das Ende der Wahrheit?“ behandelt sie, wie digitale Technologien wie Social Bots oder Deep Fakes, aber auch Täuschungen durch Medien und Politik zunehmend das Vertrauen in die demokratischen Institutionen erschüttern. Dabei zeigt sie nicht nur die Gefahren, sondern auch, was man dagegen unternehmen kann.


