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01.10.2006
Dr. Rudolf Colm: Der Mann von Welt |
Rudolf Colm wurde 1952 in Mailand
geboren, wo er an der Universität Bocconi
Volkswirtschaft studierte und zum
Dr. rer. oec. pol. promovierte. 1976 startete
er seine berufliche Karriere bei
Pirelli in Mailand als Referent für strategische
Planung und volkswirtschaftliche
Analysen. Von 1980 bis 1983 leitete
Colm die Abteilung Planung und Kontrolle,
Finanzen bei der AEG Telefunken
in Mailand.
China ist wirtschaftlich stark im Kommen.
Müssen Studenten von heute chinesische
Sprachen und Umgangsformen
beherrschen, um für den Arbeitsmarkt
von morgen gerüstet zu sein?
Chinesisch ist kein Muss. Wer aber im
Job viel mit China zu tun hat, sollte sich
eingehend mit den Gepflogenheiten
im Land beschäftigen. Es hilft, kulturelle
Unterschiede besser zu verstehen, um
erfolgreicher zu arbeiten. Wer sich
zusätzlich nach einer gewissen Zeit im
Land einen Basis-Wortschatz aneignet,
zeigt Initiative und setzt bei den lokalen
Kollegen das richtige Signal.
Wie halten Sie dies in Ihrem Haus?
Bei Bosch bereiten wir Mitarbeiter, die
für Projekte oder auch längere Einsätze
ins Ausland gehen, in interkulturellen
Seminaren und Sprach-Crash-Kursen
vor. Sie können sich bei einer Besuchsreise
vorab schon mal im Land informieren
und erhalten dabei auch Hilfestellung
von ihren Kollegen vor Ort.
Wie kann ein Absolvent testen, ob er
für die Zusammenarbeit mit chinesischen
Geschäftspartnern geeignet ist?
Interkulturelle Offenheit, Neugierde
und eine gewisse Grundaffinität zur
Kultur und zu den Menschen in China
sind Voraussetzung. Wer diese nicht
mitbringt, wird wenig Erfolg haben.
Zusätzlich braucht man natürlich Sozialkompetenz
und die Bereitschaft, sich
an das neue Umfeld anzupassen. Eine
solche Offenheit und Lernbereitschaft
belohnen die Menschen im Land in der
Regel mit Vertrauen und Gastfreundschaft.
Wichtig ist auch die Fähigkeit zuzuhören. Jemand, der meint, er habe
für alles im Voraus schon eine Antwort,
wird in China manche Enttäuschung
erleben.
Welche Rolle spielt China für die deutsche
Wirtschaft?
Die Wachstumsdynamik in China hält
weiter an. Das Reich der Mitte hat in
den vergangenen drei Jahren rund 150
Milliarden US-Dollar an Direktinvestitionen
aus dem Ausland auf sich gezogen
und besitzt weiterhin von allen Weltregionen
das größte Entwicklungspotenzial.
An diesen Investitionen hat bisher
Deutschland von allen europäischen
Ländern am stärksten partizipiert. Deutsche
Unternehmen werden auch am
weiteren Wachstum stark teilhaben.
Was bedeutet das für Bosch?
Auch bei Bosch werden wir weiterhin
gezielt unsere Chancen nutzen – und
zwar in allen Geschäftsfeldern. Dabei
hilft, dass wir auf eine langjährige
Geschichte im Reich der Mitte zurückblicken
können. Als wir 1909 unsere
erste Handelsniederlassung gegründet
haben, war von Globalisierung noch
keine Rede. Heute ist China eines der
Kernländer für unser Geschäft in der
ganzen Region Asien-Pazifik. Wir haben
in den vergangenen fünf Jahren die
Anzahl unserer Fertigungsstandorte in
China von zehn auf zwanzig verdoppelt
und wollen dort weiter investieren.
Wie wird sich die deutsch-chinesische
Beziehung entwickeln?
Wir erwarten, dass sich die beiden Länder
zunehmend wirtschaftlich verflechten. In einem gesunden Wettbewerb
werden davon alle profitieren können.
Deutsche Firmen erschließen derzeit
mit Investitionen in China und mit dem
Aufbau lokaler Fertigungen neue Märkte,
aber auch chinesische Unternehmen
werden ihre Chancen in Europa suchen
und nutzen. Wir bei Bosch wollen am
überdurchschnittlichen Wachstum in
China teilhaben, denn unsere Innovationspolitik
ist auf Ressourcen- und
Umweltschonung ausgerichtet und
stimmt mit den Zielen der chinesischen
Umweltbehörde überein.
Wie wird sich die Zusammenarbeit mit
China auf deutsche Berufseinsteiger
und angehende Führungskräfte auswirken?
Mit einer zunehmenden wirtschaftlichen
Verflechtung werden auch die geschäftlichen
Kontakte in allen Branchen und auf
allen Unternehmensebenen zunehmen.
Diese Entwicklung wird besondere Chancen
für Mitarbeiter bieten, die interkulturelle
Kompetenz und Offenheit für andere
Kulturen mitbringen und bereits früh
Auslandserfahrung gesammelt haben. In
China sind besonders Berufseinsteiger
mit solidem technischen Know-how
gefragt, die schon in jungen Jahren bereit
sind, Verantwortung und Führungsaufgaben
zu übernehmen. Die Entfernung
von Deutschland,die Dynamik des Marktes
und der Bedarf, Produkte und Marketingkonzepte
an lokale Gegebenheiten
anzupassen, erfordern vor allem von jungen
Mitarbeitern viel Initiative und Verantwortungsbereitschaft.
Welche Art von Führungskraft ist für
diese Aufgabe geeignet?
Führungskräfte müssen beweisen, dass
sie auch eine Gruppe von Mitarbeitern
aus unterschiedlichsten Kulturen effektiv
leiten und Unterschiede nicht als
Hindernis, sondern als Mehrwert begreifen
können. Dazu brauchen sie unter anderem ein entsprechendes Fingerspitzengefühl
– die so genannten Soft Skills,
die das Fachwissen ergänzen müssen.
Auf welche anderen Länder sollte man
schon heute sein Augenmerk legen?
Auf jeden Fall auf Indien. Dieses Land
wird besonders als Fertigungs- und
Dienstleistungsstandort, aber auch als
Absatzmarkt für deutsche Unternehmen
stark an Bedeutung gewinnen.
Welche Sprachen sollten angehende
Berufseinsteiger für den Weltmarkt
beherrschen?
Wer international arbeiten will, für den
ist fließendes Englisch in Wort und
Schrift ein klares Muss. Daran führt
kein Weg vorbei. Darüber hinaus ist es
von großem Vorteil, mindestens eine
weitere Fremdsprache zu beherrschen.
Gleichzeitig sollten Berufseinsteiger
interkulturelle Kompetenzen aufbauen.
Beides lässt sich übrigens am besten in
den jeweiligen Ländern selbst erlernen.
Was muss man beherzigen, wenn man
es wie Sie in die erste Führungsebene
eines Unternehmens schaffen will?
Erforderlich sind breit angelegte Erfahrungen
in mindestens zwei Funktionsbereichen,
internationale Expertise,
permanente Fortbildung, hartes und
zielgerichtetes Arbeiten – und ein
Quäntchen Glück.
Haben Sie sich während Ihrer Ausbildung
außeruniversitär engagiert?
Während meiner Studienzeit war ich
dank meiner Doppelsprachigkeit für
zahlreiche Unternehmen international
als Dolmetscher sehr aktiv und habe
mir damit auch mein Studium zum Teil
finanziert. Arbeit und Weiterbildung
waren für mich immer die oberste
Maxime und sind es auch heute noch.
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