Sind die goldenen Zeiten für Bewerber*innen vorbei? Absolvent*innen brauchen laut Bundesagentur für Arbeit und Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung heutzutage länger, bis sie eine passende Stelle finden, als vor ein paar Jahren. Arbeitsmarktexperte Dr. Tobias Zimmermann ist der Ansicht: Die Lage ist besser, als sie vielen erscheint. Die Fragen stellte Sabine Olschner
Zur Person
Dr. Tobias Zimmermann ist ein anerkannter Arbeitsmarktexperte und Keynotespeaker. Seit 2018 beschäftigt er sich mit Fragen rund um die Arbeitswelt. Seit Januar 2026 verantwortet er den Bereich Talent Intelligence & Attraction bei der TÜV NORD Group. Der gebürtige Bielefelder promovierte 2016 an der Universität Münster in Politikwissenschaft. In seinem Buch „Zeit der Chancen“ erklärt er, warum sich trotz Wirtschaftskrise, Stellenabbau und Insolvenzen gerade jetzt ungeahnte Job-Chancen eröffnen.
Viele angehende Absolvent*innen haben Angst, aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage nach dem Studienabschluss keinen Job zu bekommen. Ist diese Angst berechtigt?
Die Arbeitswelt und der Arbeitsmarkt verändern sich derzeit massiv, und natürlich sind die drei Jahre Rezession nicht spurlos an uns vorübergegangen. Schaut man sich aber mal die konkreten Zahlen an, ist unser Blick auf den Arbeitsmarkt meines Erachtens viel zu dystopisch: Wir haben aktuell eine Erwerbslosenquote von 3,7 Prozent. Das ist historisch gesehen enorm niedrig. Es gibt eine Million offene Stellen – mehr als zum Vergleichszeitpunkt vor zehn Jahren, als Deutschland das Vorbild und der Wirtschaftsmotor Europas war. Ja, es gibt einen Veränderungsdruck am Arbeitsmarkt. Berufsprofile verändern sich immer schneller, das heißt, ich muss mich anpassen. Den einen Job fürs Leben gibt es nicht mehr, ich muss permanent in meine Employability investieren. Wer das tut, dem bieten sich aktuell gute Chancen und in Zukunft noch bessere.
Wie sieht denn nun die aktuelle Arbeitsmarktsituation für Absolvent*innen tatsächlich aus?
Dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge werden Unternehmen im Jahr 2028 rund 770.000 Stellen in Deutschland nicht besetzen können. Dabei gibt es in einigen Branchen eine sehr hohe Nachfrage, in anderen weniger. Ein sehr starker Mangel ist bei zwischenmenschlichen Tätigkeiten zu beobachten, also in den Bereichen Bildung, Erziehung und Gesundheit. Und es herrscht eine riesige Nachfrage nach technischer Expertise, allen voran für den Bereich Energie, wo wir dringend Ingenieur*innen brauchen, die die neuen Technologien zum Leben erwecken. In der IT brauchen wir Expert*innen, die die künstliche Intelligenz weiterentwickeln, verstehen, kontrollieren und mit ethischen Grundsätzen steuern. Laut dem Branchenverband Bitcom werden uns bis 2040 rund 600.000 IT-Experten fehlen. Und auch die Büros des Landes werden weiter Chancen für Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler und Co. bieten. Gerade unter Studierten ist die Beschäftigung in Feldern wie Unternehmensorganisation oder Finanzen in den letzten Jahren überdurchschnittlich gestiegen. Für Absolvent*innen gilt generell: Sie müssen aktiv ihre Fähigkeiten und ihre Karriere managen, dann haben sie auch weiterhin gute Chancen.
Ist die künstliche Intelligenz eine Gefahr für den Arbeitsmarkt?
Die KI wird uns kurzfristig einmal kräftig durchschütteln und uns viel abverlangen. Das wird sicherlich anstrengend. Künstliche Intelligenz wird aber nicht dafür sorgen, dass uns die Arbeit ausgeht, sondern sie wird nur die Art der Aufgaben verändern. Wir reden aus meiner Sicht viel zu wenig darüber, welche riesigen Chancen uns die KI eigentlich bietet, indem sie die Arbeitswelt interessanter, abwechslungsreicher und menschlicher macht. Denn die KI befreit uns vor allem von den langweiligen, repetitiven Aufgaben. Keiner von uns ist schließlich auf die Welt gekommen, um Zahlen in einer Excel-Tabelle von links nach rechts zu schieben oder zu kontrollieren, ob sich nicht irgendwo ein Tippfehler eingeschlichen hat. Wir sind doch hier, um auf Basis von Analysen kreative Lösungen zu finden. Es wird künftig viel mehr kreative Jobs geben, während die langweiligen Jobs verschwinden werden. Auch in der Vergangenheit ist uns die Arbeit ja noch nie ausgegangen, trotz aller technischen Erneuerungen. Wichtig ist: Wer sich jetzt schon bestmöglich für die Zukunft aufstellt, kann weiterhin attraktive Jobs bekommen und schnell nach oben aufsteigen. Wenn ich aber nicht aufpasse und meine Fähigkeiten veraltet sind, bekomme ich Probleme und muss meine Arbeitsfähigkeit wieder herstellen.
Es wird künftig viel mehr kreative Jobs geben, während die langweiligen Jobs verschwinden werden.
Welche Fähigkeiten werden denn in Zukunft wichtig sein, um Erfolg zu haben?
Allen voran stehen die sozialen Fähigkeiten: Je mehr wir automatisieren, umso mehr Bedeutung bekommt das Zwischenmenschliche. Projektmanagement wird stärker werden, also muss ich gut mit anderen zusammen arbeiten können, kommunikationsfähig und empathisch sein. Als Projektmanager brauche ich auch Führungsfähigkeiten, um die Menschen in meinem Team zu leiten und das Projekt im Griff zu haben. Des Weiteren sind Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kreativität, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität wichtig. Und ich brauche auch digitale Skills, um zu wissen, wie ich künstliche Intelligenz bestmöglich einsetzen kann. Das heißt nicht, dass wir jetzt alle programmieren lernen müssen. Aber ich muss verstehen, was die künstliche Intelligenz kann, wo ihre Schwächen liegen und wie ich sie möglichst effizient einsetzen kann.
Viele junge Menschen sehnen sich heutzutage nach Sicherheit. Gibt es heute überhaupt noch einen sicheren Job, den ich mein Leben lang behalte?
Aus meiner Sicht hat der sichere Job weitgehend ausgedient. Junge Menschen werden in ihrem Berufsleben nicht nur viele verschiedene Jobs haben, sie werden sogar mehrere Karrieren haben und sich immer wieder neu erfinden – entsprechend dem, was sie gut können, worauf sie Lust haben und was am Markt gebraucht wird. Die Sicherheit, die sie erwarten, müssen sie sich selber geben, indem sie dafür sorgen, dass sie die Fähigkeiten besitzen, die gebraucht werden, und dahin gehen, wo es für sie gute Zukunftschancen gibt. Um es mit einem Bild zu sagen: Es rollen derzeit viele Veränderungswellen auf uns zu. Ich kann am Strand stehen und der Welle den Rücken zudrehen, oder ich kann mir das Surfboard schnappen und versuchen, die Welle zu surfen oder mich mit Freude hineinstürzen. Ich denke, Letzteres macht deutlich mehr Spaß.
Buchtipp
Tobias Zimmermann: Zeit der Chancen. Wie und warum du gerade jetzt Karriere machst. Campus Verlag 2026. 25 Euro


Buchtipp