Einerseits zeigt der Stellenmarkt, dass Wiwi-Expertise gesucht wird – vor allem, wenn sie einhergeht mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Andererseits lassen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften als große Arbeitgeber verstärkt Einsteigertätigkeiten von KI-Agenten übernehmen. Worauf das hinausläuft? Auf neue Karrierewege, die nach Mut und Spezialisierung verlangen. Ein Essay von André Boße
Innerhalb eines Jahres ein Aufstieg von Platz 28 auf Rang drei – das nennt man einen Sprung nach vorne. Die Rede ist vom Ranking der gefragtesten Berufe, erstellt jährlich für den DEKRA-Arbeitsmarktreport. Die Berufsgruppe der Wirtschaftswissenschaftler* innen und Betriebswirt*innen fand sich in den Rankings zuletzt unter ferner liefen, unter den ersten zehn stand sie zuletzt im Jahr 2018. Und nun dieser Satz bis fast an die Spitze. Die DEKRA-Arbeitsmarkt-Expert* innen schreiben in der Studie anerkennend über eine „echte Überraschung“ und sogar von einem „Comeback der Wirtschaftswissenschaftler“.
Comeback der WiWis
Für die Studie untersuchte das DEKRA-Team 9.301 Stellenangebote. Der Anteil an Stellen, für die gezielt nach Wirtsch aftswissenschaftler*innen und Betriebswirten gesucht wird, lag im Untersuchungszeitraum bei 2,53 Prozent. Im Vorjahr waren es nur 1,12 Prozent. Eine bessere Quote erzielten nur die Berufe Elektroniker*in und Pflegefachkräfte. Aus WiWi-Sicht ebenfalls interessant: Auch der Anteil der Stellengesuche für Sales-, Verkaufs- oder Produkt-Manager*innen stieg von 1,08 auf 1,99 Prozent. Betrachtet man nur die akademischen Berufe, lassen diese beiden Berufsbilder alle anderen Absolventen-Fachgebiete hinter sich.
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Big Four: PwC hat die grösste Belegschaft
Zu den „Big Four“ der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zählen PricewaterhouseCoopers (PwC), KPMG, Ernst & Young (EY) und Deloitte. Jedes Jahr wird mit Spannung erwartet, wie sich diese vier Gesellschaften im Lünendonk-Raking schlagen. In der neuesten Untersuchung verzeichnet Spitzenreiter PwC in Deutschland ein Wachstum von 8,5 Prozent, während dieses beim Vierplatzieren EY mit 2,4 Prozent geringer ausfällt. PwC hat mit 15.529 Mitarbeitern in Deutschland auch die größte Belegschaft, dahinter folgten KPMG (14.148), Deloitte (13.500) und EY (9974). Weltweit ist Deloitte mit einem Umsatz von 70,5 Milliarden Dollar weiterhin die größte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.
Die Gründe dafür? Die Studie vermutet, dass der notwendige strukturelle Umbau in vielen Unternehmen sowie die wachsende Bedeutung von Datenanalysen für den Aufschwung verantwortlich sind. „Wirtschaftswissenschaf tler*innen und Betriebswirte sind in der Lage, Strategien zu entwickeln, Risiken zu bewerten oder Prognosen zu treffen – wichtige Kompetenzen, angesichts des Strukturwandels in Deutschland“, heißt es in der Studie.
Wirtschaftsprüfung wächst solide
Berufsstände, die in dieser Hinsicht besonders gefragt sein sollten, sind Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung. Die Zeiten für Unternehmen sind komplex, der Beratungsbedarf hoch. Gesellschaften, die sowohl dabei helfen können, die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen, als auch in der Lage sind, beratend zur Seite stehen, wenn es um Themen wie digitale und grüne Transformation oder die Anwendung von KI-Modellen geht, sollten daher hoch im Kurs stehen. Und tatsächlich: Unbeeindruckt von der Rezession setzt der deutsche Markt für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung sein Wachstum fort, so die Kernaussage der aktuellen Lünendonk-Studie „Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung in Deutschland“. In Zahlen heißt das: „Nach einem Plus von 7,6 Prozent im Jahr 2024 stieg das Marktvolumen 2025 um 6,1 Prozent auf 22,6 Milliarden Euro.“
Für die kommenden Jahre kalkuliert die Branche jedoch vorsichtig: 2027 erwarten die Gesellschaften ein Plus von ebenfalls 6,1 Prozent, für 2028 bis 2030 von 5,7 Prozent. Das Wachstum, so die Studie, normalisiere sich damit nach den Post-COVID-Jahren mit sehr hohen, zweistelligen Wachstumsraten, liege aber weiterhin auf einem soliden Niveau und deutlich über der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. „Wirtschaftsprüfung bleibt ein robuster Markt“, wird der geschäftsführende Lünendonk-Gesellschafter Jörg Hossenfelder im Report zitiert.
Vorsicht bei der Personalplanung
Das stimmt zwar. Was aber auch stimmt, ist die Analyse des Handelsblatts, das in einem Artikel feststellt, dass die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten eben vorbei seien: „Hintergrund ist die allgemeine schwache Wirtschaftsentwicklung, die vor allem die Managementberatungen der Prüfer trifft. Im Gegenzug profitieren die Gesellschaften von einem stabilen Geschäft mit Abschlussprüfung und Steuerberatung“, heißt es im Handelsblatt- Bericht. Sprich: Die Pflicht bringt Umsätze, bei der Kür – also der Beratung – gibt’s durchaus Probleme. Das Handelsblatt geht daher davon aus, dass die „Krise der deutschen Wirtschaft mit Verzögerung bei den Prüfern ankommt“.
Das hat schon jetzt Folgen für die Personalplanung. Viele Firmen agierten aktuell vorsichtig, analysiert das Handelsblatt, die Belegschaften der meisten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft en würden aktuell – im Gegensatz zu den Umsätzen – nicht oder kaum noch wachsen. Das ist ungewöhnlich, wie das Handelsblatt feststellt: „Jahrzehntelang verliefen Veränderungen beim Umsatz und Personal in der Branche weitgehend parallel. Nun erkennen die Marktforscher eine zunehmende Entkoppelung.“
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Next Six: Bemerkenswertes Wachstum
Auf die Big Four folgen die Next Six, der Abstand ist beträchtlich, was sich beim Blick auf die Belegschaft zeigt: Für die nach Umsätzen größte Gesellschaft der Next Six sind 2640 Mitarbeitende tätig. Für den Nachwuchs sind die Next Six jedoch sehr interessant, weil hier bei einigen Firmen eine große Dynamik zu erkennen ist. In der aktuellen Untersuchung setzten die Gesellschaften Forvis Mazars und RSM Ebner Stolz mit einer Wachstumsrate von jeweils 11,2 Prozent starke Impulse. Insgesamt kommen die Next Six auf ein durchschnittliches Plus von 8,8 Prozent, damit wachsen die Next Six dynamischer als die vier großen Mitbewerber. „Bemerkenswert“ sei dies, wird Lünendonk-Gesch.ftsführer Jörg Hossenfelder in der Studie zitiert. Ein Grund für den Erfolg sei der konsequente „One Country – One Firm-Ansatz“: Anders als die global agierenden Big Four fokussieren sich viele Next Six-Firmen auf den deutschen Markt.
Lünendonk-Geschäftsführer Jörg Hossenfelder sagt laut Studie zu diesem Trend: „Es zeigt sich, dass die Prüfer mehr Umsatz mit weniger Personal machen können.“ Es liegt auf der Hand, dass bei dieser Entwicklung die Künstliche Intelligenz eine große Rolle spielt. Gerade bei Routine- und Standardprozessen wie Bilanzen und Abschlüssen versprechen KI-Agenten in der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung eine nie dagewesene Effizienz. Die große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG spricht bei der Implementierung von KI-Modellen in den Abläufen sogar von einem „Muss“: „KI ist in der Lage, große Datenmengen zu verarbeiten und Daten viel schneller abzugleichen als ein Mensch. Außerdem macht KI dabei weniger Fehler. Sie ersetzt herkömmliche Prüfverfahren, analysiert Kundeninformationen effizienter und identifiziert Risiken rascher. Mit anderen Worten: KI verbessert die Prüfqualität“, formuliert es KPMG im Whitepaper „KI-basierte Wirtschaftsprüfung“.
KI zieht Graben, der den Einstieg verhindert
Und wo bleibt der Mensch? Eine berechtigte Frage, gerade mit Blick auf den Nachwuchs. Zum einen zeigt die Lünendonk-Studie, dass digitale Themen für die Prüfungs- und Beratungsgesellschaften ein Investitionsthema sind. So fließen laut der Untersuchung aktuell 3 Prozent des Umsatzes in die Digitalisierung, davon rund 41 Prozent in KI. Auffallend: Die dadurch erzielten potenziellen Effizienzgewinne beeinflussten die Preise bislang kaum, so die Studie, „sie dienen zunächst dazu, Investitionen in Technologie, Implementierung und KI-Schulungen aufzufangen“.
Leidtragende dieser Entwicklung sind auf den ersten Blick die Junior Professionals. Viele Jahre lang waren Wirtschaftsprüfun gsgesellschaften für WiWi-Absolvent*innen ein sicherer erster Anlaufpunkt. Die Firmen hatten Bedarf an Einsteiger*innen, weil sie relativ schnell über einfache Aufgaben in der Prüfung von Unternehmensabschlüssen in den Beruf eingearbeitet werden konnten. Der Nachwuchs lernte bei diesen Tätigkeiten dazu, erledigte dabei auch eine für den Arbeitgeber notwendige Arbeit. Eine Win-Win-Situation. Diese droht aber durch den Einsatz von KI-Agenten verloren zu gehen, wenn nun diese Modelle Einstiegstätigkeiten übernehmen – und Nachwuchs dafür nicht mehr benötigt wird. Es besteht die Gefahr, dass die KI einen Graben zieht, der den Einstieg verhindert. So zeigt die Lünendonk-Umfrage unter den mehr als 80 deutschen Prüfungsgesellschaften, dass zwei Drittel von ihnen in den kommenden Jahren mit einem starken bis sehr starken Abbau bei den Einsteigerjobs planen.
Ist das nur logisch – und damit Pech für die junge Generation? Oder ein Denkfehler, sodass der Nachwuchs darauf hoffen darf, bald wieder gefragt zu sein – und vielleicht sogar mehr als je zuvor? Denn klar ist laut Handelsblatt auch: „An gut ausgebildeten Wirtschaftsprüfern herrscht Mangel, der Beruf verliert an Attraktivität.“ Wobei der Attraktivitätsverlust auf der Hand liegt, wenn die kommende Absolventengeneration den Eindruck hat, die Prüfungsbranche investiere lieber in KI-Technologie als in Talente. Hinzu kommt: Es ist noch kein Top-Senior-Manager vom Himmel gefallen, und wenn die Gesellschaften anfangen, alle Einstiegstätigkeiten den KI-Modellen zu überlassen, nehmen sie dem Nachwuchs die Chance, einen sinnvollen Karrierebeginn mit angemessen hoher Lernkurve zu gestalten.
Schaut man in die Branche, ist offen, wie sich der Personalbedarf entwickeln wird. Es gibt Stimmen, die davon ausgehen, dass die Nachfrage an Junior Professionals auch mittelfristig zurückgehen wird. Andere vermuten, die Gesellschaften kämen nicht sehr weit, wenn sie den Fokus ihrer Personalsuche auf Senior-Manager mit KI-Kenntnissen legen, denn diese sind erstens rar und zweitens irgendwann so alt, dass sie in den Ruhestand gehen. Und dann? Es gilt mit Blick auf Haftungsfragen, vor allem aber auf die menschliche Komponente der Mandantenberatung, als ausgeschlossen, dass die KI viel mehr übernimmt als Standardaufgaben.
Gesucht wird Führungsqualität
Vermutlich liegt die Grundlage für weiteres Wachstum in der Zukunft vor allem in der sinnvollen Ausgestaltung der Tätigkeiten in den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Bei KPMG, einer Gesellschaft aus dem Kreis der „Big Four“ (siehe Kasten), formuliert man es so, dass das menschliche Know-how in Prüfungsprozessen weiterhin gefragt bleibe, jedoch verbunden mit „neuen Kompetenzen“: „Die Verknüpfung von Prozessen, Datenpunkten und Risiken wird zu einem Schlüsselelement“, heißt es im Whitepaper „KI-basierte Wirtschaftsprüfung“, „daher sind schon heute kombinierte Kompetenzen und Kenntnisse – sowohl im Technologie als auch im Finanzbereich – zentral.“ Daher sei es immens wichtig, schon in der Wirtschaftsprüferausbildung Expertise bei der Verknüpfung von KI-Technologie und Finanzwissen aufzubauen. „Das ist an sich nichts Neues, wird aber heute immer häufiger auch in der Praxis umgesetzt, da Unternehmen die Notwendigkeit erkennen, bestehende Fachkräfte an sich zu binden und neue Talente zu gewinnen, die sowohl mit Finanzen als auch mit IT vertraut sind“, wird Stefan Wälti Partner, Head of Assurance Technology bei KPMG Schweiz, im Whitepaper zitiert.
Noch einmal zurück zur DEKRA-Untersuchung der Stellenanzeigen, hiergibtesnocheinErgebnis, dasderjungenGeneration Mut machen kann: Die Analyse der Stellenangebote zeigt, dass Arbeitgeber aktuell besonders viele offene Führungspositionen zu besetzen haben: „Gut jedes sechste Stellenangebot beinhaltet auch Führungsaufgaben (16,4 Prozent). Das ist der höchste Wert seit Erhebungsbeginn 2008. Im letzten Jahr lag der Wert bei 11,1 Prozent“, heißt es in der Studie. Am höchsten ist der Personalbedarf laut DEKRA-Untersuchung in der ersten Führungsebene: „Fast sechs von zehn der untersuchten Positionen mit Führungsverantwortung richten sich an Personen, die eine Projekt- oder Teamleitung anstreben.“ Und auch die Situation für ambitionierte Nachwuchskräfte habe sich gegenüber dem vergangenen Jahr verbessert: „Der Anteil an Jobangeboten für Trainees und Juniorführungskräfte hat sich erholt, nachdem er im letzten Jahr bei beiden so niedrig war wie nie.“ Dabei zitiert DEKRA-Studie eine Untersuchung des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), nach der es vielen Arbeitgebern schwerfällt, Führungsstellen zu besetzen, vor allem in echten Leitungsfunktionen. „Die Suche nach Personen mit Lust auf Führungsverantwortung wird insgesamt schwieriger, demnach können sich nur 14 Prozent der Beschäftigten überhaupt vorstellen, eine solche Position zu übernehmen.“
Hier liegt eine Chance! Das Erfolgsrezept lautet also: früh KI-Kenntnisse sammeln und die Bereitschaft zeigen, Verantwortung zu übernehmen.
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Junge Generation stellt Partnerschaft in Frage
Die Lünendonk-Umfrage bei den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zeigt, dass das klassische Partnermodell unter Druck steht. Und zwar vor allem dann, wenn der Schritt zum Partner einer Prüfungsgesellschaft damit einhergeht, dass verpflichtend Unternehmensanteile erworben werden müssen. Dies schrecke viele junge Leute ab, heißt es in der Studie. Die Branche reagiere auf diese Entwicklung, 61 Prozent der befragten Wirtschaftsprüfer sind gerade dabei, neue, flexible Beteiligungs- und Einstiegsmodelle zu entwickeln. Gut möglich also, dass sich bald neue Einstiegs- und Aufstiegsmodelle ergeben werden, ausgelöst vom Verhalten der jungen Generation.