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15.12.2005
Dirk Berensmann - Chief information officer (CIO) der Deutschen Postbank AGvon Martin Rath |
Dirk Berensmann wurde 1963
im sächsischen Penig geboren
und schloss seine Ausbildung
zum Diplom-Mathematiker 1987
an der Technischen Universität
Karl-Marx-Stadt ab.
Herr Berensmann, der Begriff „Outsourcing“,
die Verlagerung von Geschäftsprozessen
auf externe Dienstleister, ist eher
BWLern vertraut – wie würden Sie ihn einem
IT-Absolventen näher bringen?
Dazu würde ich etwas relativ Einfaches tun:
Ich würde ihn an die Hand nehmen und mit
ihm gemeinsam ein modernes Automobilwerk
besichtigen. So wie dort die Produktion
geschieht, mit einem Plattformkonzept, bei
dem ganze Komponenten angeliefert und just
in time zusammengebaut werden – darin besteht
das Prinzip „Outsourcing“. Allerdings
ist es in der IT schwieriger umzusetzen, weil
die Automobilhersteller mit physischen Dingen
arbeiten. Die Stoßdämpfer, die Dieseleinspritzpumpe
kann ich sehen und anfassen.
Dagegen hat es die IT mit unsichtbaren Komponenten,
der Software, zu tun. Darum ist
hier das Outsourcing komplizierter als in anderen
Branchen, die dieses Konzept oft schon
weitgehend umgesetzt haben.
Um an solchen Prozessen teilnehmen zu
können: Was sollten IT-Absolventen an
wirtschaftlichen Kenntnissen mitbringen?
Sie müssen für jede ihrer technischen Entscheidungen
einen Business-Case rechnen
Fotos: Deutsche Postbank AG nn
können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger
muss jeder Techniker an betriebswirtschaftlichen
Kenntnissen haben. Wenn IT-Mitarbeiter
in der Lage sind, die wirtschaftlichen Konsequenzen
ihrer Entscheidung richtig zu beurteilen,
bin ich zufrieden.
Wie kommt man zu den notwendigen
Kenntnissen?
Es ist sicher eine Anforderung an die Hochschulen,
eine entsprechende Ausbildung
gezielt anzubieten. Denn es ist durchaus
kompliziert, einen Geschäftsplan für technische
Entscheidungen zu rechnen. Den
Studenten Methoden und Konzepte an die
Hand zu geben, um beispielsweise die wirtschaftlichen
Folgen einer Entscheidung
zwischen MS-Produkten oder Linux-Einsatz
in einem Business-Case durchzuspielen,
könnte die Wissenschaft noch stärker als
heute aufgreifen.
Was dominiert denn in Ihrer täglichen Arbeit
inzwischen, das naturwissenschaftlich-
technische oder das betriebswirtschaftliche
Wissen?
Weder noch, sondern etwas, das Sie für beide
Seiten benötigen: logisches Denken. Einer meiner Professoren sagte einmal:
„Ein Mathematiker ist in der
Wirtschaft eigentlich zu nichts zu
gebrauchen, aber man kann ihn
überall einsetzen.“ Wenn ein Mathematiker
vor einem Problem steht,
fragt er sich zuerst: „Gibt es für dieses
Problem überhaupt eine Lösung?“
Seine zweite Frage: „Ist die
Lösung eindeutig oder gibt es mehrere
verschiedene Lösungen?“ Der
nicht in diesem logischen Denken
ausgebildete Mensch dagegen sieht
ein Problem und meint, gleich eine
Lösung finden zu müssen. Dabei ist
ihm nicht bewusst, dass er in einigen
Fällen erst einmal die Rahmenbedingungen
ändern müsste, damit
ein Problem überhaupt lösbar wird.
In meiner Position ist es extrem hilfreich,
diese logische Herangehensweise
zu beherrschen, weil man so
Entscheidungen schneller und besser
treffen kann.
Woran arbeiten Sie gerade?
Ich „rippe“ derzeit meine private CDSammlung.
Das sind mehrere tausend
Platten, und ich bin schon beim
Buchstaben „C“ angekommen.
(Lacht.) Von bankinternen Projekten
kann ich Ihnen natürlich nichts berichten.
Sie haben zu DDR-Zeiten an der
Technischen Universität von
Chemnitz studiert, als es noch
Karl-Marx-Stadt hieß. Später arbeiteten
Sie für US-amerikanische
Unternehmen. Gab es Verwicklungen,
beispielsweise weil die US-Zollbehörden
fragten: „Waren
oder sind Sie Mitglied einer kommunistischen
Partei?“
(Lacht.) Eindeutig: Nein! Aber es gab
andere Startschwierigkeiten, nachdem
ich – übrigens noch vor der
Wende – in den Westen gekommen
war.
Inwiefern?
Obwohl 1988 Informatiker händeringend
gesucht wurden, war es sehr
schwer, im Westen einen ersten Job zu
finden. Damals konnte niemand einschätzen,
was jemand konnte, der im
Osten ausgebildet worden war. Ich
schrieb mehr als 80 Bewerbungen, gerade einmal vier Unternehmen luden
mich zum Vorstellungsgespräch ein. So
kam ich über das Umschulungsprogramm
eines mittelständischen Softwarehauses
zu einem kleinen britischen
Unternehmen, das schließlich
von Texas Instruments übernommen
wurde. Nachdem ich fünf, sechs Jahre
Berufserfahrung gesammelt hatte,
wechselte ich zu McKinsey & Company,
was ohne berufliche Praxis vermutlich
nicht möglich gewesen wäre.
Warum entschieden Sie sich für den
Wechsel in ein internationales Beratungsunternehmen?
Es hing mit dem unangenehmen Gefühl
zusammen, etwas tun zu wollen,
es aber nicht zu können. Ich habe
mir meine Jobs immer nach einem
einfachen Kriterium ausgesucht, und
zwar: Wo finde ich ein Umfeld, in
dem ich mehr gefordert werde als
heute? So kam ich vom deutschen
Mittelständler zu einem britischen,
von McKinsey zur Postbank, bei der
ich nun die gesamte Managementverantwortung
trage. Das ist eine Art
privates „up or out“-Prinzip: sich
weiterentwickeln oder seine Grenzen
erkennen. Wobei das „out“ für mich
nie ein Problem war, weil ich mir immer
sagen konnte: „Ich wäre auch ein
ganz guter Programmierer geworden.“
Woran haben Sie festgestellt, dass
es Zeit für einen Wechsel ist?
Immer dann, wenn ich gemerkt habe,
dass ich nicht mehr wirklich etwas dazulernen
konnte. Ein einfaches Kriterium
dafür ist, dass man von seinem
Umfeld viel häufiger um Rat gefragt
wird, als es umgekehrt der Fall ist.
Das mag in Ordnung sein, wenn man
50 Jahre und älter ist, aber nicht während
der Zeit der beruflichen Entwicklung.
Sie haben rund sechs Jahre bei
McKinsey gearbeitet. Ist das ein
empfehlenswertes Karrieresprungbrett?
Ja und nein. Ja, in dem Sinn, dass es eine
zweite, zusätzliche Ausbildung sein
kann. Man sieht dort, worauf es in der
Wirtschaft wirklich ankommt, lernt betriebswirtschaftliche
Zusammenhänge kennen, erfährt, wie Entscheidungen in Unternehmen
getroffen werden. Als eine Art persönliche
Weiterbildung bei guter Bezahlung
ist die Arbeit in einer Unternehmensberatung
empfehlenswert, auch wenn sie sehr anstrengend
ist. Nein, wenn man glaubt, in der Wirtschaft
würde jeder nur darauf warten, einen
Ex-Mitarbeiter von McKinsey zu rekrutieren.
Auch das Gerücht von McKinsey-Seilschaften
im Management ist eher irreführend. Mein
persönliches Erleben ist – und danach handle
ich auch –, dass an Ex-McKinsey-Kandidaten
meist höhere Anforderungen gestellt werden
als an andere Bewerber.
Wie schätzen Sie die Stärken und Schwächen
heutiger IT-Absolventen im Vergleich
zu Ihrer Zeit ein?
Ich glaube nicht, dass die Ausbildung heute
schlechter ist als früher. Aber was mir bei
jungen Leuten auffällt – nicht nur bei Absolventen
aus IT-Fächern –, ist oft ein Mangel
an Bereitschaft, erst einmal Leistung zu
zeigen, bevor man Ansprüche anmeldet.
Viele vergessen, dass man sich Ansprüche
zunächst erarbeiten muss. Ich finde diese
Haltung, die bei früheren Generationen
kaum zu finden war, schon etwas bedenklich.
Zum Schluss gefragt: Ihr erster Computer?
Ein C64 und zwar ein gebrauchter. Er hat
heute einen Ehrenplatz in meinem kleinen
privaten Computer-Museum.