Erweiterter Radius – vielfache Perspektiven

Von Christoph Berger

Banken und Versicherungen mögen vielleicht die naheliegendsten und klassischen Unternehmen für Absolventen der BWL und derer verwandten Studiengänge sein, sie sind bei weitem aber nicht einzigen. Es gibt es weites Feld an interessanten und zukunftsversprechenden Alternativen.

Der Gasmarkt ist spannend. Das beweist etwa die jedes Jahr im Winter aufkommende Diskussion um Gaslieferungen durch Europa. Jens Jennissen ging ähnliches durch den Kopf, als er Ende 2008 von einer Investmentfirma zur E.ON Energy Trading AG wechselte. Erste Erfahrung mit dem Rohstoffhandel hatte er zuvor schon gemacht, jetzt ist er Teilnehmer des ersten Jahrgangs des Graduate-Programms der E.ON-Tochter und handelt auf dem holländischen Gasmarkt, um die dortigen Gaskraftwerke von E.ON zu versorgen. „Entweder kaufen wir das Gas ein oder aber wie beziehen es aus unseren langfristigen Gaslieferverträgen, bei denen wir jährliche Mindest- und Maximalgrenzen bezüglich der Abnahme haben. Wichtig ist, dass es kostengünstig ist“, erklärt der 26-Jährige, der 2007 ein BWL- und Jurastudium abschloss. Er befindet sich momentan in der ersten von vier Stationen des 18-monatigen internationalen Nachwuchsförderprogramms, für das auch dieses Jahr wieder 90 Absolventen gesucht werden. Nach dem Front-Office wird das Back- und Middle-Office folgen sowie eine etwa fünfmonatige Auslandsstation. „Wir haben eine mehr als 98-prozentige Übernahmequote derjenigen, die es in das E.ON Graduate Program geschafft haben“, sagt Monica Wertheim, Vice President Human Resources Marketing & Communications. Finanzexperten werden für die Bereiche M&A, Accounting, Controlling, Sales, Marketing, Finanzen, Revision, Audits sowie Kommunikation benötigt.

Offen für alle Branchen
Wie das Beispiel zeigt, werden Absolventen mit betriebswirtschaftlichem Wissen nicht nur von Finanzkonzernen gesucht. Jedes Unternehmen benötigt Kaufleute, die die ökonomischen Abläufe beherrschen. „Betriebswirte sind von ihrer Ausbildung her sehr breit aufgestellt. Sie kennen die Zusammenhänge und können von daher in allen Branchen unterkommen“, sagt Sandra Weiß von der Deininger Unternehmensberatung in Frankfurt. Zwar werde die Jobsuche in der Rezession schwieriger, doch einen Einstellungsstopp für Absolventen gebe es nicht. „Man braucht schließlich Personal für die Zukunft“, sagt Weiß.

Auch bei Qiagen, einem auf Probenvorbereitungs- und Testtechnologien spezialisierten Unternehmen für die molekulare Diagnostik, die akademische Forschung, die pharmazeutische Industrie und angewandte Testverfahren wie Forensik oder Lebensmittelkontrolle, werden für die Bereiche Finance, Controlling, Accounting und Human Resources in jedem Jahr Betriebs- und Volkswirte eingestellt. „Wir sind ein stark expandierendes Unternehmen. Dies betrifft sowohl unsere geographische Expansion, als auch gezielte Übernahmen einzelner Firmen. Finanzbereiche gibt es dort überall“, erklärt Personalleiter Detlef Schlichtinger. Der Einstieg findet dabei üblicherweise nach dem training-on-the-job-Prinzip statt. Für spezielle Aufgaben erhalten Einsteiger aber berufsbegleitende Weiterbildungen, wie etwa Bilanzbuchhalter oder Personalfachkaufmänner. Ein Leadership-Programm, das sehr international ausgerichtet ist, findet ebenfalls reges Interesse. Und wie sieht es mit dem Interesse für molekularbiologische Themen aus? „Ein Interesse dafür kann nicht schaden und ist sicherlich hilfreich. Schließlich kommt man damit auch immer in Kontakt. – Und es ist sehr spannend“, erklärt Schlichtinger.

Finanzkonzern oder Industrie?
Dies fand auch Lingjinzi Mao. Die 27-jährige Chinesin kam 2003 nach Deutschland und machte ihren Masterabschluss im Bereich Finance an der Universität Freiburg. „Danach sah ich für mich zwei Möglichkeiten. Entweder ich beginne in einem Finanzkonzern oder aber in der Industrie“, erzählt sie. Es wurde die Industrie. 2007 begann sie als Junior-Controllerin, heute betreut sie Projekte im Bereich Forschung und Entwicklung. Sie ist somit an jedem Schritt der Produktentwicklung beteiligt. „Ich stehe in ständigem Kontakt zu den Forschern, steuere die Produktentstehung mit und prüfe deren Rentabilität“, sagt Mao. Langfristig werden sich in diesem Umfeld vielleicht sogar noch ihre Sprachvorteile auszahlen und sie kann an der weiteren Expansion von Qiagen in China mitwirken.

Wiederum um Energie geht es bei Phoenix Solar. Das Unternehmen plant, baut und betreibt Photovoltaik-Großkraftwerke und ist Fachgroßhändler für Solarstrom-Komplettanlagen, Solarmodule und Zubehör. „Klassischerweise suchen wir Absolventen der Elektrotechnik und des Maschinenbaus. Aber auch wirtschaftswissenschaftliche Disziplinen finden ihren Einsatz in den Bereichen Rechnungswesen, Controlling oder Treasury“, sagt Martin Reckel, Leiter der Personalabteilung. Ein Tochterunternehmen, die Phoenix Solar Energy Investments AG, begleitet Photovoltaikprojekte von der Standortentwicklung, über die Finanzierung bis hin zur Betriebsführung. Dabei ist betriebswirtschaftliches Wissen unverzichtbar. Ebenso die Offenheit und das Interesse an Solarenergie. „Wir freuen uns auch über die Kontaktaufnahme von branchenfremden Bewerbern, Ein- und Umsteigern.“, sagt Reckel. Ansonsten sind Qualität, Effektivität, , Flexibilität, und Einsatzbereitschaft gewünscht.