Top-Manager
17.01.2008
Petra Hesser |
Seit Anfang letzten Jahres steht eine Frau an der Spitze des berühmtesten Imports aus Schweden: Petra Hesser, 48, ist die Deutschland-Chefin von IKEA.
Zur Person Petra Hesser
Petra Hesser, geboren am 5.11.1958 im baden-württembergischen Neckarsulm,
ließ sich zunächst zwei Jahre lang bei Hertie in Nürnberg zur Handelsassistentin
ausbilden. Anschließend studierte sie Betriebswirtschaft an der Fachhochschule in
Mainz. Mit 24 Jahren begann sie als Abteilungsleiterin im Verkaufsservice von IKEA
in Wallau und arbeitete unter anderem als Geschäftsführerin einer Niederlassung
sowie als Personalleiterin von IKEA Deutschland. 2002 ging sie als Geschäftsführerin
in die Niederlande, bevor sie vier Jahre später als Geschäftsführerin von IKEA
Deutschland nach Wallau zurückkehrte. Petra Hesser lebt in einer festen Partnerschaft
und hat keine Kinder.
Was war Ihr erstes IKEA-Möbelstück, und wann
haben Sie es gekauft?
Als ich 1981 angefangen habe zu studieren, habe
ich mir bei IKEA ein Ivar-Regal gekauft. Später
habe ich es an meinen Bruder verschenkt. Mein
Ivar-Regal gibt es mittlerweile nicht mehr, aber
die Serie hat IKEA noch immer im Angebot. Das
Ivar-Regal ist einer unserer Klassiker.
Sie sind nach Ihrem Studium 1984 bei IKEA eingestiegen
und haben sich hochgearbeitet bis zur
Deutschland-Chefin. Ist solch eine Karriere heutzutage
überhaupt noch möglich?
Um so lange in einem Unternehmen zu bleiben,
müssen natürlich verschiedene Faktoren zusammenkommen.
Wichtig ist, dass der Mitarbeiter
immer neue, herausfordernde Aufgaben erhält
und sich dadurch beruflich und persönlich weiterentwickeln
kann. Das Unternehmen muss eine
entsprechende Weiterbildungs- und Entwicklungsstruktur
bieten, die solche Wechsel ermöglicht.
Wenn sich Interessensgebiete verlagern, sollten
die Mitarbeiter nicht gezwungen sein, für den
Rest ihres Lebens auf der Spur zu bleiben, die
sie einmal gewählt haben. Wer diese Offenheit
für Neues mitbringt, sollte sich auch ein Unternehmen
suchen, das diese Offenheit widerspiegelt.
Und IKEA ist solch ein Unternehmen?
Ich denke schon, dass wir unseren Mitarbeitern
außergewöhnliche Karrierewege bieten können.
Auch ich bin deshalb so lange geblieben, weil ich
immer wieder vor neue Aufgaben und Herausforderungen,
neue Standorte oder sogar ein neues
Land gestellt worden bin. Etwa alle drei bis fünf
Jahre habe ich immer wieder etwas Neues begonnen.
Ein anderes Beispiel: Einer unserer Mitarbeiter
war lange Jahre im Logistikbereich tätig.
Später hat er als Chef eines Einrichtungshauses
gearbeitet, danach hat er Projektaufgaben übernommen.
Jetzt ist er verantwortlich für alle IKEA-Restaurants
in Deutschland. Er hat bewiesen,
dass er das Interesse, die notwendigen Managementfähigkeiten
und den Willen mitbringt zu lernen.
Daran glauben wir, und daher setzen wir mehr auf
die Motivation unserer Mitarbeiter als auf geradlinige
Lebensläufe.
Haben Sie es jemals bereut, außer bei Ihrer Ausbildung
niemals woanders als bei IKEA gearbeitet
zu haben?
Bereut habe ich es nicht. Aber manchmal denke
ich, ich müsste eigentlich mal gesehen haben,
wie es in anderen Unternehmen zugeht, welche
Schwierigkeiten sie haben und wie ich sie meistern
würde. Aber ich finde es nicht grundsätzlich
gut oder schlecht, viele Jahre in einem Unternehmen
zu bleiben. Das hängt von den Aufgaben und
dem Unternehmen ab sowie vom Anspruch, den
der Mitarbeiter an sich und seine Arbeit stellt. Will
er möglichst viele Unternehmen kennen lernen
und sich immer wieder in neue Aufgaben einarbeiten,
ist ein Wechsel sicherlich nicht schlecht.
Auch wir haben Mitarbeiter in Top-Positionen, die
wir von extern rekrutiert haben und die ebenso
erfolgreich sind wie Menschen, die sich im Unternehmen
hochgearbeitet haben. Bei uns gibt es
beide Wege.
Wann haben Sie die Entscheidung getroffen,
in den Handel zu gehen?
Schon recht früh. Ich bin auf dem Land groß
geworden, und als ich das erste Mal bewusst in
der Großstadt einkaufen war, bin ich in einem
Kaufhaus die Rolltreppe hochgefahren und fand
den Ort faszinierend. Ich dachte nur: Hier muss
ich arbeiten! Gleichzeitig wuchs der Wunsch,
dass ich eines Tages Chef eines Kaufhauses sein
wollte. Nach dem Studium hätte ich auch die
Möglichkeit gehabt, in einer Bank volkswirtschaftliche
Analysen zu erstellen. Ich sah mich schon
hinter den Ordnern sitzen, ohne Kontakt zu Menschen
– das wäre für mich undenkbar gewesen.
Was fasziniert Sie denn so sehr an der Handelsbranche?
Das Gleiche wie am ersten Tag: die Dynamik im
Einzelhandel, die Begegnungen mit Menschen,
Kunden wie Mitarbeitern. Im Handel kann man
sofort den Erfolg seines Handelns erkennen:
Hat man den Kunden gut beraten, kauft er etwas.
Es bewegt sich einfach so viel.
Sie waren über drei Jahre lang Geschäftsführerin
in Holland und haben sogar Niederländisch
gelernt. Wie haben Sie davon profitiert?
Dass ich mich mit den Mitarbeitern in ihrer Sprache
unterhalten konnte, hat mir sehr viele Türen
geöffnet. Daher kann ich jedem raten, bevor er
für längere Zeit in ein fremdes Land geht, die
Sprache zu lernen, und seien es nur die Grundzüge.
Ich habe während meines Auslandsaufenthalts
in den Niederlanden viele Expatriates erlebt,
die mit ihren Kollegen auf Englisch kommuniziert
haben, was ja in Holland kein Problem ist. Aber
man bleibt immer ein wenig der Außenseiter. Selbst
wenn man die Sprache kennt, ist es schon schwer
genug, Teil der Gesellschaft zu werden – ohne
gemeinsame Sprache ist es noch schwieriger.
Welche weiteren Tipps können Sie für einen
Auslandsaufenthalt geben?
Zeigen Sie Respekt vor der neuen Kultur! Man
darf nicht sein eigenes Kulturverständnis ins
Land mitbringen und versuchen, dieses dort zu
implementieren. Stattdessen sollte man sich die
Menschen und ihre Kultur anschauen und erfahren,
wie sie miteinander und mit Fragestellungen
umgehen. Indem man Dinge ausprobiert, zeigt
man Offenheit und nimmt am Leben im Land teil.
Davon profitiert nicht nur die persönliche Entwicklung,
sondern auch das Verhältnis zu den Kollegen
und Mitarbeitern. Man wird schnell als einer
von ihnen anerkannt, was vieles erleichtert.
Darüber hinaus sollte man sich fragen, welche
Werte die Menschen in dem fremden Land
haben. Um diese zu erkennen, muss man Empathie
mitbringen und auf die Werte eingehen. Das
heißt nicht, dass man seine eigenen Werte vernachlässigen
und für unwichtig halten sollte. Man
muss einfach eine gemeinschaftliche Basis für
die Zusammenarbeit finden. Ich empfehle jedem,
der ins Ausland gehen will, sich in Seminaren
über die kulturellen Unterschiede in den Ländern
zu informieren.
Ist denn der Unterschied zwischen Deutschland
und den Niederlanden wirklich so groß?
Jedes Land ist unterschiedlich, selbst wenn es
nur das Nachbarland ist. Ein Beispiel: Weihnachten
spielt in den Niederlanden keine so große
Rolle wie in Deutschland. Viel wichtiger ist für die
Niederländer der 5. Dezember – von dem ich vorher
noch nie etwas gehört hatte. Am 5. Dezember
kommt Sinterklaas und bringt die Geschenke.
Alle Geschäfte schließen schon um 17 Uhr. Das
war für mich ganz neu, und ich musste mich bei
meiner Arbeit darauf einstellen.
Der IKEA-Europachef Nord, Werner Weber, hat
Sie auf Ihrem beruflichen Weg unterstützt. Wie
wichtig ist ein Mentor für die Karriere?
Enorm wichtig. Ich kann von Glück sagen, dass
ich immer Menschen um mich herum hatte, die
an mich geglaubt haben. Sie haben mit mir
zusammen Schritte gemacht und sind dabei hin
und wieder vielleicht auch ein Risiko eingegangen
– aber es hat mir geholfen zu lernen. Ich erinnere
mich an eine Episode während meiner Ausbildung
bei Hertie. Ich durfte eigenständig eine 100 Quadratmeter
große Fläche als Bildergalerie ausstatten.
In meiner Euphorie habe ich nur Bilder
gekauft, die mir selbst gefallen haben. Und jetzt
raten Sie mal, wie viel ich verkauft habe? Sehr
wenig! Mein Abteilungsleiter hat zwar gesehen,
was in der Galerie passierte, aber er hat mich
meine Erfahrung machen lassen. Nachher haben
wir die Sache besprochen – und seitdem habe
ich nie wieder Produkte eingekauft, die nur ich
gut finde. Fazit: Sie brauchen Menschen, die
bereit sind, für Sie einzustehen, die Fehler mittragen
und die sich die Zeit nehmen, an Sie zu
glauben. Solche Menschen hatte ich zum Glück
immer an meiner Seite.
Wie findet man einen guten Mentor?
Das Persönliche spielt eine große Rolle, man
muss eine Beziehung zu ihm aufbauen können.
Zu dem Verhältnis zwischen Mentor und Mentee
gehört viel Vertrauen. Der Mentor muss Sie auf
einen Weg schicken können und dabei hinter
Ihnen stehen. Wenn es schiefgeht, muss er
bereit und in der Lage sein, für den Fehler einzustehen.
Er sollte die Abläufe und Strukturen in
einem Unternehmen kennen und Ihnen Türen öffnen.
Als Alternative für die persönliche Entwicklung
kann sich auch ein Coach anbieten. Wir bei
IKEA geben unseren Mitarbeitern die Möglichkeit,
zum Beispiel bei Veränderungsprozessen oder bei
der Übernahme einer neuen Abteilung Coaches in
Anspruch zu nehmen. Wer erkennt, dass er
Bedarf hat, sollte einfach die Initiative ergreifen.
Ist es richtig, dass Sie täglich zwölf Stunden
und mehr arbeiten? Wie hält man solch eine
Arbeitsbelastung auf Dauer aus?
Die Arbeit ist mein Leben, und sie macht mir Spaß.
Ich schaue daher nicht immer auf die Uhr. Manchmal
sind die Tage lang, manchmal mache ich auch
früher Feierabend. Sicher, ich komme bestimmt
auf 50 bis 60 Stunden in der Woche, aber ich
gebe ja nicht zwölf Stunden am Tag permanent
Output. Das kann aus meiner Sicht niemand leisten.
Auch ich brauche Phasen, in denen ich nachdenken
und neue Kraft sammeln kann. Denn Führungskräfte,
die viel mit Menschen arbeiten,
geben viel von ihrer eigenen Kraft und Energie
weiter. Sich mit vielen unterschiedlichen Menschen
und Themenstellungen auseinanderzusetzen, ist
eine große Herausforderung. Als Ausgleich muss
ich hin und wieder auch mal mit mir allein sein,
spazieren gehen, lesen, zu Hause sein, mit
Freunden, mit meiner Familie – einfach auftanken.
Haben Sie schon einmal Mitarbeiter entlassen
müssen?
Ja, sich von Mitarbeitern zu trennen – ob aus Betriebs-
oder aus persönlichen Gründen – gehört
zu den Aufgaben einer Führungskraft dazu.
Und wie gehen Sie persönlich damit um?
Mir ist es immer wichtig, dass ich die Chance
habe, dem Mitarbeiter meine Entscheidung verständlich
darzulegen. Ich nehme mir die Zeit,
meine Gründe deutlich zu machen. Viele empfinden
die Entscheidung sicherlich zunächst als hart
und ungerecht, aber ich will, dass derjenige sie
versteht, sie nachvollziehen kann. Er soll daraus
lernen und die Veränderung positiv sehen. Ich
stehe heute noch mit vielen der Mitarbeiter, die ich
irgendwann einmal entlassen musste, in Kontakt.
Sie melden sich regelmäßig bei mir, um mir über
ihre Entwicklungsschritte zu berichten.
Sehen Sie sich als Vorbild für Frauen in Führungspositionen?
Der Unterschied zu vielen anderen weiblichen
Führungskräften: Ich habe keine Kinder. Diesen
Teil musste ich in meinem Leben niemals managen.
Ich habe daher sehr großen Respekt vor
Frauen, die in der Lage sind, Familie, Kinder und
Beruf in Einklang zu bringen. Für diese Frauen
kann ich also kein Vorbild sein. Aber vielleicht
kann ich auf einem anderen Gebiet als gutes
Beispiel vorangehen: Ich habe mich nie verstellt,
nur weil ich eine Frau bin. Ich habe mich niemals
als Frau verbiegen wollen und müssen. Dieses
Authentischsein ist für mich enorm wichtig.
Welche Voraussetzungen müssen Frauen erfüllen,
die wie Sie Karriere machen wollen?
Meiner Meinung nach keine anderen als Männer.
Sie müssen eine gute fachliche Grundlage haben,
Managementwissen mitbringen und das Thema
Führung und Menschen lieben.
Das „Du“ gehört zur Unternehmenskultur bei
IKEA. Duzen Sie auch Ihre Mitarbeiter?
Selbstverständlich.
Welchen Einfluss hat diese Anrede auf die Unternehmenskultur?
Das „Du“ hat keinen Einfluss auf unser Miteinander,
wir nehmen das gar nicht mehr bewusst
wahr. Viel wichtiger ist uns das Führungsverständnis.
Ich setze mich immer mit meinen Mitarbeitern
auseinander. Wir bestimmen gemeinsam unsere
Ziele, entwickeln die Maßnahmen, tauschen uns
ständig aus. Ich lasse meine Mitarbeiter an allen
Prozessen teilhaben. Aber nachdem man alles
durchgesprochen hat, muss einfach einer die Entscheidung
treffen, und das ist in der Regel die
Führungskraft. Das geschieht jedoch im Einvernehmen
mit den Mitarbeitern. Und danach gehen
wir zusammen unseren Weg weiter.












