06.06.2007
Imeyen Ebong: Der Quereinsteiger |
Dr. Imeyen Ebong, 41 Jahre, gehört seit
Januar 2005 zum Partnerkreis von Bain
& Company in München. Seine Beratungsschwerpunkte
liegen im Telekommunikationssektor,
der Konsumgüterindustrie
sowie auf Organisationsfragen.
Sie haben mit BWL ein klassisches Studienfach
für die Consultingbranche
gewählt. Welche Rolle spielt die Studienrichtung
tatsächlich?
Wir bei Bain schauen auf jeden Fall auf
das Studienfach. Am liebsten sind uns
BWL- und VWL-Absolventen sowie
Wirtschaftsingenieure aber auch Wirtschaftsinformatiker,
Ingenieurwissenschaftler,
Naturwissenschaftler, Mediziner,
Juristen und in Ausnahmefällen
auch Geisteswissenschaftler. Diese
müssen allerdings nachweisen, dass sie
sich für wirtschaftliche Themen und
Beratung interessieren. Eine Zeitlang
haben wir propagiert, dass das Studienfach
bei den Bewerbern keine Rolle
spielt. Wir mussten aber feststellen,
dass es für die Einsteiger ohne Basiswissen
in Wirtschaftsthemen schwierig
war.
Welche Bedeutung hat ein Doktortitel
in der Beratung?
Es macht überhaupt keinen Unterschied,
ob man einen Doktor hat oder
nicht. Ich selber habe promoviert, weil
ich in den Bankenbereich wollte, wo die
Promotion eine größere Rolle spielt. In
der Beratung steigt man mit einem
Doktor zwar eine Stufe höher ein, in der
Regel als Berater statt als Juniorberater.
Aber Juniorberater erhalten auch die
Gelegenheit, nach zwei Jahren eine
bezahlte Auszeit zu nehmen, um, wenn
sie möchten, zu promovieren, einen
MBA zu machen oder sich anderweitig
weiterzubilden.
Nach mehreren Jahren in der Bank sind
Sie in die Beratung gewechselt. Was
hat Sie an der Consultingbranche
gereizt?
Nach fünf intensiven, lehrreichen Jahren
in der Bankenbranche war ich an
einem Punkt angelangt, an dem ich
etwas Neues beginnen, neue Themen
kennen lernen wollte. Die Beratung bot
mir die Chance, sehr schnell viele verschiedene
Branchen kennen zu lernen
und mich selbst schnell weiterzuentwickeln.
Können Sie angehenden Consultants
empfehlen, ebenfalls erst Erfahrung in
einer Industriebranche zu sammeln,
bevor sie in die Beratung gehen?
Die Erfahrung aus anderen Branchen
kann hilfreich sein, wenn sie von kurzer
Dauer ist, also rund zwei bis fünf Jahre.
Danach ist ein Wechsel schwierig, weil
zum einen die persönliche Wandelfähigkeit
nachlässt, zum anderen weil der
Abstand der Qualifikation zu den erfahrenen
Beraterkollegen zu groß wird.
Wenn jemand Berater werden möchte,
sollte er also so früh wie möglich in die
Consultingbranche einsteigen.
Der umgekehrte Weg – erst die Beratung,
dann die Industrie – wird häufiger
gegangen ...
Ja, nach zwei bis fünf Jahren gehen
viele in die Industrie, häufig in ein
Kundenunternehmen. Wer aber
glaubt, ein bis zwei Jahre Beratung
qualifizieren automatisch für eine
steile Karriere in jedem Unternehmen,
der wird sich schwer tun. Denen rate
ich, direkt in einem Unternehmen einzusteigen,
um dort mit ihrer ganzen
Energie vorankommen. Ich meine,
grundsätzlich sollten Studenten vor
ihrem Abschluss in sich gehen und auf
der Basis von Praktika entscheiden,
was sie wirklich machen wollen – und
den Berufseinstieg weniger als Probierphase
sehen. Ich würde es heute,
da ich die Beraterbranche kenne, auch
anders machen.
Ihre Beratungsschwerpunkte liegen
abseits vom Bankensektor. Wie schnell
können sich Berater in neue Branchen
einarbeiten?
Das ist am Anfang sehr einfach, weil
man bewusst über alle Branchen hinweg
eingesetzt wird. Später erwarten
Kunden dann einen Gesprächspartner,
der ihre Themen und ihre Herausforderungen
genau kennt. Dieses Know-how
erwirbt man sich erst nach mehrjähriger
Erfahrung mit einer Branche. Jeder
Berater muss im Laufe der Zeit seine
Themen entdecken und sie dann auch
pflegen und vorantreiben.
Sie sind mit 39 Jahren zum Partner von
Bain ernannt worden. Ist das ein typisches
Alter?
Grundsätzlich spielt das Alter bei dieser
Entscheidung keine Rolle. Allerdings
verlangt die Partnerrolle natürlich
eine gewisse Erfahrung und Kompetenz
im Umgang mit Kunden und
bei der Lösung schwieriger strategischer
Fragestellungen, die man erst
über die Zeit sammelt. Vom Einstieg in
die Beratung bis zur Partnerschaft vergehen
im Schnitt acht bis zehn Jahre.
Wer es bis dahin nicht geschafft hat,
verlässt meist die Firma. Beratung ist
nämlich ein extrem kompetitives Business
...
Also das klassische „Up or Out“ – aufsteigen
oder gehen?
Das „Up or Out“ gehört einfach zur
Beraterbranche, dessen muss man sich
als Einsteiger bewusst sein. Viele lassen
sich davon abschrecken. Nicht alle wollen
sich halbjährlich einer vollständigen
Bewertung unterziehen, die unter
Umständen auch negativ ausfallen
kann.
Was müssen junge Berater leisten, um
Partner zu werden?
Sie müssen wiederholt den Beweis
erbringen, dass sie für große Unternehmen
schwierige Probleme lösen und
neue Kunden akquirieren können. Am
Ende des Tages müssen Partner ihre
Teams und sich tragen können. Damit
ist jeder ein eigenständiges, kleines
Profit Center. Darüber hinaus müssen
Partner von ihren Teams geschätzt werden
und in der Lage sein, ihre Mitarbeiter
ohne unnötigen Druck zu Höchstleistungen
zu motivieren. Und nicht
zuletzt muss man als Person in die
bestehende Partnergruppe hineinpassen.
Sie haben drei Kinder. Ist die Beraterbranche
eher familienfreundlich oder
-feindlich?
Die Arbeit in der Beratung ist sicherlich
eine größere Herausforderung für ein
geregeltes Familienleben als ein klassischer
Acht-Stunden-Job, das lässt sich
nicht schönreden. Das liegt an mehreren
Faktoren: Die Unternehmen, für die
wir arbeiten, werden immer anspruchsvoller,
die Beratung damit immer komplexer.
Das bedeutet, wir müssen härter
und länger arbeiten. Dies lässt sich
relativ schwer mit einem idealtypischen
Familienbild verbinden. Aber für
junge, ambitionierte Menschen, die
etwas erreichen wollen, wäre die Situation
nicht viel anders, wenn sie in
einem Großunternehmen arbeiten
würden. Daher heißt das Motto gar
nicht mehr so sehr: Beratung oder nicht
Beratung, sondern Karriere oder nicht
Karriere.