Top-Manager
24.01.2008
Regina Brückner |
Das Veredeln von Textilien ist ihr Geschäft. Mit 30 Jahren übernahm sie das Maschinenbauunternehmen ihres Vaters. Heute führt sie es gemeinsam mit ihrem Mann – er ist der Stratege, sie die Frau der schnellen Entscheidungen. Im Interview mit S-taff spricht Regina Brückner über Gespür für Zwischentöne und Techniker, die oft schwarzweiß denken.
Zur Person Regina Brückner
Vordiplom Textiltechnik an der Fachhochschule Reutlingen, Magisterstudium in Neuerer deutscher Literatur,
VWL und Organisationspsychologie. Nach diversen Praktika im In- und Ausland Eintritt als Trainee
in die Firma Brückner Trockentechnik. Seit 1999 ist sie Geschäftsführerin, gemeinsam mit ihrem Ehemann Axel
Pieper. Privat: 1969 in Stuttgart geboren, verheiratet, zwei Kinder.
Wann stand für Sie fest, dass Sie in
den Familienbetrieb einsteigen würden?
Schon als ich 16 war, fragte
mich mein Vater, ob ich mir vorstellen
könnte, die Firma einmal zu übernehmen.
Blauäugig, wie ich in dem Alter
war, habe ich ja gesagt, ohne dass ich
mir damals vorstellen konnte, was da
genau auf mich zukommt. Von meinen
älteren Geschwistern hat keiner Interesse
gezeigt, daher habe ich es als
meine Verpflichtung gesehen, die Firma
eines Tages weiterzuführen, daran gab
es bei mir keinen Zweifel. Entsprechend
habe ich auch zunächst mein
Studium dahingehend ausgerichtet und
an der Fachhochschule Reutlingen Textiltechnik
studiert.
Warum haben Sie nach dem Vordiplom
ein Magisterstudium begonnen?
Das FH-Studium war mir zu
verschult. Außerdem wurde mir klar:
Wenn ich einmal die Firma leiten wollte,
musste ich meinen Horizont erweitern
und intellektuell auch noch etwas
für mich persönlich tun. Im Nachhinein
denke ich, ich hätte besser Jura oder
Maschinenbau studieren sollen, das
hätte mir bei meiner heutigen Arbeit
mehr geholfen. Aber letztendlich
kommt es gar nicht auf die Studienrichtung
an, wichtig ist, dass man lernt
strukturiert zu denken und zu handeln.
Und unternehmerisches Handeln lernt
man durch Erfahrung und Erleben.
Wichtig ist, bei Entscheidungen sorgfältig
abzuwägen, gleichzeitig Entschlussfreudigkeit
und Vertrauen in sich selbst
zu haben.
Helfen Ihnen Ihre Erkenntnisse
aus dem Magisterstudium trotzdem bei
der Arbeit?
Mit Sicherheit. Vor allem,
was ich in Organisationspsychologie
gelernt habe, kann ich hier jeden Tag
anwenden: beim Umgang miteinander
und mit den Mitarbeitern, in schwierigen
Gesprächssituationen, beim Lösen
von Konflikten, zur Motivation – das
alles gehört zum täglichen Geschäft.
Darüber hinaus hat mir das Magisterstudium
gezeigt, manche Fragen
anders zu beurteilen. Techniker denken
in der Regel geradeaus, es gibt für sie
häufig nur zwei Varianten: schwarz
oder weiß. Manchmal nimmt man aber
nicht nur diese zwei Varianten wahr,
sondern es gibt auch Zwischentöne, die
man beachten muss. Jeder Mensch
nimmt Aussagen von anderen mit seiner
eigenen Wahrnehmung auf – und
sich darüber bewusst zu werden, hilft
im täglichen Umgang miteinander.
Wie haben die Mitarbeiter auf
die Tochter des Chefs reagiert, als Sie
als Trainee bei Brückner begonnen
haben?
Als ich als Trainee einstieg,
war mein Vater schon gestorben. Die
Mitarbeiter haben deshalb viel Hoffnung
in mich gesetzt, weil sie glaubten,
da sei endlich wieder jemand aus der
Familie, der sich für die Firma engagiert.
Für mich war das eine schwierige
Situation, weil ich ihre Hoffnungen
noch nicht erfüllen konnte. Ich hatte ja
noch gar keine Erfahrung und keine
Entscheidungsbefugnisse. Wie alle
Trainees konnte ich anfangs einfach
nur zuschauen und zuhören. Das war
für mich eine sehr lehrreiche Zeit, weil
ich überall dabei sein durfte. Dabei
habe ich erkannt: Wenn man es will,
kann man alles lernen. Ich kann heute
ebenso technische Zeichnungen lesen
wie mich über kaufmännische Themen
unterhalten.
Im Rückblick: Wäre es besser
gewesen, vor dem Einstieg in den Familienbetrieb
zunächst einmal in anderen
Unternehmen zu arbeiten?
Das wäre sicherlich sinnvoll
gewesen, und ich hätte es auch gern
gemacht. Aber ich habe gespürt, dass
unser Unternehmen damals eine schwierige
Zeit vor sich haben würde – was
sich tatsächlich bewahrheitet hat: Zwei
Jahre nach meinem Einstieg haben wir
einen Betrugsfall im zweistelligen Millionenbereich
aufgedeckt. Wenn ich
damals noch nicht so lange im Unternehmen
gewesen wäre, hätte ich von
der Firma nicht soviel verstanden und
hätte nicht so schnell einspringen können.
Für mich war es also der richtige
Weg, direkt nach dem Studium hier
begonnen zu haben. Grundsätzlich kann
es jedoch nicht schaden, auch in anderen
Unternehmen gearbeitet zu haben,
weil ansonsten die Gefahr besteht,
schneller betriebsblind zu werden.
Sie haben dann schon mit 30 Jahren
die Geschäftsleitung übernommen.
Wie wurden Sie als junge Frau in der
männerdominierten Technikwelt akzeptiert?
Anfangs haben alle gedacht:
Frau, jung, hat keine Ahnung. Das
hatte durchaus seine Vorteile, weil ich
von vielen unterschätzt wurde. Wenn
man dann mit Charme bei Verhandlungen
hart bleibt, sind viele Geschäftspartner
erst einmal überrascht. Aber
zum Glück ist es ja nicht mehr nur eine
Männerwelt. Wir bei Brückner zum Beispiel
achten darauf, auch Mitarbeiterinnen
zu beschäftigen – auch im technischen
Bereich. Denn wir haben
bemerkt, dass sich das Klima deutlich
verbessert, wenn in den Abteilungen
nicht nur Männer arbeiten.
Sie haben zwei Kinder und einen
zeitintensiven Job – wie schaffen Sie es,
Beruf und Familie zu vereinbaren?
Als Geschäftsführerin habe
ich den Vorteil, dass ich mir manches
anders einrichten kann. Unsere erste
Tochter habe ich bis zu ihrem ersten
Lebensjahr jeden Tag in die Firma mitgenommen,
denn neben meinem Büro
ist ein eigenes Kinderzimmer. Inzwischen
habe ich jemanden, der in der
Firma auf unseren jüngeren Sohn aufpasst,
und die Ältere geht in den Kindergarten.
Ihr Mann arbeitet ebenfalls in der
Geschäftsleitung von Brückner – wie
funktioniert diese enge familiäre Zusammenarbeit?
Jeder hat seine Aufgabenbereiche,
und wir sind vom Typ her sehr
unterschiedlich. Mein Mann ist eher der
Stratege, der langfristig überlegt, in
welchen Bereichen was zu tun ist. Ich
bin hingegen diejenige, die schnelle
Entscheidungen durchführt. Hier ergänzen
wir uns sehr gut.
Welche Ratschläge können Sie
Absolventen geben, die wie Sie eine
Unternehmensnachfolge in einem mittelständischen
Unternehmen anstreben?
Man muss sich über seine
eigene Rolle klar werden, wie man von
anderen wahrgenommen wird und
wahrgenommen werden will. Ich habe
am Anfang ein Coaching gemacht, um
mir einige Dinge bewusst zu machen.
Dabei wurde mir klar, dass ich den
Erwartungen, die andere in mich hatten,
gar nicht gerecht werden konnte. Daher
ist es nicht nur zu Beginn wichtig, ganz
viel zuzuhören und ein Gespür für die
Aussagen zwischen den Zeilen zu
bekommen. Als junger Mensch macht
man wahrscheinlich eine ganze Reihe
von Fehlern, das gehört dazu. Aber
man muss lernen, damit umzugehen.












