Top-Manager
20.04.2009
Prof. Dr. Wolfgang Gerke: Der Missionar |
Es ist ihm eine Herzensangelegenheit, wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit nahezubringen. Schon alleine dadurch ist seine enorme Medienpräsenz zu erklären. Im karriereführer spricht er außerdem über die Auswirkungen der Finanzkrise, Tugenden und seinen persönlichen Werdegang. Die Fragen stellte Christoph Berger.
Zur Person Prof. Dr. Wolfgang Gerke
Wolfgang Gerke wurde 1944 in Cuxhaven
geboren. Er studierte in Saarbrücken
BWL. Danach promovierte er 1972
an der Universität Frankfurt, 1978 folgte
die Habilitation. Anschließend hatte
er Lehrstühle für Bankbetriebslehre
und Finanzwirtschaft an der Universität
Passau, der Universität Mannheim
und der Universität Erlangen-Nürnberg
inne. Parallel dazu besetzte er die
Position eines Forschungsprofessors
am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.
Er war wissenschaftlicher
Leiter der Frankfurt School of
Finance & Management und erhielt
Rufe an die Universitäten Saarbrücken,
Linz, Münster und Frankfurt.
Mit seiner Emeritierung 2006 wurde
Gerke einer von zwei Präsidenten des
Bayerischen Finanz Zentrums in München.
Außerdem ist er Mitglied der Börsensachverständigenkommission
und
des Börsenrates der Frankfurter Börse
und Honorarprofessor an der European
Business School.
Durch seine zahlreichen Auftritte in
den Medien ist der Bank- und Börsenexperte
auch einer großen Öffentlichkeit
bekannt.
Herr Prof. Gerke, wir leben in den Zeiten
einer Finanzkrise. Was bedeutet
diese Zeit für Hochschulabsolventen
der finanznahen Fächer?
Es zeigt, dass das Leben ebenso konjunkturabhängig
wie die Wirtschaft ist.
Manchmal gehen die Preise und der
Bedarf nach Absolventen nach oben,
manchmal muss man einfach froh sein,
einen Job zu bekommen.
Sollten Studierende jetzt vielleicht lieber
ihr Studium abbrechen und auf ein
anderes Fach setzen?
Studenten sollten ihren Neigungen
nachgehen. Ich halte nichts davon, sich
wegen Konjunktureinbrüchen radikal
umzuorientieren. Vielleicht kann man
dies mal in einer Teilausrichtung
machen, dass man vom Investmentbanker
auf den Risikocontroller geht.
Sind vielleicht besondere Fähigkeiten
gefragt, um in dieser Zeit bestehen zu
können?
Nein, die geforderten Eigenschaften
haben sich nicht sonderlich geändert.
Flexibilität und Weltoffenheit, Auslandserfahrung
und eine breite Interessenfächerung
sowie die nicht zu frühe
Spezialisierung auf ein Themenfeld sind
wohl die wichtigsten Eigenschaften.
Werden sich die Finanzberufe durch die
Krise verändern?
Es wird Veränderungen innerhalb der
einzelnen Bereiche geben. Allerdings
werden diese Veränderungen nur kurzfristiger
Natur sein, denn die Arbeitgeber
denken nicht langfristig. Damit
muss man einfach leben.
Thema Investmentbanking: Wie wird sich
dieses Ihrer Meinung nach verändern?
Das Investmentbanking wird wiederkommen,
allerdings unter anderen Vorzeichen.
Es wird weniger riskant sein
und weniger Fremdkapital nutzen.
Außerdem wird es weniger Wettbewerber
geben. Das wird zur Folge haben,
dass die Gewinne auch wieder steigen.
Stark diskutiert wird auch das Thema
Enteignung: Wie stehen Sie dazu?
Enteignung oder Teilverstaatlichung ist
ein Druckmittel, das man einsetzen
muss. Diese Maßnahme ist aber keine
Wunschvorstellung. Außerdem sollte es
sich dabei immer nur um Notbeteiligungen
und Beteiligungen auf Zeit
handeln. Alleine das Wort Enteignung
gefällt mir auf die Hypo Real Estate
bezogen gar nicht. Ohne die staatlichen
Hilfen wären die Aktien wertlos.
Vor dem Hintergrund all dieser aktuellen
Ereignisse: Gibt es an der Börse
noch gesunden Menschenverstand?
Nicht mehr oder weniger als auch
davor. Die Börse ist ein Spiegelbild der
Erwartungen. Sie zeigt, was im Markt an
Stimmungen vorhanden ist. Momentan
tut sie das auch. Und manchmal gibt es
natürlich ungerechtfertigte Übertreibungen.
Ein Schlagwort in diesem Zusammenhang
ist Vertrauen. Wie sieht es mit den
Tugenden in der Finanzbranche aus?
Tugenden, das ist ein sehr schöner
Begriff, genauso wie Vertrauen und Ehrlichkeit.
All das entwickelt sich aber nicht
von selbst. Dem Finanzmarkt muss
durch rechtliche Rahmenbedingungen
zu der Tugend verholfen werden, zu der
er alleine nicht findet. Alle Schlupflöcher,
die zu einer Umgehung der Regeln
genutzt werden können, müssen
geschlossen werden. Und in den Verwaltungs-
und Aufsichtsgremien müssen
qualifizierte Mitglieder sitzen.
Fasziniert Sie der Aktienmarkt angesichts
dieser ganzen Misere noch
immer?
Der Aktienmarkt ist spannend, gerade
wegen des ganzen Auf und Ab. Langfristig
lohnt es, sich an dem Produktionsvermögen
zu beteiligen. Allerdings
ist der Aktienmarkt kein Instrument für
Risikoscheue – zumindest nicht das
Investieren in Aktien alleine.
Und was hat Sie dann an den Punkt
gebracht, an dem Sie heute stehen? Sie
sind ein Experte und äußerst gefragter
Interviewpartner.
Das hängt mit meinem missionarischen
Drang zusammen. Ich möchte
die schwer verständliche Finanzwelt
dem Bürger näherbringen. Die Wirtschaftswissenschaften
sind eine Handlungswissenschaft,
deshalb muss man
auf den Bürger zugehen und die
Zusammenhänge erklären. Außerdem
ist die Öffentlichkeit ein gutes Mittel,
um für meine Ideen zu werben. Ich
sehe mich als ein Bindeglied zwischen
Wissenschaft, Praxis und Bürger.
Apropos binden: Sie tragen Fliege, das
ist sehr unüblich in der Finanzwelt.
Grenzen sie sich dadurch bewusst ab?
Ich stamme aus der 68er-Generation,
wir verweigerten das Tragen von Krawatten.
Allerdings trug mein Vater
immer Fliegen. Und als ich für einen
Termin dann doch einmal so etwas
Seriöses benötigte, habe ich mir von
ihm eine ausgeliehen – und bin dabei geblieben. Heute erkenne ich aber,
dass die Fliege ein Erkennungsmerkmal
ist. Sie ist aber auch nur eine
Äußerlichkeit, auf die man nicht allzu
viel Aufmerksamkeit legen sollte.
Ein anderes Erkennungsmerkmal unserer
Gesellschaft ist Geld. Welchen
Bezug haben Sie dazu?
Es fasziniert mich, dass man mit Geld
seine Zielsetzungen und Interessen vertreten
kann. Alleine macht Geld jedoch
keinen Sinn.
Und wie stehen Sie zu Gold? Das Metall
gilt immerhin als Krisenwährung.
Ja, Gold ist ein Krisenmetall. Je größer
die Krise wird, desto wertvoller wird es.
Gold ist aber auch hochriskant. Nach
der Krise wird man mit Gold wieder
verlieren. Ich halte es für sinnvoller, in
Immobilien zu investieren.
Zum Schluss: Ihre Vision - wie geht es
weiter?
Ich sehe die Zukunft optimistisch. Wir
befinden uns zwar in einer der schwersten
Finanzkrisen, werden daraus aber
unsere Lehren ziehen. Gewisse Akteure
sind stärker zu kontrollieren, und wir
benötigen mehr Risikovorsorge. Außerdem
darf sich der Berufsstand der
Finanzdienstleister nicht zu weit vom
Bürger entfernen. Und ich hoffe natürlich,
dass wir die Probleme schnell in
den Griff bekommen. Eine längere
Rezession könnte die zukünftige Generation
ansonsten zu stark belasten.
Und Ihr Tipp für Hochschulabsolventen?
Hier gelten all die Dinge, die ich zu
Beginn schon genannt habe. Studierende
sollten sich außerdem frühzeitig um
Praktika kümmern, damit sie einen Einblick
in die Unternehmen bekommen,
ein Gefühl für sie entwickeln, wissen,
ob dies überhaupt etwas für sie ist, um
im Notfall noch frühzeitig die Reißleine
ziehen zu können.
Bayerisches Finanz Zentrum
Ziel des Bayerischen Finanz Zentrums (BFZ) ist es, Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammenzuführen, um für Schwerpunktthemen der Finanzbranche über die Regionen hinweg projektbezogen Lösungen zu erarbeiten. Ein Schwerpunkt ist es dabei auch, sich für eine weitere Verbesserung der Ausbildung im Finanzdienstleistungssektor einzusetzen. Momentan arbeitet das BFZ an der Ausgestaltung eines Competence Center Finance und Insurance. Auch hierbei geht es um die Verknüpfung von Wirtschaft und Forschung. Interessant ist die Plattform aber auch für Studenten und Hochschulabsolventen durch die Integration des Webportals Karrierezentrum. Dort werden sie sich über die Anforderungen in den Unternehmen informieren, sich mit anderen Studenten vergleichen und potenzielle Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen können. Durch diese neue Profilerkennung wird sich das Angebot grundlegend von bisherigen Jobplattformen unterscheiden, bei denen es diese Transparenz nicht gibt.Weitere Interviews mit prominenten Gesprächspartnern gibt es in unserer Rubrik Top-Manager!












