Top-Manager
20.04.2009
Kirsten Lange: Die Toughe |
Als Geisteswissenschaftlerin gehört Kirsten Lange auch heute noch zu den Exoten der Consultingbranche. Bei BCG ist sie jedoch seit 18 Jahren erfolgreich. Zunächst als Consultant, seit 2000 als Partner und Managing Director. Im karriereführer consulting sprach sie über Erfolg, Ziele und den Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Consultants. Das Interview führte Meike Nachtwey.
Zur Person Kirsten Lange
Kirsten Lange, 42 Jahre, studierte Journalismus,
Philosophie und Soziologie in
München. Eigentlich wollte sie Journalistin
werden, doch ein Praktikum während
des Studiums weckte ihr Interesse
für die Unternehmensberatung. Nach
dem Studium begann sie 1990 als Beraterin
bei The Boston Consulting Group
und arbeitete zunächst für Kunden aus
verschiedenen Branchen in Europa und
den USA. Anschließend war sie zwei
Jahre lang für das BCG-Büro in Shanghai
tätig. Im Rahmen eines von BCG
gesponserten MBA-Programms an der
renommierten französischen Business
School Insead vertiefte sie ihr betriebswirtschaftliches
Wissen. Im Jahr 2000
wurde sie in die BCG-Partnergruppe
aufgenommen und ist als Sector Leader
für die weltweiten Aktivitäten der
Unternehmensberatung in der Papierindustrie
verantwortlich. Kirsten Lange
ist verheiratet, hat zwei Söhne und
arbeitet Teilzeit.
Frau Lange, Sie haben Journalismus,
Philosophie und Soziologie studiert,
sind Mutter zweier Söhne, arbeiten als
Geschäftsführerin einer großen Unternehmensberatung
Teilzeit und sind dort
weltweit für die Papierbranche zuständig.
Treffen Sie bei Ihrer Arbeit auf viele
Menschen mit einer ähnlichen Vita?
Viele Consultants haben einen bunten
Lebenslauf und sammeln meist in den
ersten Jahren ihrer Karriere sehr unterschiedliche
Erfahrungen. Nur Frauen
treffe ich leider nicht so häufig, wie ich
es mir wünsche.
Sie sind seit 18 Jahren bei BCG
– was fasziniert Sie an Ihrem Job?
Am meisten fasziniert mich die
Abwechslung: Immer neue Kunden,
immer neue Aufgaben. In den vergangenen
Monaten habe ich beispielsweise
mit meinem Team eine Wachstumsstrategie
für einen Verpackungspapierhersteller
entwickelt. Anschließend haben
wir geprüft, welche Auswirkungen die
Krise auf die Wettbewerbsfähigkeit der
südamerikanischen Zellstoffproduzenten
haben wird und wie sie darauf reagieren
sollten. Die Herausforderungen
wechseln ständig, so dass mir in meinem
Job nie langweilig wird.
Wie kam es dazu, dass Sie sich für die
Beratungsbranche interessiert haben
und dann auch tatsächlich Consultant
wurden?
Ich wollte eigentlich Journalistin werden,
bekam aber bei einem Ferienjob
die Möglichkeit, ein Praktikum in einer
Unternehmensberatung zu absolvieren.
Dabei habe ich festgestellt, dass es einige
Parallelen zwischen Journalismus
und Beratung gibt: Man beschäftigt
sich mit sehr unterschiedlichen Themen
und muss sich immer wieder neu einarbeiten.
Die Beratung geht aber noch
einen Schritt weiter: Man berichtet
nicht nur über viele Themen, sondern
kann sie selbst mitgestalten. Das fand
ich faszinierend – und beschloss daher,
bei BCG als Beraterin einzusteigen.
In Ihrem Job müssen Sie viel arbeiten –
wie bekommen Sie Familie und Job
unter einen Hut?
Indem ich priorisiere, meine Tage gut
durchorganisiere und viele Aufgaben
auch einfach an andere abgebe. Gerade
mit Blick auf die Priorisierung bin
ich sehr konsequent: Ich prüfe, was ich
unbedingt selbst machen muss, und
delegiere alle übrigen Arbeiten. Und
natürlich habe ich Menschen, die mich
unterstützen. Ohne meine Familie,
meine Kinderfrau und meine erstklassige
Assistentin ginge es nicht.
Wie wichtig ist es, immer verfügbar zu
sein, um Erfolg zu haben?
Ich bin in der Dienstleistungsbranche
tätig und der Kunde erwartet für sein
Geld einen erstklassigen Service. Das
bedeutet auch, dass ich zu Beginn
eines Projektes dem Kunden alle meine
Telefonnummern gebe, auch die private.
Die Kunden nehmen dieses Angebot
jedoch selten in Anspruch, für sie
ist vor allem das Gefühl der ständigen
Verfügbarkeit wichtig. Bei den Kollegen
kann man sich mit guter Organisation
und klaren Absprachen die Freiräume
schaffen, die man braucht.
Und wie wichtig sind die Studienfächer
und die Noten?
Im Bewerbungsprozess sind hervorragende
Noten wichtig, um überhaupt
erstmal in die engere Auswahl zu kommen.
Sie beweisen, dass man sich für
etwas engagiert hat, dass man in der
Lage ist, sich erfolgreich in Themen
einzuarbeiten, und dass man auch die
dafür nötigen Grundvoraussetzungen
mitbringt. Dabei ist es unwichtig, ob
die sehr guten Noten in Biochemie, in
Maschinenbau oder in Journalistik
erworben wurden. Wichtig sind andere
Fähigkeiten.
Welche?
Ein Hochschulabsolvent, der Consultant
werden möchte, sollte interessiert und
neugierig auf immer neue Themen aus
der Welt der Wirtschaft sein und muss
sich sehr schnell in verschiedene Sachverhalte
einarbeiten können. Darüber
hinaus braucht er natürlich gute analytische,
soziale und kommunikative Fähigkeiten:
Unsere Projekte und Aufgabenstellungen
sind oft vielschichtig und die
damit einhergehenden Fragen nicht einfach
zu beantworten. Gleichzeitig muss
er sehr gut mit Menschen umgehen
können. Denn der arrogante Berater ist
passé – ein enger und guter Kontakt zu
den Kundenmitarbeitern und Teammitgliedern
ist uns äußerst wichtig.
Was sollte man noch vorweisen können,
wenn man von Ihnen eingestellt
werden möchte?
Erste Praktika in einem Unternehmen,
Auslandserfahrung und noch etwas
Interessantes, Ungewöhnliches. Egal, ob
die Bewerber für eine Handballmannschaft
Tore geworfen haben, mit einer
Theatertruppe vor großem Publikum
aufgetreten sind oder sich für ein Entwicklungshilfeprojekt
eingesetzt haben.
Wir wollen vor allem sehen, dass sie sich
für mehr als nur das unmittelbare
Umfeld interessieren und dass sie wirklich
etwas bewegen wollen und können.
Was können weibliche Consultants besser
als ihre männlichen Kollegen?
Es gibt tatsächlich Unterschiede zwischen
männlichen und weiblichen Beratern.
Je nachdem können diese sich sehr
positiv, aber auch negativ auswirken.
Sorgfältiges Beobachten, ausgeprägte
soziale Fähigkeiten und ein gutes
Gespür dafür, was die Kunden wirklich
bewegt – das sind Fähigkeiten, die man
besonders häufig bei Beraterinnen
antrifft. Ebenso die Fähigkeit zu reflektieren
und sich in Frage zu stellen. Das
ist zunächst mal positiv. Diese Reflexionsfähigkeit
führt aber leider auch
dazu, dass Frauen viel kritischer mit sich
umgehen und dadurch manchmal
deutlich zurückhaltender sind als ihre
männlichen Kollegen. Egal ob Mann
oder Frau, wichtig ist, sich über seine
eigenen Fähigkeiten im Klaren zu sein,
sowohl die positiven als auch die negativen.
Und entsprechend damit umzugehen,
ohne sein Licht dabei unter den
Scheffel zu stellen.
Warum suchen Sie gezielt Frauen?
Der Grund ist unser Wunsch nach Vielfalt:
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass
gemischte Teams einfach am erfolgreichsten
sind. Also Teams mit Absolventen verschiedener
Fachrichtungen, mit Beratern
unterschiedlicher Seniorität – und eben
mit Männern und Frauen. Manche Unternehmen
verlangen sogar explizit Beraterinnen
in den BCG-Teams. Schließlich
machen Frauen einen Großteil ihrer Kundschaft
aus – daher wollen sie auf die weibliche
Perspektive nicht verzichten.
Ihr Karriere-Tipp für unsere Leserinnen
und Leser?
Karriere ist nicht alles. Man sollte nie
sein ganzes Leben für die Karriere aufgeben,
sondern immer bedenken, dass es
noch andere wichtige Dinge im Leben
gibt. Und wenn man dies im Hinterkopf
behält, tut das auch der Karriere gut.
The Boston Consulting Group
The Boston Consulting Group wurde 1963 von Bruce D. Henderson, dem Pionier der Strategieberatung, gegründet. 1975 übergab Henderson die Firma an seine Mitarbeiter – die Firma gehört heute den rund 500 Partnern. Zu bekannten BCG-Konzepten gehören etwa die Portfoliomatrix oder die Erfahrungskurve. Mit einem weltweiten Umsatz von 2,4 Milliarden US-Dollar, 4300 Beratern und 66 Büros in 38 Ländern gehört BCG zu den größten internationalen Unternehmensberatungen. Seit dem 1. Januar 2004 ist ein Deutscher an der Spitze des Unternehmens: Dr. Hans-Paul Bürkner aus Frankfurt leitet die Strategieberatung als weltweiter CEO.Weitere Interviews mit prominenten Gesprächspartnern gibt es in unserer Rubrik Top-Manager!












