Die Kraft der Worte

Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung

Foto: Fotolia/stokkete
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„Psyches iatreion“ – auf Deutsch „Hospital für die Seele“ – stand vor rund 2300 Jahren über dem Tor der Bibliothek von Alexandria, der größten Schriftensammlung der antiken Welt. Schon damals wusste man, dass Literatur eine heilende Wirkung haben kann. Von Kerstin Neurohr

Auch heute nutzt man das Lesen und Schreiben von Texten, um Gedanken zu sortieren, Klarheit zu gewinnen und Probleme anzupacken. Viele tun das für sich, zum Beispiel, indem sie Briefe, Tagebuch oder Gedichte schreiben. Aber auch Therapeuten und Coachs setzen entsprechende Methoden ein: Sie sprechen dann von Poesie- und Bibliotherapie (PBT), einer Therapieform, die wissenschaftlich erforscht und deren Wirksamkeit belegt ist. Bei der Poesietherapie werden eigene Texte geschrieben, bei der Bibliotherapie arbeitet man mit den Texten von anderen – und meist geht beides Hand in Hand, zum Beispiel in Gruppen.

Weitere Infos zum Thema

Links zu Seminarangeboten der DGPB-Mitglieder unter www.dgpb.org/links.php

Alexander Wilhelm, ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie (DGPB), erklärt: „Die Anwendungsmöglichkeiten sind sehr vielfältig: PBT stammt aus der Integrativen Therapie, die verschiedene methodische Ansätze vereint. Sie ist jedoch ebenso im Rahmen anderer Verfahren, zum Beispiel der Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie, anwendbar und eignet sich auch als Instrument zur Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung.“ Letzteres ist im Rahmen von Coachings und Schreibwerkstätten möglich, in Einzelsitzungen oder in Gruppen. „Gemeinsam mit anderen zu schreiben und über Texte zu sprechen, ist eine bereichernde Erfahrung“, bestätigt Alexander Wilhelm, der seit über zwanzig Jahren mit PBT arbeitet und mittlerweile zum Poesie- und Bibliotherapeuten ausbildet.

Geeignet ist die Methode für alle, die grundsätzlich gerne schreiben und lesen. Dabei geht es weder darum, einen Roman zu schreiben, noch werden Texte wie im Schulunterricht interpretiert. Vielmehr ist das Ziel, kreativ zu werden und Denkanstöße zu bekommen. Alexander Wilhelm gibt ein Beispiel aus seiner Praxis: „Kürzlich habe ich einen Patienten empfangen, der ungewöhnlich angespannt wirkte. Er sagte mir, er wisse auch nicht recht, was mit ihm los sei. Ich habe ihm dann einen Text von Erich Kästner vorgelesen, in dem es um einen Mann geht, der ebenfalls nicht weiß, woher seine Stimmung kommt. Mein Patient wurde dabei richtig wütend. Beim Zuhören wurde ihm bewusst, dass er sich über einen Kollegen geärgert hatte – und darüber konnten wir in der weiteren Sitzung sprechen.“

Wer Lust hat, die Methode selbst auszuprobieren, sollte einen Anbieter wählen, der eine DGPB-Zertifizierung hat. Diese Zertifizierung gibt es in drei Stufen, sie stellt sicher, dass der Anbieter Erfahrung mit der Methode gesammelt hat und über eine entsprechende Qualifikation verfügt.

Buchtipps

Brigitte Schulte, Barbara Schulte-Steinecke, Lutz von Werder: Die heilende Kraft des Schreibens
Patmos 2011. ISBN 978-3843600873. 14,90 Euro

James W. Pennebaker: Heilung durch Schreiben. Ein Arbeitsbuch zur Selbsthilfe
Huber 2009. ISBN 978-3456847429. 19,95 Euro