06.11.2008
Titus Dittmann: Der Extreme |
Titus Dittmann, Geschäftsführer der
Titus GmbH mit Sitz in Münster, wurde
im Dezember 1948 geboren. Er studierte
Geographie und Sport auf Lehramt.
Während seines Referendariats gründete
er eine Schülersportgemeinschaft
Skateboard. Sein zweites Staatsexamen
widmete er 1980 dem Thema „Skateboarding
im Schulsportunterricht?“.
Zeitgleich begann er, Skateboards aus
den USA zu importieren, um seine
Schüler damit zu versorgen. Daraus
entstand im Laufe der Zeit seine
GmbH.
Man nennt Sie „Lord of the Board“. Wie
finden Sie das?
Mir gefällt das. Das klingt cool. Und nicht
so anmaßend wie Skateboard-Papst.
Aber sie sind doch so etwas ähnliches
wie ein Skateboard-Papst, oder?
Naja, ich habe vor 30 Jahren das Skateboardfahren
für mich entdeckt. Und seither setze ich einen
Großteil meiner Energie in und für diese Szene ein.
Ich habe zum Beispiel auch Skateboard-
Weltmeisterschaften organisiert.
Woher kommt Ihre Leidenschaft für
diesen Sport?
Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich
hielt zunächst nicht viel vom Skateboardfahren,
weil das in den Medien immer als eine Art Kinderspielzeug
beschrieben wurde. Ich dachte, das sei
so ein vorübergehender Trend wie die
Hulahup-Reifen, die man damals ja
auch hatte. Dann habe ich 1977 in
Münster den ersten Skateboarder live
gesehen. Und ich war fasziniert. Ich
habe sofort erkannt, welche Power hinter
diesem Sportgerät steckt. Ich fragte
den Typ, ob ich es mal testen dürfe. Und
fiel dann natürlich erst einmal auf die
Schnauze.
Aber Sie haben weitergemacht …
Ja, ich habe weitergemacht. Mein
nächster Weg hat mich direkt ins Kaufhaus
geführt. Dort habe ich so ein buntes
Plastikboard gekauft. Und dann
habe ich geübt. Wie alle Anfänger bin
ich x-mal gestürzt – und jedes Mal wieder
aufgestanden. Skateboarder lassen
sich nicht unterkriegen. Was ich da
gelernt habe, davon habe ich übrigens
im Wirtschaftsleben profitiert.
Wann und wo?
Wir wollten an die Börse. Aber das hat
nicht geklappt. Anfang 2005 steckten
wir in einer sehr harten Krise. Da bin
ich halt aufgestanden, habe das Victory-
Zeichen gemacht – und habe weitergeackert.
Wie ist Ihre Firma heute aufgestellt?
Nach einem knallharten Sanierungskurs
haben wir jetzt noch 85 Mitarbeiter,
zwei Premiumflächen, vier Outlets
und 28 Franchiseläden sowie den Versandhandel.
Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre
Franchisenehmer aus?
Sie müssen glaubwürdig sein. Am
Liebsten sind uns aktive Skateboarder
mit einem Verständnis für Zahlen.
Warum haben Sie sich für das Franchisesystem
entschieden?
Es ist ein sinnvolles Instrument für
Unternehmen, die wachsen wollen,
aber selbst nicht liquide genug dafür
sind. Mit einem richtigen Filialsystem
kann man bei 30 Shops schnell den
Überblick verlieren. Das Risiko ist größer.
Wir kombinieren Franchising mit
eigenen Läden, das ist für uns eine
super Alternative.
Welche Nachteile hat das System?
Man hat natürlich weniger zu sagen,
als wenn es die eigenen Läden wären.
Und nicht immer sind die Ideen der
Franchisenehmer konform mit meinen
Ideen. Aber irgendwie ist das wie in der
Schule: Da finden auch nicht alle den
gleichen Lehrer toll.
War es denn immer Ihr Ziel, Unternehmer
zu werden?
Überhaupt nicht. Ich habe 1968 Abitur
gemacht. Und mich hat diese Zeit stark
geprägt. Unternehmer waren für mich
damals der Abschaum der Gesellschaft.
Aber dann kreuzte besagtes Skateboard
meinen Weg. 1978, als ich schon
als Referendar arbeitete, fragten meine
Schüler, ob ich nicht eine Schülersportgemeinschaft
für Skateboarder initiieren
könnte. Da besorgte ich ihnen eben
Skateboards aus den USA. Das sprach
sich herum. Und plötzlich war das eine
Flut und ich brauchte einen Gewerbeschein.
Den besorgte sich dann
zunächst meine Frau, weil ich als Lehrer
das ja nicht durfte. Naja, und plötzlich
war ich mitten drin im Unternehmertum.
Was ist Ihr Tipp für Jung-Unternehmer?
Man muss schon eine gewisse Leidenschaft
mitbringen. Vor allem, wenn
man ein Unternehmen von null aufbaut.
Gründer müssen sich dessen
bewusst sein, dass man dabei Kompromisse
eingehen muss. Ein Unternehmer
hat nicht nur Erfolge, und sein
Leben ist nicht immer angenehm. In
ganz schlimmen Zeiten kann die
Lebensqualität auch auf unterstes
Niveau fallen. Dann bleibt einem nicht
viel mehr Geld, als vom Staat zur Sicherung
des Lebens vorgesehen ist. Aber
wer Unternehmer wird, der sollte auch
nicht nur an die Kohle denken.
Wie hat sich Ihre Branche in den letzten
30 Jahren gewandelt?
Damals bekamen die großen Unternehmen
keinen Fuß in die Tür. Heute ist
das anders: Denn nicht jeder, der mit
Skateboardern sympathisiert, fährt auch selbst.
Und wer nicht selbst fährt,
sich aber für die Mode der Skateboarder
begeistert, der legt nicht so viel Wert auf
Authentizität wie die Hardcorescene.
Hinzu kommt: Viele kleine Marken werden
von den großen aufgekauft. Der
Markt ist also härter geworden. Aber
darin liegt auch eine Chance für Unternehmen
wie uns: Denn wir haben uns
einen Namen erarbeitet, und unsere
Produkte sind gut. Das wissen die Käufer
zu schätzen.
Wie oft fahren Sie Skateboard?
Nicht mehr so oft wie ich möchte. Ich
stehe oft drauf, beispielsweise, wenn
ich nachdenke. Aber fahren – höchstens
noch einmal die Woche, um beim
Bäcker Brötchen zu holen.
Gibt es noch andere Sportarten in
Ihrem Leben?
Klar, ich habe viel ausprobiert. Drachenfliegen,
Snowboarden, Skyskateboarden – dabei springt man mit dem Fallschirm
aus einem Flugzeug und hat ein Skateboard
unter den Füßen. Heute fahre ich
gerne Autorennen – mit meinem Sohn
übrigens. Ich brauche das Adrenalin,
muss meine Grenzen austesten.
Ist das nicht gefährlich?
Der Volksmund sagt: Wer mit dem
Feuer spielt, kommt darin um. Ich sage:
Wer seine Grenzbereiche nicht bewusst
erfährt, kommt in Lebensgefahr, wenn
er zufällig in eine solche Grenzsituation
gerät. Ich finde, es ist gesund, seine
Grenzen auszutesten – und das in allen
Lebensbereichen. In diesem Sinne habe
ich übrigens auch meinen Sohn erzogen.
Und ich finde, er ist ein ganz wohlgeratenes
Bürschchen geworden.