28.04.2008
Gerhart R. Baum: Der Unermüdliche. |
Gerhart Rudolf Baum wurde am
28. Oktober 1932 in Dresden geboren.
1954 wurde Baum Mitglied der FDP.
1961 schloss er das juristische Studium
mit dem 2. Staatsexamen ab. Er arbeitete
zunächst als Anwalt und wurde 1962
Mitglied der Geschäftsführung der
Bundesvereinigung der Deutschen
Arbeitgeberverbände. 1972 bis 1994 war
er Mitglied des Deutschen Bundestages.
Er arbeitete als Parlamentarischer
Staatssekretär beim Bundesminister
des Innern. 1978 wurde er selbst zum
Innenminister ernannt. Nach dem
Bruch der sozialliberalen Koalition 1982
trat er aus diesem Amt zurück. Von
1993 an war Gerhart R. Baum für die
UNO tätig, unter anderem als UNO-Beauftragter
für die Menschenrechte
im Sudan. Seit 1994 arbeitet er wieder
als Rechtsanwalt und kämpft für die
Grundrechte seiner Mandanten.
Herr Baum, hätten Sie als junger Jurastudent
gedacht, dass Sie eines Tages
auf eine Karriere wie die Ihre zurückblicken
können?
Nein. Ich habe das auch nicht angestrebt.
Ich hatte nach dem Krieg den
Wunsch, mitzuwirken beim Aufbau
unserer Demokratie. Ich befürchtete,
dass diese Demokratie nicht gelingen
könnte. Dann habe ich mich immer stärker
engagiert und schließlich gemerkt,
dass es sich lohnt. Das Ergebnis, dass wir
jetzt eine „geglückte Demokratie“ sind,
macht mich stolz auf die Generationen,
die das geschafft haben.
Hat Ihnen die Anwaltstätigkeit während
Ihrer Zeit als Politiker gefehlt?
Nein. Ich habe mich sehr stark auf die
Politik konzentriert und gesehen, dass
beides, eine freie Anwaltstätigkeit und
eine intensive Beschäftigung mit der
Politik, nicht vereinbar ist. Die juristische
Ausbildung hat mir in der Politik
allerdings sehr geholfen.
Wie sind Sie zurück zur Anwaltstätigkeit
gekommen?
Meine Anwaltstätigkeit hat erst sehr
spät, in der Endphase meines Bundestagsmandats,
begonnen. Ich entdeckte
erst langsam, dass ich in der Politik
keine, aber im Anwaltsberuf eine neue
chancenreiche Lebensphase haben
könnte. Ich habe mich dann auf Luftverkehrsrecht,
Beratungen in Osteuropa,
Anleger- und Verbraucherschutz
spezialisiert.
Wie hat sich die Anwaltswelt verändert,
seit Sie Berufsanfänger waren?
Sie ist viel nüchterner und kommerzieller
geworden. Man muss sich spezialisieren.
Man sollte den jungen Leuten
heute von Anfang an sagen, dass sie
sich Spezialkenntnisse aneignen. Dann
haben sie Chancen. Und sie sollten
auch Sprachen lernen.Wenigstens eine,
mit der sie über die Grenzen Deutschlands
hinweg tätig sein können.
Welche Eigenschaften braucht man
heute sonst noch, um als Jurist erfolgreich
zu sein?
Man braucht gute Sach- und Menschenkenntnis.
Und man braucht
kommunikative Fähigkeiten. Ich finde
es problematisch, wenn Anwälte sich
in ihren juristischen Elfenbeinturm
zurückziehen und vor lauter Schriftsätzen
nicht merken, was in der
Gesellschaft passiert. Alles, was einen
Anwalt beschäftigt, hat irgendeinen
Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Anwälte müssen wach bleiben
für die Entwicklungen in der Gesellschaft
und nach Möglichkeit daran
teilnehmen.
Wie hat Ihre Arbeit als Politiker Ihre
Arbeit als Anwalt geprägt?
Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit lag
im Grunde immer bei den wirtschaftlich
und gesellschaftlich Schwächeren.
Dabei habe ich mich wohl gefühlt.
Auch in der Politik bin ich für die Einhaltung
der Menschenrechte eingetreten,
unter anderem in der Menschenrechtskommission
der UNO. Das hat
sich in meiner Anwaltstätigkeit fortgesetzt.
Ich bin da sehr konsequent. Ich
vertrete zum Beispiel keine Banken. Ich
habe nichts gegen Banken, aber ich bin
der Meinung, dass die Schwächeren
auch politische Unterstützung brauchen.
Viele meiner früheren Kollegen
sind in Aufsichtsräten von Versicherungen
oder Banken. Das sind lukrative
Positionen. Auf der Seite der Verbraucher
kämpfen nur sehr Wenige.
Was muss ein junger Anwalt mitbringen,
damit Sie ihn einstellen?
Er muss eine gewisse Leidenschaft für
die Sache mitbringen, er muss überzeugt
sein, dass das, was er macht
wichtig ist. Er muss teamfähig sein
und sich voll einbringen.
Ist Herzblut auch wichtig?
Ich denke schon. Man hat mit Menschen
zu tun, die Schwierigkeiten und
Sorgen haben. Man kann sie nur dann
gut vertreten, wenn man nicht nur die
juristischen Probleme sieht, sondern
auch den Menschen dahinter. Das ist
eine Sache der Überzeugungskraft. Der
Anwalt muss sich mit Menschen und
ihren Problemen auseinandersetzen.
Nicht nur mit Paragrafen.
Wo kann man besser Karriere machen:
in der Politik oder als Jurist?
Man kann als Jurist sehr gut Karriere
machen. Als tüchtiger Anwalt kann
man auf jeden Fall mehr Geld verdienen.
Aber der Politikerberuf hat auch
einen großen Reiz. Man hat zum Beispiel
als Minister, aber auch in anderen
Funktionen große Gestaltungsmöglichkeiten
und muss Verantwortung übernehmen.
Ich möchte das nicht missen.
Sie müssen ständig um Zustimmung
kämpfen, das hält beweglich.
Wünschen Sie sich mehr Engagement
von der Generation, die jetzt am
Anfang ihrer Karriere steht?
Ich stelle oft Gleichgültigkeit fest. In
meinen Augen nimmt die jüngere
Generation an den Entwicklungen der
Gesellschaft nicht genügend teil. Ich
wünsche mir schon mehr öffentliches
Engagement.Wo auch immer das sei:
in Vereinen, in politischen Initiativen,
in Kirchen. Es muss nicht immer die
Partei sein. Aber eine stärkere Gemeinwohlorientierung
muss eingefordert werden.
Ihr demnächst erscheinendes Buch, in
dem Sie für die Grundrechte und
gegen den Sicherheitswahn plädieren,
trägt den Untertitel: „Eine Streitschrift".
Wie wichtig ist eine gesunde Streitkultur?
Eine Streitkultur ist unglaublich wichtig.
Ich habe oft erlebt, dass ich bei
einer politischen Entscheidung sicher
war und erst durch den Diskurs mit
anderen plötzlich sah, dass die Entscheidung
korrigiert werden musste.
In einer Demokratie müssen Entscheidungen
Gegenstände öffentlicher Auseinandersetzung
werden. Erst dadurch
reifen sie.
Sie sind viel beschäftigt: Was machen
Sie in Ihrer Freizeit?
Ich bin zwar für mein Alter immer noch
sehr aktiv, gehe aber mittlerweile alles
etwas gelassener und geruhsamer an.
Meine Frau und ich sind kulturell sehr
interessiert und reisen gerne. Wichtig
ist, dass man neugierig bleibt. Ich bin
neugierig auf die Menschen, die ich
treffe. Ich stelle mich den Herausforderungen
schwieriger Diskussionen. Neugierig
bleiben, beweglich bleiben –
auch körperlich – das ist wichtig.
Ihr Tipp für Hochschulabsolventen?
Sie sollten sich natürlich auf ihre Leistungen
konzentrieren, dabei aber
nicht vergessen, dass sie in einer
lebendigen Gesellschaft leben, die sie
mitgestalten können. Sie sollten offen
bleiben, für Dinge, die um sie herum
passieren und internationale Erfahrungen
sammeln.