Auf Frauen bauen

von Anne Thesing

Bauingenieurinnen arbeiten oft allein unter Männern. Das wird schon in einigen Jahren anders aussehen. Die Studierendenzahlen und die Anforderungen des Marktes sprechen für mehr Weiblichkeit in der Baubranche.

„Von meiner Familie wurde meine berufliche Entscheidung von Anfang an positiv aufgenommen. Nur aus dem weiteren Verwandten- und Freundeskreis kam zuerst Verwunderung, weil ich einen ‚Männerberuf’ gewählt hatte.“ Der „Männerberuf“, für den die 30-jährige Ulrike Witz sich entschieden hat, ist der des Bauingenieurs. Frauen sind in diesem Beruf, wie in allen Ingenieurberufen, eindeutig unterrepräsentiert. Das zeigen schon die Studierendenzahlen. Ein aktuelles Beispiel aus der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW): Zurzeit gibt es hier unter den rund 750 Studierenden im Fachbereich Bauingenieurwesen zirka 170 Frauen. Doch immerhin: Diese Minderheit war schon mal eindeutiger und tendenziell wächst der Frauenanteil. So konnten nach Angaben des VDI im Jahr 2002 3,8 Prozent mehr Frauen für ein Bauingenieurstudium gewonnen werden als im Jahr zuvor. Bei den Männern hat sich der Anteil dagegen nur um 2,3 Prozent erhöht.

Frauen gegen Mangelerscheinungen

Das wachsende Interesse von Frauen für Ingenieurberufe entspricht den Anforderungen des Marktes. Frauen werden gebraucht, nicht nur wegen ihrer fachlichen und persönlichen Qualifikationen. Auch, weil sich in der Baubranche ein Fachkräftemangel abzeichnet. „Die derzeitige Lage ist sicherlich schwierig, gleichzeitig gibt es optimistische Zahlen für die Zukunft“, bestätigt die Leitung des Fachbereichs Bauingenieure an der HAW Hamburg. „Allein die Kommunen als größte Auftraggeber im öffentlichen Baubereich stehen in den Jahren bis 2010 vor einem Investitionsbedarf von schätzungsweise annähernd 700 Milliarden Euro. Zirka 3000 Studierende beenden derzeit jährlich ihr Studium an den Baufakultäten- und Fachbereichen in Deutschland. Da zukünftig jährlich etwa 5000 Absolventen in Bauunternehmen, Ingenieurbüros und in der Verwaltung benötigt werden, ist ein Mangel schon jetzt abzusehen.“

Netzwerke: Frauen unter sich

Um Frauen für den Ingenieurberuf zu begeistern und sie im Berufsleben zu unterstützen, wurden zahlreiche Initiativen und Netzwerke gegründet. So auch an der HAW Hamburg. „… ich werde Bauingenieurin!“ lautet der Titel einer Broschüre, die Schülerinnen den Beruf der Bauingenieurin vorstellt. Neben Studentinnen kommen hier auch fertig ausgebildete Bauingenieurinnen aus unterschiedlichsten Berufsfeldern zu Wort. Zum Beispiel Ulrike Witz. „Leider wissen viele gar nicht, wie abwechslungsreich der Beruf der Bauingenieurin ist“, bedauert sie. Aber vielleicht ist es nicht nur das fehlende Wissen um die Attraktivität des Berufes. Für viele Frauen ist es abschreckend, sich in einer Männerdomäne behaupten zu müssen. Schließlich, so heißt es beim deutschen ingenieurinnenbund e.V. (dib), wird gerade die Arbeit von Ingenieurinnen besonders kritisch beäugt – sowohl von Kollegen als auch von Auftraggebern. Umso wichtiger ist daher der Aufbau von Netzwerken: In den Regionalgruppen des dib können Frauen Kontakte knüpfen und Erfahrungen austauschen. Und natürlich setzt sich der Verband auch dafür ein, den Frauenanteil in technischen Berufen zu erhöhen.
Engagement zeigt auch die Abteilung fib (Frauen im Ingenieurberuf) des VDI. Ihr Ziel ist es, die Belange der Ingenieurinnen in der Öffentlichkeit und im Berufsleben stärker zu vertreten und den Ingenieurberuf für Frauen attraktiver zu machen.

Wege zur Gleichstellung

Bei beiden Verbänden, dib und VDI, geht der Einsatz für Frauen weit über das konkrete Berufsfeld hinaus. Es geht um gesellschaftspolitische Fragen wie Gleichberechtigung, Verantwortung und Anerkennung. So bemüht sich der VDI unter anderem um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Der dib setzt sich ein für das Recht auf Selbstbestimmung und die tatsächliche Gleichstellung aller Menschen in Familie, Ausbildung und Beruf. Um eine Basis zu schaffen, fordern die Mitglieder die Durchsetzung von Gesetzen und Maßnahmen, die die Situation berufstätiger Frauen verbessern.

Bis diese tatsächliche Gleichstellung im Berufsleben erreicht ist, muss noch einiges passieren. Das Gehalt von Ingenieurinnen fällt noch immer geringer aus als das ihrer männlichen Kollegen. Und immer noch entstehen Frauen häufig berufliche Nachteile, sobald das erste Kind da ist. Doch insgesamt, so ein Umfrageergebnis des VDI, beurteilen Ingenieurinnen ihre berufliche Situation besser als Frauen aus anderen Fachrichtungen. Schließlich ist es ihnen gelungen, ihren Weg zu gehen – indem sie einen noch frauen-untypischen Beruf ergriffen haben, der ihrem Können und ihren Interessen entspricht.

Mehr Infos unter:
www.ich-werde-bauingenieurin.de