Top-Manager
20.04.2009
Stefan Dräger: Der Tüftler |
Stefan Dräger ist nicht nur ein erfolgreicher Manager, sondern auch ein ehrgeiziger Ingenieur, der sich nicht vor Herausforderungen drückt. Wenn alle bloß vom Elektroauto reden, baut er eins. Mit dem gleichen Ehrgeiz stellt er sich seinen Aufgaben als Manager des Lübecker Familienunternehmens. Im Interview mit dem karriereführer sprach er über die Leitung eines Familienunternehmens, darüber, wie er in seine Rolle als Manager hineinwuchs und über private und berufliche Herausforderungen. Die Fragen stellte Meike Nachtwey.
Zur Person Stefan Dräger
Stefan Dräger wurde 1963 in Lübeck
geboren. Zum Studium der Elektrotechnik
und Nachrichtentechnik ging
er 1984 nach Stuttgart. Nach seinem
Studium blieb er zunächst im süddeutschen
Raum und arbeitete als beratender
Ingenieur für Prozesstechnik.
Anfang der Neunziger-Jahre trat er ins
Familienunternehmen ein. Er ging
zunächst für zwei Jahre in die USA, wo
er den Vertrieb für Gaswarnsysteme
bei National Dräger aufbaute. 1995,
zurück in Lübeck, begann er seine Laufbahn
zur Führungskraft, indem er verschiedene
Abteilungen leitete und
2003 in den Vorstand gewählt wurde.
Zwei Jahre später übernahm er den
Vorstandsvorsitz von seinem Onkel
Theo Dräger. Er ist damit der sechste
Dräger, der diesen Posten innehat. Stefan
Dräger lebt mit seiner Familie in
Lübeck.
Herr Dräger, was halten Sie eigentlich
von den Buddenbrooks?
Den neuen Film habe ich noch nicht
gesehen, den Roman habe ich allerdings
sehr gerne gelesen, schließlich ist er ja
auch sehr heimatnah für mich. Ähnlichkeiten
mit damals lebenden Personen
sollen ja ausgeschlossen sein (lacht).
Das Unternehmen Dräger wird bereits
in der fünften Generation von einem
Familienmitglied geführt. Wie schafft
man das heutzutage überhaupt bei
einem börsennotierten Unternehmen?
Dafür braucht man natürlich einen
gewissen Ehrgeiz, das Unternehmen
innerhalb der Familie zu halten und
dennoch profitabel zu führen. Das heißt,
dass der Geschäftsführer, in diesem Fall
ich selbst, viele unterschiedliche Tätigkeiten
ausüben muss - außerhalb und
auch innerhalb des eigenen Unternehmens
- und sich so die Qualifikation
erarbeitet, die einem objektiven Vergleich
mit anderen Kandidaten standhält.
Natürlich muss ich mich selbst
ständig fragen, ob ich wirklich der beste
Kandidat bin. Wirklich zufrieden bin ich
nur dann, wenn ich noch höher qualifiziert
bin als die anderen. Das ist ein
hoher Anspruch und kann eine große
Belastung sein. Aber auch daran kann
man sich gewöhnen.
Wird nach Ihnen wieder ein Herr Dräger – oder vielleicht sogar eine Frau Dräger – Ihren Job machen?
Das Ziel ist natürlich, dass nach Möglichkeit
meine Kinder nachrücken, wenn sie die Qualifikation haben und die Verantwortung
übernehmen wollen. Ob das mein Sohn oder meine Tochter wird,
ist eigentlich egal. Jungen und Mädchen
sind gleich gut geeignet.
Sie sind Vater von drei Kindern. Wie
bringen Sie die alleinige Leitung eines
Unternehmens mit über 10.000 Mitarbeitern
und Ihre Familie unter einen
Hut?
Das ist immer eine Frage der Planung
und der Prioritäten, denn die Zeit ist
natürlich begrenzt, ein Abwägen von
dringlich und wichtig. Den Kindern
etwas von mir mitzugeben, so dass das
oben genannte Ziel erreicht werden
kann, das braucht natürlich Zeit, aber es
ist immens wichtig.
Sie haben selbst eine Ausbildung zum
Diplomingenieur für Elektro- und Nachrichtentechnik
absolviert und zunächst
auch als Ingenieur gearbeitet. Wie fanden
Sie die Umstellung auf eine Führungsrolle?
Das ist natürlich erst einmal eine
Umstellung, aber ich bin ja bei Dräger
sehr behutsam an das Unternehmen
herangeführt worden. Bevor ich in den
Vorstand kam, war ich bereits elf Jahre
weltweit in unterschiedlichen Funktionen
im Unternehmen tätig gewesen.
Da habe ich natürlich die Unternehmensstrukturen,
die unterschiedlichen
Arbeitsbereiche und Menschen kennengelernt.
Es war also mehr eine stetige
Zunahme an Verantwortung. Man wird
ja nicht von einem auf den anderen Tag
zum Manager. Inzwischen habe ich in
meiner heutigen Rolle enorm viel mit
Menschen zu tun; das möchte ich gar
nicht mehr missen.
Bevor Sie in das Familienunternehmen
eingestiegen sind, haben Sie für diverse
andere Unternehmen gearbeitet. Was
haben Sie dort als Angestellter für Ihre
heutige Position gelernt?
Ich habe als beratender Ingenieur in vielen
Projekten gearbeitet. Das waren
immer wieder neue Aufgabenstellungen
für neue Kunden mit neuen Kollegen.
Erfolgsfaktor war dabei weniger
die Technik als vielmehr die Definition
von Schnittstellen.
Inwiefern spielt Ihre technische Ausbildung
heute überhaupt noch eine Rolle
in Ihrem Arbeitsalltag?
Eigentlich spielt sie leider keine so
große Rolle mehr, aber sie hat dennoch
den Vorteil, dass ich auf Augenhöhe mit
unseren Ingenieuren diskutieren kann.
Davon gibt es nun einmal eine ganze
Menge im Unternehmen. So verstehe
ich nicht nur, worum es technisch geht,
sondern kann mich auch in die spezifische
Denkweise und Arbeitssituation
versetzen.
Fehlt Ihnen das technische Arbeiten
manchmal?
Ja, das fehlt mir tatsächlich ab und zu.
Aber dafür habe ich ein entsprechendes
Haus gebaut, in dem ich die gesamte
Regel- und Steuerungstechnik selbst
entwickelt habe.
Im Managermagazin war zu lesen, dass
Sie ein selbstgebautes Elektroauto fahren.
Was hat Sie dazu veranlasst, ein
eigenes Elektroauto zu bauen?
Ganz einfach: Wie heute immer noch,
haben die Autohersteller schon vor 20
Jahren – und so alt ist mein Fahrzeug jetzt schon – immer nur von Elektroautos
geredet, aber nicht geliefert.
Damit wollte ich mich nicht abfinden.
Da habe ich mir eben selbst eins
gebaut.
Brauchen Sie immer neue Herausforderungen?
Ja. Sowohl privat als auch im Job.
Herausforderungen machen den
Arbeitstag und das Leben überhaupt
immer wieder spannend.
Was wird Ihre nächste Herausforderung
sein?
Meine Nachfolgeregelung (lacht).
Wussten Sie schon zu Beginn Ihres Studiums,
dass Sie eines Tages das Familienunternehmen
führen würden?
Gewusst habe ich es nicht, aber geahnt.
Und vorstellen konnte ich es mir schon.
Wie unterscheidet sich eine Karriere
wie die Ihre von der eines anderen
Managers?
Gibt es überhaupt vergleichbare Karrieren?
Ich glaube nicht. Jeder Mensch
muss schließlich seinen eigenen Weg
gehen, einen eigenen Stil entwickeln. Es
gibt viele verschiedene Wege zum
Glücklichsein, und wenige sichere Wege
zum Unglücklichsein.
Was bedeutet Ihnen Erfolg?
Erfolg bedeutet Zufriedenheit. Die Frage
ist allerdings, was man selbst als Erfolg
bereit ist zu verbuchen.
Sie sind sehr jung zum Vorstandsvorsitzenden
aufgestiegen. Mussten Sie lernen,
sich durchzubeißen?
Ja, das Lernen hört nie auf.
Sie haben eine ganze Weile im Ausland,
in Kanada und den USA, gearbeitet.
Was haben Sie in dieser Zeit gelernt,
was Sie in Deutschland nicht hätten lernen können?
Ich habe gelernt, welchen Unterschied
die Ausrichtung der Achse der Waschmaschinentrommel
machen kann. Das
ist nicht nur ein technischer Unterschied,
das ist einfach eine Kulturfrage.
Für uns übersetzt heißt das, ein Produkt,
das wir für den einen Markt entwickeln,
auch wenn es höchsten Ansprüchen
genügt, muss deswegen nicht für jedes
andere Land der Welt genauso einsetzbar
sein. Wir müssen uns an unsere
Märkte und die unterschiedlichen Kulturen
anpassen – oder anders gesagt,
darauf einlassen können, um global
erfolgreich zu sein. Deswegen empfehle
ich jungen Menschen immer, eine Zeit
lang im Ausland zu studieren oder zu
arbeiten. Das kann für die Karriere, aber
auch für die persönliche Entwicklung
nur von Vorteil sein. Je früher man einen
Auslandsaufenthalt erlebt, desto besser.
Die Globalisierung der Welt fordert
diese Offenheit für andere Kulturen.
Worauf achten Sie außerdem noch,
wenn Sie einen Hochschulabsolventen
bei Dräger einstellen?
Jemand, der bei Dräger arbeiten möchte,
muss verstehen, was wir machen.
Dräger macht Technik für das Leben.
Das ist unsere Motivation und bedeutet
die Kombination von Technologie- und
Applikationswissen. Um beispielsweise
ein Beatmungsgerät mit unserem
Anspruch an Therapiequalität zu entwickeln,
muss ich neben meinem Ingenieurverstand
auch detailliert wissen,
wie eine Lunge funktioniert. Das erfordert
also eine gewisse Hingabe und
Offenheit, sich in fachfremde Gebiete
einzudenken. Neben diesem Verständnis
muss der brennende Wunsch, sich
sinnvollen Aufgaben zu stellen, vorhanden
sein. Denn bei uns macht die Arbeit
Sinn. Unsere Produkte schützen, unterstützen
und retten Leben. Unsere Mitarbeiter
müssen daher auch ein ganz
bestimmtes Potenzial haben. Sie müssen
die Wichtigkeit ihrer Arbeit erkennen
und über soziale Stärken verfügen.
Der eiskalte Managertyp passt definitiv
nicht zu uns.
Haben Sie noch einen Karrieretipp für
unsere Leser?
Ja: Auch wenn Sie oft im Detail arbeiten,
sollten Sie versuchen, den Blick auch für
globale Belange zu bekommen. Das Verstehen
der Gesamtzusammenhänge ist
nämlich auch für die Detailarbeit
äußerst wichtig. Die kann nur dann gut
werden, wenn allen das große Ganze
klar ist.
Drägerwerk Verwaltungs AG
Das Lübecker Unternehmen, das nun schon in der fünften Generation als Familienunternehmen geführt wird, existiert 2009 genau seit 120 Jahren. Bereits im Gründungsjahr meldete der Laden- und Werkstattbetrieb „Dräger und Gerling“, wie er in den ersten drei Jahren seines Bestehens hieß, das erste Patent an. Mit der Einführung eines Inhalations-Narkoseapparats 1904 bereitete Dräger nicht nur den Weg für die moderne Narkosetechnik, sondern sicherte auch seinen festen Platz in der Medizintechnik. Neben dieser ist der Unternehmensbereich Sicherheitstechnik das andere Standbein des Unternehmens. Bereits 1907, also vor über hundert Jahren, begann Dräger, sich international auszurichten und gründete eine Tochtergesellschaft in den USA. Heute ist das Unternehmen in 190 Ländern der Erde vertreten und betreibt in mehr als 40 Ländern Vertriebs- und Servicegesellschaften.Weitere Interviews mit prominenten Gesprächspartnern gibt es in unserer Rubrik Top-Manager!












