22.01.2005
Jochen Kienbaum: Wer mit den Leitwölfen tanzen will... |
Welche Eigenschaften und Fertigkeiten bringen
heutige „Young Professionals“ mit, die ihren Vorgängern
vor 40 Jahren fehlten?
Die heutigen
Young Professionals zeichnen sich im Vergleich
zu ihren Vorgängern durch ein wesentlich höheres
Maß an interkultureller Kompetenz aus.
Heutige Hochschulabsolventen wissen um den
Stellenwert einer internationalen Ausbildung
sowie fundierter Fremdsprachenkenntnisse und
setzen verstärkt auf Auslandserfahrungen in
Form von Praktika und Auslandssemestern.
Übrigens völlig zu recht: Im Zuge der Globalisierung
wird eine internationale Ausbildung immer
wichtiger. Unsere aktuelle High Potential Studie
zeigt, dass Unternehmen bei der Bewerberauswahl
dem Kriterium Auslandserfahrung während
des Studiums oberste Priorität beimessen.
Generell gewichten Unternehmen Soft Skills
stärker und anders als vor 40 Jahren. Dominierte
damals in vielen Unternehmen ein autoritärer
Führungsstil mit stark ausgeprägten hierarchischen
Strukturen, so pflegt der Großteil der
Unternehmen heute einen offenen Führungsstil
mit flachen Hierarchien. In der Folge gewinnen
Soft Skills wie Teamorientierung, Lernbereitschaft,
Eigenmotivation sowie selbstbewusstes
und tolerantes Auftreten an Bedeutung.
Und welche fehlen ihnen, im Vergleich zu ihren
Vorgängern?
Als häufigstes Defizit stellen wir bei
High Potential-Kandidaten gegenwärtig eine
mangelhafte Fähigkeit zur Selbstkritik, fehlende
Konfliktfähigkeit und Selbstüberschätzung fest –
kurzum ein schlechtes Sozialverhalten. Dies
spiegelt sich auch in übersteigerten Ansprüchen,
zum Beispiel in puncto Vergütung, wider. Der
Spielraum beim Fix-Gehalt ist gerade bei Einsteigern
heute nicht mehr so groß wie noch vor
einigen Jahren. Unternehmen setzen immer
mehr auf eine Variabilisierung des Gehaltes.
Das heißt auch: Wer bereit ist, ein höheres Risiko
einzugehen, sich auf seine Fähigkeiten verlässt
und konkrete Leistungsziele als Parameter
für die Höhe seines Gehaltes akzeptiert, kann
überdurchschnittlich verdienen.
Woran sollten sie arbeiten, um diese Mängel zu
beheben?
Die Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen
kommt an vielen deutschen Universitäten
leider immer noch zu kurz. Die Konzentration
auf fachliche Lerninhalte geht auf Kosten der Social Skills, die zumeist – wenn überhaupt
– erst am Ende des Studiums „abgehandelt“
werden. Studenten, die sich bereits während
des Studiums beispielsweise mit Kommunikations-
und Moderationstechniken, mit Teamverhalten
oder praxisorientierten Fallstudien
beschäftigen, haben am Ende ihres Studiums
klare Vorteile. Ergänzend bieten betriebliche
Praktika und studentische Nebentätigkeiten
Möglichkeiten, die nachgefragten Persönlichkeitsmerkmale
zu stärken und entsprechende
Fertigkeiten zu üben. Das Erkennen und Analysieren
des eigenen Verhaltens sowie die Aufnahme
von Signalen anderer, Selbstreflexion,
soziale Wahrnehmung und die Fähigkeit zum
Perspektivwechsel gehören zu den sinnvollsten
Personalentwicklungsmaßnahmen beziehungsweise
Trainingsinhalten für Young Professionals.
Steigen die Chancen von „Young Professionals“
in der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage durch
die Zögerlichkeit der „Old Professionals“, den
Arbeitsplatz zu wechseln – oder sinken sie?
Generell können wir eine Entspannung des
Arbeitsmarktes nur erzielen, wenn es uns
gelingt, starke und nachhaltige Wachstumsimpulse
zu setzen. Für Young Professionals
werden die Chancen mit dem demografischen
Wandel weiter steigen. Unsere aktuellen Studien
zeigen, dass deutsche Unternehmen im
vergangenen Jahr wieder mehr Nachwuchs eingestellt
haben. Für das kommende Jahr gehen
die Personalchefs zudem davon aus, dass der
Bedarf weiter steigen wird. Fach- und Führungskräfte
werden zu einem raren Gut. Nur wer
seine Personalstrategie heute darauf ausrichtet,
wird im kommenden „war for talents“ siegen.
Wird mit „Management-“ oder „Führungsmodellen“
– in den Wirtschaftswunderjahren „Harzburger
Modell“, heute so genannte systemische Ansätze
– alter Wein in neuen Schläuchen verkauft?
Der Vorwurf vieler Kritiker, dass die Managementlehre
inzwischen ein Reifestadium erreicht
hat, in der es keine neuen Erkenntnisse, sondern
nur noch neue Verpackungen gibt, ist nicht
neu. Inhaltlich würde ich das Harzburger Modell
jedoch nur in einem schwachen Zusammenhang
mit der systemischen Managementlehre sehen.
Auch wenn das Harzburger Modell bis in die
1980er-Jahre den Führungsstil vieler Manager
prägte, spielt es heute nur noch eine untergeordnete
Rolle. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen
Herausforderungen verlangen in ihrer
Komplexität nach einem flexiblen und modularen
System. Hier ist der systemische Ansatz mit
Sicherheit ein positives Beispiel für die Innovationsfähigkeit
der Betriebswirtschaftslehre.
Ein Blick in die Glaskugel: Wird es jemals Topmanager
mit einem Achtstundentag geben?
Auf einen Nine-to-five-Job werden Topmanager
auch künftig vergeblich hoffen. Im Gegenteil: Die
zunehmende Globalisierung und Vernetzung
bedingt ein erhöhtes Maß an Flexibilität und
Mobilität. Generell gilt, je höher Sie die Karriereleiter
heraufklettern, je mehr Verantwortung Sie
tragen, desto weniger können Sie eine geregelte
Arbeitszeit erwarten. Das heißt aber nicht, dass
Sie nur noch für den Job leben sollten. Langfristig
sichert nur eine ausgeglichene Work-Life-
Balance persönlichen und unternehmerischen
Erfolg.