Berufsbild Bauingenieurin: Durchsetzungsfähigkeit gefragt

Vor einiger Zeit warb die Bundesministerin für Bildung und Forschung bei Abiturientinnen für ein noch neues Berufsbild. Die jungen Frauen sollten sich für einen typischen Männerberuf entscheiden, den des Ingenieurs. Lohnt sich für Frauen ein Berufseinstieg im Baubereich? Karriereführer ging der Frage auf den Grund.

Mädchen machen Technik

Doch nicht nur von politischer Seite soll Frauen ein Ingenieurstudium schmackhaft gemacht werden. Auch die technischen Hochschulen selbst entdecken dieses Potenzial. „Mädchen machen Technik“ heißt die Aktionswoche der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW). Für Schülerinnen der neunten und zehnten Klasse werden hier Vorlesungen und Experimente angeboten. So will man die späteren Abiturientinnen für ein Ingenieurstudium begeistern.

Frauen in die Technik!

Dieser Ruf ist alt. Trotzdem gibt es noch immer so genannte Männerberufe und Frauenberufe. Was bedeutet das für junge Frauen, die Bauingenieurin werden wollen? Wie sehen ihre Berufsaussichten aus?
Frauen, die sich für den Beruf der Bauingenieurin entscheiden, geht es dabei selten um Emanzipation. Fragt man Studentinnen nach den Gründen ihrer Berufswahl, so wird meist das persönliche Umfeld angeführt. Sind Eltern oder Geschwister in Ingenieurberufen tätig, entscheidet sich eine Abiturientin eher für diesen Berufszweig. Manchmal sind es auch ganz praktische Gründe. Etwa wenn beim gemeinsamen Hausbau die Tochter ihre Neigung für das Bauen entdeckt. Oder ein engagierter Lehrer erkennt die mathematische Begabung einer Schülerin und unterstützt ihren Berufswunsch. Immer ist es eine bewusste Entscheidung. Denn gerade weil Bauingenieurin ein ungewöhnlicher Berufswunsch ist, wird eine junge Frau genau abwägen, ob ihre Neigungen und Begabungen wirklich in diese Richtung gehen.

Jung, engagiert, erfolgreich – und weiblich

Diese starke Motivation ist ein großer Vorteil für das Studium. So verwundert es kaum, dass Studentinnen oft bessere Noten haben als ihre Kommilitonen und weniger Zeit für ihr Studium benötigen. Sind dann noch die Praktika strategisch geplant, entsteht der Wunschabsolvent: jung, engagiert, erfolgreich – und weiblich.
Während die Hochschulen einen geschützten Bereich darstellten, geht es nun hinaus in die Praxis. Das bedeutet zunächst, den Berufseinstieg zu schaffen. Besonders attraktiv sind große Bauunternehmen wie zum Beispiel die Bilfinger Berger AG. Das Unternehmen bietet Aufstiegsmöglichkeiten, einen festen Arbeitsplatz und gute Bezahlung.

Baustelle bei Frauen unbeliebt

So verwundert es nicht, dass der Anteil weiblicher Bewerber 27 Prozent beträgt. Während nur 20 Prozent der Studierenden Frauen sind. Dennoch sind nur 8,5 Prozent der im Unternehmen beschäftigten Hochschulabsolventen Bauingenieurinnen. Dr. Horst Arnoldt aus dem Zentralbereich Personal hat dafür eine einfache Erklärung: Das Unternehmen hat im operativen Bereich den größten Personalbedarf – das bedeutet auf der Baustelle. Und das heißt, sich gegenüber Bauhandwerkern durchzusetzen. Die meisten Bauingenieur-Absolventinnen ziehen jedoch eine Innendiensttätigkeit dem harten Job auf der Baustelle vor. Da im technischen Innendienst der Personalbedarf niedriger ist, sind die Einstellungschancen gegenüber den männlichen Ingenieurabsolventen insgesamt geringer.

Karriereknick oft durch Schwangerschaft

Trotzdem gibt es nach Arnoldts Ansicht einige hervorragende junge Bauleiterinnen im Hochbau wie im Ingenieurbau. Ihre Anzahl sei jedoch gegenüber den Bauleitern eher niedrig einzuschätzen.
Noch ein anderer Fakt wirkt sich negativ auf die Chancen von Frauen aus: Sie können schwanger werden. Entscheidet sich eine Ingenieurin für Kinder, so fällt die Familienpause meist in die Zeit, in der der erste Karriereschritt erfolgen sollte. Gerade dann, wenn 150-prozentiger Einsatz nötig ist, geht die Frau nicht arbeiten. Oft wird die Babypause zunächst recht kurz geplant, dann aber doch verlängert oder es folgt ein zweites Kind. So die Erfahrung von Liselotte Gruse, die ebenfalls im Zentralbereich Personal von Bilfinger Berger tätig ist. Kehrt die Frau schließlich ins Unternehmen zurück, dann meist in den Innendienst. Die Arbeit in der Bauleitung ist in der Regel nicht mehr möglich, da hier sowohl örtlich als auch zeitlich Flexibilität nötig ist.

Studienanfängerzahlen zurückgegangen

Die Möglichkeit, als Ingenieurin oder Ingenieur halbtags zu arbeiten, bietet das Unternehmen nicht. Jobsharing zu ermöglichen erweist sich als äußerst schwierig im Hinblick auf die in diesem Fall erfolgende Teilung der betrieblichen Abläufe und Prozesse. Obwohl, so Gruses Erfahrung, Teilzeitkräfte ihre Arbeitszeit intensiver nutzen als Mitarbeiter, die Vollzeit arbeiten. Aber gerade zurzeit sind genug arbeitslose Ingenieure bereit, acht oder mehr Stunden täglich zu arbeiten. In Zeiten mit schwacher Konjunktur sind Bauingenieurinnen daher stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als ihre männlichen Kollegen. Das geht aus einer Studie des VDI aus dem Jahr 2000 hervor. Die Lage wird sich mit dem Anziehen der Konjunktur entspannen. Auch der sich abzeichnende Ingenieurmangel – die Zahlen der Studienanfänger sind um 44 Prozent eingebrochen – wird sich positiv auf die Chancen von Bauingenieurinnen auswirken.

Idealkandidat zurzeit männlich

Im Moment jedoch, so Arnoldt, können sich die Unternehmen aus einer Vielzahl von Bewerbern den Idealkandidaten aussuchen, und der ist meist männlich. Der Personalmanager sieht aber auch weibliche Qualitäten. Seine Erfahrung zeigt, dass Frauen in Verhandlungen das Eis brechen, wenn die Situation verfahren ist. Auch Liselotte Gruse schätzt die problemorientierte Verhandlungsführung und Arbeitsweise von Frauen. Nach ihrer Ansicht geht es ihnen weniger um Selbstprofilierung und Image.
Anderen Bauunternehmen dürfte es ähnlich ergehen. Sie wissen weibliche Qualitäten zu schätzen, scheuen sich jedoch noch immer Frauen einzustellen, da das Risiko der Babypause besteht. Hier ist Hilfe von außen nötig. Etwa durch ein Projekt wie FRAU AM BAU, das in der Schweiz initiiert wurde. Hier bemühen sich mehrere Träger den Anteil von Frauen in der Bauplanungsbranche gezielt zu erhöhen. Der Erfolg der Pilotphase beweist, dass Veränderungen möglich sind.

Kernig – und bloß nicht zimperlich

Trotzdem, hätte Horst Arnoldt eine Tochter, würde er ihr eher abraten, Bauingenieurin zu werden. Zu schwierig scheint es ihm, Familie und Beruf in diesem Berufsfeld zu vereinigen. Liselotte Gruse hingegen würde eine Tochter in diesem Berufswunsch bestärken. Vielleicht weil es auch ihr gelungen ist, sich in einem großen Unternehmen zu behaupten. Nur kernig müsste die Tochter sein – und bloß nicht zimperlich.

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