Top-Manager
12.11.2005
Dr. Hans-Peter Keitel - Vorstandsvorsitzender der Hochtief Aktiengesellschaft |
Im Juni dieses Jahres wurde er zum neuen Präsidenten des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie gewählt: Dr. Hans-Peter Keitel, Vorstandsvorsitzender der Hochtief Aktiengesellschaft. Dem karriereführer berichtet er über die Anforderungen an Jungbauingenieure und Frauen in der Baubranche. Die Fragen stellte Sabine Olschner.
Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Hans-Peter Keitel, geboren 1947, studierte Bauingenieurwesen
sowie Arbeits- und Wirtschaftswissenschaften in Stuttgart und München und
promovierte anschließend an der Technischen Universität München.
Nach einigen
Jahren als Projektleiter im In- und Ausland und in leitenden Funktionen bei Lahmeyer
International Beratende Ingenieure arbeitet er seit 1988 bei Hochtief. Zunächst
war er als Direktor beim Vorstand zuständig für das Auslandsgeschäft.
Seit 1990
ist Hans-Peter Keitel Mitglied des Vorstands, 1992 wurde er Vorsitzender des Vorstands
von Hochtief.
Vielen Abiturienten stellt sich die wohl
wichtigste Frage ihres Lebens: Was soll
ich studieren? Herr Dr. Keitel – warum
haben Sie sich eigentlich für das Studium
des Bauingenieurwesens entschieden?
Ich bin in einer Familie mit Bauunternehmen
groß geworden. Da lag es für mich nahe, diesen
Berufsweg einzuschlagen. Es hat mich
immer sehr gereizt, etwas zu schaffen und zu
gestalten. Und das nicht nur für kurze Zeit,
sondern mit langer Lebensdauer.
Würden Sie den heutigen Abiturienten
raten, Bauingenieurwesen zu studieren?
Natürlich. Die Studiengänge an den Technischen
Universitäten und Fachhochschulen
bieten die Möglichkeit, von Anfang an auf individuelle
Begabungen und Interessen einzugehen.
Der Beruf des Bauingenieurs bietet
unglaublich viele Perspektiven, und auf der
Grundlage des Studiums sind heute viele
Karrierewege denkbar. Das zeigt der Blick in
die Wirtschaft: Bauingenieure sind auch in
den Bereichen Projektentwicklung, Facility
Management und Finanzierung gefragt. Die
Fotos: Hochtief
Berufsaussichten sind zudem ausgesprochen
gut, denn die Baubranche kämpft mit einem
echten Nachwuchsproblem. Wer Interesse an
Technik mitbringt, Verantwortung übernehmen
möchte, immer Neues kennen lernen
und mit seiner Arbeit das Leben vieler Menschen
positiv beeinflussen will – der dürfte
mit dem Studium zum Bauingenieur gut beraten
sein.
Sie pflegen intensiven Kontakt zu zahlreichen
Hochschulen. Welchen Eindruck haben
Sie von deutschen Universitäten: Bereiten
sie ihre Studenten genügend auf
den Berufseinstieg vor?
Generell ja. Das Angebot der Universitäten
und Fachhochschulen ist sehr differenziert.
Je nach Interesse und Begabung können junge
Leute zwischen Diplom-, Master- und Bachelorstudium
wählen. Wichtig ist zuerst einmal,
dass fundiertes technisches Wissen vermittelt
wird. Heute zählen aber auch
Kenntnisse in Ökonomie und Ökologie sowie
das ganzheitliche Denken. In der Wirtschaft
brauchen wir Ingenieure, die auch Unternehmer
sind. Die Hochschulen sind also gefordert,
auch solches Wissen zu vermitteln. Das
heißt zum Beispiel, Studierenden frühzeitig die Möglichkeit zu geben, ihre „Soft
Skills“ auszubilden.
Welche so genannten Soft Skills
sind für die Baubranche unverzichtbar?
Fachkompetenz allein reicht nicht
aus, um erfolgreich Projekte zu realisieren:
Dazu gehören auch Teamund
Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein,
die Fähigkeit
zum ganzheitlichen und vernetzten
Denken ebenso wie die Bereitschaft
zur Kundenorientierung.
Wichtig ist auch der Aspekt der so
genannten interkulturellen Kompetenz
– also nicht nur Fremdsprachenkenntnisse,
sondern ethnische
Toleranz und die notwendige Sensibilität
im Umgang mit Menschen
anderer Kulturen.
Welche Aspekte an Ihrer Arbeit
finden Sie besonders spannend?
Die Baubranche prägt das öffentliche
Leben unmittelbar. Hochtief zum Beispiel
plant und baut Infrastruktur,
die Menschen verbindet und ihre
Versorgung sicherstellt, ebenso wie
Krankenhäuser, Flughäfen, Bürogebäude
und Industrieanlagen. Mit unseren
Leistungen erreichen wir jeden
Tag Millionen Menschen in aller
Welt – und gestalten unverwechselbare
Lebensräume. Das ist eine großartige
Herausforderung und enorme
Verantwortung!
Zudem ist die Branche ausgesprochen
dynamisch. Das Bauunternehmen
Hochtief etwa hat sich zu einem
internationalen Baudienstleister mit
zahlreichen Aktivitäten in aller Welt
entwickelt. Das macht für mich die
Baubranche zu einer der spannendsten
Branchen überhaupt.
Wie wichtig ist für Ingenieure von
heute ein Doktortitel?
Das hängt ganz davon ab, in welchem Bereich
sie tätig werden möchten. Der Doktortitel
ist keine unabdingbare Voraussetzung
für Erfolg in unserem Beruf. Dafür gibt es
zahlreiche Beispiele, auch in großen Unternehmen.
Ein konzentriertes, praxisorientiertes
Ingenieurstudium kann all denen
gutes Rüstzeug für den Beruf vermitteln,
die eher praktisch veranlagt sind. Dort wo
es um Forschung geht, um komplexe Zusammenhänge und die ganzheitliche unternehmerische
Herausforderung, ist das Feld
der vertieft ausgebildeten und promovierten
Ingenieure. Wir brauchen in der Bauindustrie
auch in Zukunft Menschen, die ihre
Aufgaben in großen, gesellschaftlichen Dimensionen
reflektieren, die technischen
und politischen Sachverstand verbinden
und den Einsatz von Kopf und Hand in einen
verantwortungsvollen Einklang bringen.
Viele Unternehmen beklagen den Ingenieurmangel
in Deutschland. Wie
schafft es Hochtief, gute Kandidaten
für sich zu gewinnen? Was ist
Ihr Beitrag dazu?
Hochtief als einer der weltweit größten
Baudienstleister und als internationalstes
Bauunternehmen der Welt
ist zum Glück eine Wunschadresse
für viele junge Ingenieure. Mit dem
breiten Leistungsportfolio und der internationalen
Präsenz bietet das Unternehmen
spannende und langfristige
Perspektiven – das macht Hochtief
für Absolventen attraktiv. Ich bin
überzeugt, dass das auch so bleiben
wird. Aber auch die Großen einer
Branche müssen sich um junge Talente
bemühen, darum spielt ein aktives
Personalmarketing eine wichtige Rolle
für uns.
Wir fördern seit Jahren sehr gute, engagierte
Studierende, etwa durch Preise,
durch Stipendien oder Praktika auf
unseren internationalen Baustellen.
Auch unsere Gesellschaften in den
USA und Australien sind übrigens mit
solchen Programmen in der Nachwuchsförderung
aktiv. Wir engagieren
uns darüber hinaus dafür, junge
Menschen frühzeitig für technische
Berufe und unser Unternehmen zu begeistern.
Nicht zuletzt bilden wir seit fünf Jahren
gewerbliche und technische Mitarbeiter
an der konzerneigenen Hochtief-
Akademie zu staatlich anerkannten
Ingenieuren aus. Das ist in
Deutschland einzigartig. Wir wirken
mit dieser Initiative dem Mangel an
qualifiziertem Nachwuchs entgegen
und eröffnen jungen Mitarbeitern attraktive
Karrierechancen im Unternehmen.
Als diplomierter Ingenieur haben sie
eine wichtige Managementfunktion
inne. Was raten Sie technischen
Studenten, die sich ebenfalls für eine
Managementposition interessieren?
In jedem Falle sollten sich junge Ingenieure
klarmachen, dass Fachkompetenz nicht mit
Managementkompetenz gleichgesetzt werden
kann. Fundiertes fachliches Wissen ist
nur die Basis für eine Managerkarriere.
Diese erfordert auch die Fähigkeit, Mitarbeiter
zu motivieren, Prozesse effektiv zu
strukturieren, Ziele klar zu vermitteln, Krisen
und Stress zu bewältigen, Konflikte zu lösen und stets das Ganze im Auge zu behalten.
Und, ganz wichtig, dabei man selbst
zu bleiben und sich Neugierde, Offenheit
und Flexibilität zu bewahren. Für junge Ingenieure,
die sich eine Managerposition
vorstellen können, heißt es: Jede Gelegenheit
nutzen, um Erfahrungen zu sammeln.
Allerdings lehrt die Erfahrung, dass eine
Managerkarriere nur bedingt planbar ist.
Ganz gleich, wie der Berufsweg verläuft:
Am wichtigsten ist es, das, was man tut, mit
Überzeugung zu tun!
Was bedeutet Karriere für Sie?
Erfolgreich in dem Bereich zu arbeiten, den
man als spannend und herausfordernd empfindet.
Ich bin in der glücklichen Lage, sagen
zu können: Was ich tue, macht mir enormen
Spaß!
Gehen Sie als Top-Manager auch mal zu
den Hochtief-Mitarbeitern auf die Baustellen
– an die Basis sozusagen?
Ja, wann immer ich es schaffe, spreche ich
mit unseren Leuten vor Ort. Übrigens längst
nicht mehr nur auf Baustellen: Hochtief-Mitarbeiter
treffe ich heute auch in Flughäfen,
Schulen und Kohleminen, denn unser Geschäft
reicht vom Airport und Facility Management
bis zum Contract Mining. Für
mich sind diese Begegnungen ganz wichtig,
denn schließlich bestimmt das operative Geschäft
das Geschehen im Konzern. Unsere
Strategie entsteht ja nicht im luftleeren
Raum, sondern aus unserem Geschäft heraus.
Um Trends erfolgreich antizipieren zu
können, neue Impulse auf dem Markt zu setzen,
Geschäftsfelder zu entwickeln und
Mehrwert für die Kunden zu schaffen, müssen
wir also genau wissen, wie es auf den
Baustellen und im Projektgeschäft aussieht.
Nirgends lernt man darüber soviel wie im
Gespräch mit den Verantwortlichen vor Ort.
Für mich persönlich ist der Besuch auf Baustellen
immer wieder ein „Nach-Hause-Kommen“:
Eine perfekt organisierte Großbaustelle,
auf der aus dem Nichts fantastische
Projekte entstehen, hat für mich bis heute
nichts an Faszination eingebüßt. Dann weiß
ich ganz genau, warum ich meinen Beruf gewählt
habe – und warum er mich bis heute
begeistert.
Was nehmen Sie persönlich aus Gesprächen
mit den Mitarbeitern mit?
Ein Unternehmen ist immer genauso gut wie
seine Mitarbeiter. Was sie beschäftigt, ob sie
begeistert, motiviert oder auch frustriert sind, hat direkte Auswirkungen auf den Unternehmenserfolg.
Die Leistung jedes Einzelnen
trägt zum gemeinsamen Ergebnis bei.
Darum ist es mir wichtig, von Mitarbeitern
nicht nur zu erfahren, was gut läuft, sondern
auch, wo es vielleicht Verbesserungsbedarf
gibt – und entsprechend zu reagieren. Es gilt,
dafür zu sorgen, dass die Menschen das Unternehmen
und seine Ziele verstehen. Weil
ich nicht mit jedem persönlich sprechen
kann, legen wir großen Wert auf die interne
Kommunikation und eine partnerschaftliche
Unternehmenskultur. Dabei laden wir unsere
Mitarbeiter immer zu einem offenen Feedback
ein.
In vielen Industrieunternehmen werden
derzeit Anstrengungen unternommen, die
Arbeitsbedingungen speziell für Frauen zu
verbessern. Wie sieht es in der Baubranche
aus: Haben es Frauen schwerer in der
männerdominierten Ingenieursbranche?
Nein, das würde ich nicht sagen. Die Dominanz
der Männer in diesen Berufen ist ja historisch
bedingt, heute gibt es zunehmend
mehr Frauen in den klassischen Männerdomänen,
nicht nur in der Baubranche. In Sachen
Durchsetzungsfähigkeit, Fachkompetenz
und Leistungsvermögen stehen die
Hochtief-Ingenieurinnen ihren männlichen
Kollegen jedenfalls in nichts nach.
Ist die Baubranche prinzipiell eher eine
„familienfeindliche“ oder eine „familienfreundliche“
Branche?
Ich glaube, nicht mehr oder weniger als andere
Branchen. Wir haben in diesem Punkt
insgesamt in Deutschland noch Nachholbedarf,
zum Beispiel weil es – anders als bei
unseren europäischen Nachbarn – üblich
war, dass Mütter jahrelang aus dem Beruf
ausstiegen. Aber auch in einem Bauunternehmen
gibt es heute viele Möglichkeiten,
Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen,
etwa durch flexible Arbeitszeitmodelle.
Klar ist allerdings auch, dass ein Baustellenbetrieb sich nicht nach Schulzeiten
und Kinderkrankheiten richtet. Aber das ist
schließlich in anderen Branchen nicht anders.
Wie hoch ist der Anteil an Ingenieurinnen
bei Hochtief? Haben Sie vor, diese Quote
zu erhöhen?
Zuerst einmal: Wir haben bei Hochtief keine
Frauenquote. Und das soll auch so bleiben,
denn wir stellen unsere Mitarbeiter
ausschließlich nach ihrer Qualifikation ein
und fördern sie entsprechend ihrer Leistung.
Toleranz und Chancengleichheit sind
klar in den Unternehmensleitlinien verankert
und damit verbindlich im gesamten
Konzern. Wir unterstützen die Diversity,
die Vielfalt der Mitarbeiter, als wesentliches
Erfolgselement für unser Unternehmen.
Der Anteil der Bauingenieurinnen bei
Hochtief in Deutschland beträgt derzeit 8,3 Prozent. Ich bin zuversichtlich, dass
diese Zahl in den kommenden Jahren steigen
wird.
Um diese Entwicklung zu unterstützen, fördern
wir das Interesse junger Frauen an
technischen Berufen aktiv mit. Hochtief beteiligt
sich zum Beispiel an Aktionen wie
dem Girls’ Day und der bundesweiten Sommeruniversität.
Zum Schluss gefragt: Was wäre Ihr
Traum-Bauprojekt innerhalb der nächsten
zehn Jahre?
Da gibt es wirklich mehr als eins! Ich hoffe
vor allem, dass die Baubranche in Deutschland
wichtige, entscheidende Impulse erfährt
– zum Beispiel durch Public-Private-
Partnership-Lösungen, für die wir uns engagiert
einsetzen, und durch eine
umfassende Qualitäts-Offensive, die dem
ruinösen Preiswettbewerb ein Ende setzt.
Persönlich könnte ich mir einen Ort zum
Atemholen vorstellen – ziemlich weit oben
in den Bergen!












