Newsletter ‚Reisen, um zu Reisen‘ Nr. 5: Peru

von Gunnar Merbach und Fabian Michel

Von Machala, Ecuador, überquerten wir die Grenze mit einem internationalen Direktbus und erreichten einige Stunden später Tumbes. Dort suchten wir uns als erstes einen Bankautomaten und zapften die neue Währung, Peruanische Nueve (Neue) Soles.
Danach hatten wir großes Glück und erwischten noch in der Nacht einen Bus nach Trujillo, wo wir uns die Chan-Chan-Ruinen ansehen wollten. Nach einer unruhigen Nacht erreichten wir die Stadt, allerdings schon vor Sonnenaufgang, und wir hatten nicht wirklich große Lust, einige Stunden auf das Leben in der Stadt und die Besichtigung zu warten. Also setzten wir uns kurzerhand wieder in den Bus und weiter ging die Reise nach Chimbote. Dort wurden sofort wieder Anschlusstickets gekauft, nun nach Huaraz, eine Stadt in den Anden Nordperus, die klar unser erstes Hauptziel war, da sie der Ausgangspunkt für die Cordillera Blanca ist, eine weite Gebirgskette mit lauter schneebedeckten Fünf- und Sechstausenderbergen.

Die Fahrt nach Huaraz führte durch den recht öden, aber durch die überall hochragenden Steinwände spektakulären Canon del Pato. Dort rasten wir also in einem alten Klapperbus über die Staubpisten, links und rechts ging es hunderte Meter steil hinab. Am späten Nachmittag erreichten wir dann Huaraz. Dort fanden wir ein schönes, familiäres Hostel und trafen uns mehrere Male in den kommenden Tagen mit einem Schweizer Paar, das wir auf der Fahrt kennen gelernt hatten. Zusammen entdeckten wir unsere Vorliebe für fertige Menüs, die mehrere Gänge für zwischen ein und zwei Dollar anboten. Besonders Fabian lernte aufgrund der Größe der Portionen die Menüs lieben!

Ein neugieriger Blick an den Lagunen von Llanganuco vertreibt so manchen Touristen

Während unseres Aufenthaltes in Huaraz besichtigten wir die Ruinen von Chavin de Huantar, die älteste Pre-Inka-Zivilisation in Peru (1300-400 v.C.). Unsere Tourführerin war schrecklich, und so setzten wir uns irgendwann ab und begannen, alleine die unterirdischen Tunnelanlagen zu erforschen. Einen Tag darauf reiste Gunnar zusammen mit der Schweizerin zu den Lagunen von Llanganuco, die hoch im Gebirge auf die wenigen Touristen warteten, die sich dorthin wagten. Zuerst nahmen wir den Bus nach Yungay und von dort aus ein Collectivo, ein Taxi, in dem mehrere Personen mitfahren, um den Fahrpreis niedrig zu halten. Der Fahrer, an den wir gerieten, versuchte wirklich dreist, uns unser Geld abzuknöpfen! Erst wurde hart verhandelt (was ja durchaus normal ist). So ging der Fahrpreis von 50 Soles pro Person auf 12 Soles für beide zurück. Als wir dann endlich in den Bergen ausstiegen hieß es plötzlich wieder 50 Soles pro Person, aber 35 „wären auch okay!“. Wir schauten uns kurz an, bevor wir ihm 15 Soles in die Hand drückten und wortlos unseres Weges gingen. Und der erwies sich als sehr schön! Erst sahen wir in ein weites Tal hinab, in dem man wunderbar hätte trekken können, bevor wir ca. zwei Stunden die Lagunen bewanderten. Gunnar schob letztendlich doch noch seine Bedenken beiseite und ging in der letzten Lagune baden, allerdings kam er kaum über 30 Sekunden hinaus, da das Gletscherwasser nicht gerade zum Plantschen einlud…

Die Kathedrale der Hauptstadt Lima

Der Cordillera Blanca folge Lima, Perus Hauptstadt. Dort hatten wir per Internetforum unsere Gastgeberin Raquel ausgemacht, die uns mit ihrer Mutter zusammen vom Busbahnhof abholte. Wir wurden bei ihnen Haus, in einem Limaer Vorort, ca. 45 Minuten vom Zentrum einquartiert. Wir besahen uns die Innenstadt (für uns das Einzig Schöne im Moloch Lima) und am ersten Abend ging es ins Party-Viertel Miraflores, wo wir hoch oben auf den Klippen Bier tranken und uns das Schlagen der Wellen anhörten. In den folgenden Tagen wurde Lima weiter entdeckt, mitsamt Cheviche, einem für Lima typischen Fischgericht, wobei der rohe Fisch durch die Einlage in Zitrus-Säfte genießbar gemacht wird (na ja…).

Die Ruinen von Pisac im Heiligen Inkatal waren auf einem Bergruecken stark befestigt

Nach Lima ging es weiter zur alten Inka-Hauptstadt Cusco. Diese erwies sich als wunderschöne, wenn auch touristisch überlaufene Perle. Überall waren die Bauten der Inkas mit ihren riesigen, wunderbar behauenen Steinen zu entdecken, die oft sehr sorgfältig von den Spaniern in ihre eigenen Bauten miteinbezogen wurden. Besonders nachts bot sich ein großartiger Anblick. Beide getrennt entdeckten wir hoch zu Ross die Inkaruine Sacsayhuaman, die allgemein unter dem Namen „Sexy Woman“ bekannt ist, und einige andere um die Stadt gelegene. Dabei vermieden wir kategorisch, das überteuerte Ticket zu kaufen, das von der Stadt ausgegeben wird und zu verschiedenen Ruinen Eintritt zulässt. Stattdessen beschlossen wir, uns in zwei der berühmtesten Ruinen, neben Sexy Woman auch Pisac im „Sacred Valley“, hineinzuschleichen. Dabei war vor allem Pisac lustig: Man nehme ein Taxi, das an einer besonderen Stelle vor dem Checkpoint zu den Ruinen hält. Dort wird man von einem (zumeist sehr jungen) Führer an die Hand genommen und 20 Minuten durch die Landschaft geführt, bevor man plötzlich wieder auf der Straße landet (nach dem Checkpoint) und dort wartet dann das Taxi, das gerade eine „Panne“ hat.

Von Oyantaitambo aus wollten wir die alte, verloren gegangene Inka-Ruine Machu Picchu, die 1911 wiederentdeckt wurde, besichtigen, die hoch oben auf einem Gebirgsplateau in vollkommener Abgeschiedenheit liegt (und zu den sieben neuen Weltwundern gehört). Wir hatten gehört, dass die Besichtigung umständlich und sehr teuer ist: Entweder auf dem berühmten „Inkatrail“ vier bzw. zwei Tage Wandern oder mit einem lahmen Zuckelzug hinreisen. Der Trail ist total überlaufen und kostet 250 bzw. 130 Dollar Minimum. Zum Zug gibt es keine Alternative, und er kostet knapp 100 Dollar Hin und zurück von Cusco (die Einheimischen zahlen ein Zehntel davon – allerdings in extra abgetrennten Abteilen, also ist das hier wirklich eine geplante Touristenschlachterei kombiniert mit krasser Rassentrennung!).

Darüber ärgerten wir uns ziemlich. So beschlossen wir, dem Ganzen zu entgehen. Wir fuhren mit dem Bus so weit es ging an Machu Picchu heran (Oyantaitambo). Zirka zwölf Kilometer vor dem berühmten “Kilometer 82”, dem Beginn des Zwei-Tage-Inkatrails, begannen wir unsere Wanderung. Bei “82” wollten wir gerade auf die Gleise steigen und loswandern, als uns ein Bahnbeamter anhielt und uns mitteilte, wir dürften nicht auf den Gleisen laufen. Danach versuchen wir es über die Brücke auf den Inka-Trail, aber auch dort war ein Kontrollhäuschen und wir wurden zurückgeschickt: „No Tickets, no trail!” Nun waren wir etwas verunsichert, schlichen uns aber erst einmal geduckt in den Schatten der Berge an den Gleisen. Dort warteten wir auf den Sensemann in Schaffneruniform, und als der nicht kam, sprangen wir auf den Gleisschotter und rannten wie die Besengten los. Dann nahte plötzlich der erste Zug und wir rannten ins dornige Gebüsch, um nicht entdeckt zu werden. Er tuckerte vorbei, wir liefen weiter und sahen plötzlich, dass wir in Sicht von Touristen-Gruppen auf dem Inka-Trail waren. Also wieder in Deckung und nun waren wir echt am Schwitzen: Würden die Führer – wenn sie uns gesehen hatten – dem Wachposten im Kontrollhaus Bescheid geben? Nach einigen Minuten stoben wir einfach los und verließen uns auf unser Glück – und wurden nicht enttäuscht! Keiner verfolgte uns bei unserem Tempo und so entkamen wir den Häschern… :-)

Das geheimnisvolle Machu Picchu

Insgesamt dauerte unsere Wanderung zwölf Stunden und ging über 40 Kilometer. Dabei entdeckten wir viele kleine und große recht unbekannte Inka-Ruinen, und in jeder waren wir die einzigen Touristen. Die Natur war auch super schön: rings um uns hohe Berge, wir im Tal immer direkt an einem reißenden Fluss. Die Vegetation änderte sich zu unserer Überraschung auch, denn plötzlich stellten wir fest, dass wir in tropischen Zonen gelandet waren. Allerdings verschätzten wir uns heftig mit der Zeit und der Entfernung, wir hatten mit fünf bis acht Stunden und 25 Kilometer gerechnet. Irgendwann brach also die Nacht herein, und wir konnten nur noch mit Stirnlampen weiterwandern. Zirka bei der Hälfte der Strecke gab es auch keine Seitenwege entlang der Gleise mehr, also mussten wir die ganze Zeit direkt auf den Gleisen marschieren. Es hieß also extreme Vorsicht vor den Zügen, und sobald einer kam sofort in Deckung (war ja alles verboten). Manchmal klappte das aber einfach nicht mehr, wenn ein Zug oder ein Sicherungswagen plötzlich hinter einer Biegung hervorpreschte, und wir sprangen schnell die Böschung hoch und winkten dem Zugführer zu, der meistens ohrenbetäubend mit dem Horn antwortete…

Nachts um neun kamen wir endlich an, und nun ging das Drama weiter: Aguas Caliente, das Dorf am Fuße des Berges, auf dem Machu Picchu liegt, ist ein Nest, das Touristen als bestes Schlachtvieh sieht. Die Preise waren oft astronomisch, quasi jedes Hostal ausgebucht. Nicht selten wurden uns Preise in Dollar genannt, die wir nicht einmal in Soles gezahlt hätten (1 Dollar = 3.25 Soles). Trotzdem fanden wir an diesen Abend noch eine preiswerte Unterkunft. Nachdem Gunnar sich unter Fabians strenger Hand zum Essen gezwungen hatte, ging es in die Betten, und sofort waren wir weg.

Um 4:45 Uhr morgens ging der Wecker und wir wieder los, knapp 500 Höhenmeter über eine extrem steile Treppe hinauf (Touristen-Bus nach Machu Picchu für 10 Minuten: 12 Dollar Hin und zurück) nach Machu Picchu. Gunnar ging irgendwann wie eine Dampflok und war trotz der Kälte so klatschnass geschwitzt, dass er nicht mehr wusste wohin. Trotzdem erreichten wir nach etwa einer Stunde den Eingang zu Machu Picchu. Dort drückten wir den recht humanen Studentenpreis von 12,50 Dollar ab, ließen uns erst einmal nieder und staunten.

Etwa sieben Stunden blieben wir in den so wunderschön gelegenen Ruinen der Inkas und bestaunten sie von oben und innen. Sie waren wohl nach dem Einfall der Spanier gebaut worden, um die Inka-Kultur zu erhalten, sozusagen ein Zufluchtsort (eine andere These sagt aber, dass Machu Picchu bereits vor der spanischen Invasion verlassen worden war).

Während unseres kleinen Abenteuers hatten wir ausgerechnet, dass wir nur noch sehr wenig Zeit in Südamerika übrig hatten. So entschieden wir uns, Peru schnell hinter uns zu lassen, nichts von dem, was wir uns für Bolivien vorgenommen hatten, herausfallen lassen und Chile nur für unseren Abflug aus Santiago zu durchqueren. So wurden unsere letzten beiden Wochen eine kleine Südamerika-Ralley.

Erschöpft von unseren Märschen nahmen wir wohl oder übel den Zug zurück nach Oyantaitambo und verbrachten die Nacht in Cusco. Danach ging es recht zügig weiter nach Puno in Südperu, wo wir im Morgengrauen die Grenze zu Bolivien überquerten…

 

Teil 1: Die Vorgeschichte
Teil 2: Mexiko und Belize
Teil 3: Guatemala
Teil 4: Ecuador
Teil 6: Bolivien und Chile
Teil 7: Neuseeland
Teil 8: Australien und Asien