07.04.2004
Juristisches Feingefühl - Wirtschaftsanwaltvon Anne Thesing |
Neun Uhr morgens. Der Tag beginnt mit einer Teambesprechung. Gemeinsam überlegen die versammelten Kollegen, welche Aufgaben für heute auf dem Programm stehen und wer was zu erledigen hat. Rechtsanwalt Tobias Böckmann hat heute Nachmittag einen wichtigen Termin: ein Mandantengespräch mit einem amerikanischen Unternehmensvertreter. "Ich muss dem Mandanten das Gefühl geben, dass ich mit ihm zusammen engagiert an der Sache arbeite. Ohne besserwisserisch von oben auf ihn herabzuschauen", beschreibt er die besondere Herausforderung eines solchen Gesprächs. Seit knapp zwei Jahren arbeitet der 32-Jährige als Wirtschaftsanwalt in der international tätigen Kanzlei Lovells in Düsseldorf. Für viele ein Traumjob, der sich nur für die Besten erfüllt: "Die meisten großen Wirtschaftskanzleien fordern ein Prädikatsexamen, dazu möglichst noch einen ausländischen Magister und eine abgeschlossene Promotion", weiß Professor Marian Paschke, Leiter des Ergänzungsstudiengangs "Wirtschaftsrecht" an der Uni Hamburg. Neben diesen fachlichen Qualifikationen spielen gerade bei Wirtschaftsanwälten die "weichen Faktoren" eine wichtige Rolle. "Eine Beratung ist keine Einbahnstraße, sondern immer ein besonders intensives Eingehen auf die Wünsche und Interessen des Mandanten", betont der Rechtswissenschaftler. Kommunikationstalente sind gefragt. "Kein besserwisserischer Jurist, sondern jemand, der im Gespräch Lösungen entwickelt. Und das ist durchaus nicht jedem Juristen gegeben." Darüber hinaus ist Durchsetzungskraft eine unverzichtbare Voraussetzung - denn wer bei Verhandlungen nicht seinen Standpunkt vertreten kann, steht als Wirtschaftsanwalt auf verlorenem Posten.
Mandanten aus aller Welt
Für die Arbeit in einer internationalen Kanzlei ist neben juristischer Qualifikation und Einfühlungsvermögen auch ein international ausgerichteter Werdegang ein Pluspunkt. So absolvierte Tobias Böckmann während des Studiums eine fachspezifische Fremdsprachenausbildung, besuchte international ausgerichtete Seminare, forschte für seine Dissertation auf rechtsvergleichendem Gebiet und machte seinen LL.M. an der University of Minnesota Law School. Beste Voraussetzungen, um bei Lovells einzusteigen. Denn gerade bei den großen Kanzleien ist Internationalität selbstverständlich. "Oft erhalten wir Verträge von ausländischen Mandanten, die nach deren Landesrecht gestrickt sind. Die müssen wir so umsetzen, dass das deutsche Recht darauf anwendbar ist. Dafür müssen wir natürlich zunächst das ausländische Recht richtig verstehen", nennt der Wirtschaftsanwalt ein Beispiel. "Außerdem müssen wir jeweils die nationale Denkweise berücksichtigen. Ein Japaner zum Beispiel stellt ganz andere Anforderungen an eine Beratung als ein Amerikaner." Verständnis für fremde Kulturen, Wissen über ausländische Rechtsordnungen und Fremdsprachenkenntnisse sind also sinnvolle Ergänzungen einer wirtschaftsrechtlichen Ausbildung.
Ziele mit Inhalt füllen
Auf fachlicher Ebene ist eine Mischung aus rechtswissenschaftlicher, betriebs- und volkswirtschaftlicher Kompetenz gefragt. Mindestens Interesse und Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge wird vorausgesetzt. Denn, so Professor Paschke, "am Lesen einer Bilanz kommt auf Dauer kein Wirtschaftsjurist vorbei." Je früher jeder Einzelne dieses Verständnis bei sich fördert, umso besser. "Bisweilen ist es erschütternd, Lebensläufe von Bewerbern mit einer wirtschaftsrechtlichen Zielperspektive zu lesen, die in den letzten Jahren nichts für dieses Ziel getan haben. Das kann nur schief gehen", warnt er. Allen, die mit einem Job in einer Wirtschaftskanzlei liebäugeln, empfiehlt er, schon im Studium wirtschaftsrechtliche Spezialveranstaltungen zu besuchen, entsprechende Scheine zu erwerben und den internationalen Bezug herzustellen. Denn wie in allen anderen Berufen stellt sich auch für den Wirtschaftsanwalt irgendwann die Frage: Wie hebe ich mich von den Mitbewerbern ab? Eine frühzeitige Spezialisierung, so Paschke, kann da nur von Vorteil sein.
Lücke zwischen Theorie und Praxis
Diesen Vorteil hatte Tobias Böckmann nicht. "Mein Interesse fürs Wirtschaftsrecht hat sich erst gegen Ende des Referendariats entwickelt", meint er. "In der Wahlstation habe ich dann ein Schwerpunktstudium zu dem Thema absolviert, mir einen Überblick über die verschiedenen wirtschaftsrechtlichen Fächer verschafft und gemerkt, dass mir das Gesellschaftsrecht besonders viel Spaß macht."
Wie ihm geht es vielen Studierenden und Absolventen. Obwohl Wirtschaftsrecht im Arbeitsalltag eine große Rolle spielt, erhält es im Studium meist nur wenig Raum. Um diese Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen, bieten immer mehr Universitäten postgraduale Ausbildungen an (siehe Kasten). So wurde an der Uni Hamburg 1997 der Ergänzungsstudiengang "Wirtschaftsrecht" eingeführt - mit den Schwerpunktbereichen Recht des Unternehmens, Marketing und Vertriebsrecht, Rechtsfragen bei Investitionen und Finanzierung sowie Recht des Konfliktmanagements. "Pro Durchgang bieten wir 40 Plätze an und die sind immer deutlich überbucht. Wir haben etwa zwei Bewerber auf einen Platz", beschreibt Professor Paschke die große Nachfrage. Wer an der Uni nicht angenommen wird, hat noch die Möglichkeit, Fachkurse bei kommerziellen Anbietern zu besuchen. Gerade für Berufsanfänger sind die aber nur schwer zu finanzieren. Wieder andere eignen sich wirtschaftsrechtliche Kenntnisse in einem Auslandsstudium an - und schlagen aufgrund der Internationalität gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.
Kanzleien, Unternehmen, Verbände
In den meisten Fällen erfolgt die Ausbildung aber "on the job": "Im Arbeitsalltag wird kräftig nachgelernt", bestätigt Marian Paschke und betont, dass dieser Arbeitsalltag nicht zwangsläufig in einer großen Wirtschaftskanzlei stattfinden muss. Attraktive Arbeitgeber sind auch Rechtsabteilungen von Unternehmen sowie Wirtschaftsverbände. Oder kleinere und mittlere Wirtschaftskanzleien. Der Unterschied zur größeren Kanzlei liegt hier vor allem in der Spezialisierung. "Die mittelgroßen Kanzleien funktionieren nach dem Boutique-Prinzip - wie eine Boutique bieten die Anwaltbüros die eine oder andere Spezialität an. Für den Bewerber setzt das voraus, dass er die jeweiligen Spezialkenntnisse mitbringt", so der Hamburger Professor.
Groß oder klein?
Für Tobias Böckmann war von vornherein klar: Eine große Kanzlei sollte es sein. Eine der ganz großen. Nicht nur wegen des internationalen Bezugs. "Es ist schon reizvoll, an wirklich interessanten Fällen mitzuarbeiten, von denen man sogar in der Zeitung lesen kann", findet er. Dafür nimmt er lange und hektische Arbeitstage, die auch mal bis in die späten Abendstunden gehen, gerne in Kauf. Wird ihm die Arbeit zu viel, hat er gute Möglichkeiten, in eine kleinere Kanzlei zu wechseln. Umgekehrt ist ein Wechsel dagegen schwieriger. Und schließlich wird die Arbeit bei Großkanzleien auch um einiges besser bezahlt als bei kleineren Kanzleien, Unternehmen oder Verbänden. Die Bandbreite der Einstiegsgehälter ist, je nach Arbeitgeber, enorm. "Bei den ganz Großen geht das hoch bis zu 80000 Euro", meint Professor Paschke. "Bei kleineren Kanzleien dagegen kann es nur halb so viel oder weniger sein." Insgesamt stehen Wirtschaftsjuristen aber finanziell nicht schlecht da. "Wer vernünftige Arbeit leistet, wird auch sein finanzielles Auskommen haben", versichert der Wirtschaftsrechtler.
Qualität zahlt sich aus
Doch bevor das erste Gehalt aufs Konto fließt, muss erst einmal ein Job gefunden werden. Als Berater wirtschaftlicher Vorgänge sind Wirtschaftsjuristen von der konjunkturellen Lage abhängig - und die sah schon einmal besser aus. Doch Professor Paschke blickt optimistisch in die Zukunft - ein allgemeiner Aufschwung werde sich auch auf die Wirtschaftsjuristen positiv auswirken. Und Beispiele wie das von Tobias Böckmann beweisen: Wer Initiative zeigt, seine beruflichen Interessen ausbaut und sich auch nach dem Studium um weitere Qualifikationen bemüht, hat selbst bei den beliebten Großkanzleien gute Chancen. Der junge Anwalt weiß seine Chance zu schätzen. Zwar kann er heute erst um 21 Uhr seinen Computer runterfahren und die Kanzlei verlassen, aber er ist zufrieden. Sein Gespräch ist gut verlaufen, gemeinsam mit dem Mandanten hat er eine Lösung gefunden. Der Tag war lang und etwas hektisch, aber erfolgreich und er freut sich auf den nächsten großen Fall. Sein Tipp für Bewerber: "Überlegen Sie sich, warum und wie Sie mit Ihren Qualifikationen die Kanzlei bereichern können und bauen Sie gerade diese Qualifikationen weiter aus."