Top-Manager
19.10.2009
Claus und Gunnar Heinemann: Die Hanseaten |
Schon seit über 25 Jahren leiten Claus und Gunnar Heinemann das Hamburger Handelshaus Gebr. Heinemann mit Leidenschaft und Freude an direktem Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden auf der ganzen Welt. Ihr wichtigstes Erfolgsrezept: bescheiden agieren und Persönlichkeit zeigen. Mit Katharina Kramer sprechen die Cousins über die Besonderheiten eines Familienunternehmens und den Reiz des internationalen Handels.
Zu den Personen
Gunnar Heinemann wurde 1951 in
Hamburg geboren. Nach Abitur und
Wehrdienst studierte er Betriebswirtschaft
an Universität Zürich. Es folgten
Praktika in Paris und London. 1978 trat
er in die Familienfirma Gebr. Heinemann
ein und wurde Gesellschafter
sowie Mitglied der Geschäftsführung.
Er ist Präsident des Deutschen Travel
Retail Verbandes. Als Vater zweier
Söhne wohnt er mit seiner im Bereich
Public Relations tätigen Frau in Blankenese.
Claus Heinemann, 1950 in Hamburg geboren, absolvierte nach dem Abitur eine Banklehre und studierte Wirtschaftswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Anderthalb Jahre sammelte er Erfahrungen bei Tabak- und Spirituosenfirmen in Neuchâtel, London und New York. In das Familienunternehmen trat er 1979 ein und wurde Gesellschafter und Mitglied der Geschäftsleitung. Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in der Hamburger Innenstadt.
Was hat Sie in Ihrem Leben besonders
geprägt?
Claus Heinemann: Die Familie und die
Erziehung. Für uns als Familienunternehmer
in der vierten Generation ist natürlich
das Geschäftliche auch am Wochenende
ab und zu mal ein Thema ...
Gunnar Heinemann: ... und am Frühstückstisch.
Claus Heinemann: Da wächst man so
rein, und dann haben wir die Firma
übernommen.
Gunnar Heinemann: (lacht)... und mit
Segeln unter einen Hut gebracht. Claus
segelt leidenschaftlich gern.
Haben Sie vor der Übernahme der
Firma nicht manchmal gedacht: „Ich
würde lieber etwas ganz anderes
machen“?
Claus Heinemann: (wieder ernst).Wir
haben gerne die Verantwortung übernommen
und haben auch Spaß dran,
weil unsere Aufgabe hochinteressant ist.
Vor allem das internationale Umfeld.
Gunnar Heinemann: Ich bin nicht ganz
sicher, ob wir mit solcher Begeisterung
in die Firma eingestiegen wären, wenn
diese Firma sich mit Schraubenhandel
beschäftigt hätte. Nichts gegen
Schraubenhandel. Aber es ist natürlich
so, dass wir ein tolles Markenumfeld
haben. Wer reist nicht gerne? Wer interessiert
sich nicht für exklusive Marken?
Es gibt viele gute Gründe, sich in
so ein Berufsfeld zu wagen.
Bestimmt sind Sie viel in der Welt
unterwegs, oder?
Claus Heinemann: Oh ja, ich freue
mich, wenn ich mal zu Hause bin.
Gunnar Heinemann: Wir bewegen uns
im Reisemarkt. Wenn wir irgendwo an
einem Flughafen ankommen, dann
sind wir meist da, wo wir hinwollen.
Das ist natürlich das Ärgerliche. Es gibt
wirklich Städte, in denen wir schon
lange am Flughafen arbeiten, und ich
kann nicht sagen, dass ich diese Orte
besonders gut kenne.
Claus Heinemann: Aber spannend ist:
Wir haben sehr viele internationale
Partnerschaften in Ländern, die natürlich
völlig unterschiedliche Mentalitäten
und Kulturen haben. Und sich auf
einen türkischen Partner einzustellen –
wir sind sehr erfolgreich in der Türkei –
ist völlig anders, als mit einem südafrikanischen
oder norwegischen Partner
umzugehen. Es ist sehr viel Psychologie
in dem, was wir so machen, und
viel kulturelles Verständnis.
Wie gelingt kulturelles Verständnis?
Gunnar Heinemann: Indem wir
bescheiden agieren und nicht laut auftreten.
Unsere Mitarbeiter in der Distribution,
die insgesamt 1000 Shops in
aller Welt mit Sortimenten und Services
versorgen, sind nicht nur einfach
Verkäufer, die den Preis und die Lieferbedingungen
bestimmen. Sie sollen
auch unseren Kunden helfen, ihr
Geschäft erfolgreich zu betreiben.
Auf wie viele Reisen sollte sich denn
ein neuer Mitarbeiter einstellen?
Gunnar Heinemann: Bis zu 50 Prozent
eines Jahres sind viele Führungskräfte
unterwegs. Es können auch schon mal
lange Reisen sein, etwa nach Wladiwostok
oder Nowosibirsk. Ziemlich beschwerlich, besonders im Winter –
aber eben auch unglaublich spannend.
Können Sie ein Erlebnis schildern, das
zeigt, wie man in Ihrer Branche
gestrickt sein sollte?
Gunnar Heinemann: Ein Erfolgserlebnis
ist, wenn ein Verkaufsleiter zu mir
sagt: „Herr Heinemann, ich komm da
mit einem Kunden nicht recht voran.
Ich wär Ihnen dankbar, wenn Sie mal
mit auf die Reise kommen.“ Dann haben
wir dieses Gespräch, und das beginnt
schwierig, und am Ende dieses
Gesprächs haben wir noch nichts verkauft,
aber man merkt, dass sich Türen
geöffnet haben. Das macht mir ganz
persönlich unglaublich viel Freude, weil
ich dem Mitarbeiter einen Hinweis
geben konnte, wie man bei solchen Kunden
das Vertrauen gewinnen kann.
Sie kennen also viele Kniffe, wie man
einen Kunden für sich gewinnt.
Gunnar Heinemann: Zu unseren Verkäufern
sage ich immer: Wenn du das
erste Mal bei einem Kunden bist, dann
nimm den Order-Block gar nicht mit,
sondern versuche, eine gute Atmosphäre
zu schaffen und ins Erzählen zu
kommen. Damit der Kunde sagt: Da
sitzt mir eine Persönlichkeit gegenüber.
Deswegen ist die moderne Kommunikationstechnologie
nur zu einem
gewissen Teil einsetzbar. Nichts kann
das persönliche Gespräch ersetzen.
Und wenn Hochschulabsolventen als
Trainees bei Ihnen anfangen, wird
ihnen so etwas vermittelt?
Gunnar Heinemann: Sicher, das kann
man alles lernen. Handel ist keine
Atomphysik, der Erfolg hängt eben
auch sehr stark von der Persönlichkeit
ab, die man entwickeln kann. Und
diese Entwicklung können wir mit Lob
oder konstruktiver Kritik fördern.
Was macht Persönlichkeit aus?
Gunnar Heinemann: Initiative, Kreativität,
Durchhaltevermögen, aber auch
Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Worin unterscheiden Sie sich als Familienunternehmen
von großen Konzernen?
Claus Heinemann: Wir sind ein nicht
börsennotiertes Unternehmen. Wir
haben langfristige Ziele. Wenn jemand
bei uns neu anfängt, bekommt er
sofort einen Paten, der sich um den
neuen Mitarbeiter kümmert. Dazu gibt
es in den ersten hundert Tagen nach
der Einstellung die Gespräche mit mir
und meinem Cousin. Darin stelle ich
nicht nur Fragen zur Arbeit. Ich frage
die neuen Mitarbeiter, ob sie in Hamburg
schon Fuß gefasst haben, was sie
in ihrer Freizeit machen. Es geht um
das Persönliche.
Man sagt ja, dass dieser Arbeitgebertypus,
der etwas Väterliches ausstrahlt,
allmählich verschwindet.
Haben Sie das Gefühl, alte Werte zu
verkörpern?
Gunnar Heinemann: Wenn Sie darunter
verstehen, fürsorglich zu sein, sich
kümmern, Vertrauen ausstrahlen, da
sein – das finde ich unheimlich wichtig.
Es gibt Firmen, in denen es eine
Kantine für das Volk, und ein Kasino
für die Oberen gibt.
Claus Heinemann: Das gibt’s bei uns nicht.
Gunnar Heinemann: Es gibt auch keinen
abgeschlossenen Raum, in dem
der Chef sich hinter Zahlen versteckt.
Wir laufen mehrfach am Tag durch
die Zentrale. Wir sind präsent und
suchen das Gespräch. Und das schätzen
unsere Mitarbeiter genauso wie
unsere Kunden.
Gebr. Heinemann
Gebr. Heinemann ist ein nicht börsennotiertes Familienunternehmen mit Hauptsitz in Hamburg. Es betreibt 230 Travel Value und Duty Free Shops, Concept Shops und Boutiquen an 49 internationalen Flughäfen in 19 Ländern. Außerdem beliefert das Unternehmen rund 1000 Duty Free und Travel Value Shops in aller Welt mit Sortimenten und Services: an Flughäfen, auf Fähr- und Kreuzfahrtschiffen oder an Grenzübergängen. Die Palette der Waren reicht von Parfum und Kosmetik über Tabak, Weine und Spirituosen bis zu Accessoires und Mode sowie Süß- und Spielwaren.Von den 5000 Mitarbeitern sind 450 in der Hamburger Zentrale tätig. 350 weitere, darunter auch Logistik-Experten, liefern vom zentralen Hamburger Warenlager täglich 65.000 Kartons aus. Im Jahr 1879 begann Heinrich Heinemann, der gemeinsame Urgroßvater von Claus und Gunnar Heinemann, mit der Versorgung von Schiffsausrüstern im Freihafen. Heute zählt das Unternehmen zu den drei weltweit größten Akteuren des Reise-Einzelhandels. Im Jahr 2008 erwirtschaftete Gebr. Heinemann einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro.
Weitere Interviews mit prominenten Gesprächspartnern gibt es in unserer Rubrik Top-Manager!












