Zeitenwende auf dem Rechtsmarkt: Nach einer ersten Abtastphase erkennen Kanzleien, dass KI-Anwendungen ab sofort in ganzer Breite eingeführt werden müssen. Nur dann ergeben sich Effizienz und Mehrwert für Mandanten. Dem Nachwuchs bietet sich die Chance, die Implementierung mitzuprägen – und damit im besten Fall ein paar Levels zu überspringen. Ein Essay von André Boße
Die amerikanischen Analyse-Profis von Bloomberg Law besitzen eine gewisse Routine darin, Jahr für Jahr den Rechtsmarkt zu beobachten, um aus dem, was sie sehen, Schlüsse zu ziehen und Prognosen aufzustellen. Die Reports der vergangenen Jahre begannen in der Regel mit einem Satz in der Art von: „Der Rechtsmarkt ist im Wandel.“ Das Credo des aktuellen Reports Bloomberg Law 2026 liest sich anders. Was vor allem mit den einschneidenden Erfahrungen des Vorjahres zu tun hat: „2025 war kein Jahr wie jedes andere“, heißt es im Vorwort der globalen Branchenanalyse. „Scheinbar von Woche zu Woche brachen alte Paradigmen zusammen und neue Normen setzten sich durch, was die Rechtsbranche in Unsicherheit stürzte.“
Die KI-Experimentierphase ist vorbei.
Zeitenwende auf dem Rechtsmarkt
Zuletzt ist viel von politischen Zeitenwenden gesprochen worden. Nun wird immer klarer, dass auch der Rechtsmarkt eine solche erlebt. Das große Plus der jungen Generation: Sie hängt nicht „alten Zeiten“ nach. Sie hat Lust auf Zukunft, ohne nostalgisch einer Vergangenheit nachzuhängen. Daher bietet die Zeitenwende auf dem Rechtsmarkt für den Nachwuchs beste Einstiegsbedingungen. Zumal bei einer Wende wie dieser, die zwar sehr stark von politischen, wirtschaftlichen und juristischen Unsicherheiten geprägt ist, aber eben auch der Künstlichen Intelligenz als neuer Technologie.
Dabei betrifft die KI den Rechtsmarkt gleich doppelt. Zum einen wird zu diesem Thema juristischer Rat von Mandanten nachgefragt, die in ihren Organisationen KI-Lösungen implementieren und dabei auf Regulierungen treffen sowie sich Haftungs- und Compliance-Fragen zu stellen haben. Zum anderen stehen die Kanzleien selbst vor der Aufgabe, bei ihrer juristischen Arbeit KI-Anwendungen zu implementieren. Laut Bloomberg-Report wächst in den Kanzleien zwar die Begeisterung für KI-Themen, „noch lassen messbare Erträge beim Einsatz von Generativer KI aber auf sich warten“. Was vor allem daran liege, dass beim Thema KI „die Implementierung allein noch keine Transformation bedeutet“.
Künstliche Intelligenz in der Wirtschaftsprüfung
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Künstliche Intelligenz (KI) wird künftig zur zentralen Technologie in der Abschlussprüfung sowie im Finanz- und Rechnungswesen insgesamt. So lautet eines der zentralen Ergebnisse der aktuellen Studie Künstliche Intelligenz im Corporate Accounting und Audit, für die PwC Führungskräfte aus dem Finanz- und Rechnungswesen deutscher Unternehmen befragt hat. Der Studie zufolge erwarten rund drei Viertel der befragten Unternehmen (76 Prozent), dass KI die Abschlussprüfung in den kommenden Jahren technologisch massiv verändern wird. Und etwa zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) gehen davon aus, dass es künftig mindestens in Teilen der Abschlussprüfung nicht mehr ohne KI gehen wird.
Damit sich die Investitionen in die Technologie rechnen, also ein return of investment (ROI) erkennbar ist, brauche es laut Branchenanalyse von Bloomberg Law nicht nur eine konsequente Einführung, sondern auch eine solide Datenbasis. Ohne eine gut entwickelte Dateninfrastruktur scheitern KI-Systeme daran, echte Wertschöpfung zu erzielen. Ohne Daten ist die KI kein Boost fürs Geschäft, sondern eine Trockenschwimmerin, greifen die Anwendungen ins Leere. Weil diese Erkenntnis in den Kanzleien angekommen ist, geht die Bloomberg-Analyse davon aus, dass die Organisationen aktuell ihre Hausaufgaben erledigen, indem sie sich darauf konzentrieren, sich „KI-ready“ zu machen. Was erstens bedeutet, die interne Dateninfrastruktur so vorzubereiten, dass Machine Learning-Anwendungen genügend Daten haben und diese ausreichend sortiert sind, zweitens, bei den Mitarbeitenden das Vertrauen in diese neue Technologie und ihre Chancen aufzubauen.
Implementierung in der Breite
In dieser Hinsicht hinterfragt Bloomberg Law den nachvollziehbaren Schritt nicht weniger Kanzleien, die bislang KI-Anwendungen erst einmal in isolierten Bereichen und mit kleinen Benutzergruppen getestet haben. Solche Pilotprojekte eignen sich zwar dafür, Abläufe auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Jedoch kommt eine Kanzlei beim Thema KI mit dieser Methode kaum voran, wie die Expert*innen von Bloomberg Law schreiben: „Solange die KI nicht in die täglichen Arbeitsabläufe integriert ist, bleiben das Datenvolumen und die Datenqualität begrenzt.“ Die Autor*innen des Reports appellieren an die Kanzleien, die KI erstens nicht nur in Silos zu implementieren, sondern übergreifend, und zweitens eine ehrliche Analyse zu erstellen, was genau man sich von der KI erhofft.
Schnelle Effizienzgewinne? Ergebnisse nach wenigen Monaten? Diese naheliegenden Ziele seien allein deshalb kaum möglich, „weil KI-Tools für die Rechtspraxis nach wie vor eine erhebliche Überwachung brauchen, was oft die versprochenen Effizienzgewinne zunichte macht“. Entscheidend sei es daher, innerhalb der Kanzlei einen strategischen Konsens zu erzielen, was mit den KI-Systemen erreicht werden soll. Und zwar nicht auf Knopfdruck, sondern Schritt für Schritt.
„Die Einführung“, heißt es im Report, „ist schließlich kein einmaliger Vorgang, sondern ein sich entwickelnder Prozess, der von Kultur, Vertrauen und der Integration in Arbeitsabläufe abhängt. Solange KI nicht in allen Teams und Tätigkeitsbereichen universell verankert ist, wird ihre messbare Wirkung auf Rechtsabteilungen begrenzt bleiben.“ Kanzleien stehen damit nicht nur vor der Aufgabe, die Art des Arbeitens neu zu denken. Das Thema KI zeigt: Die Zeit des Abschottens ist vorbei. Die Zeit starrer Hierarchien auch. Wovon die junge Generation profitiert.
Sharing is winning.
Neuer Karrieregeist in Kanzleien
Künstliche Intelligenz ist ein offenes Thema. Eines, das von digitaler Neugier und der Idee von Kollaboration getragen wird. Um es überspitzt zu sagen: Die Zeit von Partner*innen, die in Kanzleien gegen- statt miteinander arbeiten, beim digitalen Know-how aber nicht über das Office-Paket hinauskommen, läuft ab. Gefragt sind ab jetzt innovative Köpfe, die ihre Begeisterung für neue Themen auch nach außen zeigen. Einer von ihnen: Nico Kuhlmann, Fachanwalt für Marken- und Urheberrecht und Senior Associate in der Hamburger Kanzlei Hogan Lovells – und Youtuber. Als Teil der Digital Transformation Academy seiner Kanzlei gibt er Tech-Tutorials über „Prompt-Engineering für Anwälte“: Welche Aufträge und Befehle muss ich dem KI-System geben, um für einen Juristen wertvolle Ergebnisse zu erzielen? Kuhlmann hat sich einen Namen als KI-Experte gemacht, der nicht auf der Meta-Ebene formuliert, sondern sehr praxisnahe Tipps gibt.
Steigende Angst vor Cyber-Angriffen
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Lange Zeit handelte es sich bei Cyber-Security um einen abstrakten Begriff. Das ändert sich nun: Eine aktuelle Studie des digitalen Branchenverbands Bitkom sagt aus, dass in Deutschland die Angst vor Cyberangriffen und sogar einem Cyberkrieg um sich greife: „70 Prozent der Menschen in Deutschland schätzen die Gefahr durch Cybercrime insgesamt als hoch ein und ebenso viele halten Deutschland für schlecht vorbereitet. 61 Prozent haben Angst vor einem Cyberkrieg und für rund zwei Drittel (64 Prozent) ist Deutschland dafür nicht gut gewappnet“, heißt es in einer Pressemitteilung zur Vorstellung der Untersuchung. „Deutschland wird täglich digital angegriffen. Die Grenzen zwischen Cybercrime und hybrider Kriegsführung, zwischen privaten und staatlichen Akteuren sind inzwischen fließend“, wird Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst in der Pressemitteilung zitiert. „Die Bedrohungslage wird sich verschärfen, wir müssen deshalb unsere nationale Sicherheit sowohl klassisch als auch im digitalen Raum stärken – in Behörden und der Verwaltung, aber auch in kritischer Infrastruktur und in den Unternehmen.
Dass sein Arbeitgeber diese Tutorials online stellt und damit für jeden verfügbar macht, zeigt den neuen, kooperativen und offenen Geist, der in immer mehr Kanzleien herrscht. Angetrieben wird dieser Spirit von der Idee einer digitalen Arbeitswelt, in der KI-Systeme dann gewinnbringend sind, wenn möglichst viele daran beteiligt sind. Natürlich, andere Kanzleien bleiben Mitbewerber, und im Umgang mit den neuen Anbietern von digitalen Legal Services müssen Kanzleien ihr Revier verteidigen. Es gibt aber eben auch die Erkenntnis, dass die KI in verschlossenen Silos ein zahnloses Tool bleibt.
Geteiltes Know-how schafft Mehrwert
Wie heißt es so schön im Englischen: „Sharing is caring.“ Übertragen auf den neuen Rechtsmarkt könnte man sagen: Sharing is winning. Akteure außerhalb der Kanzleien füllen dieses Motto bereits mit Leben. So vermeldete Anfang des Jahres der juristische Content-Anbieter Wolters Kluwer die Übernahme von Libra, einem Anbieter von KI-Workspaces für Jurist*innen. Es ergibt sich ein perfektes Match: Ein Partner bietet die Struktur, der andere die Inhalte. In einem Interview auf dem Portal Legal Tribune Online (LTO) erklärt Stephanie Walter, Geschäftsführerin von Wolters Kluwer, welche Strategie hinter der Akquisition steckt. Dabei nimmt sie mit Blick auf den Rechtsmarkt den Begriff der Zeitenwende auf: „Mandanten fordern qualitativ hochwertige Beratung und kurzfristige Reaktionszeiten zu einer angemessenen Honorierung.
Die bestehenden Geschäftsmodelle der Kanzleien und das System der billable hour geraten zunehmend unter Druck und die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit den Mandanten, auch in Corporate Legal Departments, steigt.“ Stephanie Walter geht davon aus, dass die Zeit kleiner Lösungen für wenige KI-affine Jurist*innen vorbei ist: „Wir sehen, dass die Zielgruppe bereit ist für Lösungen, die nicht nur auf wenige Use Cases zugeschnitten sind, sondern im Arbeitsalltag in der Breite der Mandate sofort nutzbar sind.“ Ihre Botschaft: „Die KI-Experimentierphase ist vorbei. Was jetzt zählt, sind Qualität, Vertrauen und fachliche Autorität.“ Die gute Nachricht für die junge Generation lautet: Mit klugen KI-Kollaborationen kann der Nachwuchs in allen diesen Kategorien schneller denn je neue Levels erreichen. Die KI ist damit, richtig eingesetzt, nicht nur ein Hebel für mehr Effizienz. Sondern auch ein echter Karriere-Boost.