Newsletter ‚Reisen, um zu Reisen‘ Nr. 3: Guatemala

von Gunnar Merbach und Fabian Michel

Nach der Überquerung der Grenze Belize – Guatemala wurden wir sofort wieder von Typen beharkt, die uns das Geld aus der Tasche ziehen wollten (durch Währungstausch).
Mit einiger Mühe ließen wir sie zurück und fanden uns in einem recht dreckigen Grenzstädtchen wieder. Einige Zeit versuchten wir, von dort trampend wegzukommen, doch ließ man uns leider im Regen sitzen. Fabian machte sich auf den Weg, um Geld bei einer Bank zu tauschen. Nachdem er nicht zurückkehrte, war Gunnar drauf und dran, ihm zu folgen, bei der Polizei Alarm zu schlagen, die Botschaft zu verständigen, die Nationalgarde einfliegen zu lassen und auch gleich beim Kanzleramt Bescheid zu geben. 90 Minuten später kam der Vermisste dann aber klatschnass und dümmlich grinsend wieder – aber mit massenweise einheimischen Geldlappen.

Tikal Hauptpyramide

Bald erwischten wir einen Wagen Richtung Tikal, eine der berühmtesten Mayastätten in Mittelamerika und unserem ersten Anlaufpunkt in Guatemala. Kurz vor dem Ziel blieben wir über Nacht in einer kleinen Ortschaft. Von dort aus wollten wir noch vor Sonnenaufgang mit dem Bus nach Tikal fahren, um dort zwischen den Pyramiden der alten Mayas den Sonnenaufgang im Nebel mitzuerleben. Leider hatte der Bus Verspätung, und so kamen wir erst kurz nach Sonnenaufgang an. Sofort machten wir uns zu einem der Hauptplätze auf und genossen bei einem kleinen Frühstück von einer hohen Ruine aus die Sicht auf den langsam verschwindenden Dschungelnebel. Von dort aus entdeckten wir dann den Rest der großen Ruinenstadt, ein aufregender Ort. Viele hohe Pyramiden überredeten uns immer wieder, sie zu besteigen, so dass wir oft über dem Dschungel saßen und über die Landschaft schauen konnten.

Den ganzen Tag blieben wir in Tikal und sahen fast alles, was der Normaltourist sehen kann. Uns tat es etwas leid, das Morgengrauen verpasst zu haben, aber es war ohnehin soviel zu sehen, dass wir zeitlich sowieso nicht viel mehr geschafft hätten. Abends verließen wir Tikal todmüde und nahmen einen schrottreifen Bus nach Flores, der größten Stadt in der Nähe. Auf dem Weg stellten wir fest, dass die Auspuffleitung wohl irgendwie durch den Passagierraum führte, so dass wir komplett eingenebelt wurden. Heilfroh sprangen wir in Flores aus dem Bus und suchten uns einen Schlafplatz in einem nahe gelegenen Hostel. Dort blieben wir einige Tage und spannten aus von den ereignisreichen letzten Tagen, wuschen Klamotten, besuchten den örtlichen Markt und schauten uns im kleinen Städtchen um.

Früh am Morgen ging es dann weiter Richtung Samuc Champey, einem beliebten Naturreservat in Mittelguatemala. Den ganzen Tag waren wir in verschiedenen Wagen, Lkw und Bussen unterwegs und blieben schließlich wieder einmal auf halbem Weg in einem kleinen verlassenen Örtchen stecken. Übermüdet wie wir waren, wurde es kein langer Abend, und früh rannten wir schon wieder dem Bus Richtung Samuc Champey nach, der schon fast ohne uns abgefahren war. Diese Busfahrt entpuppte sich als die gefährlichste, die wir bisher erlebt hatten. Auf einem kleinen Trampelfahrt bewegte sich unser alter US-Schulbus (wie sie übrigens in Guatemala fast überall genutzt werden) durch den grünen Dschungel. Dabei schlängelten wir uns manchmal auf Serpentinen den Berg hoch und wieder hinunter (und legten dabei einige Höhenkilometer zurück), kamen an vielen einheimischen Dörfern vorbei und wurden schließlich an einer Kreuzung hinausgelassen, von wo aus wir uns in einem Lkw weiter durchschlagen mussten.

Stunden später schließlich waren wir endlich im Hinterland angekommen und bestaunten das kleine Naturwunder von Samuc Champey. Über einige Kilometer bildeten sich wunderbare Naturformationen in einem Flusslauf, kleine und große Pools, Wasserfälle und unterirdische Zuläufe, in die über hunderte Meter die Wassermassen unter der Oberfläche durchschossen. Nachdem wir die Gegend entdeckt hatten, blieben wir in einem nahe gelegenen Hostel, anstatt wie die meisten Touristen (von denen es zum Glück nicht sehr viele gab) in das nahe gelegene Lanquin zurückzukehren. Am kommenden Morgen entschieden wir uns, an einer Grottenführung teilzunehmen und wurden sehr positiv überrascht. In endlosen Höhlensystemen waren wir mit einem kanadischen Paar und unserem Führer allein in der Dunkelheit, jeder von uns bekam eine Kerze und hinter uns zurück blieben viele Kerzen in den Nischen, die den Weg zum Ausgang wiesen, brennend zurück. Innerhalb des Systems kletterten wir mit Seilen und Strickleitern in immer neue Tunnel und Gänge, schwammen zum Teil mit den Kerzen in der Hand umher und sprangen in einer kleinen Halle sogar einige Meter in einen tiefen Wasserpool hinein. Dass das ganze Abenteuer im Kerzenlicht stattfand, machte es wirklich zu einem besonderen Ausflug. Zurück in der Oberwelt schwangen wir unsere mitgebrachten großen Reifenschläuche in den Fluss und ließen uns zurück bis vor unser Hostel treiben (am Schluss im Nieselregen, der auch etwas Nettes hatte – Wasser von unten und oben).

Nach diesem aufregenden Trip in die Unterwelt wärmten wir uns mit viel Kaffee wieder auf und machten uns dann auf den Weg Richtung Coban im Süden. In Lanquin stiegen wir in einen weiteren Schulbus um und waren kaum überrascht, als dieser plötzlich nach nur einigen Kilometern mitten im Nichts zusammenbrach. Nur eine kleine Kirche war im Dschungel dicht bei uns, als der Fahrer anfing, seinen Haufen Schrott zu reparieren. Keiner der Passagiere dachte daran, lange zu warten und so wurden wir nach einiger Zeit auf der Ladefläche eines LKWs mitgenommen. Nach einer tollen Fahrt durch Regenwolken und kalten Sonnenschein landeten wir schließlich in Coban (wo sich Gunnar nach einigen Tagen fleischloser Kost durch einen Berg von leckeren Burgern kämpfte).

Panne mitten im Nichts

Am kommenden Morgen bestiegen wir erneut einen Bus und fuhren stundenlang nach Guatemala City um dort den Bus nach Antigua zu erreichen. Da Guatemala City eine der gefährlichsten Städte der Welt sein soll, wappneten wir uns früh und prägten uns mit unserer Karte ein, wo wir ankommen sollten und wie wir von dort zu unserer Anschlussbusstation kommen würden. Bloß nicht wie Touristen mit der Karte an Straßenecken stehen, lautete die Devise! Hinter unserem Bus schnallten wir uns daher versteckt unsere Rucksäcke auf und dann schossen wir los: quer durch die Stadt, rechts, links, geradeaus… Leider gab es in der Ecke, die wir ansteuerten, kaum Straßenschilder, und so mussten wir schon ein wenig schwitzen. Schließlich erreichten wir den Abfahrtsort, und Fabian sprang direkt auf das Dach eines wartenden Busses nach Antigua und verzurrte seinen Rucksack. Während Gunnar seinen Rucksack unter dem Fluchen des buseigenen Packhelfers noch am Boden absicherte, wurde es dem Busfahrer wohl zu blöd. So trat er ordentlich aufs Gas, und während Fabian etwas verdattert auf dem Dach saß, rief und grüßte Gunnar dem Abfahrenden noch grinsend hinterher, sprang dann in den nächsten Bus und jagte auf der gleichen Route hinterher. Nach einigen Minuten entdeckte er tatsächlich Fabians Rucksack auf einem der vielen, vielen Busdächer und schloss daraus, dass es dessen Besitzer wohl in den Fahrgastraum geschafft hatte.

Kaum in Antigua angekommen, wurde Gunnar auch schon gebührend empfangen: Ein Willkommensstein klatschte durch eine Scheibe seines Busses und schwirrte nah an ihm und einem Fahrgast vorbei. Freudig, noch unversehrt zu sein, fand er den vermissten Fabian dann in dem großen Buskomplex von Antigua wieder und gleich darauf auch ein Hostel, in dem es zuging wie in einem Bienenschlag. Die Stadt selber stellte sich in den kommenden Tagen als sehr schön heraus und erinnerte uns sehr an San Cristobal in Mexiko. Leider wurde sie aber extrem von Sprachtouristen bevölkert, was uns den Aufenthalt in einer eigentlich guatemaltekischen Stadt sehr unwirklich erschienen ließ. So beschlossen wir schnell unsere Weiterreise nach San Pedro de Laguna, wo wir unseren dreiwöchigen Sprachkurs absolvieren wollten.

So kamen wir einigen Stunden nach unserer Abreise an die Anlegerstellen des Lago de Atitlán und wurden von einem Wassertaxi über den See nach San Pedro geschippert. Dabei konnten wir schon während des „Wasserrittes“ durch den dichten Dunst und viele Wolken einen ersten Blick auf die drei Vulkane werfen, die den See umgeben. Der ganze See entstand übrigens in grauer Vorzeit aus einem einzigen Supervulkan, dessen Spitze durch eine gewaltige Explosion zerfetzt wurde. Bruchstücke flogen bis nach Florida, so sagte man uns, also durchaus eine ganz schöne Strecke. Übrig blieb ein riesiger Krater – der heute mit Wasser gefüllt den wunderschönen See ermöglicht, der von vielen als der schönste der Welt bezeichnet wurde.

Lago de Atitlán

In San Pedro angekommen liefen wir schnurgerade zu unserer bereits in Mexiko auserkorenen Spanischschule. Alles lief wunderbar glatt (was wir von der Mentalität nicht gewohnt waren): wir waren angemeldet, unsere gewünschte Familie (von Absolventen empfohlen) erwartete uns schon. Jacky (Jaqueline), die kleine Tochter unser Vermieterin Vicky, holte uns ab. In ihrem Haus lebten wir die kommenden Wochen wie neue Familienmitglieder, wurden bekocht und in die lokalen Gepflogenheiten eingeführt.

Die Spanischschule stellte sich als hervorragend heraus: sehr nette Lehrer, eine absolut tolle Lage (Unterricht unter kleinen Palmendächern mit Blick auf den wunderbaren See und die Vulkane) und ein zügiges Vorankommen dank individuellem Unterricht. Auch die Mitstudenten waren sehr nett und wir freundeten uns schnell mit einem israelischen Paar (von denen wir gerade hörten, dass sie sich in Mittelamerika nun das Jawort gegeben haben), einer Neuseeländerin und einigen mehr an. Oft nahmen wir auch an den Extraaktivitäten der Sprachschule teil: Salsakurs, Kulturvorträge (z.B. der Mayakalender), Filmabende oder der Besuch von verarmten Familien im Ort, denen wir Hilfsmittel brachten. Eine tolle Ergänzung, die Kultur ebenso kennen zu lernen wie die Sprache.

Die Aussicht von der Sprachschule

Nach vier Stunden Spanischstudium saßen wir nachmittags und abends oft auf dem Dach von Vickys Haus und beobachteten den See oder die heftigen Gewitter, die sich hinter den Vulkanen sammelten, dann losbrachen und die Berge von hinten beleuchteten, dass man nur stumm und staunend zusehen konnte. An einem Samstag bestiegen wir einen solchen Berg, auf weit über 3000 Meter konnten wir den ganzen Lago de Atitlán übersehen und freuten uns, als wir sicher wieder unten angekommen waren. Das Glück an diesem Tag hielt aber leider nicht an.

So stürzte Gunnar, nachdem wir von einem fröhlichen Zusammensein zurückkehrten, in eine Baugrube, schlug mit dem Knie voran auf und schürfte sich die Arme auf. Nachdem die Verletzungen zu Hause verbunden und behandelt waren, folgte eine schmerzliche Nacht. „Dr. Fabian“ stellte am kommenden Tag die hoffnungsvolle Diagnose eines stark geprellten Knies und wir warteten einige Tage ab. In dieser Zeit kam unser Lehrer jeden Tag zu Vickys Haus – ein echter Glücksfall! Von ihm lernten wir auch, dass San Pedro das Heim vieler Kinder mit heilenden Kräften sei. Nachdem Vicky uns das bestätigte und von einigen tollen Heilungsfällen berichtete, entschlossen wir uns, das auszuprobieren. Unser Lehrer Chino brachte eines Abends einen kleinen Jungen mit, der sich schnell entschlossen an die Arbeit machte und Gunnar mit seinem heiligen Knochen in der Hand eine gute Viertelstunde aus dem Schreien gar nicht mehr herauskommen ließ. Nach getaner Arbeit war der Junge zufrieden, Gunnar schweißnass, zitternd und fertig mit den Nerven. Fabian, der Gunnar freundlicherweise bei der Behandlung festhielt, war nur baff vor Staunen.

Am kommenden Tag hatte sich die Situation leider nicht verbessert, und so entschieden wir, die Behandlung abzubrechen und uns einen Allgemeinmediziner ins Haus zu holen, der uns an einen Spezialisten verwies. Mit viel Hilfe fanden wir uns in der folgenden Woche in einem Krankenhaus ein, wo bei Gunnar ein Meniskusschaden diagnostiziert wurde, den er mit heftigen Flüchen quittierte. Das Angebot, sofort die OP folgen zu lassen und sich einige Wochen stationär in der Klinik in Guatemala aufzuhalten, lehnten wir mit einem Blick auf die hygienischen Umstände dankend ab. Wir verabschiedeten uns vom Arzt (der unglaublicherweise von den reichen Ausländern keinerlei Honorar annehmen wollte) und machten uns sofort an die traurige Arbeit, Gunnar nach Deutschland zurückzuschicken. Während der Patient also hin- und herhumpelnd Email auf Email schrieb, mit Versicherungen telefonierte und Fluggesellschaften befragte, verschickte Fabian aufopfernd (wie schon in den vorangegangenen Tagen) ebenfalls Email auf Email, gab bei Versicherungen Rückrufnummern bekannt und klärte erste Transportfragen. Fabian sollte in Mittelamerika weiterreisen, während Gunnar sich operieren ließ und dann schnell, schnell wieder aufschließen wollte.

Zwei Tage später waren die Rucksäcke neu gepackt und wir mitten in der Nacht auf dem Weg zum Airport Guatemala City. Nach einigen Stunden Fahrt checkten wir Gunnars Kram ein, kümmerten uns um den Rollstuhlservice und verbrachten die letzten Minuten miteinander. Mit einer kräftigen Umarmung wünschten wir einander eine gute Reise und gingen erstmals seit Monaten wieder getrennte Wege.

Nach zwei Monaten intensiver Wiederherstellung ist Gunnar nun wieder auf Reisen. Am 13. Juni flog er über Miami nach Ecuador und wurde dort von Fabian erwartet, der bereits am 6. Juni nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland nach Costa Rica zurückkehrte.

In Deutschland kam es allerdings zu einer Planänderung: Fabian wird die Reise im November ein wenig früher als geplant beenden, um in Deutschland seiner Magisterarbeit und seinem Abschluss ein Jahr lang seine volle Aufmerksamkeit schenken zu können. Gunnar wird noch (falls keine weiteren medizinischen Probleme auftreten) wenigstens bis November an seiner Seite bleiben und die letzten beiden Monate entweder auf eigene Faust in Südostasien verbringen oder aber auch zurückkehren. Das bleibt abzuwarten.

Für den Moment jedoch freuen sich die zwei Weltreisenden, endlich wieder gemeinsam auf Tour zu gehen. Für eine Menge Hals- und Beinbruchwünsche sind wir dankbar…

 

Teil 1: Die Vorgeschichte
Teil 2: Mexiko und Belize
Teil 4: Ecuador
Teil 5: Peru
Teil 6: Bolivien und Chile
Teil 7: Neuseeland
Teil 8: Australien und Asien