„Wir reisen, um zu reisen“

von Gunnar Merbach und Fabian Michel

Seit Januar 2005 sind der Absolvent Gunnar Merbach, 26, und der Student Fabian Michel, 27, unterwegs in Mittel- und Südamerika, in Ozeanien und Asien und verwirklichen während dieser einjährigen Weltreise einen lang gehegten Traum.

Warum wir ein Jahr lang nur mit unseren Rucksäcken als Backpacker um die Welt reisen wollten? Das haben uns viele gefragt. Unsere spontanen Antworten: „Die Welt kennen lernen”, “unseren Horizont erweitern“ oder „die Natur erleben”. Doch eigentlich war es mehr, als wir mit diesen Worten ausdrücken konnten. Nun, da wir unterwegs sind, scheint es, als verstünde man den Reiz des Reisens erst wirklich, wenn man unterwegs ist.

Die Globetrotter: Gunnar Merbach (links) und Fabian Michel vor der Mondpyramide bei Mexico City

Reisen ist in unseren Augen nicht gleich Reisen. Sinn und Zweck erschließen sich erst, wenn man überlegt, welche Art zu reisen man wählt. Zwei Faktoren beeinflussen jede Art des Reisens: Zeit und Geld. Während ein Großteil der Urlaubsreisenden sich Luxus und Lifestyle gönnt, ist bei vielen Backpackern mehr Zeit als Geld vorhanden (allerdings trafen wir auch Börsenmakler, die nicht anders reisen möchten). Mancher mag die daraus resultierende einfache Art des Reisens als Einschränkung sehen, wir betrachten sie als einen persönlichen Gewinn, denn die Fortbewegung per Anhalter oder drittklassigem Bus lässt uns das Alltagsleben eines Landes intensiver begreifen als ein flüchtiger Blick aus dem klimatisierten Mietwagen.
Ähnlich steht es mit der Selbstverantwortlichkeit des Reisenden: Während viele Urlaubsreisende es nicht missen möchten, durch Führer von Attraktion zu Attraktion geleitet zu werden und sich um nichts mehr kümmern zu müssen, ist es für uns gerade das Moment der Unabhängigkeit von Führern und Abfahrtszeiten, das uns in aller Ruhe die Faszination eines Ortes selbst erschließen lässt.

Abseits von Touristenströmen
So liegt es auch in der Natur des Backpackers, seinen Tagesplan und seine Route stets selbst aufs Neue zu überdenken und zu organisieren. Dabei trägt er die Sicherheitsrisiken ebenso wie den eigenen Rucksack. Auf uns übt weniger ein beliebter Strand oder eine berühmte Stadt starke Anziehung aus, sondern neben den großen Sehenswürdigkeiten bewegen wir uns bewusst abseits von Touristenströmen, um Land und Leute unverfälschter kennen lernen zu können. Der Lohn dieses Kraft- und Zeitaufwandes ist ein intensives Gefühl des Reisens, eine Berührung, die durchdringt, mal beglückend, mal bedrückend. Dies geht Hand in Hand mit der Verarbeitung des Erlebten, sei es in Form von Tagebüchern, Briefen, Gesprächen oder schlichtem Nachdenken. Somit wird schon unsere Reisemethode – das Backpacking – zur ersten Antwort auf die Frage, warum wir reisen: Wir reisen, um zu reisen. Ein weiterer Grund für unsere Rucksackreise ergibt sich aus dem Perspektivenwandel, der durch viele Begegnungen und Erlebnisse – positive wie negative – initiiert wird. In diesem Sinne eröffnen sich uns viele neue „Wahrheiten“, seien es Missstände wie Armut oder Bildungsmangel, gegen die die Probleme der Heimat oftmals unwesentlich erscheinen, oder seien es viele wunderbare Augenöffner, wie unberührte Strände oder die weit verbreitete Gastfreundlichkeit und die Freude am Lachen.

On the road again: Eine Rucksackreise will gut geplant sein

Dieser Perspektivenwandel bewirkt auch eine veränderte Sicht auf das Notwendige im Leben – nicht nur durch den Vergleich der Lebensverhältnisse, sondern gerade auch durch die bewusst gewählte einfache Art des Reisens. Wie wichtig werden dabei Wasser, Kleidung, Musik und Literatur im Gegensatz zu so vielen Luxusgegenständen. Darüber hinaus eröffnet uns unsere Weltreise die Möglichkeit, Abstand von unserem gewohnten Lebensumfeld zu nehmen, die bisherigen Entscheidungen unseres Werdegangs zu überdenken und neue Perspektiven zu entwickeln. Dabei geht es um private Entscheidungen ebenso wie um berufliche. Gerade Letzteres ist uns wichtig, da wir beide das Studium frisch beendet haben beziehungsweise kurz davor stehen. So dient unsere Reise auch als Inspiration für unseren bald beginnenden Berufsweg, der uns fordern und ausfüllen soll.

Die geplante Route
Anfang Januar ging die Reise von Gunnar Merbach und Fabian Michel los: Die Weltumrundung begann in Mittelamerika mit Ländern wie Mexiko, Guatemala, Costa Rica und Panama. Im Frühling 2005 wird Südamerika folgen, insbesondere Peru und Chile, vielleicht auch Ecuador und Argentinien. Im Sommer fahren die Globetrotter nach Neuseeland und Australien, bevor im Herbst der letzte „kleine“ Flug von Sydney nach Singapur folgen soll. Von dort geht es über Malaysia und Thailand bis nach Laos, Kambodscha und schließlich nach Vietnam.
Im Januar 2006 ist der Rückflug aus Hongkong über London nach Frankfurt geplant.

Gründliche Vorbereitung zahlt sich aus
Vor viereinhalb Jahren begannen wir mit den Vorbereitungen. Die erste Frage war: Wann sollten wir eine solch große Reise unternehmen? Es lag nahe, sie als doppeltes Urlaubssemester im Studium oder direkt am Anschluss an den Abschluss zu wagen. Wir entschieden uns für Letzteres, obwohl das Datum unserer Abschlüsse noch im Dunkeln lag – wir rechneten
einfach mit unserem Glück. So blieb uns nach der Wann-Frage viel Zeit für weitere Überlegungen. Wohin sollte es gehen? Über die grobe Reiseroute waren wir uns schnell einig: Südamerika, Neuseeland, Australien und Asien sollten Stationen unserer Reise werden. Afrika und Nordamerika klammerten wir aus Zeitgründen aus. Den Verlauf der genannten Route ließen wir bis wenige Wochen vor Start offen. So ergab sich durch den Aufbruch im Winter die Reiserichtung fast wie von selbst: Wir würden nach Westen reisen und aus dem Osten
wiederkehren.

Während der folgenden drei Jahre nach unserem Entschluss trafen wir uns immer wieder, um über verschiedene Länder als Ziele nachzudenken, Flugtickets zu vergleichen (hier boten sich Around-theworld-Tickets an, die uns für unter 2000 Euro mit bis zu sieben Stopps um den Globus führen) und während kürzerer Trekkingtouren in Europa neue Ideen für unsere Ausrüstung zu sammeln. Die Idee, mit einem Frachtschiff nach Amerika zu gelangen, mussten wir nach einigen Versuchen leider aufgeben: Mehrere Reeder und Kapitäne verneinten unsere Anfragen – möglich sei dies nur noch als Passagier für, in unseren Augen wolkenkratzerhohe, Summen.

Richtig spannend wurde es im letzten Jahr der Vorbereitungen. Unsere Studien neigten sich dem
Ende zu, viel war dafür allerdings noch zu tun. Parallel dazu kreisten unsere Gedanken um Reisestationen, Ticketkauf und Versicherungen verschiedenster Art. Wir ließen uns mehrfach impfen und vor allem: Wir gingen einkaufen. Monate vor Aufbruch waren die meisten Ausrüstungsgegenstände bereits zusammengetragen und stapelten sich in unseren Zimmern.

Ausufernde Reiseapotheke
Das Komplizierte am ernsthaften Backpacken über eine längere Zeit ist das sehr limitierte Packvolumen und das zu tragende Gewicht. Wir wollten Ausrüstung für ein ganzes Jahr beschaffen, die über viele Monate und Klimazonen zum größten Teil unverändert bleiben sollte, ohne unter ihrem Gewicht unsere Gesundheit einbüßen zu müssen. Eines der offenen Geheimnisse ist, viele Gegenstände doppelt und dreifach zu verwenden (zum Beispiel den Topf auch als Pfanne, Teller, Spüle und als Wasserbehälter zu nutzen) und so wenig wie möglich doppelt mit sich zu führen (wozu zwei Mal Zahnpasta, Haarbürste, Shampoo?). Allerdings entschieden wir uns, im Gegensatz zu unseren kürzeren Touren, mehr Unterhaltungsutensilien auf die lange Reise mitzunehmen. So befinden sich auch ein MP3-Player (der uns gleichzeitig zur Speicherung unserer Fotos und zu vielem mehr dient), Mundharmonikas, ein Reiseschach und andere Spielereien in unserem Gepäck. Diese Dinge leisten uns nun hervorragende Dienste, zum Beispiel während langer Busfahrten.

Egal, wie sehr man sich anstrengt: Kurz vor dem Start ist noch eine Menge zu erledigen. So auch bei uns, denn die letzten Kleinteile fehlten noch, die letzte Versicherung war noch offen, und das letzte Abo noch ungekündigt. Doch wie es ebenfalls meistens der Fall ist: Mit einigen schlaflosen Nächten, der Hilfe von Freunden und Familie und Expresspost befanden wir uns, als wir endlich in der Boeing 747 saßen, wieder perfekt im Zeitplan. Im Nachhinein zahlt sich die gründliche Vorbereitung aus, denn wir vermissen kaum etwas und werden von einigen Reisenden, die wir unterwegs treffen, ob unserer manchmal zu durchdachten Rucksackinhalte – wie etwa der ausufernden Reiseapotheke – bestaunt. So können wir dem, worauf es uns am meisten ankommt, mehr Aufmerksamkeit widmen: dem Reisen und Entdecken.

Die Globetrotter
Gunnar Merbach, 25, gebürtiger Wormser,studierte internationale Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Stralsund und der Estonian Business School in Tallinn, Estland. Während seines Studiums sammelte er praktische Erfahrungen bei Firmen wie der Allianz AG, der DZ BANK AG und der DaimlerChrysler AG. Seine englischsprachige Diplomarbeit im Bereich Personalmarketing verfasste er bei der Continental AG in Hannover.
Gunnar Merbachs Reisepartner heißt Fabian Michel, ist 27 Jahre und Kieler Magisterstudent der Pädagogik, Theologie und Psychologie.
 

Teil 2: Mexiko und Belize
Teil 3: Guatemala
Teil 4: Ecuador
Teil 5: Peru
Teil 6: Bolivien und Chile
Teil 7: Neuseeland
Teil 8: Australien und Asien