„Ich kann Absolventen nur raten, mehr Fantasie zu wagen“

Interview mit Hubertus Meyer-Burckhardt

Foto: Fotolia/ victoria p
Foto: Fotolia/ victoria p

Unter der Woche ist er vor allem Filmproduzent, dazu Buchautor, Gastgeber der NDR Talk Show, Gesellschafter des Ernst Deutsch Theaters. Und Sonntags? Da hat er Frauengeschichten – regelmäßig neue und alle öffentlich dazu. Denn: Jeden ersten Sonntag im Monat gibt es „Meyer-Burckhardts Frauengeschichten“ auf NDR Info, eine Radiosendung, in der es um die Biografien spannender Frauen geht. Der karriereführer sprach mit dem ehemaligen Medienvorstand und langjährigen Hochschulprofessor anlässlich seines neuen Buches. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Hubertus Meyer-Burckhardt, Foto: Olivier Favre
Hubertus Meyer-Burckhardt, Foto: Olivier Favre

Hubertus Meyer-Burckhardt, Jahrgang 1956, studierte zunächst Geschichte und Philosophie in Berlin und Hamburg und wechselte dann zur Hochschule für Fernsehen und Film nach München. Nebenbei arbeitete er als Regieassistent am Theater bei Boy Gobert. 1988 stieg er als Creative Director und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Werbeagentur BBDO ein und ging danach in die Filmbranche. Als Filmproduzent erhielt er unter anderem mehrere Grimme-Preise, zuletzt 2013 für „Blaubeerblau“. Von 2001 bis 2006 bekleidete er Vorstandspositionen bei der Axel Springer AG und ProSiebenSat.1 Media AG und war anschließend bis 2013 Vorsitzender Geschäftsführer der Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft.

Parallel dazu hielt er eine Professur an der Hamburg Media School. 2013 gab er freiwillig die Geschäftsführung bei Polyphon ab, um sich fokussiert kreativen Aufgaben zu widmen, vor allem Filme zu produzieren und Bücher zu schreiben. Im Herbst 2014 legte er seinen zweiten Roman vor. Ferner ist er seit vergangenem Jahr Mitglied der erfolgreichen NDR-Ratesendung „Kaum zu glauben“. Seit vielen Jahren ist er bekannt als Gastgeber der NDR Talk Show. Wiederum nebenbei engagiert sich der Vater von zwei Kindern im Beirat seiner Heimatstadt Kassel.

Herr Meyer-Burckhardt, Sie saßen viele Jahre lang in Vorständen und im Top-Management von Unternehmen. Mitte 2013 haben Sie die Leitung der Produktionsfirma Polyphon abgegeben. Ein großer Schritt weg vom Management. Wie geht es Ihnen?
Ausgezeichnet!

Keine Angst, ohne Posten an Einfluss zu verlieren?
Nein. Die Arbeit ist nicht weniger geworden. Ich bin Gesellschafter des Ernst Deutsch Theaters in Hamburg, habe mein zweites Buch geschrieben, produziere weiterhin Filme für die Polyphon und moderiere weiterhin die NDR Talk Show. Der Grund, warum ich all das so wunderbar finde: Ich komponiere meine Arbeit selbst, sie wird nicht mehr von Zwängen oder Tagesordnungen fremdbestimmt. Sehen Sie, ich bin heute viel seltener am Flughafen als früher, aber wenn ich dort einmal in der Lounge warten muss, dann blicke ich mit echtem Mitgefühl auf die jüngeren Menschen, die mit Augenringen in einer Ecke stehen und hektisch in ihr Smartphone sprechen. Ich war ja auch einer von denen!

Fragen Sie sich rückblickend, warum Sie dieses Spiel so lange mitgespielt haben?
Es ging nicht anders. Ein Konzern gibt den Takt vor, und es ist eine Illusion zu glauben, man könne sich diesem Takt dauerhaft entziehen.

Vergebene Liebesmüh?
So weit würde ich nicht gehen. Ich saß bei drei Konzernen im Top- Management, bei BBDO, Axel Springer und ProSiebenSat.1. Das waren alles tolle Phasen in meinem Leben, und ich möchte keine von ihnen missen. Dennoch: Alles hat seine Zeit.

Heißt das, dass junge Menschen sich einige Jahre lang geduldig takten lassen müssen, bevor sie dann später im Leben ihre Arbeit frei komponieren dürfen?
Man sollte als junger Mensch nicht nur in der Kategorie Konzern denken. Es gibt Alternativen, jedoch werden diese in Deutschland unglücklicherweise zu selten genutzt. Ich finde es ungeheuer schade, dass sich in diesem Land im Vergleich zu anderen Nationen Europas sehr wenige junge Menschen selbstständig machen. Und dass analog dazu in Deutschland deutlich weniger Risikokapital vorhanden ist, gerade mit Blick auf Länder wie Israel oder die USA.

Fehlt es in Deutschland an Risikobereitschaft? Haben wir zu viel Angst vor dem Risiko?
Ich denke schon. Es gibt nicht ohne Grund keine deutsche Übersetzung des Sprichwortes „No risk, no fun“. Daher plädiere ich sehr stark für eine Niederlagenkultur.

Was heißt das konkret?
Es darf nicht sein, dass das Image einer Person langfristig Schaden nimmt, wenn sie gefeuert worden ist oder mit einer eigenen Unternehmung insolvent gegangen ist. Im Gegenteil, das Image sollte davon profitieren, denn die Chancen stehen gut, dass man in einer Niederlage wichtige Erfahrungen sammelt. Man sollte also nicht Angst davor haben zu verlieren, denn zu verhindern ist das eh nicht.

In Ihrem neuen Roman geht es um die große Liebe, wobei immer auch die Angst vor der Liebe eine Rolle spielt. Angst und Liebe, warum denkt man das häufig zusammen?
Es gibt eine klischeebeladene Vorstellung davon, dass Liebe immer etwas mit dem Verlust der eigenen Freiheit zu tun hat. Ich habe auch so gedacht. Hätte man mich vor drei Jahren gefragt, ob ich die Liebe meines Lebens finden möchte, hätte ich mit großer Überzeugungskraft gesagt: Um Gottes Willen nein, denn mir ist meine persönliche Freiheit sehr viel lieber. Wenn man diese Liebe jedoch dann trifft, dann merkt man, dass alle Ängste und Vorbehalte reine Theorie waren. Heute sage ich: Man kann Liebe und persönliche Freiheit zusammen denken.

Kann man seine Arbeit lieben?
Schwierig. Der große Unterschied: Der Mensch, den Sie lieben, liebt Sie im Idealfall zurück. Eine Arbeit kann das nicht. Aber man kann sie mit Leidenschaft und Hingabe betreiben. Man kann, so sagt man dann ja wohl, seinen Traumjob finden. Und der steht sicherlich genauso sehr für das Lebensglück wie der Traumpartner.

Was steht der großen Liebe oder der Erfüllung des beruflichen Traums im Wege?
Die Angst davor, auf dem Weg zur Erfüllung Kompromisse eingehen zu müssen. Es gibt im Leben eines Menschen keine Gewähr dafür, dass man die große Liebe findet oder seinen Traumjob ausüben darf. Wer kompromisslos sucht, geht daher ein recht hohes Risiko ein, nicht fündig zu werden. Wer Kompromisse eingeht, leidet dagegen häufig unter diesen Kompromissen – und hat später eine gesteigerte Angst, weiter nach der Erfüllung zu suchen.

Mit Blick auf Ihre Karriere: Wie lief diese Suche bei Ihnen ab?
Ich war schon immer ein so leidenschaftlicher Produzent von Filmen, dass ich nicht meinen Beruf, sondern der Beruf mich gewählt hat. Das ist natürlich ein wunderbarer Vorgang, hat – um noch einmal den Schwenk auf Beziehungen zu machen – jedoch den Nachteil, dass man in so einem Fall selten einen 9-to-5-Job mit geregelten Urlaubszeiten hat. Wer seinen Beruf mit großer Leidenschaft ausübt, benötigt im privaten Leben einen Partner, der das respektiert.

Es gab 1980 diesen hübschen Schlager „Dann heirat’ doch dein Büro“ von Katja Ebstein.
Es ist nicht immer einfach, berufliche und private Leidenschaft in Einklang zu bringen. Aber es lohnt sich, das zu versuchen. Wobei man in den zwei Bereichen Beruf und Privatleben mit den beiden größten Formen von Zurückweisung konfrontiert werden kann: Privat mit dem Satz „Ich liebe dich nicht mehr“. Beruflich mit der Aussage „Wir brauchen Sie nicht mehr“. Beides tut sehr weh.

Nun hat Ihr Held Simon Kannstatt diesen zweiten Satz im ersten Roman „Die Kündigung“ gehört. Er hat damit seine Funktionen verloren. Im zweiten Buch erscheint er mir nun jedoch wesentlich zufriedener zu sein.
Sagen wir mal so: Er weiß jetzt um sich. Er hat gelernt, dass jede Funktion eben nur eine Funktion ist – und kein bedeutender Teil seiner Persönlichkeit. Dieses Wissen ist übrigens einer der wenigen Vorteile des Älterwerdens. Als jüngerer Mensch läuft man häufiger Gefahr, von den Erwartungen anderer fremdgesteuert zu werden und Funktionen in die Persönlichkeit einfließen zu lassen. Die Folge ist ein hohes Maß an Eitelkeit, das schließlich auch den Weg zur Liebe versperrt.

Geht das denn überhaupt, eine Karriere ohne eine gewisse Eitelkeit?
Eitel sind wir alle. Wichtig ist, dass man eine lächelnde Distanz zu sich selbst besitzt. Dann nämlich ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass im beruflichen Kontext die analytische Kraft größer ist als die Eitelkeit, die ersterer im Weg steht.

Bekommt man diese lächelnde Distanz zu sich selbst ebenfalls im Alter einfacher hin?
Ich denke schon. Man hat mehr gesehen und lässt sich nicht so schnell beeindrucken. Andererseits kenne ich auch viele Männer und Frauen, für die es der Albtraum schlechthin ist, eines Tages ersetzbar zu sein. Keine Frage, dieser Gedanke, irgendwann von einem Jüngeren oder einer Jüngeren ersetzt zu werden, tut weh. Aber so ist der Lauf der Dinge. Ich genieße es, mit jüngeren Leuten zusammenzuarbeiten, wie zum Beispiel mit der jungen Hamburger Film- und Fernsehproduktionsfirma „Hirn & Wanst“. Das ist eine wunderbare Kooperation: Ich stehe als erfahrener Produzent am Markt dafür, die Sache zusammenzuhalten, während die jungen Menschen ihren frischen Ideen freien Lauf lassen können.

Haben Sie Angst davor, eines Tages beruflich den Anschluss zu verpassen? Was ja auch bedeuten könnte, dass der Beruf, der Sie einst gewählt hat, Sie wieder verlässt…
Nein, denn dafür bin ich viel zu wissbegierig. Was ich in meinem Leben erlebt habe, das weiß ich. Was die jungen Leute auf der Pfanne haben, das weiß ich in vielen Fällen noch nicht – und das finde ich mitunter unglaublich spannend.

Warum mit der Einschränkung „mitunter“?
Weil ich eine junge Generation erlebe, die mir einen Hauch zu vernünftig erscheint. Die etwas zu strategisch denkt.

Ist diese Vernunft eine Folge von Angst?
Na ja, wir hatten damals wohl weniger Angst und waren in vielerlei Hinsicht auch weniger vernünftig. Meine Generation war aber auch privilegiert: Als ich Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre jung war, ging es mit der Wirtschaft steil nach oben, Optimismus allerorten. Kein Mensch war arbeitslos, schon gar kein Akademiker. In der Folge haben wir die Welt als ein Labor begriffen. Wir waren sehr experimentierfreudig – wohlgemerkt in allen Lebensbereichen. Die Grundstimmung war damals eine ganz andere als heute. Heute gibt es in allen Branchen einen Verdrängungswettbewerb. Wir Europäer müssen unseren Wohlstand nicht nur verteidigen, sondern auch rechtfertigen. Arbeitsplätze wandern ins Ausland, und die Ansprüche an die hiesige Arbeit steigen ständig. Man kann schon verstehen, dass viele junge Leute ihr Leben sehr vorsichtig und sogar ängstlich gestalten. Es herrscht gerade keine Party-Stimmung. Es ist kein Swing, kein Rock’n’Roll in den Köpfen. Es geht eher verschüchtert und ängstlich zu. Dennoch: Ich halte es mit dem britischen Philosophen Karl Popper, der gesagt hat: „Es gibt keine vernünftige Alternative zum Optimismus.“

Wie können Sie, als jemand, der um sich weiß, der jungen Generation helfen? Welchen Rat können Sie ihr geben, um Angst zu überwinden?
Man sollte zumindest den Versuch unternehmen herauszufinden, was man gerne macht. Was einem Freude und Spaß bereitet. Das klingt banal, hat aber den großen Vorteil, dass man über die Suche nach einer solchen Tätigkeit erfährt, wer man selbst ist. Aufpassen muss man allerdings, dass man sich bei dieser Suche treu bleibt und dass man sich nicht reinreden lässt. Auf der Suche nach dem Glück sind nicht selten die Eltern das größte Hindernis, weil Väter und Mütter zu wissen glauben, was für ihr Kind gut ist. Daher ist es die Aufgabe junger Menschen, ohne Rücksicht auf diese Stimmen herauszufinden: Was will ich? Und was will ich nicht? Wobei ich bei der Suche nach Antworten dafür plädiere, das Visier zu öffnen: Ich persönlich finde, wir haben genug Banker, Anwälte und Konzernmanager. Es gibt genügend andere akademische und nicht-akademische Berufe. Ich kann Absolventen nur raten, in dieser Hinsicht etwas mehr Fantasie zu wagen.

Radio- und Podcast-Tipp

„Meyer-Burckhardts Frauengeschichten“, NDR Info, jeden ersten Sonntag im Monat, 16:05 Uhr. Bewegende und inspirierende Gespräche zu den Lebenswegen interessanter Frauen.
www.ndr.de/info/sendungen/talk

Lesetipp

Was bleibt von der Person ohne Funktion, fragt er in seinem ersten Buch „Die Kündigung“ aus dem Jahr 2011, das zum Spiegel-Bestseller avancierte.
Hubertus Meyer-Burckhardt:
Die Kündigung.
Verlag Ullstein Taschenbuch.
ISBN 978-3548284576.
8,99 Euro

Gerade erschien sein zweiter Roman, der auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert wurde. Mit ihm ist der Autor derzeit auf Lesereise.
Simon Kannstatt, bereits bekannter Protagonist aus Hubertus Meyer-Burckhardts erstem Roman „Die Kündigung“, führt heute ein völlig anderes Leben.
Hubertus Meyer-Burckhardt:
Die kleine Geschichte einer großen Liebe.
Bastei Lübbe 2014.
ISBN 978-3431039016.
18,00 Euro (auch als E-Book erhältlich)

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