StartIngenieureArbeitsforscherin Dr. Bettina-Johanna Krings

Arbeitsforscherin Dr. Bettina-Johanna Krings

Die Lage scheint paradox: Technische Unternehmen bauen Stellen ab, dennoch gelten Ingenieur*innen weiterhin als gefragt. Auf was für eine Arbeitswelt trifft der Nachwuchs?Ersetzt die künstliche Intelligenz Jobs – oder schafft sie neue? Dr. Bettina-Johanna Krings vom KIT in Karlsruhe forscht seit mehr als 20 Jahren zu den Auswirkungen technischer Innovationen auf die Arbeit. Sie macht dem Nachwuchs Mut und rät dazu, mit Zuversicht und Selbstbewusstsein einzusteigen. Und mitzuhelfen, die Produktivität zu steigern – den heimlichen Wachstumsmotor. Interview: André Boße

Zur Person

Dr. phil. Bettina-Johanna Krings ist Soziologin und arbeitet als Senior Researcher am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT und als Dozentin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Bis 2019 war sie Co-Leiterin des Forschungsbereichs Wissensgesellschaft und Wissenspolitik des ITAS. Seit 2019 koordiniert sie die Lehre der Technikfolgenabschätzung (TA) am KIT. Sie forscht seit vielen Jahren zu den Auswirkungen von technischen Innovationen, Digitalisierung und KI-Systemen auf Arbeitsstrukturen. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der Theorie und den Methoden der TA sowie mit Transformationsforschung.

Frau Dr. Krings, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren damit, wie neue Technologien die Arbeitswelt technischer Berufe beeinflussen. Wie erleben Sie aktuell die junge Generation, mit der Sie im KIT arbeiten?
Ich erlebe eine große Unsicherheit. Nicht nur wegen der komplexen geopolitischen Situation, sondern auch im Hinblick auf KI-Technologien. Die Wahrnehmung der Menschen ist, dass KI in vielen Feldern die Arbeit – in Anführungszeichen – „ersetzen“ soll.

Sie sagen „soll“ – nicht „kann“.
Genau, denn viele Studien zeigen, dass die menschlichen Fähigkeiten in technischen Kontexten nicht so leicht ersetzbar sind. Es geht eher darum, zu erkennen, wie sich Arbeitsprozesse und Arbeitsprofile verändern. Daher mache ich der jungen Generation eher Mut. Wir stehen noch immer in der frühen Phase eines enormen demografischen Wandels. Junge, gut ausgebildete und motivierte Menschen in technischen Berufen werden in den nächsten Jahrzehnten dringend gebraucht, trotz aktueller Hiobsbotschaften wie zum Beispiel dem Stellenabbau in der Automobilindustrie. Klar, diese Meldungen bestimmen die Nachrichtenlage, und dies ist auch ein Verlust, weil diese Unternehmen jungen Menschen sehr gute Zukunftsentwürfe geboten haben, mit tollen Ausbildungszentren und einer großen beruflichen Sicherheit. Hier gehen aktuell Optionen verloren. Schaut man sich jedoch die Bedarfe in anderen Bereichen an, in denen Ingenieurinnen und Ingenieure tätig sind, dann sieht man: Elektrotechnik, Wärmetechnik, Forschung und Entwicklung, Informatik – überall dort ist die Nachfrage weiterhin hoch.

Warum, glauben Sie, wird die KI die menschliche Arbeit nicht ersetzen?
Grundsätzlich automatisiert KI datenbasierte Arbeitsprozesse und steht damit notwendigerweise in der Kontinuität der Digitalisierung von Arbeit. Eine der großen Errungenschaften der Digitalisierung ist die Vernetzung von unterschiedlichen Bereichen. Dadurch werden viele verschiedene Bereiche zusammengeführt. Nehmen wir beispielsweise ein technisches Industrieunternehmen: Da fließen inzwischen betriebswirtschaftliche Daten, Controlling, die Produktion auf dem Shopfloor, aber auch Forschung und Entwicklung zu einer Datenwelt zusammen. Was Menschen, die in diesen Systemen tätig sind, lernen müssen, ist, übergeordnet zu denken, zu planen und zu kontrollieren. Den Fokus nur auf den einzelnen Arbeitsprozess zu legen, für den man verantwortlich ist – diese Zeiten sind vorbei. Stattdessen stehen gerade Ingenieur*innen vor der Aufgabe, diese schnellen und komplexen Systeme zu verstehen und weiter zu gestalten, auch um Störfälle zu vermeiden. Störfälle, die durch den Einsatz von KI häufiger werden.

Junge, gut ausgebildete und motivierte Menschen in technischen Berufen werden in den nächsten Jahrzehnten dringend gebraucht.

Aber wird die KI nicht häufig dafür gerühmt, solche Störfälle zu vermeiden, zum Beispiel, indem sie sehr früh Fehler identifiziert oder Abweichungen erkennt?
Ja, das ist ein wichtiges Ziel für den Einsatz der KI. Aber auch in automatisierten Prozessen werden ununterbrochen „Entscheidungen getroffen“, zu weiten Teilen sind diese Prozesse automatisiert. Aber diese automatisch generierten „Entscheidungen“ können fehlerhaft sein, genauso wie automatisierte Produktionsprozesse. Der Mensch ist auch weiterhin gefordert, sein Wissen und seine Erfahrungen in diese komplexen Prozesse einzubinden, um Störungen zu vermeiden. Hier sind wir darüber hinaus im interessanten Feld neuer Mensch-Technik-Interaktionen: Die Kommunikation zwischen dem Menschen und der Maschine ändert sich gerade komplett. Sie wird vielseitiger, sinnlicher und körperlicher. Sie funktioniert beispielsweise über Gesichts- oder Stimmerkennung, das sind völlig neue Dimensionen der Mensch-Maschine-Interaktion bei der Arbeit.

Welche Haltung braucht man in dieser Gemengelage für einen gelungenen Einstieg?
Ich würde sagen: Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sowie eine sorgfältige Qualifikation in Themen, die einem wirklich wichtig sind, für die das „eigene Herz schlägt“. Darüber hinaus ist es heutzutage wichtig, ein großes Maß an räumlicher und fachlicher Flexibilität mitzubringen. Der Veränderungsdruck, von dem wir sprechen, sollte nicht als Gefahr, sondern eher als Chance wahrgenommen werden. Angst vor Veränderungen haben wir in Deutschland gar nicht nötig, gerade nicht, wenn es um die Veränderungen durch die KI geht.

Warum nicht?
Es wird so viel über die Probleme der Wirtschaft und des deutschen Bildungssystems geredet, dass die positiven Dinge häufig unter den Tisch fallen: Wir sind in Deutschland extrem gut aufgestellt, wenn es darum geht, uns bei einem neuen Thema wie beispielsweise KI aus- und fortzubilden, um damit die notwendigen Qualifizierungen für die Berufswelt zu erlangen. Das gilt auch für das Ingenieurstudium. Wir haben am KIT jahrelang intensiv mit der Berufspädagogik zusammengearbeitet und die neuen fachlichen Ansprüche identifiziert, die an junge Ingenieur*innen gestellt werden. Hier geht es auch um neue Mensch-Maschine-Interaktion, um den Umgang mit Daten und natürlich mit neuen Optionen der Automatisierung. Wir haben festgestellt: Sowohl in den Universitäten als auch in dualen Studiengängen und in den Unternehmen gibt es viele sehr gute Ausbildungsräume.

Was wird dort vermittelt?
Neben fachlichem Wissen, das sich den technologischen Veränderungen anpasst, auch, dass die Ingenieur*innen heute einen übergeordneten Blick brauchen. Wir haben durch die Digitalisierung extreme Vernetzungsmöglichkeiten, in den Produktionsstätten entstehen beispielsweise Cyber-Physical Systems, die sich auf riesige Datenmengen im Internet beziehen und mit diesen arbeiten. Eine wichtige Aufgabe für Ingenieur*innen ist es, diese neue Arbeitswelt zu gestalten. Hier entstehen in Zukunft völlig neue Anforderungen, die mit ethischen, sozialen und organisatorischen Themen verbunden sind. Dabei geht es im Kern um eine Kompetenz, die in der KI-Arbeitswelt von größter Bedeutung sein wird: Verantwortung! Verantwortung für das Gelingen nachhaltiger Produkte, Verantwortung für mein Team und das Unternehmen, Verantwortung für die Frage, wo und wann ich KI einbinde – und wann nicht. Und nicht zuletzt für meine eigene Arbeitsgestaltung.

Effi zienz versucht, Ressourcen oder Arbeitskraft so zu reduzieren, dass dasselbe Ergebnis erzielt wird. Produktivität fragt nach Möglichkeiten, um Arbeitsabläufe so zu verbessern, dass die Gesamtleistung erhöht werden kann.

Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, kostet Zeit und Ressourcen.
Viele Unternehmen setzen aktuell auf Effizienz, Effizienz, Effizienz. Sie kehren dafür zu alten Organisationsstrukturen wie beispielsweise strammen Hierarchieformen zurück oder zu Top-Down-Verfahren von organisationalen Entscheidungen. Modelle der Partizipation haben es, gerade bei der Einführung der KI in den Unternehmen, häufig schwer. In vielen Fällen ist nicht klar, wozu und mit welchem Ziel die KI ein-gesetzt werden soll. Unsere Forschungen zeigen jedoch, dass diejenigen Unternehmen langfristig erfolgreicher sein werden, die es anders machen, indem sie sich die Zeit und die Ressourcen nehmen, um – zusammen mit ihren Beschäftigten – die Technik dort zu integrieren, wo es sinnvoll ist. Das Ziel sollte sein, die Beschäftigten in die Innovationsstrategien miteinzubeziehen, und zwar nicht nur, um kurzfristig Effizienz zu erreichen. Es geht definitiv darum, langfristig die Produktivität zu verbessern, und das ist nur mit der fachlichen Qualifikation der Beschäftigten und mit dem Einsatz neuer Technologien möglich. Wenn beides produktiv in eine Zukunftsvision des Unternehmens eingebunden wird, noch besser.

Wo liegt der Unterschied zwischen Effizienz und Produktivität?
Effizienz versucht, Ressourcen oder Arbeitskraft so zu reduzieren, dass dasselbe Ergebnis erzielt wird. Produktivität fragt nach Möglichkeiten, um Arbeitsabläufe so zu verbessern, dass die Gesamtleistung erhöht werden kann. Der Blick auf die Produktivität bezieht hier zwingend Menschen, ihre Qualifikation, ihre Motivation und ihre Innovationskraft ein. Studien vom Institut für Wirtschaftsforschung zeigen etwa, dass wir in Deutschland seit 20 Jahren keine signifikanten Produktivitätssprünge mehr haben. Das ist für dieses Land ein großes Problem und eine Folge davon, dass die Politik immer weniger Geld in Bildung investiert. Das ist in meinen Augen ein großer Fehler, weil jeder Euro, den man in Bildungsinstitutionen investiert, der Produktivität von morgen dienen kann. Die sozialwissenschaftliche KI-Forschung zeigt: Der sogenannte „Human Centered Approach“, also den Mensch in den Mittelpunkt technologischer Zukunftsentwicklungen zu stellen, ist nicht nur aus ethischer und sozialer Sicht angebracht, sondern sorgt auch für eine höhere Produktivität. Und das ist genau der Faktor, der Wachstum langfristig ermöglicht.

Zum KIT

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist Arbeitgeber von rund 10.000 Menschen, mehr als die Hälfte davon ist in der Forschung auf einer breiten disziplinären Basis in den Natur-, Ingenieur-, Wirtschafts-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Das KIT ist damit eine der größten Wissenschaftseinrichtungen Europas. Neben Forschung und Lehre fokussiert sich das KIT auf Innovationen, entwickelt konkrete Anwendungen für die Wirtschaft, vor allem in den Zukunftsfeldern Energie, Mobilität und Daten.

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