Newsletter ‚Reisen, um zu Reisen‘ Nr. 4: Ecuador

von Gunnar Merbach und Fabian Michel

Nach einer unfallbedingten Zwangspause (zur Erinnerung: Gunnar hatte sich den Meniskus verletzt und musste die Reise unterbrechen) trafen wir uns am 16. Juni in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, wieder.
Fabian, der von Costa Rica einflog, hieß Gunnar standesgemäß mit einer Flasche Beck`s Bier willkommen. Wir hatten ein Hostalzimmer in der Neustadt Quitos reserviert, wo wir beide den Abend schnell beschlossen.

Hauptstadt Quito aus dem Turm der Basilika

In den folgenden Tagen erkundeten wir gemeinsam die Stadt. In Quito ist auf 2800 Meter Höhe die Luft recht dünn wird, so dass man manchmal wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappt. Die Stadt entpuppte sich als relativ sauber (was hier längst nicht Standard ist) und westlich. Die Altstadt mit ihren vielen Kolonialbauten und Kirchen ist der schönste Teil der Metropole. Zuerst bestiegen wir gleich mehrere Türme der neuen Basilika und genossen einen weiten Ausblick über die Dächer der Stadt, die malerisch in zwei Andentälern liegen und uns ein wenig an Barcelona oder Mexico City erinnerten. Danach folgten zwei Museen, in denen wir uns über die indianischen Kulturen Ecuadors (wobei die Inkas nur eine sehr kleine Rolle spielten, da sie das Land nur zirka 100 Jahre vor den Spaniern eroberten) und die Stadtgeschichte informierten.

An einem sonnigen Morgen machten wir uns dann auch auf, um einen großen Irrtum der Weltgeschichte zu erleben: Mitad del Mundo („Mittelpunkt der Welt“, was übrigens auch Quito in der alten Indianersprache bedeutet), ein Ort durch den die im 19. Jahrhundert festgestellte Äquatoriallinie verläuft. Dort steht es ein riesiges, nichtssagendes Steinmonument, dessen Besichtigung wir uns ersparten. Dafür hüpften wir sehr touristisch zwischen der vermeintlichen Grenze der Erdhalbkugeln hin und her. Leider war dies gar nicht der „Mittelpunkt der Welt“, wie sich bei der Besichtigung des nahe gelegenen Freiluftmuseums herausstellte. Erst dort verlief nämlich die per GPS festgestellte Äquatoriallinie.

2 Wanderer auf beiden Welthalbkugeln (dachten wir jedenfalls)

Im Museum wurden uns einige Äquatorialexperimente vorgeführt, zum Beispiel, dass sich das Wasser in einem Waschbecken beim Ablaufen rechts- oder linksherum dreht, je nachdem ob der Stöpsel nördlich oder südlich des Äquators gezogen wird. Auf der Äquatoriallinie selbst stürzt das Wasser geradeaus aus dem Becken heraus. Sehr faszinierend auch das Experiment, das zeigte, dass die eigene Kraft auf dem Äquator eingeschränkt ist: Unsere Führerin konnte neben der Äquatoriallinie die erhobenen Arme eines erwachsenen Mannes nicht herunterzwingen, auf der gedachten Linie gelang ihr das ohne Mühe. Zudem sahen wir im Museum Schrumpfköpfe und Boas, und beim Blasrohrschiessen hatte Gunnar nicht den gerade größten Erfolg seiner militärischen Karriere (unter den Hochrufen der beistehenden kriegserfahrenen Amerikaner: “For the Vaterland!“).

Über ein Internetforum für Reisende hatten wir – wie schon zuvor in Mexiko – Kontakt drei Schwestern aufgenommen. Sie luden uns zum Essen ein (das Gunnar leider nicht vertrug und unsere geplante Abreise zum ersten Mal verzögern sollte), und zusammen hatten wir einen großartigen Abend. Unsere gemeinsamen Erlebnisse mit ihnen sollten sich unerwarteterweise noch fortsetzen: Direkt vor unserer geplanten Abreise aus Quito las Gunnar eine Mail der drei Schwester, in denen sie zu einem traditionellen Ballett der Kulturen Ecuadors ins Nationaltheater einluden. Wir entschlossen uns spontan zur erneuten Verschiebung der Abreise und sagten zu. Zu unserem großen Glück, wie sich herausstellten sollte: An dem Abend lernten wir auch die Eltern der drei Schwestern kennen, und gemeinsam folgten wir der farbenprächtigen und stimmungsvollen Inszenierung verschiedener traditioneller Tänze und Rituale. Danach verbrachten wir die Nacht als Gäste im Haus der Eltern, die uns herzlichst willkommen hießen – obwohl Gunnar den mitgebrachten Portwein sorgfältig im weißgekachelten Hausflur verteilte. Am kommenden Morgen brachte uns der Vater zum Bus Richtung Baños – ein Bustrip, bei dem Fabian seine gute Windstopperjacke durch gemeine Handlanger einbüßte.

Majestätische Andenwelt

Baños liegt einige hundert Kilometer südlich von Quito noch tiefer in den grünen Anden. Sie bietet den vielen Touristen vielfältige Ausflugsmöglichkeiten per pedes, Quad, hoch zu Ross, per Drahtesel und Schlauchboot in die wunderschöne Natur. Wir wählten aus Faulheit die PS-Variante und brausten mit Quads einen nahegelegenen Berg hinauf. Dort staunten wir nicht schlecht, als sich über der Wolkendecke plötzlich ein schneebedeckter Vulkangipfel auftat. Nach der Abfahrt zurück nach Baños – die wir trotz Geschwindigkeitsrausches überstanden – tauschten wir unsere Gefährte gegen noch schnellere Maschinen (200 Kubik) und wagten uns mit 70 Sachen (und einem Helm, klaro) auf die Andenpiste gen Süden, an der wir verschiedene Wasserfälle und Gunnars liegengebliebenes Quad im Fluss bewunderten… In Baños trafen wir auch ein niederländisches Pärchen wieder, mit dem wir schon in Quito ein Hostelzimmer geteilt hatten.

Als nächstes Ziel steuerten wir Puyo an, das östlich von Baños am Rande des Amazonasgebietes liegt, um von dort aus eine mehrtägige Dschungeltour zu starten. Am folgenden Morgen stapften wir zusammen mit unserem Guide drei Tage durch den Regenwald, der seinem Namen alle Ehre macht. Dabei verdiente sich unser Führer das Prädikat “Wahrer Kenner des Waldes“, als er uns in die Flora und Fauna des Dschungels einführte. Jetzt wissen wir, dass wir Schnittwunden mit Dragonblood (Baumsaft) und Atschiote (beides zur Desinfizierung) behandeln und Schlangenbisse mit dem Saft einer Lianenart bekämpfen können. Nach dem dritten Tag kehrten wir schlammverschmutzt und nach Kämpfen gegen die Eingeborenen (Ameisen) zurück in die Zivilisation.

Unser Fuehrer mit uns im REGENwald

Auf dem Weg nach Latacunga hatten wir unseren ersten Busunfall, bei dem unser begabter Fahrer mit Volldampf erst auf den Bürgersteig knallte und dann die restliche kinetische Energie seines Vehiculums dazu benutzte, einen Betonmast einige Meter nach vorne zu verschieben. Zum Glück blieben alle Fahrgäste unverletzt. Nach kurzem Zwischenstopp in Latacunga begaben wir uns auf den berühmten Quilotoa-Loop, eine Strecke, die auf bis zu 4000 Meter durch die wunderschöne Andenlandschaft verläuft. Der Höhepunkt der Strecke ist der Vulkankrater Quilotoa, in dem sich eine Lagune befindet. Die letzten 20 Kilometer dorthin legten wir zu Fuß zurück, begeleitet vom Kopfschütteln der Touristenbusfahrer, und übernachteten schließlich in unserem Zelt tief im Krater. In dieser Nacht wurden bei Außentemperaturen von sechs Grad bereiteten wir kulinarische Köstlichkeiten im Zelt zu: Pasta und deutschen Schokoladenpudding.

Auf das Drängen und die Einladung unserer drei Schwestern hin beschlossen wir, nach Quito zurückzukehren. Dort wurden wir erneut herzlich begrüßt und im elterlichen Haus einquartiert. Drei Nächte blieben wir, um uns in dieser Zeit von den zurückliegenden Strapazen zu erholen. Zusammen mit den Schwestern fuhren wir nach Otavalo, der berühmtesten Marktstadt in Ecuador, in der wir einige Dollar ließen. Die Aufnahme durch die Familie war so herzlich gewesen, dass wir uns anschließend mit einer kleinen Aufmerksamkeit bedankten: 100 Rosen zierten am letzten Abend den Essenstisch. Der Aufschrei der Mutter des Hauses war noch im obersten Stockwerk zu hören…

Unsere Gastgeberfamilie nach unserer Rosenattacke

Die ganze Familie verabschiedete uns mit einer Träne im Auge am letzten Abend unseres Besuches am Bus nach Cuenca, der drittgrößten Stadt Ecuadors. Dort freuten wir uns an den vielen kolonialen Bauwerken und machten einen enttäuschenden Tagesausflug zu den nahe gelegenen Inkaruinen. Sie sollen angeblich die wichtigsten Inkaruinen Ecuadors sein, kamen uns aber nach den Erfahrungen mit diversen Mayaruinen doch recht mickrig vor. An diesem Abend gönnten wir uns ein großes Mahl, das wir in unserem Hotelzimmer in mehreren Töpfen und Pfannen auf unserem Benzinkocher zubereiteten…

Am Morgen des 8. Juli begannen wir unsere kleine Odysse nach Peru, wo wir nach 34 Stunden Fahrt in vier Bussen endlich in der Andenstadt Huaraz aus der letzten Klapperkiste fielen…

 

Teil 1: Die Vorgeschichte
Teil 2: Mexiko und Belize
Teil 3: Guatemala
Teil 5: Peru
Teil 6: Bolivien und Chile
Teil 7: Neuseeland
Teil 8: Australien und Asien