Newsletter ‚Reisen, um zu Reisen‘ Nr. 6: Bolivien und Chile

von Gunnar Merbach und Fabian Michel

In Bolivien angekommen besahen wir uns kurz das recht touristische und wenig aufregende Copacabana an den Ufern des Titikakasees (des höchstgelegenen navigierbaren Sees der Welt), bevor wir nach La Paz, der Hauptstadt Boliviens, aufbrachen.
Dort angekommen hatten wir einen Abend und den folgenden Tag Zeit, die höchstgelegene Metropole der Welt zu durchstreifen, die sich jedoch ebenfalls als recht uninteressant herausstellte. Am kommenden Abend nahmen wir einen Nachtbus nach Sucre, der „weißen Stadt“ Boliviens (aufgrund der vielen weißgetünchten Häuser). Sucre war wunderbar kolonial und hatte viel zu bieten, worauf wir leider zum Teil verzichten mussten. Denn die Zeit drängte, und am gleichen Abend ging es weiter nach Potosi.

Unser Bus ueberquerte den Titikakasee allein

Potosi war in früheren Jahrhunderten weltberühmt und eine wichtigere, größere und reichere Stadt als New York oder Paris. Das lag an den unglaublichen Silbervorräten der Region, die die Spanier fast komplett ausbeuteten. Mehr als acht Millionen Menschen – Eingeborene und afrikanische Sklaven – verloren auf dem Weg und in den Minen ihr Leben. Auf diesen Toten begründete sich der Reichtum Spaniens, den das Königreich jährlich auf -zig Galleonen nach Europa schaffte. Heute sind Potosis Silbervorräte fast erschöpft, und es werden andere Metalle gefördert.

Wir wollten diese Minen mit eigenen Augen sehen und nahmen eine örtliche Tour, die uns einige Stunden in die Minenschächte führte. Dieses Erlebnis war wohl eines der eindrücklichsten unserer bisherigen Reise, denn was wir sahen, war erschütternd und aufregend zugleich. Vor unserem Eintritt in die Minen wurden wir auf einen örtlichen Markt gefahren. Dort kaufte die Gruppe Cocablätter, das Kraut, aus dem Kokain hergestellt wird. In Bolivien wird es von Arbeitern, die es langsam in den Backen auslutschen, verwendet, um Müdigkeit und Erschöpfung vorzubeugen und so produktiver zu sein. Wir erstanden auch Fruchtsaft und Dynamit (genau, Fabian und ich kauften auf offener Straße eine Stange Dynamit für einen Euro…), um diese Sachen später den Arbeitern zu schenken (trotzdem ließen wir es uns nicht entgehen mit anzusehen, wie eine der Dynamitstangen in die Luft gejagt wurde).

Fabian kauft eine Stange Dynamit auf dem oertlichen Markt

Anschließend ging es in die Minen. Durch Gänge, die manchmal etwas höher waren als wir selbst, oft jedoch nur geduckt oder auf allen Vieren gemeistert werden konnten, stolperte die Gruppe im Licht der Stirnlampen vorwärts. Dabei ging der Arbeitsbetrieb weiter, und so mussten wir oft gefüllten und leeren Loren ausweichen, die von vielen geduckt gehenden Minenarbeitern gezogen und geschoben wurden (der Tagesverdienst war dabei etwa zehn Euro pro Arbeiter, im Vergleich zu anderen Arbeiten sehr hoch). Während wir schlecht gesicherte und zum Teil mit schädlicher Luft gefüllte Gänge und Höhlen erforschten, fühlten wir uns Hunderte Jahre zurückversetzt. Die Arbeitsbedingungen waren extrem gefährlich, antiquiert und gesundheitsschädlich: Die meisten Arbeiter sind zehn Jahre in der Mine beschäftigt, bis sie sterben. Und zum ersten Mal wäre Gunnar über jeden Bürojob dankbar gewesen. Dachte man außerdem an die Millionen Opfer, verging einem der Spaß an der Tour endgültig, und wir kamen mit sehr gedämpfter Stimmung endlich wieder ans Tageslicht. Viele der Arbeiter mussten noch bleiben, ein Zwölf-Stunden-Tag ist dort normal.

Besonders Gunnar war sehr froh, als wir am Nachmittag des zweiten Tages Potosi verließen und nach Uyuni fuhren, dem Ausgangspunkt für unsere langerwartete Tour durch die größten Salzseen der Erde. Dort kamen wir gegen zwei Uhr morgens an und froren fast an Ort und Stelle fest (um die zehn Grad minus in unseren Sommerklamotten). Am kommenden Morgen buchten wir uns eine Tour, die uns drei Tage per Jeep durch die Wüsten bringen sollte und kauften lange Unterhosen, Mützen und Handschuhe auf dem örtlichen Markt. Dann ging es auch schon los mit unserer Gruppe (einem dänischen und einem französischen Paar sowie Führer und Fahrer/Koch), und nachdem wir einen alten Eisenbahnfriedhof mit vielen schönen Dampfloks mitten in der Sandwüste besucht hatten, fuhren wir plötzlich in die Salzwüste Uyuni ein. Diese entstand, als ein riesiger Urzeitsee sich zurückzog und eine dicke Salzschicht hinterließ. Heute wird dieses Salz gewonnen und regeneriert sich in der Regenzeit immer wieder aufs Neue. Wir verbrachten den ganzen ersten Tag in der Salzwüste, besahen uns ein Hotel, das ganz aus Salz gebaut war, und eine Insel mitten in der Salzlandschaft, die mit Tausenden Kakteen bewachsen war. Das Schönste war aber eigentlich die schier unglaubliche Weite (meist bis an den Horizont), über die wir nur Weiß sahen. Salz, wohin man schaute, so stark in der Sonne glänzend, dass es in den Augen weh tat.

Unser Jeep in der Uyuni Salzwueste

Am folgenden Tag durchquerten wir verschiedene Arten von Wüsten, vor allem Stein- und Sandwüsten. Dabei sahen wir immer wieder wunderschöne Lagunen vor der schönen Vulkanlandschaft in den verschiedensten Erdtönen. Seltsamerweise waren viele dieser Lagunen Heimat von Hunderten pinkfarbener Flamingos, die dort in der Einöde andere Jeepgruppen mit Touristen anzogen. Auch viele Lamas und Alpacas sahen wir immer wieder am Wegrand stehen, die uns nachschauten, während unser Jeep dahinbrauste. Gegen Abend erreichten wir die „Rote Lagune“, die durch eine Algenart und das einfallende Licht ganz rot erschien und so ihren Namen verdiente. Die Nacht verbachten wir in einer Art Touristenkaserne bei etwa minus 20 Grad sehr gemütlich: Fabian spielte Karten mit der restlichen Gruppe, die schon eine kleine verschworene Gemeinde geworden war, während Gunnar Karten schrieb und versuchte, seine Nase warm zu halten.

Die rote Lagune

Vor Sonnenaufgang am nächsten Morgen machten wir uns auf, um die nahegelegenen Geysire zu erkunden, und wurden nicht enttäuscht. Mitten in der Landschaft brach der Dampf aus dem Boden und verwandelte sich in riesige, gegen Himmel strebende Wolken. Dabei zischte es ohrenbetäubend, und wir sahen viele blubbernde Schlamm- und Wasserlöcher. Wir waren jedoch recht zurückhaltend, was das „Wie warm ist es denn?“ anging… Zudem stank es nach verfaulten Eiern! Nachdem wir die vulkanische Geysirlandschaft (die irgendwann mal mit einem Riesenknall hochgehen könnte) hinter uns gelassen hatten, fuhren wir zu einer heißen Quelle (überall an diesem Ort dampfte das heiße Wasser in der eisigen Morgenluft), die zum Baden geeignet war. Dort beschlossen die ganze Truppe, trotz der Kälte zu baden, was mit den kalten Knochen sehr angenehm war. Bei den Minusgraden hätte allerdings das Wasser gerne noch etwas wärmer sein können.

Der Abschied Richtung Chile

Kurz darauf war das Ende unserer Tour erreicht: die Grenze zu Chile! Wir bekamen unseren Stempel in den Pass, verabschiedeten uns von unseren Mitreisenden und nahmen einen Bus nach San Pedro, der ersten Stadt nach der Grenze. Die Grenzkontrolle dort war mal wieder ein großer Lacher und Bolivianern gegenüber recht diskriminierend. Von dort aus fuhren wir in die nächstgrößere Stadt durch die Atacama-Wüste, eine der trockensten der Erde, um die Chile und Bolivien vor 120 Jahren Krieg geführt hatten (was die Beziehungen noch heute recht negativ beeinflusst). Dort nahmen wir, nachdem wir wieder eine neue Währung getankt hatten (wieder einmal Pesos), einen Direktbus nach Santiago de Chile, etwa 2000 Kilometer entfernt.

Die Atacamawüste – der trockenste Platz der Erde

Santiago erreichten wir am kommenden Morgen und verbrachten den Tag mit unserer dortigen Gastgeberin, die uns ein wenig in der sehr westlichen und angenehmen Stadt herumführte. Den kommenden Tag entdeckten wir Santiago noch ein wenig weiter für uns selbst, kauften zwei Kilo Schokolade ein (hier war sie noch preiswert) und machten uns gegen Abend auf den Weg zum Flughafen. Dort tauschten wir unser letztes Bargeld gegen Bier und erlebten anschließend einen wunderbaren Flug (auch weil die Maschine ganz neu war). Und das besondere Leckerlie: Wir starteten am 8. August und landeten in Neuseeland am 10. August. Den 9. August 2005 haben wir durch die Überquerung der Datumsgrenze nicht erlebt. Wenn man darüber nachdenkt, schon eine verrückte Sache!

 

Teil 1: Die Vorgeschichte
Teil 2: Mexiko und Belize
Teil 3: Guatemala
Teil 4: Ecuador
Teil 5: Peru
Teil 7: Neuseeland
Teil 8: Australien und Asien