Otmar Ehrl: "Den Mut zum Zweifeln haben" |
Diplom-Wirtschaftsingenieur (FH) Otmar Ehrl (Jahrgang 1969) ist
Vizepräsident des Verbandes Deutscher Wirtschaftsingenieure (VWI)
e.V. und Geschäftsführer und Inhaber der ICCOM International GmbH.
Herr Ehrl, welchen Beitrag leisten Querdenker
für Wirtschaft und Gesellschaft?
Querdenker sind diejenigen, die Fortschritt überhaupt
erst möglich machen, da sie den Mut haben manifestiertes
Wissen anzuzweifeln. Sie sind bereit für ihre Überzeugung
Opfer zu bringen und gegen das Establishment zu kämpfen.
Ein Beispiel für gesellschaftliche Querdenker sind zum Beispiel
die Suffragetten in England. Ihr Aufbegehren hat die Emanzipation
der Frau in Europa überhaupt erst möglich gemacht. Und auch in der
Wirtschaft profitieren Unternehmen und Führungskräfte von den Ideen
alter und neuer Querdenker, die Stagnation durchbrechen und Raum für
neue Denkansätze und unterschiedliche Perspektiven geben.
Querdenker wurden schon immer auch als Quertreiber
empfunden. Sogar Genies und Neuerer wie der Wissenschaftler
Nikolaus Kopernikus oder der Theologe Martin Luther kämpften
mit den Vorurteilen ihrer Zeitgenossen. Was ist die Motivation
des Querdenkers und wie kann er sich in der heutigen Zeit durchsetzen?
Der Querdenker ist von dem Ziel getrieben, die Schwächen eines Systems
aufzudecken und zu verändern. Dabei steht niemals sein persönlicher Profit
im Vordergrund, sondern die Realisierung seiner Vision. Der Weg dorthin ist
meist sehr unkonventionell, manchmal ein wenig verrückt. Erfolgsdruck oder
andere "weltliche" Einschränkungen interessieren ihn erst einmal gar nicht.
Eine solche Einstellung trifft bei vielen Menschen auf Misstrauen, sogar Neid.
Um also die eigenen Ziele weiter zu verfolgen, bleibt - wie auch den Querdenkern
der vergangenen Zeiten - den heutigen Ideen-Schaffern nichts anderes übrig, als
eine feste Überzeugung und eine gehörige Portion Sturheit an den Tag zu legen.
Wie unterscheiden Sie den Querdenker vom Querulanten?
Es gibt Menschen, die anders denken, nur um aufzufallen und im Mittelpunkt
zu stehen. Ihr Trotz gegen bestehende Regeln entspringt allein dem konkreten
Ziel, Herausforderungen und Anstrengung zu meiden und mit möglichst geringem
Aufwand größtmögliche Ziele zu erreichen. Daher sind ihre Ideen auch meistens
plötzliche Einfälle, die nur kurzfristige Veränderungen bringen. Die höchste
Priorität ist die Anerkennung durch die Umwelt und die persönliche finanzielle
Bereicherung.
… und der Querdenker?
Seine Ideen sind kein Produkt eines Augenblicks, sondern Gedanken, die auf langen,
sorgfältigen Überlegungen beruhen. Erst wenn ein Konzept wirklich ausgereift ist und
der Querdenker mit voller Überzeugung dahintersteht, stellt er sich damit der
Öffentlichkeit. Er kämpft mit all seinem Hab und Gut für seine Überzeugung.
Gelenkt wird der echte Querdenker dabei von sehr starken ethischen und moralischen
Grundsätzen.
Welches Beispiel für Querdenkertum hat sie am meisten beeindruckt?
Besonders beeindruckt hat mich das Lebenswerk von Nikola Tesla. Seine Forschung zum
Thema Energiegewinnung war bahnbrechend und ganz im Zeichen des Querdenkertums.
Leider ist er auch ein gutes Beispiel dafür, dass Veränderungen, vor allem in den
vergangenen Jahrhunderten, mit großer Skepsis betrachtet wurden. Für den Wissenschaftler
ging dies sogar so weit, dass er aus der Gesellschaft verstoßen wurde und seine kostbaren
Aufzeichnungen durch einen Brandanschlag vollkommen vernichtet wurden. Für seine Idee hat
er sich wirtschaftlich vollkommen ruiniert, war bereit sein Leben aufs Spiel zu setzen und
hat nie aufgegeben. Glücklicherweise sind die Reaktionen auf neue Theorien heute nicht mehr
so drastisch, dennoch flackert von Zeit zu Zeit die Angst vor Veränderung in den Menschen auf.
Der amerikanische Komponist John Cage sagte einmal: "Ich kann nicht verstehen,
warum sich die Menschen vor neuen Ideen fürchten. Mir machen die alten Angst."
Für wie wichtig halten Sie klassische Denkmuster und Traditionen in Unternehmen?
Traditionelle Werte sind immer wichtig, da sie Stabilität und Kontinuität bedeuten. Das
gilt für unsere Gesellschaft ebenso wie für Unternehmen. Doch wenn Traditionen nur noch
aus Bequemlichkeit und Angst vor Veränderung verteidigt werden, können Sie großen Schaden
anrichten. Sogar große, traditionsreiche Familienunternehmen sind an dieser fehlenden Mobilität
schon gescheitert.
Der globalisierte Markt erfordert völlig neue Handlungsweisen.
Wie können sich heutige Unternehmen an diese Veränderungen anpassen?
Natürlich bedeutet dies zunächst eine große Herausforderung. Tiefgreifende
Veränderungen erfordern in jedem Unternehmen Zeit und Geduld. Oft muss man
mit starren Hierarchien und langen Entscheidungsprozessen kämpfen. Doch immer
mehr Unternehmen sind zu der wichtigen Erkenntnis gelangt, dass die Zeit für
neue Ideen und Strukturen reif ist. Leider gibt es keine allgemein gültigen
Lösungsvorschläge, wie man dem globalen Markt erfolgreich begegnet. Doch ein
offener Umgang mit ungewöhnlichen Konzepten, kann ein Schritt in die richtige Richtung sein.
Welche Rolle spielen Querdenker beim wirtschaftlichen Wandel?
Querdenker sind nicht nur eine Quelle für innovatives Potenzial, sie können auch helfen,
den Geist der anderen für Veränderungen zu öffnen. Anders, als viele glauben, ist es
dabei nicht das Wichtigste die richtigen Antworten zu finden, sondern erst einmal die
richtigen Fragen zu stellen und den viel zitierten Blick über den Tellerrand zu wagen.
Für Führungskräfte und Entscheider bedeutet dies jedoch nicht nur, querdenkende Mitarbeiter
zu haben, sondern vor allem selbst die Perspektive zu wechseln und zum Beispiel mit
Außenstehenden ein Problem zu diskutieren. Personen, die nicht direkt involviert sind,
können oft Situationen objektiver beurteilen. Nicht immer folgen darauf Lösungen, aber
in vielen Fällen nützliche Denkanstöße.
Was kann eine Führungskraft von einem Querdenker lernen?
Von Führungskräften wird ein sehr hohes Maß an Flexibilität und Ideenreichtum verlangt.
Die Gedankenfreiheit des Querdenkers, ist da sicherlich eine Inspiration, denn wer die Fähigkeit
hat, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, sich von konventionellen Denkrastern
zu befreien, findet meist bessere, nachhaltigere Lösungen. Führungskräfte unterstehen einer
großen Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern und auch dem eigenen Unternehmen. Dennoch hilft
es manchmal, die Fesseln des täglichen Trotts zu lösen.
Der Manager und Querdenker Hans Pestalozzi stieg
plötzlich aus seinem Beruf aus und verzichtete auf ein
hohes Einkommen, um seine Vision zu realisieren. Was
tun Sie, um erfolgreich quer zu denken?
Nicht immer muss man komplett "aussteigen", um seine Vision zu verwirklichen. Veränderungen - und
sind sie noch so klein -können eine ganze Welle der Innovation mit sich bringen. Auch wer in der
Welt der Wirtschaft und Wissenschaft bleibt und querdenkt, kann eine Menge erreichen. Wenn Sie zum
Beispiel durch ständige neue Ideen Ihren Kunden so inspirieren, dass auch dieser anfängt, ein wenig
quer zu denken, dann eröffnen sich plötzlich ganz neue Möglichkeiten.
Der Querdenker kann also auch erfolgreicher Geschäftsmann sein?
Auch das ist möglich. Eine herausragende Idee, die Menschen begeistert, führt
langfristig auch zum Erfolg. Auch die Definition des Querdenkers hat sich mit
der Zeit verändert. Es ist nicht mehr nur der grübelnde Wissenschaftler gemeint,
sondern eine Lebenseinstellung, die in jedem Beruf in jeder Branche angewendet
werden kann. Sie soll den Menschen die Augen öffnen für Ungewohntes und neuen Raum
für Kreativität und Innovation schaffen.
Wirtschaftsingenieure sind Ihrer Meinung nach prädestiniert
zum Querdenken?
Eine der wichtigsten Vorrausetzungen für das Querdenken ist Interdisziplinarität
und die Fähigkeit aus einem bestimmten Kontext ausbrechen zu können, um ein Problem
oder auch ein Konzept aus einer anderen Perspektive zu sehen. Der Wirtschaftsingenieur
ist interdisziplinärer Denker aus Leidenschaft. Schließlich befasst er sich jeden Tag
mit der Herausforderung, wirtschaftliche und technologische Themen zusammenzuführen und
aus ihnen innovatives Potenzial für die Zukunft zu schaffen. Dazu gehört es manchmal
auch traditionelle Ideen über Bord zu werfen und dort Lösungen zu suchen, wo niemand glaubt,
sie zu finden.
Haben Sie ein spezielles Motto, das Sie antreibt?
Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.