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15.03.2010
Claus Kleber: Anders erfolgreich
|
Neigungswechsel
wäre ein völlig falscher Begriff:
Claus Kleber hat zwar sein
Jurastudium inklusive Promotion
abgeschlossen, wollte aber nie Jurist
werden. Doch was er dabei gelernt
hat, nutzt der Journalist ganz
bewusst – bei großen Reportagen
und im „heute journal“-Studio.
Von Petra Engelke
Zur Person Claus Kleber

Claus Kleber, geboren am 2. September 1955
in Reutlingen, promoviert 1985 über
„Privater Rundfunk – Gestaltungsmöglichkeiten
im Verfasssungsrahmen“. 1986 geht
er als Hörfunkkorrespondent nach
Washington, wechselt dort 1992 zum Fernsehen.
2003 kehrt er zurück nach Deutschland
als Leiter und Moderator des „heute
journal“. Als ihm 2007 die Chefredaktion
des Magazins „Der Spiegel“ angeboten
wird, lehnt er ab. 2009 wird er für seine Reportage
„Die Bombe“ mit dem Deutschen
Fernsehpreis ausgezeichnet. Claus Kleber
ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Juristen im TV-Journalismus
Claus Kleber ist längst nicht der einzige Jurist,
der sich für eine journalistische Karriere entschieden
hat – und deshalb nicht gleich Gerichtsreporter
wurde. Auch Wolf von Lojewski,
sein Vorgänger im „heute journal“, kann ein
abgeschlossenes Jurastudium vorweisen. Ulrich
Wickert, Ulrich Deppendorf und Joachim
Wagner sind ebenfalls aus den Fernsehnachrichten
bekannt. Urteile über sportliche Leistungen
sind das Thema von Heribert Faßbender
und Manfred Breuckmann. Eher mit Unterhaltung
befassen sich Alfred Biolek und
Günther Jauch – Letzterer brach sein Studium
allerdings ab, als er auf einer Journalistenschule
angenommen wurde.
Claus Kleber hat seine Füße auf den
Tisch gelegt. Das sagt er jedenfalls, als
er für einen Moment vom Telefonat
abgelenkt ist: Die Kollegen amüsieren
sich über ihn, sie schauen nicht nur
durch die Fenster des aquariumartigen
Büros, sie haben auch eine Fotokamera
geholt. Die Szene kann man sich gut in
einer schrägen Anwaltsserie wie „Boston
Legal“ oder „Eli Stone“ vorstellen.
Vor der Kamera steht Claus Kleber tatsächlich;
allerdings weder als Schauspieler
noch als Jurist, sondern als Moderator
des „heute journal“ im ZDF.
„Ich wollte unbedingt in den Rundfunk“,
sagt er heute. Sein Sendungsbewusstsein
entdeckt er als Schülersprecher
einer Schule, die als Modell für die
Gesamtschule erkoren war – und
ebenso modellhaft die Mitbestimmung
erprobt. Dort spricht Kleber über
Lerninhalte und Baupläne für 2000
Schüler, verschafft sich in großen Konferenzen
Gehör. Das hätte gut auf eine
politische Karriere hinauslaufen können.
„In der Tat war da mehr das Gestalten
gefragt“, sagt Kleber. „Gleichzeitig
fing ich aber auch beim Kölner
Stadt-Anzeiger an. Da habe ich gesehen,
dass Journalismus eher mein Ding
ist.“ In den Sommerferien jobbt er in
der Lokalredaktion Bergisch-Gladbach.
Daraus wird eine freie Mitarbeit. Ein
Berufsziel.
Trotzdem studiert Kleber ab 1974
Rechtswissenschaften. Etwas Vernünftiges
eben, ein Plan B für die Karriere.
„Ich hatte von Anfang an große Sorgen,
dass ich beim Rundfunk irgendwann
einmal in eine Situation komme,
in der ich gerne eine Alternative hätte
und sagen können möchte: ‚Ich kann
auch etwas völlig anders machen,
tschüss.’ Und das geht nur mit einem,
wenn man so will, nutzbringenden
Studium.“ Nebenher arbeitet der Pragmatiker
weiter für die Zeitung, nach
vier Semestern moderiert er im Radio.
Als freier Mitarbeiter beim Südwestfunk
verdient er genug Geld fürs Studentenleben
in Tübingen. Das Studium
dauert derweil satte 14 Semester.
„Elend lang, nicht?“, lacht Kleber. Gerne
kokettiert er heute damit, er habe die
Uni über Jahre hinweg nur für Interviews
betreten. Doch immerhin reicht
sein Engagement für zwei stipendienfinanzierte
Auslandssemester in Lausanne,
auch für die Recherchen zur
Doktorarbeit in den USA gibt es Fördermittel.
„Ich habe das Studium sozusagen
als Basis genommen für das Berufsziel
Journalismus. Dann hat mir
wider Erwarten die Juristerei nicht nur
Spaß gemacht, sondern ich entdeckte
auch ein gewisses Talent dafür.“ Am
Ende arbeitet er in einer Anwaltskanzlei,
berät hochkarätige Mandanten in
Urheberrechtsfragen und gewerblichem Rechtsschutz – und diese Kanzlei
macht ihm ein sehr lukratives Angebot.
Fast zeitgleich bietet der Südwestfunk
eine Festanstellung an: als Studioleiter
in Konstanz. Claus Kleber
muss sich entscheiden.
Seine Wahl fällt auf den Journalismus.
Kleber ist davon überzeugt, dass man
sich am besten davon leiten lässt, was
man wirklich tun will. Er wollte immer
Journalist werden. Davon lässt er sich
jetzt nicht abbringen. Und der Preis?
Erst einmal muss er vom Anfängergehalt
einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt
leben: „Wenn man Karriere
als eine Staffel steigender Einkommen
versteht, dann war es eine Entscheidung
gegen die Karriere.“ 25 Jahre später
gilt Claus Kleber als bestbezahlter
deutscher Nachrichtenmann, verdient
eine mittlere sechsstellige Summe im
Jahr. Plus Honorare für Vorträge. Dennoch
beharrt er auf seiner Position.
„Auch meine Entscheidung gegen das
Angebot, Chefredakteur des ‚Spiegel’
zu werden, war trotz der Großzügigkeit
des ZDF eine Entscheidung gegen das
Geld.“
Wesentliches von Unwesentlichem zu
unterscheiden, lernt Kleber als Referendar.
Während er dicke Akten wälzt,
den Schriftwechsel von mehreren Jahren
durchforstet und daraus die
Grundlage einer Entscheidung aufzubauen
versucht. Ebenso hat ihm die Juristerei
ins Bewusstsein gehämmert,
dass es zu jeder Überzeugung auch
eine Alternative gibt. Und dass jede Position
ihre Schwächen hat. Auch die eigene.
Das nutzt er bei der journalistischen
Arbeit.
Und es beschleunigt Entscheidungen:
Kanzlei oder Studioleitung – für die
Antwort braucht er keine Woche. Bald
darauf freut er sich auf das erste Kind,
und schon donnert die nächste Frage
in die Familienplanung: Weil er für
seine Doktorarbeit in den USA war,
kommt die ARD auf ihn zu, als sie kurzfristig
eine Aushilfe für das Studio in
Washington sucht. Spontan sagt der
Amerikafan zu – und bleibt 15 Jahre im
Land. Dort entwickelt sich die Lässigkeit,
die ihn heute zum Vorzeige-Anchorman
macht. Als er 2003 zurück
nach Deutschland kommt, um Redaktionsleiter
des „heute journal“ zu werden,
gibt es nur ein Problem: die formelle
Anrede.
„Wenn Amerikaner ‚Hörr Klebörr’
sagen, nehmen sie einen auf den Arm
oder haben ein Problem mit einem“,
sagt er. Also bittet der neue Chef die
Redaktion, ihn mit „Claus“ und „Sie“
anzusprechen. Dabei ist es geblieben.
Claus Kleber duzt nur seine Co-Moderatorin Gundula Gause. Und den Reporter
Uli Gack. Mit ihm war Kleber für
eine große Reportage einmal fünf Wochen
lang in Afghanistan unterwegs.
„Und wenn man einmal nebeneinander
mit dem Schlafsack auf dem Boden
übernachtet hat, dann siezt man sich
nicht mehr.“
Für diesen Teil seiner Arbeit ignoriert
Claus Kleber den üblichen Termindruck,
den Sendebeginn der nächsten
Nachrichten. Deshalb definiert er die
Zeitplanung für Reportagen stets mit
„so lange, wie es braucht“. Ganz ähnlich
schätzt er auch eine gute Ausbildung
ein: Studenten sollten Zeit dazu
haben, sich eine Weile lang mit einer
Sache zu beschäftigen, die vielleicht
am Ende nicht nützlich ist für den
Beruf. Wichtig sei die Freiheit, sich auch
einmal zu irren. „Wer diese Freiheit
nimmt, macht die sogenannte geistige
Elite kaputt.“
Weitere Interviews mit prominenten Gesprächspartnern gibt es in unserer Rubrik
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