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Ausland

16.11.2004

So nah und doch so fern?

von Hanne Seelmann-Holzmann
Journal

Amerika ist weit weg, viele von uns waren noch nie in Asien, und auch Australien bleibt für die meisten eine Traumvorstellung. Aber Europa? Zum Greifen nah, sollte man meinen. Doch trotz der örtlichen Nähe sind unsere Gedanken, Vorstellungen und Verhaltensweisen oft weit von denen anderer Europäer entfernt. Wer beruflich in Europa unterwegs ist, sollte einige kulturelle Feinheiten kennen.

Wer kennt nicht die zahlreichen Witze, in denen sich die jeweiligen Klischees über unsere europäischen Nachbarn ausdrücken? Zum Beispiel der: „Ein Schiff sinkt und zur Rettung der Passagiere muss der Kapitän diese überzeugen, ins Wasser zu springen. Zu den Engländern sagt er deshalb ‚It’s fair’, zu den Franzosen ‚C’est chic’. Die Deutschen verstehen am besten ‚Das ist ein Befehl’ und die Italiener springen, weil sie hören ‚Es ist verboten!’“.

Eine Wurzel, viele Früchte

Europa hat zwar gemeinsame kulturelle Wurzeln, gleichzeitig jedoch bildeten sich an den Länder-Bäumen sehr unterschiedliche Früchte aus. Und diese Vielfalt wird mit der Osterweiterung der EU noch vergrößert. Wenn wir als Touristen andere europäische Länder bereisen, können wir diese landestypischen Unterschiede je nach Persönlichkeit als Bereicherung oder als Bedrohung unserer Überzeugungen betrachten. Haben wir es jedoch mit Geschäftspartnern zu tun, mit denen wir erfolgreich zusammenarbeiten müssen, dann kann eine Missachtung anderer kultureller Gepflogenheiten bei uns Frustrationen auslösen und das Gelingen geschäftlicher Ziele gefährden.
Kulturkompetenz heißt deshalb die Soft Skill, die für die internationale Arbeit in Europa wichtig ist. Und diese Schlüsselkategorie meint nicht nur, dass man die Do’s and Don’ts der Geschäftspartner kennt. Erforderlich sind vielmehr Eigenschaften, die uns befähigen, andere Einstellungen zu tolerieren und zu ertragen, auch wenn wir sie nicht als richtig akzeptieren.

Handschlag oder Handkuss?

Unterschiedliche Regeln zeigen sich bereits in der Begrüßungssituation: Welche Umgangsformen gelten hier als höflich? In skandinavischen Ländern oder in England tauscht man einen kräftigen Händedruck aus. Südeuropäer pflegen oft einen intensiveren Körperkontakt, bis hin zu angedeuteten Küssen. Und in den osteuropäischen Ländern wie Polen oder Ungarn erwarten weibliche Geschäftspartner durchaus einen galanten Handkuss.

Anrede mit Gefühl?

Wie spricht man sich an? Das ist nicht nur für die Geschäftspost wichtig, sondern auch für Telefonate. „Caro amico“ wird Sie vielleicht Ihr italienischer Partner nennen, wie überhaupt die Betonung von freundschaftlichen Beziehungen in Süd- oder Osteuropa essentieller Bestandteil guter Geschäftskontakte ist. Dies nun finden Deutsche oft als übertrieben, Nordeuropäer werden auch eher zurückhaltend mit solchen Bekenntnissen sein, und Briten werten Äußerungen dieser Art als „indescent“ – gebildete Menschen zeigen keine Gefühle.

Kaffee trinken oder joggen?

Die Zahl der Irritationen setzt sich fort in der Vorstellung darüber, was eine gute Geschäftsbeziehung ausmacht. Für die meisten unserer europäischen Nachbarn gehören dazu gute persönliche Beziehungen. Man erwartet Informationen über die familiäre Situation, über Hobbies und Vorlieben. Gutes Essen und Trinken betrachtet man in süd- und osteuropäischen Ländern und auch in Frankreich als wichtigen Bestandteil im Aufbau einer guten Geschäftsbeziehung. Dies nun werten Deutsche oft als Zeitverschwendung. Sie fürchten, dass ein opulentes Mahl – vielleicht sogar noch am Mittag – ihre Leistungsfähigkeit einschränkt. Sie sind doch nicht zum Spaß hier!
So kann es dann passieren, dass bei einem europaweiten Verkäufertreffen einer Firma die süd- und osteuropäischen Kollegen nach dem Essen plaudernd bei einem Kaffee zusammensitzen. Die deutschen Teilnehmer hingegen nutzen die Zeit bis zur Fortsetzung der Besprechung zur körperlichen Ertüchtigung: Unter den erstaunten Blicken ihrer Kollegen joggen sie noch eine halbe Stunde – wenn sie schon nichts für die Firma tun können, dann tun sie wenigstens etwas für ihre Gesundheit. Für die anderen Kollegen ist dies jedoch eine Zurückweisung: Die Deutschen möchten wohl nichts mit ihnen zu tun haben…

Aggressiv oder höflich?

Europa spricht viele Sprachen. Und auch wenn Englisch als Geschäftssprache eingesetzt wird, so gibt es immer noch Unterschiede im Kommunikationsstil. Unsere europäischen Nachbarn empfinden das deutsche Sprachverhalten als aggressiv, grob und zu direkt. Die Deutschen hingegen möchten dadurch Effizienz beweisen, sie kommen schnell auf den Punkt, sparen sich überflüssiges „Gelaber“, sind eher sach- als personenorientiert. Mit den höflichen, vagen, humorvollen Äußerungen von Engländern, Franzosen aber auch Ungarn können sie wenig anfangen. Warum sagen die nicht einfach, was Sache ist?

Die sieben goldenen Regeln

Bevor Sie ins Europa-Geschäft einsteigen, denken Sie also daran:
Auch innerhalb Europas gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, was höflich ist oder eine gute Geschäftsbeziehung ausmacht.
Wer andere Spielregeln kennt und sie sich zueigen macht, hat einen strategischen Vorteil.
Informieren Sie sich deshalb über landestypische Verhandlungs- oder Personalführung.
„Flache Hierarchien“ sind in der Geschäftswelt von süd- oder osteuropäischen Partnern oft unbekannt. Dies hat zum Beispiel Konsequenzen für die Entscheidungsfindung oder für Arbeitsanweisungen.
Lernen Sie „zwischen den Zeilen“ der Aussagen Ihrer Partner zu lesen.
Es geht nicht darum, dass Sie andere Überzeugungen übernehmen – Sie müssen Sie kennen und tolerieren.
Eine Missachtung der Erwartungen Ihrer Geschäftspartner führt zu Frustrationen auf der persönlichen Ebene – und zum geschäftlichen Misserfolg.

Zur Autorin

Dr. Hanne Seelmann-Holzmann, Inhaberin der Dialog Unternehmensberatung in Heroldsberg/Nürnberg (www.dialogasia.de), ist Spezialistin für Kulturkompetenz in Europa und Asien. Ihr Motto: Nur wer kulturelle Unterschiede kennt, kann sie für die erfolgreiche Zusammenarbeit nutzen.
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