Newsletter ‚Reisen, um zu Reisen‘ Nr. 2: Mexico und Belize

von Gunnar Merbach und Fabian Michel

Am 5. Januar trafen wir endlich in Mexico City, dem langersehnten Startpunkt unserer Reise ein.
Anstatt vier geplanter Tage verbrachten wir dort wegen unserer wunderbaren Gastgeber und den vielen Sehenswürdigkeiten fast zwei Wochen. So viel gab es zu entdecken: die alte große Hauptstadt der aztekischen Kultur, Teotihuacan, das anthropologische Museum, Märkte und Kirchen, Innenstadt und Randbezirke.

Nachdem wir uns von Mexico City verabschiedet hatten, brachen wir in den Süden auf und erreichten bald Taxco, eine schöne alte Kolonialstadt, die bekannt für ihre reichen Silbervorkommen ist. Diese werden in aller Welt verarbeitet, unter anderem auch in der Stadt selbst. So wird der Besucher erschlagen von rund 300 Silbergeschäften und kann nach Herzenlust jagen und sammeln. Nach zwei Tagen hatten wir unseren (sehr bescheidenen) Teil gefunden und fuhren weiter nach Puebla, Mexikos zweitgrößter Stadt (1,2 Millionen Einwohner).

Bevor wir jedoch Puebla besichtigten, verbrachten wir einen halben Tag in Cholula und vermassen die breiteste Pyramide der Welt. Leider ist von ihr nicht allzuviel zu sehen, da sie vollkommen überwachsen ist (was sie bereits zu aztekischen Zeiten war). Beeindruckend waren jedoch vor allem die vielen Tunnelsysteme innerhalb der Pyramide sowie die kleine Kirche, die die Spanier (wohl mehr oder weniger unwissend) auf das Heiligtum der Olmeken gesetzt hatten.

Pyramide in Mexiko

Weiter jagten wir in einem so genannten Mikrobus (dazu mehr später) nach Puebla, die Stadt, die in Deutschland vor allem wegen des Volkswagen-Werkes bekannt ist (das wirklich riesig ist). Die Innenstadt präsentiert dem Besucher wunderschöne Bauten aus Kolonialzeiten, deren Innenhöfe immer wieder beim Vorüberschlendern zum Hineinschauen verführen. Ebenso kann man Dutzende Kirchen bestaunen (was wir auch taten), allen voran die großartige Kathedrale der Stadt.

Vom Busbahnhof der Stadt, der so groß zu sein schien wie so mancher Flughafen, reisten wir bald weiter nach Oaxaca im Südosten Mexikos. Von unserem wunderbar gemütlichen Hostel aus erkundeten wir einige Tage lang die europäisch anmutende Stadt und ihr Umland. Ganz besonders faszinierend war dabei eine Tagestour zum Monte Albán, auf dem in über 2000 Meter Höhe auf einem Hochplateau eine gut erhaltene Zapoteken thront. Von dort aus hatten ihre Bewohner einen perfekten Blick über drei Täler, die unter dem Berg zusammenfanden. Ein besonderes Erlebnis hatten wir, als wir auf den letzten Bus warteten, der uns zurück nach Oaxaca bringen sollte: Uns gegenüber stand ein Bus mit einer mexikanischen Reisegruppe. Einige der Kinder waren alles andere als scheu und bauten direkt mit einem breiten Grinsen Kontakt zu uns auf. Wir – unsererseits auch nicht scheu – grinsten zurück und ein Englisch-Spanisch-Gehaspel folgte. Kinder und Eltern waren begeistert über die ausländischen Verständigungsversuche und spendeten zwei Orangen, die uns eine ältere Dame lächelnd überreichte. Nachdem wir das Obst fix vertilgt hatten, folgten bald zwei weitere Orangen, dieses Mal allerdings verbunden mit Obligationen: Wir wurden – die ältere Dame zwischen uns – mehrfach abgelichtet. Die Tatsache, dass sie kleiner als 1,50 Meter war, wir beide aber drei Koepfe größer, veranlasste nicht nur die gesamte Busbesatzung, sondern auch uns, die ältere Dame und die mit uns auf dem Parkplatz Wartenden zu großem Gelächter. Der Abschied war herzlich: Alle im Bus winkten uns zu, was auch nach einigen Serpentinenkurven noch nicht aufhören mochte.

Ebenfalls sehr beeindruckend war der gigantische Baum im Vorgarten einer kleinen Kirche in El Tule, der – so wird gesagt – die größte Biomasse der Welt darstellt. Er ist zwischen zwei- und dreitausend Jahren alt, 40 Meter hoch, hat einen Umfang von über 42 Metern und wiegt rund 550 Tonnen – eine Menge Holz…

Die größte Biomasse der Welt

Nach einigen sehr schönen Tagen in Oaxaca machten wir uns gen Süden an die Kueste auf. Wir erreichten den kleinen Ort Mazunte im Morgengrauen und erlebten einen großartigen Sonnenaufgang, während wir das erste Mal den Pazifik bestaunten. Hier verbrachten wir zwei Küstenfreunde einige Tage zur Erholung am Strand und im Meer und trafen dabei auf alte Bekannte, ein australisches Paar, dass wir im Hostel in Oaxaca kennen gelernt hatten.

Von Mauzunte aus wanderten wir zunächst einige Zeit an der Küste entlang, bis wir uns entschlossen, auf Busse umzusatteln. Nach einem halben Dutzend Mal Umsteigen erreichten wir schließlich ziemlich erledigt San Cristóbal de las Casas. Diese reizvolle Stadt, zu Gunnars großer Freude wieder hochgelegen (und damit kühler), ist wegen ihrer nahezu unveränderten Bausweise und ihres mexikanischen (und indianischen) Flairs einzigartig (und damit leider auch ein Tourismusmagnet). In Mexiko ist San Cristóbal, die die Hauptstadt des Bundesstaates Chiappas ist, vor allem berühmt durch die zapatistische Revolution. Die durchaus populaeren Zapatista – verkörpert durch die Figur des Subcommandante Marcos – stellen eine Guerilliatruppe, die vor allem in den Neunzigerjahren für die Unabhängigkeit Chiappas und gegen die Benachteiligung der indianischen Bevölkerung kämpfte. In San Cristóbal buchten wir auch unsere bisher einzige geführte Touristentour in ein angeblich traditionelles indianisches Dorf – eine reine Zeit- und Geldverschwendung.

Eine besondere Busfahrt brachte uns in die Stadt Palenque: Die Vegetation wurde langsam grüner und dichter, bis wir schließlich in den subtropischen Regenwald eintauchten. Die Nebelschwaden und Wolkenbänke, die leichten Regen auf den Bus plätschern ließen, machten diesen Eindruck nur vollkommener. Zwei Sehenswürdigkeiten gibt es bei Palenque (die Stadt selbst ist recht unspektakulär): die Wasserfälle von Agua Azul, die im Regenwald über Kilometer hinweg immer wieder von neuem in die Tiefe stürzen, und eine alte Mayastadt, die zu den wichtigsten Ruinenstätten in Mittelamerika zählt. Diese war sicherlich ein Highlight unter den vielen Ruinen, die wir hier besichtigten, nicht nur, weil sie wunderschön im Regenwald gelegen ist, sondern auch gut restaurierte Gebäude aufweist.

König Gunnar von Palenque

Nach Palenque erreichten wir die mexikanische Halbinsel Yucatan. Unser Weg führte uns zuerst nach Campeche, einer sehr schönen Stadt, aus der in der spanischen Kolonialzeit Tausende Tonnen Silber nach Europa geschafft wurden. Weil wir uns einen teuren Touristenbus sparen wollten, bestiegen wir einen lokalen Bus, um zur Ruinenstadt Uxmal zu gelangen. Dies führte uns in die Kleinstadt Calkini, von der aus – anders als erwartet – keine Straße an unser eigentliches Ziel führte. Da aber dort gerade die Festivitäten für den lokalen Karneval begannen, wurden wir uns schnell einig, unsere Weiterfahrt um eine Nacht zu verzögern. Da der Hotelbesitzer uns kräftig über den Tisch ziehen wollte, entschieden wir uns, den örtlichen Priester um Unterkunft zu bitten. Da dieser wiederum gerade eine Messe begann, wandten wir uns stattdessen an die Polizeistation. Wir machten ordentlich müde Gesichter, und nach einiger Zeit wurden wir in eine ominöse Limousine verladen und zum Haus der Kulturen gefahren, wo wir unser Zelt im begrünten Innenhof aufschlagen durften. Nach einer kalten Dusche aus Eimern machten wir uns auf zum Karneval, der zunächst im Stadion der Stadt abgehalten wurde. Unsere Anwesenheit hatte schon die Runde gemacht, was nicht verwunderlich war – wir waren die beiden einzigen „Bleichgesichter“. Voller Begeisterung verfolgten wir die Veranstaltung, bei der vor allem lokale Jugendgruppen in bunt geschmückten Kostümen oder traditioneller Kleidung verschiedene Tänze vorführten. Anschließend begannen mehrere Konzerte auf dem Zentralplatz der Stadt, für die sich die ganze Dorfgemeinschaft einfand.

Der Karneval begleitete uns auch in die nächste Stadt – Merida, das im Norden Yucatans liegt. Uxmal vernachlässigend, verbrachten wir hier zwei heiße Tage auf den pompösen Karnevalsumzügen. Anders als in Calkini schoben sich hier moderne Umzugswagen durch die Massen, die Produkte von Cola bis hin zu Haushaltstüchern bewarben. Weniger Beachtung als die mit Werbeartikeln um sich werfenden Wagenbesatzungen (auch schön spitze Kugelschreiber) fanden die traditionellen Tanzgruppen, eine für nahezu jede Kirchengemeinde der Stadt.

Über Izamal, wo eines der größten Klöster Neuspaniens von Franziskanermönchen gegründet wurde, führte uns unser Weg anschließend nach Valladolid. Wieder einmal erschöpft von den Tagen zuvor verbrachten wir einige Zeit in einem ruhigen Hostel, während der wir lasen und einige Grotten in der Umgebung – genannt Cenotes – besichtigten. Die Taxisuche zu diesen Grotten sollte sich allerdings schwierig gestalten, da eine Holländerin, mit der wir uns auf den Weg dorthin machten, die Fahrer fragte, ob sie sie zu den „Coyotes“ (engl.: Koyoten) fahren wuerden. Die Antwort: immer ein eindeutiges „No!“.

Von Valladolid aus besichtigten wir auch die Ruinenstätten Chichén Itzá und Cobá. Vor allem Erstere gilt als eine der wichtigsten Maya-Hinterbliebenschaften und ist äußerst sehenswert wegen ihrer großen Pyramide, die exakt nach den Vorgaben des Maya-Kalenders gebaut wurde.

Die touristenüberflutete Stadt Tulum war unser nächster Stopp. Dort besichtigten wir – gemeinsam mit Hunderten Amerikanern, die sämtlich von Cancún aus Tagesausflüge in die Region machten – die direkt am karibischen Meer gelegenen Maya-Ruinen. Trotz der einzigartigen Kulisse stellen wir allerdings während der Besichtigung fest, dass wir langsam Ruinen-gesättigt waren. So viele beeindruckende Stätten in wenigen Wochen, mit großartigen Kulturhinterlassenschaften wurden mit der Zeit zuviel.

Tulumruinen in der Karibik

Um etwas lang ersehnte Einsamkeit genießen zu können, hamsterten wir Vorräte und machten uns von den Ruinen aus südwärts auf am Strand entlang. Drei bis vier Tage wollten wir wandern und die Karibik allein bewundern. Obwohl wir am zweiten Tag unsere ersten Kokosnüsse ernteten, köpften und aßen, mussten wir unser Vorhaben an diesem Abend neu überdenken: Beide hatten wir uns trotz Sonnenschutzes einen ordentlichen Sonnenbrand eingefangen. Gunnar musste es wieder übertreiben und bestand sogar auf einen Sonnenstich. So klapperte er denn bei 24 Grad am Lagerfeuer in dicker Jacke mit den Zähnen und verbrachte die Nacht in seinem Winterschlafsack, während Fabian mit freiem Oberkörper sein Glück ausbadete.

Es half nichts: Am kommenden Morgen beschlossen wir den Abbruch der Expedition wanderten an eine unbefahrene Staubpiste und warteten zwei Stunden, bis uns das erste Auto zu Gesicht kam und uns sogleich mit zurück nach Tulum nahm. Von dort aus bestiegen wir einen Bus nach Chetumal, einer nahezu touristenfreien Grenzstadt.

Chetumal markiert einen der Höhepunkte unserer Großherzigkeit, Menschenfreundlichkeit und -kenntnis (oder besser: Naivität): Auf der Suche nach einem Restaurant wurden wir von einem Amerikaner angesprochen, der uns erzählte, er sei ein Pfarrer aus Chicago. Er sei mit seiner Familie angereist, sein Gepäck sei aber leider 2000 Kilometer entfernt angekommen. Da dieses auch das Insulin seiner zuckerkranken Frau beinhalte, müsse die ganze Schar (vier Kinder) nun sofort Richtung Mexico City zurückreisen. Kurzum: Wir glaubten ihm und gaben ihnen genug Geld, um zurückzukehren. Das Ende dieser Geschichte ist noch offen, aber es sieht zurzeit nicht gut aus…

Nach Chetumal beendeten wir am 20. Februar unseren sehr erlebnisreichen Aufenthalt in Mexiko. Wir überquerten die Grenze nach Belize im Morgengrauen (im Bus, ohne Schleuser) und befanden uns nach einigen Stunden in der groessten Stadt des Kleinstaates: Belize City mit seinen 60.000 Einwohnern (insgesamt lebt rund eine Viertel Million in dem Land) zeigte sich als schlechter erster Anlaufhafen. Aggressiv wurden wir gleich nach der Ankunft von Hunderten habgierigen „Hawkern“ (engl. für „Touristengrapscher“) empfangen, deren aufdringlicher Art wir nirgendwo in der Stadt entkommen konnten.

So beschlossen wir keine zwei Stunden später, Richtung Westen (Guatemala) zu reisen. Wir machten Station bei dem über die Landesgrenzen hinaus bekannten „Belize Zoo“. Dort bestaunten wir Jaguare, Ameisenbären und viele andere Tiere. Nach einer gemütlichen Nacht im Zelt vor den Toren des Zoos setzten wir unsere Reise nach San Ignacio fort. Da Gunnar noch immer ein heftiger Infekt (durch den Sonnenstich verursacht) plagte, machten wir hier einen Tag Station. Am kommenden Morgen wurden wir um fünf Uhr – wie am Tage vorher verabredet – von dem Leiter einer Rangerstation des Mountain Pine Ridge Naturreservates mitgenommen.

Höhlenausgang in Belize

Im Reservat angekommen, wanderten wir den Tag über durch den Regenwald und erforschten mit unseren Kopflampen unterirdische Höhlensysteme und Grotten, in denen uns Fledermäuse, Falter und Riesenspinnen begegneten. Allerdings entdeckten wir dabei auch Tonscherben aus der Maya-Zeit (die wir allerdings vor Ort ließen). Am Abend unterhielten wir uns bei ein paar Flaschen Bier (Fabian fastete in der Osterzeit und nahm weder Alkohol noch Fleisch zu sich) mit dem Ranger über die großen Probleme seines Reservates (Borkenkäfer, Staudammneubau, Verkehr und Raubforstung) und sein Vorhaben, das Reservat touristisch nutzbar zu machen.

Am kommenden Tag wurden wir von einem Truppentransporter der nationalen Armee in Windeseile zurück zur Hauptstraße gefahren. Von dort aus trampten wir weiter bis an die Grenze nach Guatemala, wo unsere letzten Belize-Dollar ominösen Aus- und Einreisegebühren zum Opfer fielen. Am 23. Februar verließen wir also Belize und betraten Guatemala.

 

Teil 1: Der Vorbericht
Teil 3: Guatemala
Teil 4: Ecuador
Teil 5: Peru
Teil 6: Bolivien und Chile
Teil 7: Neuseeland
Teil 8: Australien und Asien