23.12.2009
Henner Mahlstedt: Der Erschaffer |
Henner Mahlstedt (Jahrgang 1953) studierte
Bauingenieurwesen an der Technischen
Universität in Braunschweig.
Anschließend begann er bei Strabag
Bau in Hamburg eine praktisch orientierte
Laufbahn. Er war zunächst Statiker
und Projektkoordinator, später dann
Projekt-, Bau- und Bauoberleiter.
Herr Mahlstedt, wie äußert sich die
Freude an Ihrem Beruf an einem ganz
normalen Tag wie diesem?
Als Bauingenieur schafft man etwas.
Etwas zum Sehen und Anfassen, etwas
von Bestand. Und ich spüre immer eine
große Befriedigung, wenn ich durch
die Stadt fahre und ein Gebäude sehe,
an dem ich in irgendeiner Form mitgearbeitet
habe – ob nun früher als junger
Ingenieur, später als Bauleiter oder
heute in verantwortlicher Position.
Zudem begeistern mich bis heute Baustellen,
weil sie täglich anders aussehen
und uns vor technische oder planerische
Herausforderungen stellen.
Finden Sie denn die Zeit, die vielen
Baustellen von Hochtief zu besuchen?
Das ist zwangsläufig weniger geworden,
aber mir gelingt es, regelmäßig
die größeren zu besuchen. Um mich
dort einzubringen, aber auch zu den
schönen Anlässen wie Grundsteinlegung,
erster Spatenstich, Richtfest
oder Übergabe.
Diese alten Traditionen sind auch
heute noch unverzichtbar, oder?
Ja, weil wir darauf bestehen und sich
kein Auftraggeber traut, damit zu brechen.
Wobei man sagen muss, dass
diese Anlässe vor allem bei gewerblichen
Bauten natürlich dazu genutzt
werden, ein wenig Werbung für das
Projekt zu machen.
Mit dem Blick eines Bauingenieurs:
Haben Sie derzeit eine Lieblingsstadt?
Berlin. Die Stadt hat nach der Maueröffnung
eine unglaubliche Entwicklung
erfahren. Nehmen Sie den Bereich
zwischen Hauptbahnhof und Potsdamer
Platz: Anfang der Neunzigerjahre
war da noch grüne Wiese, heute ist es
ein Gebiet, auf dem sich nahezu alle
weltweit bekannten Architekten verewigt
haben. Aber es sind nicht nur die
sichtbaren Projekte, die mich begeistern.
Wenn ich am Eingang des Gotthard-Tunnels mit einer Kleinbahn 25
Kilometer tief in den Berg zur Ortsbrust
fahre, dann ist das schon sehr
spannend, weil das Bauteam dort nie
genau weiß, auf was es stoßen wird,
wenn der Bohrer einmal läuft.
Wie nehmen Sie die Natur wahr, die
sich Ihnen bei solchen Projekten in den
Weg stellt?
Sie verlangt uns einiges ab. Das gilt
auch, wenn wir nahe an der Küste oder,
wie es verstärkt kommen wird, offshore
arbeiten. Wenn da der Wind bläst und
hoher Seegang herrscht, sind Mensch
und Gerät gefordert. Wer da keinen Respekt
hat und kein Risikobewusstsein
entwickelt, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit
verlieren. Wir sprechen
nicht ohne Grund von Naturgewalten.
Wenn Sie auf den Beginn Ihrer Laufbahn
zurückblicken, welchen grundlegenden
Wandel hat die Baubranche in
den vergangenen Jahren erlebt?
Früher war es üblich, dass man als Bauingenieur
für den Rohbau sowie erweiterte
Rohbauarbeiten zuständig war.
Man hat das mit dem eigenen Personal
erledigt – und dann zog man weiter.
Heute dagegen erschaffen wir
ganzheitlich. Bauingenieure erbringen
heute zu einem großen Teil eine
Managementleistung. Sie müssen
daher fachlich breit aufgestellt sein,
und ich empfehle angehenden Bauingenieuren,
diese Anforderung schon
im Studium im Blick zu haben.
Koordinieren statt schaffen – befürchten
Sie, dass das eigentliche Bauen in
einem Unternehmen wie Hochtief
immer weniger Gewicht bekommt?
Das Pendel ist tatsächlich etwas zu
weit ausgeschlagen. Aber ich erkenne
bereits einen Trend zurück zur eigenen
Wertschöpfung, damit Bauunternehmen
am Bau weiter ihre „Hausmacht“
behalten. Man darf aber nicht verkennen,
dass sich die Herausforderungen
unwiderruflich geändert haben. Was
heute in einem Gebäude an Fassaden-,
Regelungs- und Haustechnik verlangt
wird, ist schon enorm. Wir haben vor 25
Jahren Häuser gebaut, deren Energiebilanz
heute nicht mehr ausreichend
ist. Wer schätzen soll, wer das meiste
CO2 produziert und die meiste Energie
verbraucht, nennt zumeist das Auto.
Stimmt aber nicht. Es sind die Gebäude.
Da gibt es einen riesigen Bedarf,
etwas zu tun. Die Sanierung von Häusern
ist einer der großen Kernbereiche
von morgen.
Man fordert von Ihnen Gebäude, die
einerseits nachhaltig sein sollen, andererseits
aber wenig kosten dürfen. Wie
kommen Sie aus dem Dilemma heraus?
Indem wir uns bei einem Bauvorhaben
möglichst früh mit unserer Kompetenz
einbringen. In einer frühen Planungsphase
können wir dem Architekten und
dem Bauherrn Vorschläge machen und
das Gebäude optimieren. Wenn draußen
erst einmal gebaut wird, können
Sie nicht mehr viel ändern. Für den
Bauingenieur von heute bedeutet das:
Er muss planerisch fit sein und ganzheitlich
denken. Ein Großteil der Kosten
entsteht nicht in der Bauphase,
sondern im späteren Betrieb.
Beim Bau der Elbphilharmonie in Hamburg
kam es zu einem heftigen Streit
zwischen Ihnen und der Politik, da
trotz intensiver Vorplanung die Baukosten
in den Himmel stiegen: 241 Millionen
waren es 2006, 378 Millionen
werden es nun wohl werden. Das ist
fast das Doppelte. Was ist da schiefgelaufen?
Was sich die Politik in Hamburg mit
der Elbphilharmonie vorgenommen
hat, ist der Bau eines Unikats. Es werden
auf der Welt nicht viele Philharmonien
gebaut, das ist kein Routinevorhaben.
Am Opernhaus in Sydney hat man
14 Jahre gebaut, die Kosten waren am
Ende fast 15mal so hoch wie geplant.
Sie können bei Vorhaben dieser Qualität
schlichtweg nicht bis ins letzte
Detail planen und Vorhersagen treffen.
Dafür ist ein Gebäude dieser Art viel zu
komplex und einzigartig – zumal wenn
es, wie in Hamburg, an einem so
herausfordernden Ort wie der Hafencity
gebaut wird.
Naiv gefragt: Warum dann nicht die
Kosten direkt höher ansetzen?
Ich glaube, das liegt nicht so sehr in
unserem Portfolio. Wir bewegen uns
im Wettbewerb und bewerben uns auf
eine Ausschreibung, die vorgibt, was zu
bauen ist. Wenn wir gewinnen, setzen
wir das um, wobei in diesem Fall keiner
die Komplexität des Vorhabens einschätzen
konnte. Auch für die Planer
ist dieses Projekt Neuland. Wir gehen
noch heute mit großen Modellen auf
die Baustelle, um den Arbeitern dort
überhaupt darlegen zu können, was
genau sie da gerade bauen. Es wird in
der Elbphilharmonie erstklassige Konzertsäle,
Wohnungen, Restaurants,
Geschäfte sowie ein Hotel geben – und
100 Meter entfernt legen riesige Schiffe
an und tröten. Damit all das zusammenpasst,
wird so ein Gebäude zum
Haus der 100.000 Abhängigkeiten.