Top-Manager
25.04.2008
Karlheinz Kögel |
Manager werden Manager, weil sie hoch hinauswollen. Manchen gelingt das besser als anderen, und ganz wenige erreichen dieses Ziel im wortwörtlichen Sinn. Karlheinz Kögel zum Beispiel. Er ist nicht nur erfolgreicher Gründer und Chef von L’tur, der Media Control GmbH und mehrerer anderer Firmen, sondern auch Pilot. Er hat die Berufspilotenlizenz CPL(A) für Maschinen bis zu 5,7 Tonnen Gewicht und neun Passagiere. Dorothee Köhler traf sich mit ihm an einem denkbar passenden Ort – am Flughafen Frankfurt –, um mit ihm über die Parallelen zwischen Führen und Fliegen zu sprechen.
Zur Person Karlheinz Kögel
Er ist ein auf dem Boden gebliebener Überflieger: Medien- und Touristikunternehmer
Karlheinz Kögel, 61, startete seine berufliche Laufbahn als Schreiner, bevor er einige
Semester Betriebswirtschaft studierte und dann beim Süddeutschen Rundfunk als
Volontär, Redakteur und Moderator arbeitete. 1976 gründete er die Media Control
GmbH, die in ganz Europa Reichweiten unterschiedlicher Medien (CDs, DVDs,
Bücher, Videos) ermittelt. Einige Jahre später stieg er in die Reisebranche ein und
gründete unter anderem 1987 den Last-Minute-Spezialisten L’tur, von dem er heute
noch Anteile in Höhe von 44 Prozent hält; weitere Aktionäre sind die TUI AG und die
Thomas Cook AG.
Woran haben Sie schon als junger Mann gemerkt, dass Sie nach oben streben?
Ich hatte immer nur ein Ziel: selbstständig sein. Ich wollte irgendwann über
meine eigene Zeit, über mein Leben selbst bestimmen. Das halte ich auch nach
wie vor für ein faszinierendes Thema. Ich kann mir heute meistens aussuchen,
mit wem ich mich umgebe. Diesen Grad an Freiheit genieße ich sehr. Mein Ziel
war es auch nie, Millionen zu verdienen. Wer ein solches Ziel hat, wird falsch
geleitet. Dass ich zu einer Führungspersönlichkeit wurde, hat sich erst entwickelt.
Zwangsweise. Ich bin an der Größe meiner Aufgaben immer gewachsen.
Das Fliegen bezeichnen Sie als Ihre Leidenschaft. Was können Manager vom
Fliegen lernen?
Sie können lernen, dass das Berufsleben aus denselben Elementen
besteht wie ein Flugprofil: Climb, Cruise and Descend – Steigflug, Reiseflug
und Sinkflug. Manche Führungskräfte durchlaufen dieses Profil nur einmal.
Sie steigen auf, bleiben permanent auf der erreichten Höhe und gehen dann
wieder hinunter. Andere wiederholen diese Kurve mehrmals in ihrer Karriere.
Letzteres halte ich übrigens für den Normalfall.
Was muss man beim Fliegen und Führen gleichermaßen beachten?
Man muss bei allem, was man tut, immer einen Schritt weiter denken. Während der Pilotenausbildung
bekommt man diese Denkweise eingebläut: „Was passiert, wenn
ich das jetzt mache? Was ist dann der nächste Schritt? Und der übernächste?“
Ebenfalls wichtig für beide Bereiche: das Multitasking.
Beim Fliegen muss man acht bis zehn Instrumente
gleichzeitig im Blick haben. Auch beim
Führen gibt es vieles, das man permanent im
Fokus behalten muss: die Gesellschafter, die möglichst
hohen Profit sehen wollen; soziale Kompetenz,
mit der man sich im Unternehmen und im
Netzwerk bewegt. Alleine kann man als Führungskraft
gar nichts erreichen. Man muss Menschen
motivieren, ihnen zeigen, wo es hingeht, aufrichtig
sein, denn es gibt Dinge, die nicht verziehen werden:
Lügen oder Heimlichtuereien. Das Ziel muss
immer klar sein, wie beim Fliegen auch, das darf
man nie aus dem Blick verlieren.
Kann man die Kommunikation im Cockpit vergleichen
mit der in einem Unternehmen?
Nur bedingt. An Bord hat man lediglich eine One-to-one-Kommunikation
mit dem Boden. Und bei der Kommunikation
zwischen den beiden Piloten ist die Situation
fast schon widersprüchlich: Einerseits muss zwischen
ihnen zu jedem Zeitpunkt klar sein, wer der
Kapitän ist. Aber gleichzeitig sollten beide auf gleicher
Augenhöhe sein, damit es keine Hierarchie
gibt und womöglich aus Angst etwas nicht gesagt
wird, was vielleicht wichtig oder gar überlebenswichtig
wäre. Eine solche Situation findet man in
Unternehmen eher nicht vor. Zu Recht, denke ich.
Aus meiner Sicht funktionieren Doppelspitzen nicht,
weil da die Rollen oft nicht klar sind. Einer muss
führen. Einer ist „in charge“, in der Verantwortung.
Was sind weitere Erfolgsfaktoren, die für das
Fliegen und das Führen gleichermaßen unabdingbar
sind?
Disziplin und Präzision sind die obersten
Gebote beim Fliegen. Dazu gehören viele Dinge,
zum Beispiel darf man zwölf Stunden vor einem
Flug keinen Alkohol mehr trinken. Nachlässigkeiten
irgendwelcher Art kann man sich nicht erlauben,
denn es gibt zu viele Regeln, die eingehalten
werden müssen. Präzision ist beim Fliegen unerlässlich,
und zwar hundertprozentige Präzision. 99
Prozent reichen hier nicht. Man muss sich zu jeder
Sekunde darüber klar sein, welche Verantwortung
man trägt: für sich selbst, für den Co-Piloten und
für die Menschen, die hinter einem sitzen.
Gelten diese Erfolgsfaktoren auch für das Führen?
Auch hier ist Präzision immens wichtig. Man muss
zwar nicht alle Details beherrschen, sollte jedoch
Menschen um sich herum haben, denen man zutraut,
diese Details zu stemmen. Man kann vieles
delegieren. Aber Dinge und Abläufe nur flüchtig zu
betrachten, einfach darüber hinwegzuhuschen,
halte ich für einen großen Fehler. Es kann natürlich
nie eine hundertprozentige Präzision erreicht
werden. Aber eine Führungskraft sollte zumindest
die Vision haben, wie es laufen müsste, und die
Mitarbeiter, die diese Vision erfüllen. Nichts ist
schlimmer, als wenn etwas vereinbart und dann
nicht erledigt wurde. Das treibt mich persönlich
zum Wahnsinn! Auf der anderen Seite darf man
sich als Führungskraft nicht so sehr in Details vertiefen,
sonst verliert man sich im Mikromanagement
und kommt nicht mehr zum Führen. Hier gilt
es, eine vernünftige Balance zu finden.
Welche Probleme gibt es in beiden Bereichen?
Man muss mitunter sehr schnell Entscheidungen
treffen. Mir hat einmal ein Linienmaschinen-Pilot
gesagt: „Ich bekomme meine 10.000 Euro für die
eine Minute, in der etwas schiefgeht. Der Rest ist
Routine.“ Das kann man beim Manager allerdings
nicht so sagen. An Manager und an Führungskräfte
werden permanent sehr hohe Ansprüche
gestellt, nicht nur in Krisensituationen.
Was hat Ihnen persönlich das Fliegen für den Job
gebracht?
Ich habe Weitsicht gelernt. Weil ich
immer einen Schritt weiter denke, als man das
normalerweise tut. Und ich habe eine große
Gelassenheit entwickelt, die es mir erlaubt, mit
dem Auf und Ab im Leben und im Beruf entspannt
umzugehen. Ich bin immer wieder fasziniert
davon, dass so viele glauben, es ginge permanent
nur nach oben. Die haben den Misserfolg nicht
programmiert. In jedem Businessplan kann man
lesen: Nächstes Jahr werden wir vier Prozent mehr
Gewinn machen, im Jahr darauf mindestens fünf
Prozent. Niederlagen sind nicht vorgesehen. Aber
sie gehören zum menschlichen Leben. Und als
Flieger weiß man, dass es runtergehen muss.
Sonst kann es nicht mehr hochgehen.
Piloten müssen regelmäßig in einem Flugsimulator
ihr Können unter Beweis stellen. Brauchen
wir auch einen „Führungssimulator“?
Einen Management-TÜV brauchen wir sicherlich nicht.
Letztlich entscheidet Erfolg oder Misserfolg darüber,
ob eine Führungskraft gut ist oder nicht. Und
die Kompetenz von Führungskräften besteht aus
vielen Faktoren, die man zum Teil überhaupt nicht
objektiv messen kann. Führungskräfte sind nicht
automatisch gut, obwohl sie Qualifikationen wie
ein glänzend abgeschlossenes Studium, Praktika
und Fremdsprachenkenntnisse vorweisen können.
Wenn ihnen die Herzensbildung fehlt, wird dennoch
nichts aus ihnen. Eine entsprechende Balance
zu halten, ist wichtig für alle, die nach oben
wollen. Freunde, stabile soziale Beziehungen, Networking
– das ist für mich die Zukunft. Und das
kann man nur, wenn man die entsprechende Persönlichkeit
besitzt.
Wer fliegt, der weiß: Die Luft oben ist dünn. Gilt
das auch für das Führen?
Und wie. Jedes Unternehmen
ist mit einer Pyramide vergleichbar. Je
weiter man nach oben kommt, desto weniger Menschen
befinden sich auf derselben Ebene: weniger
Menschen, die einen verstehen, weniger Menschen,
mit denen man im Gleichschritt Ziele erfolgreich
durchsetzen und erreichen kann. Die Luft ist
aber auch dünn, weil man in dieser exponierten
Stellung unter einem sehr starken Druck steht:
dem Druck, etwas zu zeigen, etwas darzustellen.
Tut man das nicht, geht einem die Luft aus. Ganz
oben, an der Spitze der Pyramide, habe ich
erstaunlicherweise immer wieder Menschen
getroffen, die diese Erwartungshaltung gar nicht
haben. Die deswegen ganz anders sind als die
breitere Basis der Pyramide. Oben sitzen Menschen,
die einen sehr hohen Grad an Bürgerlichkeit
haben, die Werte haben, die weder aufgeblasen
noch abgehoben sind und die auch nicht permanent
in Anglizismen reden.
Gibt es Führungskräfte, für die die Luft weniger
dünn ist?
Sicher nicht. Die Luft ist für jeden dünn,
der hochkommt. Und jeder, der hochkommt,
nimmt das billigend in Kauf. Er weiß: Da oben
kann ich mehr verdienen, da habe ich größeren
Erfolg, ich habe Macht, es ist sexy da oben. Aber
er weiß auch: Ich habe keine Ausweichmöglichkeiten
mehr, ich kann mich nicht mehr verstecken,
ich kann nicht mehr in der Masse abtauchen. Top-
Führungskräfte haben meistens Zeitverträge und
wenn sie einen Fehler machen, sind sie von heute
auf morgen weg. Zwar mit einer guten Abfindung,
aber sie sind weg. Auch deswegen ist die Luft
oben dünn.












