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Selbstständig statt angestellt

Eine Kanzleigründerin erzählt, warum sie sich für eine Kanzleigründung entschieden hat und wie sie die ersten Schritte als Selbstständige erlebt hat. Das Interview führte Sonja Theile-Ochel.

Zur Person

Katharina Zimmermann führt seit 2026 ihre Kanzlei in Frankfurt am Main. Sie berät Unternehmen, Gründerinnen, Gründer und Selbstständige im Gesellschafts-, Datenschutz-, Marken- und Arbeitsrecht. Als TÜV-zertifizierte externe Datenschutzbeauftragte unterstützt sie Unternehmen bei der Umsetzung der DSGVO. Sie ist Lehrbeauftragte an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und unterrichtet dort Privatrecht. Vor ihrer Zulassung als Rechtsanwältin sammelte sie Erfahrungen, z.B. als ehrenamtliche Bewährungshelferin in Frankfurt und als Teil der Chefredaktion des Online-Magazins Legal Layman. Sie studierte Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Unternehmens- und Kapitalmarktrecht an der Universität Münster und erwarb zusätzlich den Bachelor of Laws in Internationalem Wirtschaftsrecht an der TU Dresden.

www.kanzleizimmermann.de

Was hat den Ausschlag gegeben, eine eigene Kanzlei zu gründen?
Ich hatte schon immer wahnsinnig viele Ideen – und irgendwann kam der ernüchternde Moment, in dem ich merkte, dass meine Chefinnen und Chefs nicht annähernd so begeistert davon waren wie ich selbst.

Dazu kommt, dass ich eine ganz schlechte Schreibtischtäterin bin. Für mich ist es beispielsweise Höchststrafe, eine ganze Woche nur am Schreibtisch zu sitzen und außer mit dem Team mit niemandem zu sprechen und nichts „zu erleben“. Ich brauche den Austausch mit Menschen, gehe gerne auf Netzwerkveranstaltungen, lerne Leute kennen, begleite sie – das ist eine meiner Stärken und hierüber lade ich meine eigene Batterie wieder auf. Je größer und breiter mein Netzwerk wurde, desto öfter wurde mir dann auch die Frage gestellt, warum ich mich nicht eigentlich selbstständig mache. Oder ich hörte solche Aussagen wie, dass die Selbstständigkeit so gut zu mir passen würde.

Den eigentlichen Ausschlag gab dann ein Moment in meiner Anstellung als Rechtsanwältin: Mir wurde klar, dass ich Mandantinnen und Mandanten mit meiner Arbeit zufrieden und glücklich machen kann, dass sie mir vertrauen – und dass ich die Fähigkeit habe, sie gut zu betreuen und zu beraten, ohne jeden Schritt erst absprechen zu müssen.

Welche Herausforderung hat dich in der Gründungsphase am meisten überrascht?
Ehrlich gesagt gab es keine Sache, die mich richtig kalt erwischt hätte. Durch mein Netzwerk hatte ich schon wunderbare Kolleginnen an meiner Seite, die mir viel mitgegeben haben. Eine Kollegin half mir beim Rentabilitätsplan – welche Ausgaben auf einen zukommen, wie hoch sie im ersten Jahr sein könnten, was man noch bedenken muss. Eine andere Kollegin kannte sich gut mit Kanzleiorganisation aus, und eine ganz besondere Kollegin, die Partnerin in einer größeren Bonner Kanzlei ist, stand mir ebenfalls mit Rat und Tat in verschiedensten Bereichen zur Seite. Zudem bin ich stets selbst aktiv auf Kolleginnen zugegangen, die sich schon selbstständig gemacht hatten oder den Schritt gerade planten. Das hat vieles leichter gemacht. Dass ich hierbei auch ganz viel Glück hatte, ist mir wohl bewusst.

Wie viel Geld einem dann aber tatsächlich abgeht, wenn man selbstständig ist, hat mich vor allem hinsichtlich der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung überrascht.

Wie hast du die ersten Mandate gewonnen, und was hat sich dabei bewährt?
Ganz klar über mein Netzwerk. Meine Mandantin der ersten Stunde hatte ich ursprünglich noch für meine alte Kanzlei akquiriert. Als ich ihr erzählte, dass ich mich selbstständig mache, fragte sie, ob sie mitkommen könne. Auch das hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin: Wer geht schon mit einer jungen Anwältin mit, die gerade erst gründet, wenn er oder sie nicht wirklich zufrieden war mit der bisherigen Betreuung?

Auch alle weiteren Mandate kamen bisher aus meinem Netzwerk. Bewährt hat sich für mich vor allem, viel unterwegs zu sein, mit vielen Menschen zu sprechen und dabei einfach ich selbst zu sein. Mir bringen wenige, dafür intensive Gespräche mehr als viele oberflächliche Kontakte, denn am Ende zählt die Sympathieebene, die für eine gute Zusammenarbeit ohnehin entscheidend ist.

Dein Werdegang reicht von der Wissenschaft über das Referendariat bis zur Bewährungshilfe und zum Journalismus. Wie hat diese Vielfalt deine Selbstständigkeit vorbereitet?
Das stimmt, ich habe schon viel gemacht – das liegt an meiner Neugier, ich kann schlecht stillsitzen. In meinem Leben haben sich immer wieder verschiedene Möglichkeiten ergeben, und ich habe fast jede ergriffen, die sich mir geboten hat – so auch die Bewährungshilfe oder die journalistische Arbeit bei einer juristischen Onlinezeitschrift für Nichtjuristen.

Vor allem, wenn ich das Gefühl hatte, dass mich etwas menschlich weiterbringt, wollte ich es machen. Gerade die Bewährungshilfe hat mich mit Menschen in Berührung gebracht, mit denen ich als Gesellschaftsrechtlerin sonst nie zu tun gehabt hätte. Fünf Jahre lang habe ich zum Beispiel eine Mutter in meinem Alter und ihre vier Kinder begleitet, die selbst in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ist und ihre eigenen Kinder wieder unter schwierigen Bedingungen großziehen musste. So etwas mitzuerleben und zu begleiten, prägt einen. Man bekommt dabei auch mit, wie es ist, mit dem Jugendamt und anderen Behörden zu tun zu haben. Oder ich denke an einen 20-jährigen Mann, dem ich half, seine Post zu sortieren, seine Schulden aufzulisten und eine Einnahmen-Ausgaben-Liste zu erstellen. Sitzt man vor drei großen Sporttaschen voller teils ungeöffneter Post, braucht man wirklich viel Geduld und Einfühlungsvermögen, um das gemeinsam zu ordnen.

Durch diese unterschiedlichen Teams und Situationen ist meine Menschenkenntnis enorm geschult worden – das kommt mir heute im Alltag als Rechtsanwältin zugute: Ich schaffe es meist innerhalb weniger Sekunden einzuschätzen, wie ich mit meinem Gegenüber umgehen muss, um das zu erreichen, was ich für meine Mandantinnen und Mandanten erreichen will. Die Bewährungshilfe hat mich außerdem sehr gelassen gemacht – obwohl ich eigentlich laut bin und einen quirligen Charakter habe, kann ich gut erst einmal beobachten und zuhören. Das ist im Umgang mit Mandanten und der Gegenseite von Vorteil.

Was unterscheidet die Arbeit als selbstständige Anwältin am stärksten von der Arbeit in einer Kanzlei mit Kolleginnen und Kollegen?
Den stärksten Unterschied merke ich in meiner Freizeit- und Alltagsgestaltung. Ich kann meinen Tag jetzt völlig frei einteilen und bin nur meinen Mandantinnen und Mandanten Rechenschaft schuldig. Die Freiheit, morgens, mittags oder abends zum Sport zu gehen, mich mit Freunden zu treffen, meine Patentochter zu besuchen, mit meiner Mutter am Nachmittag einen Kaffee zu trinken oder zwischen zwei Schriftsätzen mit meiner besten Freundin und ihrer kleinen Tochter eine Stunde auf dem Spielplatz zu verbringen, ist unbezahlbar.

Dazu kommt, dass ich jetzt alles so gestalten kann, wie ich es möchte. Meine Website zum Beispiel ist nicht die klassische Anwaltsseite. Ich zeige mich so, wie ich bin und nicht so, wie jemand denkt, dass eine Anwältin sein müsste.

Welchen Rat gibst du jungen Absolventinnen und Absolventen, die über den Schritt in die eigene Kanzlei nachdenken?
Ich glaube, man merkt schnell, ob man der Typ dafür ist. Mir war früh klar, dass ich gerne gestalte und verwalte – trotzdem habe ich erst einmal in einer Kanzlei angefangen, um einen Eindruck von der anwaltlichen Tätigkeit zu bekommen, und weil ich dort auch eine gute Chance sah, mich karrieretechnisch zu entwickeln. Im Nachhinein war es sehr hilfreich, zunächst die Kanzleiorganisation kennenzulernen. Zwingend nötig ist dieser Schritt aber nicht.

Der beste Rat, den ich geben kann: sich ein gutes, stabiles Netzwerk aufzubauen und mit Menschen ins ehrliche Gespräch zu kommen – nicht oberflächlich und auf den eigenen Vorteil bedacht, das merken die Leute. Wichtiger ist, sich losgelöst vom eigenen Vorteil wirklich für die Menschen im eigenen Netzwerk zu interessieren. Das ist meiner Erfahrung nach das Wertvollste, was man haben kann, wenn man über den Weg in die Selbstständigkeit nachdenkt – als Support und als Ratgeber zugleich. Mein Netzwerk hat mir bisher fast jede wichtige Tür geöffnet. Dafür bin ich sehr dankbar.

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