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Top-Manager


Professor Peter Glotz: Aus krummem Holz geschnitzt

von Anne Thesing
 

Professor PETER GLOTZ managt Politik, Studenten, Wissen und seine Familie. Er unterstützt den karriereführer als Beirat und ließ uns an seiner persönlichen Karriere teilhaben.



Prof. Peter GlotzAlter: 63 Jahre
Vorbild: Willy Brandt
Wunsch: Vernunft in der Welt
Privater Lebensinhalt: fünfjähriger Sohn
Beruflicher Lebensinhalt: Medien- und Kommunikationsmanagement







Herr Glotz, wie definieren Sie Karriere?

Karriere ist der Weg durchs Leben und zwar oft genug von links unten nach rechts oben. Karriere meint also Aufstieg – von weniger zu mehr Verantwortung. Aber nicht Aufstieg um jeden Preis, unter Abschuss aller Konkurrenten und mit unfairen Mitteln.

Ist Karriere ganz ohne Ellenbogen möglich?

Ein wenig Ellenbogen brauchen Sie schon. Aber Sie sollten Ihre Ellenbogen nicht mit Eisenkappen besetzen und sie auch nicht gegen Behinderte einsetzen. Sie müssen sich durchsetzen können, dabei aber fair bleiben.

Welche Karrieretipps geben Sie, als Direktor eines Management-Instituts, künftigen Managern mit auf den Weg?

Manager müssen sowohl Soft-, als auch Hardskills mitbringen. Sie müssen fähig sein, sozial zu führen und begreifen, was in den Menschen, die sie führen, vorgeht. Vor allem aber sollten Manager gute Kommunikatoren sein, denn sie müssen mit verschiedensten Gruppen in Dialog treten und all diese Menschen überzeugen. Eine weitere Voraussetzung ist Offenheit. Leute, die nicht in der Lage sind, Tacheles zu reden, sind oft die Schwächeren.
Mit Hardskills meine ich das nötige Know-how. Besonders ein Medienmanager hat eine sich sehr schnell verändernde Landschaft vor sich, die er genau kennen muss.

Prof. Peter Glotz

"Karriere meint nicht
Aufstieg
um jeden Preis"




Was müssen Sie persönlich in Ihrem täglichen Berufsleben managen?

Als Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen muss ich unter anderem dafür sorgen, dass der Master of Business Administration in New Media schwarze Zahlen schreibt. Mitunter führe ich täglich 30 Telefonate, erledige zahlreiche Besuche, reise viel, halte Vorträge und verhandele mit unterschiedlichsten Leuten. Meine Aufgaben sind also denen eines Managers von Privatunternehmen sehr ähnlich.

Was managen Sie in Ihrem Privatleben?

Das Management meines Privatlebens unterscheidet sich nicht von dem anderer Menschen: Ich muss Holzböcke bekämpfen, den richtigen Kindergarten für meinen Sohn finden, ein neues Auto kaufen, mich mit meiner Frau abstimmen. Allerdings ist „Management“ ein sehr kühler Ausdruck für diese familiären Tätigkeiten.

Welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?

Irgendwann als Junge wollte ich eine Mischung aus Goethe und Gottfried Benn werden. Das wurde dann später durch die Idee abgelöst, in die Wissenschaft zu gehen.

Womit haben Sie dann Ihr erstes Geld verdient?

Mit 21 Jahren, als mein Vater starb, war ich völlig mittellos. Da verdiente ich mein erstes Geld zwei Jahre lang als Sachbearbeiter für Kraftfahrzeug- und allgemeine Haftschäden bei der Ersten Allgemeinen Unfall- und Schadensversicherungsgesellschaft in München.

Warum sind Sie in die Politik eingestiegen?

Ich habe in den frühen 60er Jahren Waldemar von Knoeringen, einen damals bedeutenden SPD-Politiker, getroffen. Er hat mich so mitgerissen, dass ich mich schon mit 31 Jahren erstmals in den bayerischen Landtag wählen ließ.

Welche Rolle spielte dabei die Identifikation mit der SPD?

Wenn man sich parteipolitisch engagiert, muss man natürlich von mindestens 60 bis 70 Prozent des Parteiprogramms überzeugt sein. Ich war in der Tat ein großer Anhänger von Willy Brandt und Helmut Schmidt und teile deren Grundauffassungen. Der größte Magnet war für mich zweifellos die Ostpolitik Brandts.

Welche Ihrer Karrierestationen waren bisher für Sie besonders wichtig?

Am meisten bewirkt habe ich als Senator für Wissenschaft und Forschung im Berlin der 70er Jahre. Dort konnte ich die völlig zerschlagene Kommunikation zwischen Studentenschaft und Staat wieder herstellen. Meine „höchste“ Station war dagegen die des Generalsekretärs der SPD. Zu der Zeit hatte ich täglich mit Brandt, Schmidt, Wehner und anderen zu tun.
Aber für meine Karriere waren natürlich auch viele andere Dinge wichtig. Das Typische meiner Karriere ist die Mischung. Ich bin einerseits Wissenschaftler und andererseits Politiker. Ich habe die Wissenschaft nie völlig aus dem Auge verloren und mein Leben lang weiter an meinem Heimatinstitut gelehrt. Auch in den Jahren, in denen ich Berufspolitiker war.

Was haben Sie sich in Ihrem Leben für Ziele gesetzt?

Meine politischen Tätigkeiten dienten dem grundsätzlichen Ziel, die Welt ein bisschen sozialer, vernünftiger und rationaler zu gestalten. Der deutsche Nationalstaat, sagte ich mir als Flüchtling, sollte in ein handlungsfähiges Europa integriert werden.
Darüber hinaus möchte ich noch ein paar Bücher schreiben und Sicherheit für meinen fünfjährigen Sohn schaffen. Schließlich ist es bei unserem Altersunterschied gut möglich, dass ich nicht mehr lebe, wenn er noch nicht auf eigenen Beinen steht.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

„Was aus einem so krummem Holze geschnitzt wird, kann nie ganz gerade werden.“ Das ist ein berühmter Satz von Kant. Will heißen: Man muss die strukturellen Schwächen der Menschen akzeptieren und auf vernünftige Weise damit leben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Glotz.



Datum: 20.12.2002


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