Newsletter ‚Reisen, um zu Reisen‘ Nr. 8: Australien und Asien

von Gunnar Merbach und Fabian Michel

Am 26. August landeten wir in Sydney, Australien. Wir wurden empfangen von unserem alten Freund Paul, den wir schon in Mexiko und Guatemala wieder und wieder aus Zufall trafen. Bei ihm blieben wir einige Tage, erkundeten seine Heimatstadt und wärmten uns unter der Sonne Australiens erst einmal wieder auf.

Fabian beendete dort Anfang September auch seine Reise und kehrte nach Deutschland zurück, um sein Studium zu beenden. So lagen wir uns am International Airport Sydney in den Armen, drückten uns sehr herzlich, wünschten einander alles Gute für die Zukunft und dankten für die zurückliegenden Monate und gemeinsam erlebten Höhen und Tiefen der gemeinsamen Reise – unseres seit fünf Jahren gemeinsam geträumten Traumes.

Alleine (bzw. mit Paul) verlebte ich noch eine Woche in Sydney und flog dann weiter nach Cairns, wo ich einen kleinen Seitentraum verwirklichte und das Tauchen erlernte. Allerdings buchte ich statt der preiswertesten Alternative (zwei Tage an Land und im Pool) nach langem Nachdenken und Rechnen die teuerste: zwei Tage an Land und im Pool, dann vier Tage in einem Segelboot auf See, um die zwei erlernten Tauchscheine auch gleich praktisch anwenden zu können. Und um es auf den Punkt zu bringen: Wow!

Als ich von dieser großartigen Erfahrung wieder wankend an Land stand, entschloss ich mich, Richtung Süden zu reisen. Dabei freute ich mich diebisch auf eine Reiseart, die ich mir schon seit Mittelamerika (wegen einiger phantastischer und einiger realen Sicherheitsbedenken) nicht mehr geleistet hatte: das Trampen. Obwohl mich meine Gastgeber stets mit großen Augen ansahen, wenn ich davon berichtete – ich blieb dabei (obwohl vor wenigen Jahren ein „Trampermörder“ in Australien sein Unwesen getrieben hatte), und siehe da: Schon beim ersten „Daumen raus“ wurde ich zügig aufgesammelt, mitgenommen, eingeladen, bewirtet und aufgenommen – gleich mehrere Tage, in Mission Beach, das berühmt ist für seine Strände und den Regenwald, der bis an die Küste reicht (was durchaus nicht häufig vorkommt in der Welt).

Nachdem ich meiner Gastgeberin, die während meines Besuches mit mir in ihrem alten Toyotajeep durch den australischen Norden kurvte, Lebewohl gesagt hatte, reiste ich einige hundert Kilometer weiter nach Townsville. Drei Tage blieb ich dort und besuchte zuerst eine Art Zoo, in der ich viele Kuscheltierchen und die, die es noch werden wollten, zu Gesicht bekam: Koalabären und -bärinnen, den Vogel Strauss, Krokodile, Schlangen, Fledermäuse… Von Ersteren begeistert, bewanderte ich am kommenden Tag Magnetic Island, wo eine große Population der kleinen Pelztierchen leben sollte – das tat sie sicherlich, allerdings sah ich zu meiner Enttäuschung keinen einzigen.

Ein Krokodil in Aktion

Voller Ingrimm stand ich 24 Stunden später an der wohl schlimmsten Stelle, an der ich jemals trampte: An einer fast verlassenen Tankstelle, ohne Haus weit und breit, in einer Kurve und einer Tempo-100-Zone. Es dunkelte, und ich richtete mich auf „öffentliches Schlafen“ ein, als nach geschlagenen acht Minuten ein Mercedes vor mir eine halbe Vollbremsung hinlegte, der Fahrer die Tür aufschlug und mich mir nichts, dir nichts über tausend Kilometer weit bis nach Brisbane mitnahm. Dort wohnte ich zwei Wochen bei dem smarten Businessman, mit dem ich die Gegend erkundete und seine Freunde und Familie kennen lernte. Mich freute das sehr, denn ich brauchte ein wenig Ruhe und Abstand von der Reiserei und war auch glücklich, ihm beistehen zu können, denn er verdaute gerade die Trennung von seiner Frau. So trennten wir uns nach dieser Zeit sehr herzlich und beide mit frischem Tatendrang.

Nachdem ich die restliche Strecke nach Sydney zurückgelegt und mit Paul meine letzten Tage in Australien verbacht hatte, ging die Reise weiter auf den nächsten Kontinent: Asien. In Singapur traf ich mich mit zwei Freunden, die ich noch aus Schulzeiten kannte, und zusammen erkundeten wir die Großstadt, die allerdings noch nicht viel mit dem „klassischen“ Asien zu tun hat (dafür aber als sachter Einstieg sicher gut geeignet war). Stattdessen konnten wir zwischen gigantischen Wolkenkratzern das idyllische Chinatown mit seinen buddhistischen Tempeln, Little India mit seinen hinduistischen Tempeln oder zahlreiche Moscheen bewundern.

Hauptziel unserer gemeinsamen Reise lautete aber nicht Singapur. Schon bald ging es über die große Brücke vom Stadtstaat, der das Geschenk eines malaiischen Sultans an den Engländer Raffles gewesen war, auf das asiatische Festland. Dort zog es uns zuerst in die Hafenstadt Malakka, eine der früher wichtigsten Handelsstädte des Landes und Ursprung der malaiischen Sultansdynastien (an die mit einem prunkvollen, hölzernen Palast erinnert wird).

Weiter ging es in den Nationalpark Taman Negara, mit schmalen Langbooten auf dem Fluss mitten in den Dschungel hinein (wie wir meinten). Dort angekommen saugten wir einige Tage den Flair des ältesten Urwalds der Erde auf, den man dort aber wohl kaum noch ursprünglich nennen konnte. Trotzdem fanden wir den ein oder anderen Urwaldriesen, und auch die Blutegel vermittelten uns schnell, dass wir weit von Deutschlands Laubwäldern entfernt waren – Zecken greifen beim Vorbeigehen zu, Egel wetzen dem Wandersmann im wahrsten Sinne des Wortes nach (und zwar in einer Geschwindigkeit, dass man nicht nach dem Wege suchend verharren sollte).

Die Hängebrücken des Parks, die wir am zweiten Tag bestiegen, waren unser Hauptziel: Bis zu 50 Meter hoch über dem Dschungelboden waren wir in den Wipfeln der Regenwaldbäume unterwegs, viele hundert Meter weit. Das allein rechtfertigte die beschwerliche Anfahrt, die wir dafür in Kauf nehmen mussten.

Die Hängebrücken des Taman Negara Parks

Kurz darauf betteten wir unsere müden Abenteurerhäupter auf der idyllischen Insel Pulau Tioman im Südchinesischen Meer zur Ruhe. In einer kleinen Strandhütte fühlten wir uns wohl, schauten den Riesenwaranen und Affen in unserem Vorgarten beim Futtern der Mangos zu, wanderten, schnorchelten über das großartige Riff oder sahen der Sonne in unserer Strandbar beim Untergehen zu – Urlaub wie im Katalog, nur self-made und self-erkämpft.

Sonnenbrand und die Neugier auf Kuala Lumpur, Malaysias Hauptstadt, ließen uns aber nicht lange verweilen, und die nächsten Tage erkundeten wir zusammen diese aufregende Stadt mit ihren Moscheen, Museen, Technikmärkten und Restaurants. Viel zu früh mussten meine Mitreisenden dann wieder die Bahn Richtung Flughafen besteigen, während ich selbst im Schlafzug Richtung Thailand Platz nahm.

Die Petronas-Twin-Towers in Kuala Lumpur

Dort kam ich einen Tag später an. Erster Anlaufpunkt wurde Krabi im Südwesten des Landes mit seinen Mangrovenwäldern und Grottensystemen. Vom Anblick der Unterwasserwelten in Australien nicht aus dem Bann gelassen, zog es mich alsbald weiter auf die Insel Ko Phi Phi vor Krabis Küste, unweit der vielen Deutschen bekannten Insel Phuket. Dort machte ich es mir mit einer weiteren Tauchanfängerin in einem Bungalow bequem, und zusammen erkundeten wir die Insel und Wasserweiten davor. Der erste Tauchgang, für den ich mich wegen der hohen Kosten nur schwer entschließen konnte, wurde auch gleich der Knaller meiner jungen Tauchkarriere: Mitten im Meer begannen wir zu Tauchen und bei 30 Metern entdeckten wir mehrere Mantas, riesige Rochen, die mit knapp sechs Metern Spannweite unglaublich anmutig durch die dunkelblauen Weiten schwebten und ihre Kreise mal nach oben, mal nach unten zogen. Und mal ehrlich: Was für Angeber! Merkten sie, dass wir ganz wild waren, sie zu sehen, wurden diese Fischchen durchaus zu Unterwasserprolls, schwammen auf uns zu, bis sie direkt vor uns plötzlich nach oben zogen und uns – den atemlosen Tauchern – ihre schneeweisse Unterseite präsentieren.

Ein majestätischer Manta

Vollkommen begeistert ging es auch in den kommenden Tagen immer wieder in die leise und wunderschöne Welt: Unter anderem um Ko Phi Phi herum (wo auch ein Teil des Filmes „The Beach“ gedreht wurde), wo wir Dutzenden Haien begegneten (wenigstens nicht, wie am Great Barrier Reef, nachts) und zum „King Cruiser“, einem großen Fährenwrack, hinunter. Sehr erschöpft hielt ich nach meinem letzten Tauchgang den Daumen aus dem Boot und wurde auch tatsächlich von einem anderen Tauchboot aufgenommen und per Anhalter mit nach Phuket geschippert, wo ich mich sofort in einen Langstreckenbus setzte und bis nach Phetchaburi fuhr.

The Beach

Dort angekommen besuchte ich einen Tag lang den dortigen „Tempelberg“, auf dem es von interessanten Gebäuden, ob religiös oder weltlich, nur so wimmelte. Auch einer der grössten, liegenden Buddhas war dort zu bestaunen – noch hielt ich ihn jedenfalls für groß. Am Abend ging es aber weiter nach Bangkok. Das große Bangkok! Über eine Woche hielt ich mich bei meinem ersten Besuch hier auf, bestaunte Tempel, den großen, goldenen Palast des Königs und ließ mir meine ersten Massanzüge schneidern – für die Zukunft, man weiß ja nie!

Der goldene Palast in Bangkok

So interessant Bangkok auch ist – es ist gleichsam ein großer Moloch, voll mit stinkenden Autoabgasen, tosendem Lärm und dollarschweren Touristen, die das Glück nicht nur im Spiel suchen. So folgte ich meinem geschichtlichen Interesse und reiste nach Kanchanaburi im Westen von Bangkok, nahe an der Grenze zu Burma. Kanchanaburi dürften wohl nur Thailandreisende kennen, die ihre Blicke auch über die Küste hinaus haben schweifen lassen. Jedem bekannt ist aber wohl, was in der Stadt liegt: die Brücke am Kwai, von der auch der gleichlautende Film handelt. Was aus dem Film weniger hervorgeht, als ich es in Erinnerung hatte: Die japanischen Besatzer ließen von hier die Bahnstrecke bis nach Burma bauen, von wo aus sie die Gegenoffensive der Allierten in Südostasien befürchteten. 200.000 Menschen arbeiteten nur 15 Monate für mehrere hundert Kilometer durch dichtesten Urwald und Felsenmassive, über Flüsse und Schluchten. 100.000 von ihnen fanden dabei den Tod, entweder durch die mangelnde Fürsorge der Japaner oder durch direkte Folter oder Tötung. Ein Teil davon britische, australische und amerikanische Kriegsgefangene, deren Gräber man heute in Kanchanaburi besuchen kann.

Mit einer Bänkerin aus London folgte ich ihren Spuren: Statt auf eine Touristentour setzten wir auf Individualtourismus (welch Überraschung). Morgens um sechs nahmen wir bei Sonnenaufgang den Zug zum „Hellfire Pass“, wo wir ein wunderbar-gelungenes Museum über das Schaffen an der Bahnlinie besuchten. Fast alleine waren wir dabei im Zug und zwei Stunden lang ging es über die „Death Railway“, wie sie genannt wird, auf hölzernen Bänken sitzend, vorbei an Wiesen, Elefanten und Schluchten. Im Museum selbst, das mit einer Audiotour den Alltag von damals recht real werden lässt, nicht nur mit Sachschilderungen sondern auch mit Texten aus Tagebüchern und Gedichten (man lese hierzu „Mates“: http://www.3squadron.org.au/subpages/mates.htm), Rufen, Hämmern und Schreien, trafen wir auf Besucher der wirklich einzigartigen Art: australische Veteranen, die vor über 60 Jahren an dieser Strecke standen und Schienen verlegten. Mit ihnen unterhielten wir uns über das Erlebte und das Geschehene und das Heute. So wurde es zu einem der eindrücklichsten Tage meiner Reise.

Der Hellfire Pass

Nach einem weiteren, kurzen Abstecher nach Bangkok ging meine Reise weiter nach Kambodscha, meine letzte Station in Asien. Leider hatte ich mich an das sorglose Reisen auf diesem schönen Kontinent etwas zu sehr gewöhnt, denn ich ließ meine Vorsicht schleifen und erreichte die Grenze bei Sonnenuntergang. Sofort wurde ich von lauter zwielichten Gestalten empfangen, die mir bei allem Möglichen helfen wollten. Nach viel Unbehagen, bedrohlichen Momenten und dem Verlust einiger Dollar erreichte ich endlich, nach stundenlanger Taxifahrt durch die Nacht über eine Holperstraße, die ihresgleichen auf der Erde suchen darf (ich hatte noch tagelang Rückenprellungen), Siem Reap. Die kleine Stadt ist der Ausgangspunkt, um die berühmten Angkor-Tempelanlagen zu besichtigen, vor allem natürlich den weltweit bekannten Angkor Wat Tempel mit seinen wunderbaren Steinmetzarbeiten. Hier nahm ich mir einige Tage, um die wichtigsten Anlagen zu erkunden, ob noch vollständig in den Himmel ragend oder teilweise vom Dschungel wiedererobert. Nach jedem der anstrengenden Tage halfen ein Bier oder ein lokaler Froschschenkel wieder ganz gut auf die Beine, brannte doch entweder die Sonne oder es schüttete ein Monsunregen vom Himmel, wie ich ihn nie erlebt habe.

Die berühmten Angkor-Tempelanlagen (Angkor Thom)

Nach knapp drei Tagen war ich allerdings dermassen „templed-out“, wie eine Australierin es ausdrückte, dass ich nicht mehr wusste, wo mir die Steine standen. So ließ ich Siem Reap hinter mir, und es zog mich in die Hauptstadt Phnom Penh. Gerade recht, um das Wasserfestival zu erleben, was in anderen Ländern wie Vietnam oder Thailand mit schwimmenden Kerzen auf den Flüssen begangen wird, in Kambodscha mit Drachenbootrennen, die das ganze Volk begeistern können, so wie es hierzulande nur Fußballspiele in der Bundesliga schaffen. Auf allen Fernsehkanälen gab es nur dieses eine Thema. So mietete ich mir ein Zimmer mit Dachterrasse, von dem aus ich das Treiben wunderbar beobachten konnte.

In Phnom Penh holte mich auch die jüngere Geschichte des Landes ein, die nicht nur aus Tempeln bestand, sondern auch aus fürchterlichen Gemetzeln der Roten Khmer am eigenen Volk in den 70er Jahren. Millionen Menschen fanden dabei den Tod, über ein Fünftel der gesammten Bevölkerung, und hinterließ dem Land zig-tausende verkrüppelte Menschen und Minenfelder, die bis heute nicht geräumt sind. Ich besuchte eines der damals berüchtigsten Sicherheitsgefängnisse, S21, in dem Tausende den Tod fanden oder einfach verschwanden. Den touristischen „Killingfields“ (den Massengräbern der Khmer Rouge) bedurfte es danach nicht mehr, mir den Wahnsinn noch weiter zu verdeutlichen, der Menschen überall auf der Welt befällt und sie zu Kreaturen wandelt, deren einziges Ziel es ist, andere grausam hinzurichten. So zog ich denn in Kambodscha auch ein wesentliches Resüme meiner Reise, zwar überspitzt, doch trotzdem wahr: Auf jedem Kontinent traf ich auf drei Dinge, die Menschen immer wieder als solche auszeichneten: ihr Tanzen, ihr Lachen und ihr perverser Drang, aus den verschiedensten Gründen anderen das Leben zu nehmen.

Eine Strassenszene in Phnom Penh

So war mein Abschied aus Asien ein nachdenklicher. Überhaupt warteten noch so viele Erlebnisse darauf, verarbeitet zu werden. Noch allerdings ließ ich mir keine Zeit, denn mir wurde – in meinem Verständnis – eine seltene Ehre für einen Deutschen zuteil: Von einem jüdischen Paar, das Fabian und ich im März in Guatemala getroffen hatten, wurden wir als Gäste nach Israel auf ihre Hochzeit geladen. So verbrachte ich die letzten beiden Wochen meiner Reise in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem, sehr beeindruckt vor allem von der „Heiligen Stadt“ und der Freundlichkeit der Menschen um mich herum. Vor allem das letzte Kapitel der Reise, in der wir stets als Botschafter unseres Heimatlandes auftreten wollten, wurde so zu einem ganz besonderen und wichtigen. Und wenn ich mir heute die Sammlung meiner Mailadressen ansehe, auf zahllose Schnippsel und Zettel sowie in meine Reiseführer gekritztelt, dann kann ich nicht umhin als zu denken, dass wir auf fünf Kontinenten einen guten Job gemacht haben.

Die Gärten in Haifa

Diese „Früchte“ unserer Reise fallen noch immer: Einladungen zu Parties und Festen, Nachrichten über Hochzeiten, Geburten und andere Ereignisse tauchen in häufiger Regelmäßigkeit in unseren Postkästen auf – und werden fleißig beantwortet. Denn ich bin mir sicher: Keinen dieser Kontinente habe ich zum letzten Mal besucht.

 

Teil1: Die Vorgeschichte
Teil 2: Mexiko und Belize
Teil 3: Guatemala
Teil 4: Ecuador
Teil 5: Peru
Teil 6: Bolivien und Chile
Teil 7: Neuseeland