Top-Manager
07.12.2007
Frank Mattern |
Hoch hinaus wollte er schon immer – und das ist ihm gelungen. In doppeltem Sinne: Frank Mattern, 45, ist neuer Deutschland-Chef von McKinsey und sitzt in der 21. Etage des Japan Towers am Taunustor.
Zur Person Frank Mattern
Es geschah in der Zeit um 1961, als McKinsey-Mann John G. McDonald die Eröffnung
des ersten Büros auf dem europäischen Festland vorbereitete: Am Heiligen
Abend des Jahres 1961 wird Frank Mattern in Krefeld am Niederrhein geboren. 45 Jahre später ist er Deutschland-Chef von McKinsey. Dazwischen liegen die Jahre seines BWL-Studiums in Münster und London und die Zeit an der Wharton School in Pennsylvania, USA – dort erlangte er seinen Master of Business Administration.
Bei McKinsey ist er seit 1990, wo er schnell zum Experten der Bankenbranche avancierte: Fünf Jahre später ist er Partner, nach weiteren vier Jahren Director, seit Januar 2007 Deutschland-Chef.
Frank Mattern ist begeisterter Golfer und Geschichts-Fan, verheiratet und hat drei Kinder. Ein Weihnachtskind mit einem guten Stern im Leben.
Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie im
Januar 2007 McKinsey Deutschland-Chef geworden
sind?
Mein Leben und meine Arbeit sind noch vielfältiger
geworden. Ich habe eine der attraktivsten Führungsaufgaben
in der deutschen Wirtschaft übernommen.
Denn als Beratungsfirma, deren höchstes
Gut das Wissen ist, sind wir in einem ganz
besonderen Maße auf die Qualität und die Motivation
unserer Mitarbeiter angewiesen. Das stellt
hohe Anforderungen an meine Führungsrolle. Ich
lerne viel, aber ich kann auch viel weitergeben.
Welchen Anspruch haben Sie an sich selbst als
Führungskraft?
Wir wollen der nächsten Generation eine stärkere
Firma überantworten, als wir sie vorgefunden
haben. Als Partnerschaft verfolgen wir im Gegensatz
zu vielen börsennotierten Unternehmen, die
ja zum Teil sehr kurzfristig denken müssen, längerfristige
Ziele. Das gilt auch für mich als deutscher
Office Manager. Ich will uns als globale Organisation
weiterentwickeln – mit Beharrlichkeit, aber
auch mit Geduld. Das bietet ein enormes Entwicklungspotenzial
für junge, offene Menschen. Für
uns gehören Recruiting und Talentmanagement zu
den wichtigsten langfristigen Erfolgsfaktoren.
McKinsey hat bereits vor Jahren den Begriff „War
for Talent“ dafür geprägt.
Was macht generell eine gute Führungskraft aus?
Vor allem: zuhören können. Sie muss ihre Mitarbeiter
motivieren und eine Perspektive prägen – andere
würden sagen: eine Vision. Jede gute Führungskraft
sollte ihren Stil an die unterschiedlichen
Bedürfnisse anpassen, die sich je nach Entwicklungsphase
des Unternehmens ändern können.
Es gibt „Evergreens“ unter den Qualitäten, die von
Führungskräften gefordert werden, Lernfähigkeit
zum Beispiel oder Kommunikationsverhalten. Doch
das Umfeld hat sich entscheidend verändert: Führungskräfte
sind immer weniger Teil des operativen
Geschäfts, sondern zunehmend Manager unterschiedlichster
Stakeholder-Interessen.
Welche neuen Skills braucht eine Führungskraft
also?
Die jungen Mitarbeiter stellen Fragen, die weit
über interne Angelegenheiten hinausgehen. Fast
alle Branchen müssen sich mit den teils dramatischen
Konsequenzen der Globalisierung auseinandersetzen.
Der Druck der Stakeholder wächst, die
heute aus eigenen Überlegungen heraus Strategien
entwickeln, unabhängig von den Zielen des
Managements. Dazu kommt die rasante Digitalisierung
unserer Welt, die unsere Art zu arbeiten
oder zu kommunizieren fast täglich neu verändert.
Die Nachhaltigkeit unseres Handelns erhält eine
immer stärkere Bedeutung. Nehmen Sie nur die
Diskussion um das Thema Corporate Social
Responsibility oder den Klimawandel und seine
Auswirkungen auf die Wirtschaft. Diesen Fragen
muss ich mich als Führungskraft stellen können.
Gab es auf Ihrem Weg nach oben Hürden, die
Sie nehmen mussten?
In einer professionellen Karriere gibt es natürlich
viele formale Hürden: die Schule, das Studium, die
Business School. Ich zum Beispiel musste dafür ein
Stipendium gewinnen, sonst hätte ich sie nicht
besuchen können, und McKinsey ist ein anspruchsvolles
Unternehmen, auch seinen eigenen Mitarbeitern
gegenüber. Ich habe all dies aber nie als
Hürde empfunden. Wenn Sie mich hingegen fragen,
welche Herausforderungen für mich schwierig
waren, kann ich sagen: Gerade als junger Berater
habe ich viel mit der Frage gekämpft, wie ich mich
als 28-Jähriger mit Menschen auseinandersetzen
kann, die einen ganz anderen Hintergrund haben
als ich, die aus einer anderen Welt kommen. Wie
kann ich sicherstellen, dass sie mir vertrauen und
zuhören? Wie kann ich es schaffen, eine persönliche
Bindung zu ganz unterschiedlichen Menschen
aufzubauen? Das war nicht immer einfach und ist
mir anfangs schwergefallen – vor allem, wenn man
gerade eine stark akademisch orientierte Ausbildung
hinter sich hat. Wir bei McKinsey versuchen,
diese Einstellung zu ändern: Wir wollen aus den
oft kopfgesteuerten jungen Hochschulabsolventen
Menschen machen, die mit der Seele, dem Herzen
und dem ganzen Verstand arbeiten können.
Diese Reise musste ich auch machen.
Gab es Niederlagen, aus denen Sie gelernt haben?
Ich habe Niederlagen nie als Niederlagen empfunden
– eher als Enttäuschungen, wenn zum Beispiel
etwas nicht funktioniert hat oder ich mich bei
einem Klienten blamiert habe. Auch das kommt
vor. Ich habe von einem älteren Kollegen, der mittlerweile
im Ruhestand ist, gelernt: Solche Enttäuschungen
sollte man immer als Chance verstehen,
von der man lernen kann. Was hat nicht funktioniert?
Warum konnte ich nicht erfolgreich sein?
Was mache ich beim nächsten Mal anders? Solche
Situationen gibt es oft: Je höhere Ziele man
sich setzt, umso häufiger wird man mit Enttäuschungen
konfrontiert. Damit konstruktiv umzugehen,
ist ein entscheidender Erfolgsfaktor in der
Karriere als Führungspersönlichkeit.
Wie wichtig waren Mentoren auf Ihrem Weg
nach oben?
Enorm wichtig. Als ich vor 17 Jahren bei McKinsey
in Frankfurt anfing, lernte ich dort Partner kennen,
die ich sehr interessant und überzeugend fand, und
ich habe gemerkt, dass ich bei denen Wichtiges
lernen kann. Diese Kollegen haben sich dann über
viele Jahre als meine Mentoren entwickelt. Für ein
erfolgreiches Mentoring braucht man jedoch
immer zwei: einen Mentor, aber auch jemanden,
der sich „mentoren“ lassen will – bezeichnenderweise
gibt es dafür kein deutsches Wort.
Was ist wichtiger für die Karriere: Spezialisierung
oder Generalisierung?
Ich würde nicht das Wort Spezialisierung verwenden,
das hört sich zu sehr nach Verengung an.
Besser ist es, sich in einem bestimmten Feld
Expertise aufzubauen. Es gibt Berufe, bei denen
Spezialisierung manchmal sogar unabdingbar ist:
in der Wissenschaft, als Rechtsanwalt oder als
Mediziner. Viel wichtiger bei der Entwicklung von
Führungskräften fürs Management ist die „Diversity“,
also die Vielfalt von Erfahrungen in unterschiedlichen
Aufgaben. Hinzu kommt die regelmäßige
Erneuerung. Wir nennen das „Renewal“.
Welche Rolle spielt das „Renewal“ für beruflichen
Erfolg?
Nach sechs bis acht Jahren kommt man im
Management, egal auf welche Ebene, erfahrungsgemäß
an einen Punkt, an dem eigentlich alles
gesagt und getan ist, was gesagt und getan werden
konnte. Dann sollte man den nächsten Schritt
machen und sich weiterentwickeln, indem man
das Umfeld verändert, in dem man arbeitet. Auch
ich habe das getan. Die Veränderung kann eine
geografische sein oder auch ein Rollenwechsel
innerhalb der Firma. Entscheidend ist dabei die
Frage, ob ich mich eigentlich noch weiter entwickle
oder schon anfange, mich zu wiederholen. Ich
sehe bei vielen Führungskräften, dass sie diesen
Zeitpunkt verpassen – weil es natürlich bequem
ist: Man kennt sich aus, man weiß, wie die Arbeit
funktioniert, man hat sein Netzwerk. Doch das
reicht nicht.
Ein geradliniger Lebenslauf ist Ihrer Meinung
nach nicht mehr unabdingbare Voraussetzung für
eine Karriere?
Wichtig ist Weiterentwicklung. Und die ist natürlich
auch innerhalb eines geradlinigen Lebenslauf möglich
– wenn man ausreichend für Renewal und
Bewegung sorgt. Wer sich immer weiter spezialisiert
und glaubt, irgendwann unersetzbar zu sein,
hat einen Fehler gemacht. Ich würde jedem empfehlen,
sich sehr vielfältig zu entwickeln und Expertise
aufzubauen, auch in verwandten Feldern. Ich
warne auch vor einer sehr linearen Karrierelogik:
Bei McKinsey ist der Begriff Karriereorientierung
negativ belegt. Wir mögen es nicht, wenn Mitarbeiter
ständig die Frage stellen, welche Belohnung
sie für eine Aufgabe bekommen. Unsere Antwort
ist: Mach deine Sache gut, dann werden schon
weitere gute Dinge passieren.
Ist es nicht einfacher, in Zwei-Jahres-Zyklen
innerhalb mehrerer Unternehmen Karriere zu
machen als langfristig in einer Position?
In zwei Jahren kann man in einer Führungsaufgabe
nicht wirklich etwas verändern. Man muss sich
schließlich erst einen Namen machen, sich beruflich
qualifizieren und gegenüber anderen hervortun,
wenn man weiterkommen will. Sehr schnelle
Wechsel kann man sich vielleicht am Anfang der
Karriere ein- oder zweimal leisten. Aber irgendwann
kommt man an einen Punkt, an dem man
nicht nur lernen kann, sondern auch Ergebnisse
liefern muss, und dafür braucht man Zeit, das
lässt sich nachhaltig orientiert nicht in zwei Jahren
machen. Ich finde es insgesamt auch viel befriedigender,
Dinge über ein paar Jahre zum Erfolg zu
führen und dann tatsächliche Ergebnisse zu sehen.
Wie kann man sich für ein Unternehmen unverzichtbar
machen?
Ich finde, man sollte sich überhaupt nicht unverzichtbar
machen. Auch ich bin nicht unverzichtbar.
Niemand ist das. Es ist falsch für das Unternehmen
und auch für den Menschen selbst. Stattdessen
sollte man überlegen, wo die Leute sind, die
einen irgendwann einmal ersetzen können – und
wie man sie fördern kann. Ich kann mich immer
nur weiterentwickeln, wenn ich Leute hinter mir
habe, die ich herangezogen habe. Die Geschichte
zeigt: Erfolgreiche Führungskräfte ziehen immer
eine ganze Gruppe von guten Leuten nach.
Wie können junge Führungskräfte in der Wirtschaft
demotivierte Mitarbeiter zu guter Arbeit
anspornen?
Führungskräfte müssen verstehen, wie die Motivationslage
jedes einzelnen Menschen ist. Jedes
Unternehmen hat bestimmte Ziele. Die Frage ist:
Wie kann ich diese Ziele in Einklang bringen mit
den persönlichen Zielen und der Lebenswelt des
Mitarbeiters? Wenn ich es nicht schaffe, mich in
das sogenannte „Mindset“ meines Mitarbeiters
hineinzuversetzen, dann kann ich lange Reden und
Predigten halten – ich werde den Menschen nicht
wirklich erreichen. Anreiz- und Bonussysteme sind
sicher gut und richtig, um Motivation zu steigern.
Aber gehen sie wirklich auf die tiefer liegenden
Motivationsstrukturen eines Menschen ein? Ich
bezweifle das. Motivationsprobleme haben meist
überhaupt nichts mit Geld zu tun, sondern eher
mit der Frage, wie ich jeder Mitarbeiterin und
jedem Mitarbeiter seinen Wertbeitrag vermitteln
und wie er seine besonderen Fähigkeiten dafür
einsetzen kann. Sich in diesem Maße in einen
Menschen hineinzuversetzen, ist die wirkliche
Kunst einer Führungskraft. Auf diesem Weg wird
sie Leute nicht nur motivieren, sondern begeistern
können.
Wie sieht die Arbeit der Zukunft aus: Wird unbegrenzte
Mobilität künftig unverzichtbar werden?
Auf der einen Seite nimmt die Notwendigkeit, sich
international zu bewegen, erheblich zu. Weltweit
tätige Unternehmen brauchen Führungsnachwuchs,
der bereit und imstande ist, in allen Ländern der
Welt zu arbeiten. Auf der anderen Seite ist diese
Art zu arbeiten nicht für jeden geeignet. Denn der
zweite große Trend neben der Mobilität heißt Work-Life-Balance.
Vor allem junge Mitarbeiter haben
eine andere Einstellung zur Work-Life-Balance: Sie
arbeiten hart, sind anspruchsvoll, wollen in ihrem
Beruf etwas leisten. Aber sie wollen auch ihr Privat-
oder Familienleben schützen. McKinsey reagiert
darauf mit mehr Flexibilität, Teilzeitmöglichkeiten
oder Vaterschaftsurlaub. Wir ermöglichen
es gerade jungen Beraterinnen und Beratern in
einem neuen Programm, während ihrer ersten
Jahre bei McKinsey auf drei Kontinenten zu arbeiten.
Aber wer eine junge Familie hat, hat vielleicht
kein Interesse daran, innerhalb von zwei Jahren an
drei verschiedenen Orten der Welt zu leben. Die
meisten machen das vorher – oder deutlich später,
wenn die Kinder aus dem Haus sind.
Worauf legen junge Mitarbeiter aus Ihrer Sicht
heutzutage bei der Wahl ihres Arbeitgebers
besonderen Wert?
Die Qualität von Produkten und Dienstleistungen
spielt bereits seit Jahren eine große Rolle, wie
unterschiedliche Studien zeigen. Ich finde das
etwas überraschend, weil es auch viele Unternehmen
mit weniger bekannten oder attraktiven Produkten
gibt, die herausfordernde Aufgaben bieten
können. Darüber hinaus legen junge Menschen
schon lange Wert auf Karrierechancen, Entwicklungsmöglichkeiten
und Herausforderungen. Neue
Themen, die für die Wahl eines Arbeitgebers eine
Rolle spielen, sind: Internationalisierung und wie
kann ich an ihr teilhaben. Und, besonders bei
Frauen, die soziale Verantwortung der Firma.
Wie wichtig ist unternehmerisches Denken der
Mitarbeiter?
Unternehmerisches Denken ist das Gegenteil von
Angestelltenmentalität. Solche Menschen denken:
Du willst, dass ich was mache – sag mir, was ich
dafür bekomme. Wir hingegen erwarten, dass
unsere Leute leistungsbereit sind, dass sie in Vorlage
gehen, sich anstrengen, dass sie Dinge ausprobieren
und stark eigenengagiert sind. Das sind
die Voraussetzungen, auf denen junge Mitarbeiter
bei uns eine Karriere aufbauen können.












