Top-Manager
30.04.2008
Thomas Bubendorfer |
Tausende von Tagen hat er auf den Bergen der Welt verbracht: Extrembergsteiger Thomas Bubendorfer weiss, wie man sein Ziel erreicht und wie man mit Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin umgeht. Mit Sabine Olschner sprach er über Mut, Scheitern und den Umgang mit Risiken.
Zur Person Thomas Bubendorfer
Thomas Bubendorfer, 45, hat schon mit zwölf Jahren seine Liebe zum Bergklettern
entdeckt. Der Extrembergsteiger hat über 70 Erstbesteigungen hinter sich, viele im
Alleingang und ohne Seil. Er kletterte in Rekordzeit in den Alpen, den Anden, in Alaska
und im Himalaja. Sein bisher einziger Absturz führte fast zum Ende seiner Karriere
als Profikletterer, doch bereits ein Jahr später feierte er sein Comeback. In Vorträgen
und Seminaren bringt er Managern und Führungskräften seine Leistungsphilosophie
näher. Bücher wie „Senkrecht gegen die Zeit“ und sein neuestes „Ausgangspunkt
Jetzt“ zeigen die Parallelen zwischen Bergsteigen und dem Job eines Managers.
Thomas Bubendorfer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Österreich.
Weitere Infos:

Was bedeutet für Sie persönlich Erfolg?
Erfolgreich ist man, wenn man genau das
tut, was man sich selbst ausgesucht hat, und wenn man dieses Tun um seiner
selbst Willen ausübt. Ich zum Beispiel bin Bergsteiger, weil ich gern klettere. Damit
bin ich schon erfolgreich. Viele glauben, sie werden erfolgreich sein, wenn sie am
Gipfel angekommen sind. Das ist meiner Ansicht nach ein Irrtum. Ich sage immer:
Man kann nur jetzt erfolgreich sein und nicht künftig erfolgreich werden. Viele
stecken in dieser Zukunftsfalle und vergessen über ihren Zielen die Gegenwart.
Und wie definieren Sie Scheitern?
Scheitern bedeutet, Dinge zu tun, die ich eigentlich
gar nicht tun will, sondern die ich tun muss. Aber sobald der Mensch im Zwang
steckt, kann er sein Leistungspotenzial nicht frei entfalten.
Scheitern bedeutet also nicht, sein Ziel nicht zu erreichen?
Nein, überhaupt nicht. Von außen betrachtet sind viele Top-Manager sehr
erfolgreich: Sie stehen an der Spitze. Aber sie stecken oft in einer
Zwangsjacke und funktionieren einfach gut. Doch wenn einer nur funktioniert,
ist er für mich kein Gewinner, sondern ein Gescheiterter.
Erfolgreiche Menschen sind frei. Leider kenne ich nicht viele freie Menschen.
Welche beruflichen Ziele sollte man sich stecken?
Ich halte überhaupt nichts davon, sich Ziele zu stecken. Ich
finde es viel ehrenwerter, wenn jemand immer besser werden will.
Auch ich arbeite ununterbrochen daran, dass ich nicht stehen bleibe.
Schauen Sie sich etwa einen Künstler an: Was sollte der sich für Ziele
stecken? Er kann nur an sich und seinen Talenten und Fähigkeiten arbeiten. Das
Gleiche gilt für Manager. Es gibt kein Ankommen. Man ist ständig unterwegs. Ein
Ankommen wäre ein Endpunkt – und davon gibt es nur einen, und das ist der Tod.
Das heißt, ein Gipfel ist für Sie gar kein Ziel?
Nein. Mein Ziel ist es, gut zu sein
und besser zu werden. Ich habe zum Beispiel gestern erst zwei Erstbesteigungen
gemacht. Beim Klettern habe ich nie daran gedacht, dass ich fertig werden könnte.
Als ich oben war, habe ich nur gedacht: Schade, dass es jetzt dunkel wird, denn
dort drüben gäbe es noch eine andere Möglichkeit
weiterzusteigen. Am Ende der Besteigung war ich
also an einem neuen Ausgangspunkt. Es gibt
immer einen neuen Ausgangspunkt.
Wo sehen Sie weitere Parallelen zwischen Bergsteigern
und Führungskräften?
Beide sollten sich
ständig etwas Neues suchen: Orte und Situationen
aufspüren, an denen sie noch nicht waren. Denn
nur das Neue gibt den Reiz, dass wir uns weiterentwickeln.
In dem Moment, in dem wir bekannte
Wege gehen, wiederholen wir uns. Doch in der
Wiederholung ist man nicht gespannt und aufgeregt,
da ist nichts. Wir müssen stark aufpassen, dass
wir nicht ins reine Funktionieren hineingeraten.
Wer nur funktioniert und Dinge tun muss, reagiert
nur noch und agiert nicht mehr. Das ist langweilig.
Welche Eigenschaften sind ihnen noch gemein?
Manager wie Bergsteiger sollten ein hohes Maß
an Eigenverantwortung haben: Ich bestimme, wo
die Reise hingeht. Ich lasse mich nicht durch zig
E-Mails und Meetings am Tag fremdbestimmen. Ich
bin die Führungskraft. Also führe ich. Und das
fängt bei mir selber an. Wenn man sich selber
nicht führen kann, wird man auch andere nicht
führen können.
Was kann man denn gegen diese „Fremdbestimmung“,
die ja für viele Manager Alltag ist, tun?
Als Bergsteiger, der sehr auf Effizienz konzentriert
ist, frage ich mich ständig: Was ist wirklich nötig?
Also: Was muss ich wirklich in die Berge mitnehmen,
was muss ich wem kommunizieren, wie viel
muss ich trainieren? Manager könnten sich immer
wieder fragen: Muss ich wirklich in zehn Meetings
anwesend sein? Muss ich alle 100 Mails beantworten?
Muss ich wirklich 12 oder 14 Stunden
täglich arbeiten? Sie werden sehen, dass sie viel
Einsparungspotenzial finden werden, denn vieles
ist nicht wirklich nötig.
Wie motivieren Sie sich für große Aufgaben wie
eine Erstbesteigung?
Für große Aufgaben brauche
ich mich nicht zu motivieren, da motiviert mich die
Aufgabe selbst. Es fällt mir viel schwerer, mich im
Täglichen zu motivieren, bei den uninteressanten
Sachen, die mir nicht so eine große Freude
machen. Aber auch das ist eine Herausforderung.
Man muss halt einen Schritt nach dem anderen
machen. Das gilt für alles, was man tut.
Wie „trainiert“ man für den beruflichen Weg nach
oben?
Indem man nicht zu weit nach vorn schaut.
Im Management leben viele nicht in der Gegenwart,
sondern haben immer nur ihre Ziele vor Augen.
Ich frage in meinen Seminaren die Teilnehmer:
Sind Sie ein Hellseher, dass Sie wissen, wo Sie
und Ihr Unternehmen in fünf Jahren stehen werden?
Spielen auch Ausdauer, Kraft und Disziplin für
Manager eine Rolle?
Selbstverständlich. Wobei
ich Disziplin nicht für so wichtig halte. Denn wer
etwas gern tut, dem braucht man nicht zu sagen,
dass er üben muss. Ein Musiker etwa spielt einfach
gern, weil er seine Fähigkeiten ständig verbessern
und dahinkommen will, wo er noch nie
gewesen ist. Von außen meint man vielleicht, er
sei wahnsinnig diszipliniert – aber für ihn sind fünf
Stunden Üben keine Kunst, weil er es gern macht.
Wie viel Mut braucht eine Führungskraft?
Ich glaube, sie braucht sehr viel Mut. Ich fürchte nur,
dass die meisten Führungskräfte nicht sehr mutig
sind. Viele reden von Veränderungen, aber wenn
man dann einmal genau hinschaut, wird gar nicht
viel verändert.
Wie sollten Manager und Bergsteiger mit Risiken umgehen?
Man soll sie suchen und nicht meiden.
Denn der Mensch ist nur im Risiko gut, wenn
etwas auf dem Spiel steht und es gefährlich ist.
Das Neue ist gefährlich, denn das kennen wir
nicht. Im Alten zu verharren, scheint zwar manchmal
sicher, aber das ist manchmal noch gefährlicher,
weil man sich nur vermeintlich sicher wähnt.
Wenn ich in den Bergen bin, wo noch niemand
zuvor geklettert ist, mache ich keinen Fehler, ich
bin hundert Prozent wachsam und konzentriert.
Wenn man voll gefordert ist, macht man keinen
Fehler. Dann ist man einfach gut. Als Profi muss
man also mit offenen Augen voll ins Risiko hineingehen.
Ein Profi weiß, wie viel Risiko und Wagemut
er sich zumuten darf. Wer sich zu viel zumutet,
spielt nicht in der Profiklasse, sondern liegt
schnell unten.
Und wenn doch mal ein Fehler passiert ist: Wie
kommt man am besten heraus?
Indem man nicht jammert. Die Krise ist die beste Chance zum Lernen.
Im Erfolg lernt man nicht. Da braucht man
sich nur vor Augen zu halten, dass einem etwas
gelungen ist. Wird man es beim nächsten Mal
anders machen? Wahrscheinlich nicht, denn beim
letzten Mal war man ja erfolgreich, weil man
offensichtlich alles richtig gemacht hat. Aber wenn
Sie nicht hinaufkommen, müssen Sie überlegen,
was Sie beim nächsten Mal verändern können.
Hier liegt die Chance, etwas zu lernen. Ein Misserfolg
tut zwar weh, aber andererseits muss man
die Chance sehen, die sich bietet. Eine Krise kann
gar nicht so unangenehm und schmerzlich sein,
als dass sie nicht trotzdem etwas Positives hätte.
Wenn man merkt, der Absturz ist unausweichlich
– wie verhält man sich am besten, um Schadensbegrenzung
zu betreiben?
Indem man loslässt, das verkürzt den Fall. Wenn man merkt, dass
einem die Dinge entgleiten, dass nichts mehr
geht, dann sollte man sich möglichst bald sagen:
Ich kann es nicht ändern, das lass ich jetzt los.
Das gilt ja wohl nicht fürs Bergsteigen?
(lacht) Natürlich nicht. Wenn man da kurz vor dem Fall
steht, muss man sich in Sicherheit bringen. Wenn
ich in der Wand bin und merke, es geht nicht mehr,
muss ich mich geordnet zurückziehen. Aber meist
gehe ich dann auch nicht mehr unendlich oft an
diese Stelle zurück, weil meine inneren Widerstände
zu groß sind. Wenn die Widerstände auch nach
mehrmaligen Versuchen nicht verschwinden, muss
man es irgendwann sein lassen. Ich sage immer:
Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand,
man muss mit dem Herzen durch die Wand.
Wie überwindet man solche Rückschläge – und
gewinnt vielleicht sogar Kraft durch sie?
Indem man sich klar vor Augen hält, was man gelernt
hat. Nur weil ich auf einen Berg nicht hinaufkomme,
stellt das ja nicht meine Liebe zum Bergsteigen
infrage. Eine Begeisterung für eine Sache
kann nicht mit dem Siegen stehen und fallen.
Haben Sie manchmal Angst?
Selbstverständlich.
Wie gehen Sie damit um?
Ich bin fast froh, wenn
ich Angst habe, denn ansonsten könnte ich auch
nicht mutig sein. Angst lässt mich vermeintliche
Sicherheiten aufspüren. Nur wenn ich Angst habe,
kann ich sicher sein, dass meine Schuhe richtig
gebunden sind, dass der Pickel geschliffen ist,
dass ich das Wetter kenne. Meine Angst lässt
mich rechtzeitig schlafen gehen. Hätte ich keine
Angst, würde ich vielleicht zu spät ins Bett gehen.
Die Angst stellt einem Tausend Fragen.
Sie beherrschen also Ihre Angst?
Ja, denn Panik wäre unprofessionell, zu viel Risiko ist tödlich. Als
Profi muss ich ein gewisses Restrisiko verantworten,
ganz einfach deshalb, weil immer eines
bleibt. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht,
nicht am Berg, nicht in der Wirtschaft. Aber: Es
gibt keine gefährlichen Berge, und auch Management
ist nicht gefährlich. Es gibt nur Leute, die
Fehler machen. Und die meisten Fehler sind hausgemacht.
Denn Amateure kennen sich selber nicht
so gut, wie ein Profi sich kennt.
Kennen Sie Manager, die in einem Höhenrausch
sind?
Die meisten Manager, die ich kenne, befinden
sich eher in einem zielfixierten Zwangstunnel.
Sie merken nicht mehr, was um sie herum vorgeht.
Sie wähnen sich auf einem Gipfel, sehen
den nächsten – und dazwischen nichts. Alles was
nicht direkt zum nächsten Gipfel führt, ohne den
Umweg über das Tal, wollen sie gar nicht wahrnehmen.
Sie wollen nicht das Tempo variieren, geben
immer nur Vollgas. Auch das lernt der Bergsteiger:
Du kannst Vollgas geben, aber du musst dem Körper
und dem Geist auch Ruhephasen gönnen, um
dann wieder in die nächste Hochleistungsphase
hineinzukommen, ohne auszubrennen.
Worin liegt das Geheimnis, dauerhaft oben zu
bleiben?
Das kommt auf die Definition an, was oben
sein bedeutet. Wenn ich auf einer Position einfach
nur bleiben will, muss ich gut funktionieren und
möglichst wenig Risiken eingehen. Aber wenn
oben sein für mich bedeutet, ein relativ freies und
selbstbestimmtes Leben zu führen, muss ich
gewisse Risiken eingehen. Ich muss immer wieder
hinterfragen, ob das, was ich mache, mir auch
wirklich Spaß macht, ob es das ist, was ich will.
Und man muss auch mal mutig sein und verzichten
können. Dann verdient man vielleicht weniger,
aber dafür hat man ein schönes Leben. Denn ganz
ehrlich: Führungskräfte haben ein hartes Leben.
Wie kann man sich denn gegen die dünne Luft,
die oft oben herrscht, und den permanenten
Druck wappnen?
Man sollte sich Gleichgesinnte
suchen, andere, die genauso „ticken“ wie ich.
Dann kann man sich gegenseitig unterstützen und
sich hinterfragen. Das sehe ich auch als meine
Aufgabe in meinen Seminaren: Ich stelle den Teilnehmern
immer wieder die Frage, ob sie tatsächlich
so weitermachen wollen wie bisher. Und wenn
nicht, warum sie nichts daran ändern. Sie werden
nicht 500 Meter tief stürzen. Ihr Risiko ist da
geringer als meins.
Welchen Sinn sehen Sie eigentlich darin, extrem
schwierige Berge zu bezwingen?
Das ist mein Leben. Der Sinn meines Lebens besteht darin,
dass ich mein individuelles Potenzial ausschöpfe.
Das gilt für mich und für alle: Der Sinn des Lebens
ist es, immer so gut zu sein, wie man sein kann.
Man muss nicht besser sein als der andere. Auch
ich kann nur so gut klettern, wie ich es kann. Und
nur ich weiß, wie gut ich klettern kann und ob ich
noch besser klettern könnte. Das gilt auch für
eine gute Führungskraft: Sie weiß, wie gut sie selber
ist und wie weit sie sich selber noch entwickeln
kann. Und sie muss auch wissen, dass
sie nie ankommen und nie gut genug sein wird.












