Top-Manager
30.04.2008
Dr. Manfred Lütz |
„Gott“ heisst sein neues Buch. Und genau darüber wollen wir mit Dr. Manfred Lütz reden: über die perspektive von „ganz oben“. Treffpunkt: das Alexianer-Krankenhaus in Köln, wo Lütz Chefarzt ist. Das Krankenhaus ist ein altes Kloster mit malerischen Kreuzgängen – wie geschaffen für ein Gespräch über Glaube, Kirche und was Manager von der Theologie lernen können. Manfred Lütz verspätet sich zum Interview, weil er gerade noch einen psychiatrischen Notfall behandeln musste. Doch dann steht er Interviewer Peter Neumann wortgewandt Rede und Antwort.
Zur Person Dr. Manfred Lütz
Dr. Manfred Lütz, 54 Jahre, studierte Medizin, Philosophie und katholische
Theologie in Bonn und Rom. Als Facharzt für Nerven- heilkunde,
Psychiatrie und Psychotherapie ist er seit 1997 Chefarzt des
Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz. Lütz ist Mitglied des Päpstlichen
Rates für die Laien, Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben
und Berater der Vatikanischen Kleruskongregation. Bekannt wurde
Lütz als Autor diverser Bücher, darunter „Lebenslust“, in dem er sich
satirisch zu Diäten, dem Gesundheits- und Fitness-Wahn äußert, oder
„Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche“. Sein
neuestes Werk „GOTT“ steht seit fünf Monaten auf den
Bestseller-Listen.
Hilft der Glaube an Gott, einen Job im Top-Management auszufüllen?
Man glaubt nicht zu einem Zweck. Der Vorstand eines Dax-Unternehmens, der es nützlich finden
würde, an Gott zu glauben, um dadurch vielleicht einen besseren Aktienkurs
zu erzielen, wäre wahrscheinlich so schlichten Geistes, dass er eine Gefahr für
das Unternehmen wäre. Andererseits mag es aber schon sein, dass jemand, der
an Gott und einen Sinn im Leben glaubt, auf einem belastbareren Fundament
steht. Er muss sich nicht mit der täglichen Neukonstruktion seines eigenen
Lebenssinns befassen und kann sich so vielleicht mit mehr Kraft seinem Unternehmen
widmen.
In Ihrem Buch „GOTT“ schildern Sie eine Managerin, die unter Depressionen litt,
ihren Beruf aufgab und ins Kloster ging. Beschreiben Sie hier einen extremen
Einzelfall, oder ist das Abtauchen aus dem Stress-Job in Gottes Hand stärker verbreitet,
als man es sich vorstellt?
Kloster auf Zeit kann gerade für Manager eine
gute Idee sein. Da kann man einmal sein Hirn durchlüften und auf neue Ideen
kommen. Aber ganz ins Kloster, das ist sicher ein Ausnahmefall. Wenn wir allen
depressiven Managern den Eintritt in einen Orden nahelegen würden, wäre zwar
das Problem mit dem Ordensnachwuchs bald gelöst. Aber die Stimmung in den
Klöstern würde deutlich sinken – dazu würde ich nicht raten (lacht).
Wenn nicht ins Kloster – sollten Manager dann regelmäßig in die Kirche gehen?
Klar! Denn der Glaube braucht wie die Liebe auch mal die körperliche Anwesenheit.
Außerdem tun regelmäßige Unterbrechungen dem Menschen gut. Schon die antike
Philosophie wusste, dass der Kult den Menschen herausreißen kann aus dem Alltagstrott.
Denn der Gottesdienstbesuch ist mitunter die einzige Zeit in der Woche,
in der wir keine Rolle spielen – als Vorgesetzter oder Untergebener, als Sohn oder
Vater, als Ehemann oder Nachbar. Im Gottesdienst können wir wenigstens diese
eine von 168 Wochenstunden wir selbst sein – wir selbst vor Gott.
Und was nimmt der Manager von seinem Kirchgang mit, das ihm in seinem Beruf
weiterhilft?
Nichts. Und das ist das Tolle. Der Gottesdienst ist völlig zwecklos,
aber höchst sinnvoll. Im Berufsalltag muss sich ein Manager stets überlegen:
Wozu mache ich das eigentlich, was bringt das? Wenn man sein ganzes Leben
lang immer nur Zweckmäßiges tut, wird man von
seinen Zwecken gelebt und versäumt das eigentliche
Leben. Wir arbeiten, um Muße zu haben, hat
Aristoteles gesagt. Muße aber ist die zweckfreie
Zeit, in der man geistig anregenden Gesprächen
nachgeht, Musik genießt, die Natur erlebt oder
einem geliebten Menschen nahe ist. Wer sich nur
unterhält, um nützliche Informationen oder Kontakte
zu bekommen, Musik und Natur um der Erholung
willen einsetzt, merkt gar nicht, dass er auf
dem besten Weg ist, das Leben zu verpassen.
Gehen gläubige Christen anders mit Problemen
um als Atheisten? Konkret: Entscheidet ein
christlicher Manager bei Personalentlassungen
anders?
Eine gefährliche Frage. Man ist versucht,
pharisäisch zu antworten: Freut Euch, wenn Ihr
christliche Chefs habt, dann herrscht ein besserer
Umgangston. Ich hoffe das natürlich, aber selbstverständlich
gibt es da den unmenschlichen Chef,
dem das Taufwasser nur die Frisur angefeuchtet
hat, und den mitmenschlichen Atheisten.
Wie steht die Bibel zum Thema Geldverdienen?
Erlaubt sie Managergehälter jenseits der
Eine-Million-Euro-Marke?
Eher kommt ein Kamel durch ein
Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich – sagt die
Bibel. Aber was ist ein Reicher? Im Grunde genommen
zählen wir hier in Deutschland alle zu den
Spitzenverdienern – verglichen mit Menschen in
Bangladesch. Und wenn Reichtum aus biblischer
Sicht eine Versuchung zur Sünde ist, haben wir alle
ein Problem. Viel Geld zu besitzen ist dann unmoralisch,
wenn man damit nicht sozial umgeht. Die
soziale Marktwirtschaft ist bekanntlich aus christlichem
Geist entstanden. Es geht nicht um die Höhe
des Einkommens, sondern darum, wie man damit
umgeht. Wer sein Geld sozial einsetzt und nur so
viel wie nötig für sich beansprucht, geht verantwortlich
damit um. Demonstratives Vorführen von
Klunkern ist gewiss nicht im Sinne der Bibel.
Darf ein Christ seinen Konkurrenten bekämpfen
oder ihn gar in den Ruin treiben?
Der Bettelmönch
Thomas von Aquin hat stets das Recht auf Eigentum
verteidigt als Ausdruck der Freiheit des Menschen.
Daher ist bei der sozialen Marktwirtschaft
nicht nur das „sozial“ christlich motiviert, sondern
auch die „Marktwirtschaft“. Zur Marktwirtschaft
gehört aber untrennbar die Konkurrenz, die ja zur
Verbesserung der Qualität und des Preises beiträgt.
Die Grenze liegt da, wo ein Konkurrent mit illegalen
oder unmoralischen Mitteln absichtlich ruiniert
wird. Aber es kann natürlich in einem Verdrängungswettbewerb
passieren, dass ein nicht qualifiziertes
Angebot vom Markt verschwinden muss. Christentum
ist kein naives Gutmenschentum.
Sind die Kirchenoberen – Bischöfe, Kardinäle und
auch der Papst – gute Manager?
Ich glaube nicht.
Was könnten denn Kirchenführer von Wirtschaftsführern
lernen?
In der Verwaltung lernen sie ja
schon wacker. Auch der Dienstleistungsgedanke
wird inzwischen in erfreulichem Maße umgesetzt.
Was könnten umgekehrt Manager von Kirchenmännern
lernen?
Die katholische Kirche hat 2000
Jahre überlebt – eine tolle Leistung. Weltlich gesprochen
lautet das Erfolgsgeheimnis: Einheit in
Vielfalt. Unterschiedliche Orden, Temperamente,
Nationen in der gleichen Kirche, diese Unterschiedlichkeit
immer wieder fruchtbar zu machen, das ist
wohl das Geheimnis der immer wiederkehrenden
Aufbrüche in dieser ältesten und größten Institution
der Welt. Manager, die Vielfalt als Bereicherung
schätzen, die nicht nur Kommandos von
oben geben, sondern genau hinsehen, wo in einem
Unternehmen neue Ideen wachsen, können ein
Unternehmen weiterbringen.
Der Chef der katholischen Kirche wird von den leitenden
Mitarbeitern gewählt. Wäre das auch ein
Modell für die Wirtschaft?
(lacht) Das glaube ich
nicht. Wenn man seinen eigenen Chef wählt, fällt
die Wahl nicht immer auf starke Gestalten. So
muss bei der Papstwahl der Heilige Geist immer
etwas gegensteuern. Papst Johannes XXIII. wurde
als alter Übergangspapst gewählt – und entpuppte
sich als eine innovative Ausnahmegestalt. Ich
würde nicht darauf vertrauen, dass der Heilige
Geist auf ähnlich humorvolle Weise auch bei General
Motors in die Unternehmenspolitik eingreift.
Mit welchem Top-Manager würden Sie gern einmal
zu Mittag essen?
Vielleicht mit dem neuen
Siemens-Chef Löscher. Es würde mich interessieren,
wie er als jemand, der nicht in die bekannten
Affären involviert war, nach seinen Erfahrungen
das Thema Moral und Wirtschaft sieht.
Welches Kapitel der Bibel sollten Manager lesen
und beherzigen?
Den ersten Johannesbrief. Manager
haben ja immer wenig Zeit. Der erste Johannesbrief
hat nur etwa vier Seiten, und er fasst das Wesen
des Christentums gültig zusammen. Dort heißt es:
Jeder, der liebt, ist aus Gott gezeugt und kennt
Gott. Mutter Teresa hat einmal gesagt: Wenn wir
eines Tages zu Gott gerufen werden, wird er nicht
fragen: Wie viel Gutes hast du in deinem Leben
getan? Sondern: Mit wie viel Liebe hast du das
getan, was du getan hast? Das gilt auch für den
Müllmann. Wenn man liebevoll Mülltonnen ausleert,
kann man in den Himmel kommen.
Wie muss ein Manager sich ein Leben lang verhalten,
damit er beim Jüngsten Gericht gute
Chancen hat?
Er sollte den ersten Johannesbrief
lesen und sich daran halten.












