Top-Manager: Dr. Stefan Lätsch
Der „Master of Business Administration“, kurz MBA, kann ein wichtiger Abschnitt in der Karriereplanung
sein. Dr. Stefan Lätsch, Group Vice President der Business Unit Adsorbents and Additives
der Süd-Chemie AG, sprach mit Martin Rath über seine Erfahrungen mit dem MBA.
Wann und warum haben Sie sich entschlossen,
einen MBA zu erwerben?
Nachdem ich zwei Jahre bei BASF gearbeitet
hatte, ging ich zu einem großen mittelständischen
Familienunternehmen, um zunächst
die globale Geschäftsentwicklung zu übernehmen.
Dort habe ich relativ schnell gemerkt,
wo die Grenzen meiner kaufmännischen
Kenntnisse lagen.
Als das Unternehmen an einen Konzern
veräußert werden sollte, hatte ich geschäftlich
mit den Vertretern von Banken und Private-
Equity-Häusern zu tun. Das war für
mich der Auslöser, den MBA zu erwerben.
Meine Hauptmotivation war es aber, ein betriebswirtschaftliches
„Update“ zu bekommen,
um die kaufmännische Seite mit
abdecken zu können – trotz der zeitlichen
Inanspruchnahme durch das berufliche Engagement.
Der Markt der MBA-Anbieter wird immer
unübersichtlicher. Nach welchen Kriterien
haben Sie Ihre Wahl getroffen?
Ich wollte keinen „08/15“-MBA, sondern eine
wirklich sattelfeste Ausbildung. Nun war
mir der Titel gar nicht wichtig oder der Ruf
der Business School. Sondern mir kam es
auf den Inhalt an. Und darum habe ich mir
verschiedene Programme sehr genau angeschaut.
Dabei habe ich versucht, die Programminhalte
präzise mit meinen beruflichen
Erfahrungen abzugleichen. Hinzu kam
ein organisatorischer Aspekt: Manche MBASchulen
bieten verstärkt Blockunterricht,
der den beruflichen Tagesablauf über Wochen
einschränkt. Das können Sie sich
kaum leisten, wenn Sie wirklich engagiert
im Beruf stehen.
Wie kann man sich einen möglichst genauen
Überblick zu den Ausbildungsinhalten
verschaffen?
Ich habe vor der Wahl der Schule mit einigen
der so genannten Lecturers, den Dozenten,
telefoniert, um nähere Informationen
zu erhalten. Besonders habe ich mich an
der WHU in Koblenz fachkundig gemacht.
Für diese Business School entschied ich
mich dann nach den entsprechenden Telefonaten,
auch deshalb, weil ich schon während
meines Studiums in Bonn vom guten
Ruf ihrer kaufmännischen Ausbildung gehört
hatte.
Ihr Arbeitgeber musste während Ihres
Studiums auf einen Teil Ihrer Arbeitskraft
verzichten. War es schwer, ihn von Ihrem
Fortbildungswunsch zu überzeugen?
Das Unternehmen hat das Studium seinerzeit
sehr aktiv unterstützt, auch finanziell.
Die Kosten für das MBA-Studium wurden
komplett übernommen. Das war eine großartige
Unterstützung. Man war sehr daran
interessiert, dass man sich in dieser Form
weiterbildet. Ich habe auch über das bestehende
Angebot hinaus Kurse wahrnehmen
können. Es bestand also kein Zwang, nur
das Hauptprogramm „herunterzuspulen“.
Daraus ergaben sich auch Kontakte zu USamerikanischen
Lecturers, die heute noch
bestehen.
Kontakte sammeln, ein wichtiger Aspekt
eines MBA-Studiums?
Ja, ich wollte mir auch ein Netzwerk aufbauen,
Kontakte, auf die man weltweit zurückgreifen
kann. Durch ein dreieinhalbjähriges
Studium an der Hong Kong University of Science
and Technology und meiner Tätigkeit
bei den BASF Regional Headquarters in
Hongkong hatte ich bereits erste Verbindungen
nach Asien geknüpft. Berufliche Kontakte
innerhalb Europas ergaben sich später ohnehin
durch die tägliche berufliche Praxis.
Durch die Kooperation der WHU mit der Kellogg
Graduate School of Management ließ
sich auch die amerikanische Seite stärker
abdecken. Heute profitiere ich von diesem
Netzwerk.
Im Erststudium haben Sie neben Chemie
auch Sinologie studiert, eine etwas ungewöhnliche
Kombination. Woher kommt Ihr
Interesse an Asien?
Ich habe mich schon immer stark für die chinesische
Medizin und Heilkunde interessiert.
Während des Studiums legte ich zunächst
einen Schwerpunkt auf die organische
Chemie. Konkret ging es hier beispielsweise
um die Identifizierung und dann Synthetisierung von Wirkstoffen aus chinesischen Heilpflanzen.
Ich hatte die Ambition, nicht nur
die Übersetzungen chinesischer Forschungsergebnisse
zu lesen, sondern auch die Originale. Während des weiteren Studienverlaufs
verschob sich der Schwerpunkt dann in Richtung
anorganische und physikalische Chemie.
In meiner Studienzeit in Hongkong beschäftigte
ich mich mit neuen polymeren
Werkstoffen, Supraleitern und Laserchemie.
Letztendlich habe ich aber beide Fächer weiterstudiert.
Was prägt Ihren heutigen Arbeitsalltag
mehr – die Chemie oder die BWL?
Mehr die Betriebswirtschaft. Ich leite einen
Geschäftsbereich mit nicht ganz 300 Millionen
Euro Umsatz, wir haben 27 Gesellschaften
und 20 Produktionsstätten weltweit. Das
wirft viele kaufmännische Fragen auf. Aber
man darf den naturwissenschaftlichen, den
chemischen Part nicht unterschätzen, gerade
wenn es darum geht, Strategien zu entwickeln.
Dabei müssen Sie eine fachbezogene
Kreativität an den Tag legen, die meines Erachtens
ein naturwissenschaftliches Studium
voraussetzt.
Sehen Sie in der Art, wie Ihr Denken
durch das naturwissenschaftliche Studium
geprägt wurde, Unterschiede zu den
Betriebswirten?
Naturwissenschaftler lernen ein sehr systematisches
Vorgehen, insbesondere auch
durch die Promotion. Aber das heißt nicht,
dass es nicht auch sehr systematisch denkende
Kaufleute gäbe.
Viele MBA-Angebote wenden sich an Naturwissenschaftler,
jedenfalls Nicht-Betriebswirte.
Wäre es sinnvoll, den Ansatz
einmal umzudrehen und Wirtschaftswissenschaftlern
ein naturwissenschaftliches
Aufbaustudium zu bieten?
Diese Frage tauchte in meinem Unternehmen
in der letzten Zeit gelegentlich auf, aber
ich würde davon abraten. Warum? Weil ich nicht glaube, dass sich eine solche Ausbildung
berufsbegleitend einrichten ließe. Sie
wäre noch zeitaufwändiger, als ein kaufmännisches
Aufbaustudium. Für Chemiker ist es essenziell, entsprechende theoretische Lerninhalte
auch praktisch umzusetzen. Das
schließt intensive Laborarbeit mit ein.
Herr Dr. Lätsch, ich danke Ihnen für das
Gespräch.
Dr. Stefan Lätsch, Jahrgang 1963, leitet bei
der Süd-Chemie AG, München, den Geschäftsbereich
Adsorbentien und Additive.
Er ist verheiratet und hat ein Kind.